Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 211 (21.1.1932)
- Date
- 1932-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 OIE STIMME Nr. 211 — 21. Jänner 1932 jn|j|| spricht im Großen Idlln iMzartliissaai Blalik der Dichter \ . u Di . Emst Müller Chajim Nachinan Bialik, den wir in diesen Tagen — er weilte in Wien zuletzt vor nahezu neunzehn Jahren — als Gast begrüßen dürfen, gilt für die neuhebräische Literatur mit Recht als die führende Dichtergestalt von zwei Generationen. Wenn man nämlich das umfänglich ziemlich weite Gebiet der neuhebräischen Dichtung zu Bialik, der im Jahre 1873 geboren ist, in ein Verhältnis setzen möchte, so muß man sagen, daß vor ihm ja beträchtliche Anfänge, die Anfänge geradezu, und vor allem intensive und begeisterte Bestrebungen da waren, daß aber im Reiche der Poesie der Charakter des Künstlers, einer gewissen unorganischen Aufeinanderpropfung biblischen Stils und .neueren Denkens, einer Inkongruenz von poetischer Form und prosaischem Inhalt niemals überwunden wurde. Eine jüngere Generation nach Bialik hingegen ging ja vielfach an individueller Kühnheit, an Feinheit und Flüssigkeit des Ausdrucks, an Weite der Themen über Bialik hinaus. Er aber steht noch immer mit einer gewissen Klassizität in der Mitte, wenn auch die Fülle seiner machtvollsten Gedichte ungefähr ein Vierteljahrhundert zurückliegt. Indessen zeigen die wenigen späteren hebräischen Gedichte, die zum Beispiel gegen Ende des Krieges im Sammelbuche «Kenesseth» erschienen sind und ein Jüngstes im letzten Sommer verfaßtes, daß der eigenartig klassische Schwung durch diese Zeit der «Stille» mindestens unversehrt geblieben ist. Dieser äußeren Charakteristik geht nun eine innere parallel. Gegenüber einer äußeren Anlehnung mehr an das biblische Milieu als an die Tiefen der biblischen Welt, gegenüber einem durch die Haskalabewegung bestimmten Rationalismus und nur als Gegenkraft dazu einem gewdHteri Nationalismus: von der einen Seite; einem übersteigerten Individualismus oder Realismus von der-anderen Seite steht in Bialik, man kann Wohl sagen: eine Richtung gegenüber, die einem Gleichgewichte des Nationalen und Persönlichen zustrebt, die .ohne traditionelle Gebundenheit in die webende Volksgeistigkeit einzudringen trachtet. Und nimmt man dazu ein ungemein feines und ursprüngliches Naturgefühl— Bialik ist ja sozusagen als Träumer zwischen den zwei Weiten des Bet ha-Midrasch und der äußeren Natureindrücke herangewachsen — so kann man die neue Synthese verstehen, die, durch tragische Polaritäten hindurch — Bialik zum Träger eines neuen jüdischen Lebensgefühls machte, nachdem sein tief verehrter Meister Achad Haam für eine neue jüdische Lebensbetrachtung gewisse geistige Grundlinien gezogen hatte. Wenn eine harmonische Vereinigung von Gelassenheit, Kraftfülle und innerem Schwung, die Bialiks Dichtungen auszeichnet, als klassisch bezeichnet werden darf, so ist ein nur scheinbar formales Element dieses Klassischen in der Sprache gelegen, oder vielmehr in jener sprachschöpferischen Kraft, in Hinsicht auf welche sich auf Bialiks Poesie jenes schöne Bild anwenden läßt, das er selbst von der Prosa Mendel.es gebraucht hat: yon einem Bildhauer, der nicht bloß aus dem fertigen Material seine Gestalten formt, sondern dieses selber aus den Felsschächten erst herausbricht. Ein so den Lebenstiefen verbundenes Sprachschaffen kann freilich nicht aus isoliertem Sprachgefühl oder gar nur Sprachwissen entspringen, obwohl beides geradezu in diesem Falle unbestritten ist. Es bedeutet vielmehr nur e i n e Seite einer innigen Verbundenheit mit einer bestimmten Seite der jüdischen Volksgeistigkeit. Diese ist dadurch gekennzeichnet, daß zum Beispiel Bialik sich immer wieder (man denke da vor allem an die mit Rabsitzki zusammen herausgegebene Sammlung: «Sefer Agada») mit der jüdischen Sagenwelt oder richtiger: mit dem zwischen Poesie, Lebensweisheit und Legende eigentümlich oszillierenden Elemente der Agada befaßt hat. So ist ja eine seiner merkwürdigsten Dichtungen: «Die Toten der Wüste», nichts anderes als eine mächtige Vision über einer agadischen Vorstellung vom Fortleben des jüdischen Wüstengeschlechts. Es ist aber doch nur die gleiche innere Volksverbundenheit, welche den Dichter ganz persönlich die innersten Regungen, des in Sehnsüchten sich verzehrenden, oft aber auch in Qualen zuckenden Voikskörpers, oder hoch richtiger:.Lebenspein und Lebenshoffnung des jüdischen, speziell des ostjüdischen Menschen durchleben läßt. Solch ein Seelenspiegel tiefer fifcalistik ist zum Beispiel seine großangeiegte Schilderung des «Matmid», und auf selbstverständliche Weise waren es einerseits Dichtungen dieser Art, andererseits durch das Erlebnis des Zionismus bestimmte Hymnen wie «Segen des Volkes», «Mit der Sonne»« welche den jungen Bialik zum Volks- und zum Natfonaldichter machten. Die stärkt!» affektive Gewalt jedoch durchglüht jene Dichtungen, wo im Anblick der schrecklichen Pogrome, aber auch schon früher (zutn Beispiel in: «Groß ist da» Volk») im Tone biblischer Strafprophetie die Schicksalsohnmacht, eines von den guten Geistern verlassenen Lebens,. Lebensunwahrheit als,schmerzlichste Tragik gegeißelt und beklagt wird. Am eindringlichsten vielleicht kommt dies in dem volkstümlichen, jüdisch geschriebenen Gedicht «Das letzte Wort», das auch von Hugo Zuckermann Übersetzt wurde, zum Ausdruck. Und dennoch ruht, wie mir scheint, die stärkste, weil religiöse Kraft Bialiks in einem ganz anderen Elemente: in dem des Lichtes und der Stille, das sich besonders in den großen Naturvfsionen zeigt (zum Beispiel «Der Weiher»), menschlich gewendet aber in jenem viel späteren Gedicht, das ich im Deutschen «An die Stillen» zu betiteln versuchte. Es ist vor allem ein Neues, aber dennoch zum Beispiel im Charakter der Kabbala vorveranlagt, daß der moderne Jude — und dies gilt ja auch von Mendele, aber auch zum Beispiel von Israels oder Lesser Ury — wieder durch das Medium der Naturoffenbarung das Göttliche zu sich sprechen fühlt. Bei Bialik ist dieses religiöse Naturerleben enge damit verbunden, daß die von den meisten Menschen vergessene und in gewissem Sinne verratene Kindheit gleichsam latent und nicht nur im Sentiment der Rückerinnerung, sondern noch gewandelt-lebendig in seinen Dichtungen weiterlebt. Und daß eines seiner Hauptinteressen auch immer das pädagogische geblieben ist — wie erst aus jüngster Zeit seine Bearbeitung biblischer Märchen für Kinder zeigen — ist nur eine Folge davon. Das Bild der dichterischen Persönlichkeit Bialiks ist noch durch zwei Züge, einen wesentlichen und einen mehr zufälliger Art zu ergänzen. Dem Visionären, Schwunghaften in seinen Dichtungen steht gegenüber ein aus der Liebe zur Einzelerscheinung entsprungener Realismus. Kennzeichnend dafür ist im Gedichte: «Licht» die Fülle von Details, in denen gleichsam tausendfärbig das Licht zur Offenbarung kommt.. Und Bialiks "Prosaskizzen (zunT Beisjpler «Arjch der Kraftmensch»), die teilweise auch frem-' des Milieu behandeln,, strotzen — in gewisser Beziehung Adalbert Stifter zu vergleichen — von Kleinmalerei, wobei auch ein fast Übermütiges Spiel mit den ‘ Möglichkeiten der Sprache getrieben wird. Und in den jiddisch und hebräisch geschriebenen «Volksliedern» sucht Bialik direkt den realistischen Ton des Volkes zu treffen. Das Andere, das Bialik wieder, nebst seiner Verlags- und Herausgebertätigkeit, inmitten der weiten Kulturbestrebungen der neuhebräischen Literatur zei^t, ist seine Uebersetzertätigkeit. Der Anskische «Dibbuk», der in der Darstellung der «Habimah» so viel Bewunderung erregt hat, ist ja Bialiks Uebersetzung. Aus den europäischen Literaturen entstammen ihm eine Uebersetzung des «Don Quichotte», sowie von Schiller «Wilhelm Teil». Auch Bialiks Reden und wissenschaftliche Essays wollen viel weniger als Analysen, denn als dichterische Emanationen gewertet werden. Wenn darum auch der Analytiker manches als nicht einwandfrei bezeichnen mag, so äußert sich doch gerade in der künstlerischen Art solcher Aufsätze ein merkwürdiges Divinationsvermögen, das dem Geschichtsphilosophen oder gar dem Detailforscher oft versagt bleibt. Am allermeisten, wo der Dichter (hauptsächlich in dem Aufsatze: «Offenbarung und Verhüllung in der Sprache»*) den Lebensstrom, das immer Augenblickliche, sich Wandelnde der Sprache selber schildert, aber auch, wo er zum Beispiel in dem Aufsätze über Halacha und Agada von den Inhalten des jüdischen Geistes in ihren Lebenstendenzen spricht. Bialik als Formkünstler Von Dr. Viktor Kellner .ui dichterischen Werk Bialiks wird die hebräische Sprache dreier Jahrtausende lebendig. Alles, was in dieser Sprache geschaffen wurde, ist ihm gegenwärtig und er erhebt es durch die Kraft derGestaltung aus der Versunkenheit. Verschüttetes Geistesgut tritt wieder an das Licht des Tages, sprachliche Gebilde aller Zeiten erstehen zu neuem Leben. Dabei hat seine Sprache nichts Künstliches, nichts Gekünsteltes. Sie ist immer der individuelle Ausdruck dessen, was der Dichter fühlt und was er gestalten will. Sein Werk ist, wie das jedes echten Künstlers,, aus Notwendigkeit und Freiheit geboren; er ist Diener und Meister der Sprache zugleich. Er folgt demütig den geheimsten Regungen ihres Lebens und *) Siehe die von V. Kellner übersetzte Sammlung'von Bialiks Essays» bändigt doch souverän die gewaltige Fülle der kostbaren Schätze, die ihm, wie keinem anderen, zu Gebote stehen. Seine Sprache ist unendlich reich, so reich wie die Skala seiner Gefühle und seiner Gedanken; von dem leichten, schwebenden volkstümlichen Lied, dem er die schwere und pathetische hebräische Sprache wunderbar gefügig gemacht hat, über innige Natur- und Liebesdichtung bis zur nationalen Mahn- und Strafrede, vom schlichten Volksmärchen über die meisterhaft gebaute Novelle bis zum literarischen und philosophischen Aufsatz erstreckt sich der Bereich seiner Gestaltung, und immer findet er für das, was er sagen will, die einzig adäquate, die innerlich notwendige Form. Seine Dichtung ist höchste Kunst und erscheint doch wie vollendetste Natur. Der Künstler, der aus der Sprache heraus, die wie keine andere eine heilige Sprache ist, Gefäß erhabenster Gefühle und Gedanken, seine innere Welt formt, ist zugleich dem Leben nahe, kämpft und leidet mit seinem Volke, das durch den Aufbau Erez Israels seine nationale und damit seine menschlich-universelle Wesenheit retten und neu entfalten will. Die nationalen Motive finden in seinen Liedern starken, oft erschütternden Ausdruck. So verbinden sich in Bialiks Werk Notwendigkeit und Freiheit, Natur und Kunst, Vergangenheit und unmittelbares Leben, feinste Geisteskultur und tiefstes Fühlen, Nationales und AUmenschliches, Maß und Fülle zu harmonischer Einheit. Er hat die nationale Dichtung unseres Volkes zu neuem Leben erweckt; sein Werk ist die stärkste und sicherste Gewähr dafür, daß die gestaltenden Kräfte, die im Volke schlummern, wieder schöpferisch werden. Er ist Erfüllung und Verheißung in einem. Bialiks Werke Von M. Ungerfeld . Ch. N. Biallk wurde am 9. Jänner 1873 im Dorfe Radi .(Wolhynien) geboren. Im 7. Lebensjahre verlor er seinen Vater upd die allerbitterste Not . hielt ihren . Einzug in da« kleine Familienhaus, bis sich seine Mutter entschließen, müßte, ihren Sohn dem Großvater in Zitomif zur Erziehung zu übergeben. Hier war die Prügelzucht sein, tägliches Brot und die Kindheit des Jungen zerrann in einem Meer von Jammer und Not. Diese frühen Jugenderlebnisse haben dem Knaben für immer ihren Stempel aufgelegt und waren bestimmend für den melancholischen Grundton seiner Lyrik. Schon im frühen Alter erwarb er sich die ersten Kenntnisse der althebräischen Literatur, vertiefte sich in philosophische Werke des Mittelalters und bekundete Interesse auch für kaball8tische-Ghassidische Schriften. Bald wurde er mit den Schriften und Tendenzen der Haskala bekannt. Ein unwiderstehlicher Drang nach Wissen bewog ihn im 16. Lebensjahr, seinen Großvater zu verlassen und in die berühmte Talmudschule in Wolozin zu ziehen. Neben eifrigen Talmudstüdlen fand er dort auch Zeit für weltliches Wissen. Hier erfuhr er von der neuhebräischen Literatur und wurde besonders von den Idealen Achad Haams und von der Dichtung J. L. Gordons beeinflußt. Er lernte auch russisch, und das erste Buch in russischer Sprache, das er las, waren die Dichtungen von Frug. Dieser verhältnismäßig kurze Aufenthalt in der Talmudschule hatte auf die Zukunft des Dichters große Wirkung. Literarische Neigungen führten ihn nach Odessa, wo er sein erstes Lied, «L. Hacipor», in Rawnitckis «Pardes» veröffentlichte. Dieses Lied verkündete eine neue Periode in der hebräischen Poesie. Nach einem halben Jahr schwerer materieller Not mußte Bialik nach Zitomir zurückkehren. Sein Großvater ist gestorben* Das Gedicht «b’teschuwati» gibt den schweren Erlebnissen dieser Heimkehr Ausdruck; Dieses und das nächste Gedicht, «Hirhure Iajla», zeigen schon die ersten Merkmate der spezifisch Bialikschen Dichtung, die die Qefühle des Individuums mit den Gefühlen der Gesamtheit vereinen. Nach seiner Verheiratung (1893) betrieb er vier Jahre in Kortischow Waldhandel und war darnach drei Jahre als Lehrer ln Zitomir tätig. Dort schrieb er seine größere Dichtung «Hamatmld». Die Dichtung «Hamatmld» schildert die Übermenschliche Kraft und die heilige Besessenheit des Talmudjungen beim Lernen im Beth Hamidrasch um der Thora willen und bringt zugleich den spontanen Protestausbruch dieser Jugend gegen den gewaltsamen Verzicht und gegen das systematische Abtöten jeden Keimes der Lebenslust im engen Bezirke des Thorastudiums zum Ausdruck. 1903 kehrte Bialik nach Odessa zurück und übte dort wieder den Lehrerberuf aus, Hier wurde das berühmte Poema «M’te midbar» geschrieben. Dann schrieb Bialik einen Zyklus lyrischer Naturgedichte, die oft auf einen elegischen Ton ,ausschlagen («üaamw