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Die Stimme · 1932-01-21 · Heft 211 (21.1.1932) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 211 (21.1.1932)
Date
1932-01-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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■SüO 4. DIE STIMME Nr. 211 — 21. Jänner 1032 Der größte hebräische Dichter der Gegenwart, Ehrenpräsident des hebräischen Penklubs und Ehrenmitglied des internationalen Penklubs Chaim Nachman BiaHk spricht im Großen KonzerfHaussaal Die Tragödie von Soroea Eine Siadi in Trauer - Zehniausende nehmen an dev Besiaiiung dev sechs erschossenen iungen Juden leiI - Die Opfer wurden in einen Hinievhali getoehi Bialik als Herausgeber Von Dr. Chaim Tartakower Vor allem ist es der schöpferische Bialik, der auf dem Gebiete des hebräischen Verlagswesens Unvergängliches geleistet hat. Er war es, der die «Agadah» unserer Generation mundgerecht machte. Er war es, der begriff, welche unerschöpfliche Quelle jüdischen Geistes und jüdischer Schönheit irr dieser originellen jüdischen Schöpfung enthalten ist. Er ordnete den Stoff neu und goß ihn — soweit er aramäisch war — in hebräische Form um. Er führte auch die kurze sachliche Erläuterung zumTexte ein. All das bewirkte, daß die Agadah zu einem wahren Volksbuche wurde; sie erlebte auch eine Auflageanzahl wie vielleicht kein hebräisches Buch unserer Tage. Bialik war es auch, der die hebräischen Klassiker — wenn man so sagen darf — unserer Zeit der jüdischen Oeffentlichkeit vorführte: Jehuda Leb Gordon, Mendele, Tschernichowski u. a. Auf Grund jahrhundertelangen Erfahrung daß nur diejenigen jüdische Schöpfungen sich erhalten haben, die ins Hebräische übersetzt wurden, ging Bialik daran, die großen jüdischen Erzähler unserer Zeit ins Hebräische zu übertragen. So gab er Perez, Schalom Alejchem, Asch, heraus. Bialik — der Jude, der die ganze jüdische Kulturwelt aller Zeiten in sich aufgenommen hat und sie auch in seinem einzigartigen Stil widerspiegelt — konnte bei der jüdischen Schöpfung unserer Tage nicht stehen bleiben. Er ging mit aller Energie und seinem großen Können daran, die mittelalterlichen Größen für unsere Zeit wiederzuerobern. Er brachte hiefür etwas mit, das die bloßen Wissenschaftler nicht haben, den wunderbaren dichterischen Instinkt. So gab er uns Mosche Chaim Luzatto und vor allem Gabirol und Ibn-Esra wieder. Der Bialiksche Verlag gab ferner eine Sammlung Volkserzählungen (Maassijoth) heraus, die Ben Jecheskel gesammelt hat. Diese Maassijoth stellen wieder einen wunderbaren Schatz jüdischer Erzählungen und Legenden der letzten Jahrhunderte, und zwar größtenteils aus der Zeit des Chassidismus dar. Deren Original ist hebräisch und nicht — wie allgemein angenommen wurde — jüdisch. Ferner hat Bialik das Bachersche Meisterwerk über «Agadah» in der Uebersetzung von Alex. Sisskind Rabinowitz herausgegeben und dadurch diesem Werke seine urwüchsige Gestalt wiedergegeben. Horodetzkis bedeutendes Werk über den Chassidismus wurde ebenfalls von Bialik verlegt. Das neueste Werk Dubnows über die Geschichte des Chassidismus, das Dubnow selbst hebräisch geschrieben hat, erschien im «Dwir»-Verlag, der von Bialik begründet und geführt wird. ln diesem Verlag erscheint auch die ganze Dubnowsche Geschichte. An grundlegenden wissenschaftlichen Werken gab Bialik heraus: Prof. Kraus: Archäologie des Talmud. Der Titel erweckt den Eindruck, daß man es mit verstaubten. Archiven zu tun hat. In Wirklichkeit ist das Werk eine Kulturgeschichte des jüdischen Lebens in der Zeit des Talmud. Das Werk ist vom Verfasser in einem herrlichen Hebräisch geschrieben und ist von grundlegender Bedeutung. Ein weitere Standardwerk — von Bialik herausgegeben — ist von Golak: Die Grundlagen des jüdischen Rechtes. Bialik beschränkt sich jedoch nicht auf die Werke der Vergangenheit. Er gab zuletzt das Buch von Dr. Jecheskel Kaufmann heraus: «Golus und Fremde», das das Judenprobiem allseitig beleuchtet. Dieses Buch wird sicherlich das jüdische Denken stark beeinflussen. Wir wollen zuletzt noch auf eine gewaltige Leistung Hinweisen: Das englisch-hebräische Wörterbuch mit zirka 70.000 Worten. Ein Beweis auch für die kolossale Entwicklung der hebräischen Sprache in den letzten Jahrzehnten. Das oben Angeführte zeigt zur Genüge, was Bialik als Verleger geleistet hat — als Verleger eines an Geist reichen, an Mitteln jedoch armen Volkes leisten könnt'-*. Kischineff, 11. Jänner. (J. T. A.) Die Erregung über die Erschießung von sechs jungen Juden an der bessarabisch-russischen Grenze bei Soroea durch rumänische Grenzgendarmen hält unter der Judenheit Bessarabiens und ganz Rumäniens an. Die Erschossenen, die, wie mitgeteilt, ln einem Alter von 16 bis 20 Jahren gestanden haben, heißen: Seide Pferdmann, Leib Rudmann, Jon Mihala, Samuel Tzichinowski, Sandor Mati und Frl. Riva Darcautzan. Es hat sich herausgestellt, daß die Erschossenen durch einen Schmuggler, der im Einverständnis mit Grenzfunktionären handelte, an die Grenze gelockt wurden und auch in die ihnen gestellte Falle gegangen sind. Für die Grenzgendarmen wäre es ein Leichtes gewesen, die jungen Leute, wenn sich diese wirklich etwas hatten zuschulden kommen lassen, zu verhaften, da der die Grenze bildende Dnjestr an dieser Stelle nicht zugefroren war und ein Entweichen nach Rußland gar nicht in Frage kam. Es steht überhaupt noch nicht fest, ob die jungen Leute die Absicht hatten, nach Rußland zu gehen. Dennoch wurden JÜDISCHE KOflSTLERSPiELE, Theater Rekiam Wien, II., PraterctraBB nr. 34, Telephon Hr. R qo-o-m Gastspiel Dr. Paul Baratoll - Ben zuii Freitag, den 22. d. Mts. halb 9 abds. ErstanttOhrang Schauspiel in 4 Akten von H. LeiiviK. Mituiirhend das gesamte Wiener Ensemble mit Frl. Qla Schilfhouiitz und Herrn Max zeinlker als Gaste. Karten im Vorverkauf an der Tageskassa und Abendkasse, telephonische Bestellungen unter nommer R40-0-M sie in bestialischer Weise erschossen und dann ausgeraubt. Bei allen Kugeln handelt es sich um Dum-Dum- Geschosse. Die Erregung über die sechsfache Mordtat in der Stadt Soroea selbst ist so ungeheuer, daß der Belagerungszustand über die Stadt verhängt worden Ist. Das Begräbnis der sechs Opfer gestaltete sich zu einer erschütternden Trauerkundgebung der Judenschaft von Soroea und Umgebung. Zehntausende schritten hinter den Särgen. «Vorbedachter und planmäßig ausgeführter Massenmord». Bukarest, 17. Jänner. (J. T. A.) «Ein vorbedachter und planmäßig ausgeführter Mord!», so charakterisiert die angesehene Zeitung «Adeverul» die Erschießung von sechs unschuldigen jungen Juden in Soroea durch rumänische Grenzgendarmen. Auch die gesamte übrige Presse Rumäniens verurteilt in den schärfsten Ausdrücken den Massenmord sowie die Verschleierungsversuche der Behörden. Alle wichtigen Dinge der Innen- und Außenpolitik Rumäniens treten gegenüber diesem Falle in den Hintergrund. Manche Zeitungen sprechen von einer «hemmungslosen Soldateska am Dnjestr». Man verurteilt es, daß sich die unter General Marcovici arbeitende offizielle Untersuchungskommission mit einem Schleier von Geheimnissen umgibt. Eine vom Begräbnis der Opfer heimkehrende zehntausendköpfige Menge entsandte zum General Marcovlci eine Abordnung, die von Senator Iov, ehemaligem Präfekten von Soroea und einem Führer der Regierungspartei geführt wurde; die Abordnung wurde nicht empfangen. Die Erhebungen des Abg. Michael Landau Bukarest, 17. Jänner. (J. T. A.) Der jüdische Abgeordnete für Bessarabien, Michael Landau, ist in Bukarest eingetroffen und hat den Ministerpräsidenten Jorga über die Ergebnisse seiner Erhebungen in Soroea und über die Stimmung der Bevölkerung in dieser Stadt unterrichtet. In einer Pressekonferenz gab Abg. Landau Tatsachen bekannt, durch die die Ereignisse in Soroea in eigenartiger Weise beleuchtet werden. Abg. Landau erzählte: Eine halbe Stunde vor meiner Abreise aus Soroea erschien bei mir ein rumänischer Bauer namens Moise Russu aus dem 5 km von Soroea entfernten Dorfe Trifanesti in Begleitung von zwei anderen Bauern und gab folgende Erklärung ab: Am 4. Dezember v. J. wurde ich, als ich mich gerade im Hause meines Nachbarn Marcu German aufhielt, von 13 Grenzsoldaten verhaftet und mit gefesselten Händen an die rumänisch-ukrainische Grenze geführt. Auf dem ganzen Wege wurde Ich mit Seitengewehren und Kolben geschlagen. Man wollte mich zwingen, zu erklären, ich hätte jungen Leuten über den Dnjestr geholfen. Ich weigerte mich standhaft, diesem Verlangen zu entsprechen, und man erlaubte mir schließlich, nach Hause zu gehen. Zwei Tage nachher erschien bei mir der Leutnant Canzer vom Grenzwachkorps in Begleitung eines Soldaten und mißhandelte mich mit einem Ochsenziemer so lange, bis ich seine Frage, ob Ich Leute über den Dnjestr gebracht habe, bejahte. Nach weiteren zwei Tagen wurde ich zusammen mit sechs anderen Verhafteten zur Grenzwachkompagnie geführt, wo mir Unteroffizier Munteanu im Namen des Hauptmannes erklärte, ich müsse ihm mindestens 20 bis 30 (original: einige «Zehndlige») Juden aus Soroea und Dumbraveni ausliefern, damit sie im Walde erschossen werden könnten, ich solle auch Geld von ihnen mitbringen, der Staat werde dafür dankbar sein. «Wenn du die Juden nicht bringst», fügte der Unteroffizier hinzu, «dann werde ich dich selbst ans Dnjestrufer führen und dich erschießen. Eine Kugel kostet nur 6 Lei». 34 Tage lang wurden wir bei der Kompagnie gefangen gehalten und dann dem Kriegsgericht in Jassy überstellt, wo man uns nach dreistündiger Einvernahme entließ. — Die Niederschrift dieser Erklärung ist von Russu und dem Bauern Petre Lungu als Zeuge gefertigt. Es liegt die Vermutung nahe, daß Ion Mihalasch, der einzige Rumäne unter den sechs Opfern von Soroea, in ähnlicher Weise von Grenzwachleuten veranlaßt worden ist, jüdische junge Leute zu überreden, den Dnjestr zu passieren. Mihalasch verlangte von dem inzwischen erschossenen Schapse Papusch 10.000 Lei zur. Ermöglichung der Durchführung des Planes. Einem der Grenzsoldaten hat Papusch daraufhin 4000 Lei gegeben. Am 7. Jänner fand eine Besprechung zwischen Papusch und dem Unteroffizier des Wachpostens statt. Bei dieser Gelegenheit wurde die Stelle für den Uebergang bestimmt. Man hat die jungen Leute, statt sie zu verhaften, ln eine Falle gelockt. Eine Stunde vor dem Gemetzel wurde ein mit Offizieren besetzter Schlitten an der Mordstelle gesehen. Die Wirkung der auf die jungen Leute abgegebenen Salven war furchtbar. An einer der Leichen wurden 26 Einschüsse gezählt. Die Verletzungen stammten zum Teil von Schüssen aus einem Jagdgewehr. Der Untersuchungsleiter General M. Marcovici, den ich fragte, wit er sich dies erklären könne, erwiderte, das Jagdgewehr, aus dem die Schüsse abgegeben wurden, sei Eigentum des Hauptmannes Caja, der häufig am Ufer des Dnjestr auf Wasservögel jage. Viele Schußkanäle verlaufen tangential von oben nach unten. Es wurde also auf die am Boden Liegenden geschossen. Die Toten wurden auf einem offenen Karren zum Entsetzen der Einwohner durch die Stadt gefahren. Die Leichen waren achtlos auf den Karren geworfen worden. Arme und Beine hingen über die Seitenwände hinab. Die beiden Schwerverwundeten hat man längere Zeit vor dem Spital auf dem bloßen Schnee liegen lassen und ihnen den erbetenen Labetrunk verweigert. Ein Verwandter des verwundeten Tzichinowski, der Apotheker Benzion Balter, war an das Lager des Sterbenden gekommen, der ihn bat, ihm eine Apfelsine zu bringen. Als der Apotheker zurückkam, wurde ihm der Zutritt in den Krankensaal nicht mehr gestattet. Die Leichen wurden dann ihrer Kleider beraubt. Der Umstand, daß der Dnjestr an dar Stelle, an die man die jungen Leute gelockt hat, nicht ganz zugefroren war, legt die Vermutung nahe, daß man die Opfer ins offene Wasser jagen wollte, um so jede Spur zu tilgen. Was Tzichinowski aussagte-Rischkanu zum König befohlen. Kiscbinew, 13, Jänner. (J. T. A.) Wie schon mitgeteilt, hat Tzichinowski, einer der sechs von de» ürenzgendarmen erschossenen jungen Juden, der 14 Stunden nach dem Massakre noch gelebt hat, dem ihn vornehmenden Staatsanwalt noch wichtige Mitteilungen machen können. Aus seinen nunmehr

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