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Die Stimme · 1932-01-21 · Heft 211 (21.1.1932) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 211 (21.1.1932)
Date
1932-01-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 35 g V.b.b. BEZUG» BEDINGUNGEN Os*t«n« Ucb S 1%Ö» *i flbrl 8 JIo. fu» Dvuttchld «i«td ilhrl RN V- T«eh«choslewalt«i viert«li K* 24fugoalawte» viertelilhrl Di» 40- Polee vi«rtel|lhr Ucb Zloty 6*50 Ungar» viertelilhr Ucb Peng« 4*20 Runlnie» vterteltthrl Lei 120- Uebrige» Ausland eiertel}lhrl Sch« Pranken 4*50 ammm Jüdische Zeitung 5a Jahrgang Wien, Donnerstag, 21. Jänner 1932 (13. Schwat 5692) Erschein jeden Donnerst* Redaktion and Admwtsrrai Wien I. Kirne “ •tra£# 28 TaL R-27-4-? P3 ct Postsparkasf * konti> Oesren D 113 Polen 19: Tachecho* «lowakei 50C v lugoslawien 4( Nummer 211 Baruch Haba, BiaUh! Von Dr. David Roihblum, Präsident der Histadruth iwrith - Wien Chaim Nachman Bialik Von Dr. David Feuchtvvang 'Altes, was jüdisch ist in dieser Stadt, wird den größten Juden unserer Zelt ehrerbietig und liebevoll begrüßen. Jene aber, die ihn kennen, sei es aus dem Bu che oder dem Leben, werden seine Anwesenheit in Wien als ein großes Ereignis werten. Sie werden seinen Worten lauschen, sich ln seinem Lichte sonnen. Chaim Nachman Bialik Ist der gefeierteste Mann im jüdischen Volke. Er hat als Dichter keinen Gegner, als Mensch keinen Feind, als Lehrer und Wegweiser keinen Widersacher. Der kleine Rummel um sein letztes Gedicht ist ein bedeutungsloser Zwischenfall. Kein Poet, kein Gelehrter, kein Lehrer wurde in einem solchen Maße verehrt, gepriesen und verhimmelt wie er. Sein Weg in die Literatur gleicht einem Triumphzug, einem unerhörten Siegeslauf. Im Verhältnis zu ihm gibt es keine Parteien im Judentum. Alles blickt zu ihm stolz und beglückt empor, wie zu einem nationalen Heros, der alle Volksgenossen gleich beglückt. Das Bewußtsein, einen solchen Mann aus seiner Mitte hervor gebracht zu haben, gibt dem Volke Vertrauen in sich selbst, verleiht ihm Kraft und Selbstsicherheit, schenkt ihm den Glauben an die große Zukunft, die ihm der alte Gott verheißen und durch den Mund seiner Propheten verkündet hat. Und mag das Wort noch so kühn and noch so anmaßend klingen, es entfernt sich nicht von der Wahrheit: Seit den Propheten gab es keinen Dichter, der mit solcher Wucht und Unerschrockenheit. zum Volke sprach, es geißelte, es in die rechten Bahnen wies, wie er, keinen nach Jehuda Halewi, der mit soviel Liebe und Zärtlichkeit seinen Ruhm besang. Das Volk war für Geißelhiebe und Liebkosung gleich dankbar. Die Peitschenschläge, die er am Ende des Poems «In der Stadt des Morgens» auf die Männer niedersausen läßt, die sich ohne Selbstverteidigung hinschlachten ließen, wurden ergeben und geduckten Hauptes entgegengenommen. Hocherhobenen und Stotzen Hauptes lauschten sie aber den Lobgesängen auf die ewigen Kräfte der Nation, die aus den Gedichten über den ersten Kongreß, Achad-Haam, .den Bauer in Palästina, die Feuerrolle, den Matmld erklingen. Bialik hat die Goldschätze unserer Kultur und Geistigkeit,, von .denen (wir,.immer wie herab gekommene Epigonen großer Vorfahren faselten, auf die wir bestenfalls, wie - auf ‘museale ^Reichtümer hiriwiesen,. in lebendige Verwendung genommen und Uns durch die Fülle ihres praktischen Wertes bereichert und gsblcn- . det. Das gilt vor allem votfl hebräischen Wort. Dann von der jüdischen Sage. Dann vön der mltteidltertrcn$r\. Dichtkunst. Dann vom Leben und Streben, Hangen und Bangen in der Galuth um die Heimat. Dünn vom ganzen, ganzen Geistesleben des jüdischen Volkes, von seinen Anfängen bis zur Gegenwart. UeberaU grub er und allerorten schärfte er und fand das Gold, das er uns mit vollen Händen aus seinem gottbegnadeten Füllhorn spendete. Nie aufdringlich, nie mit der Geste des Wohltäters, stets unpersönlich, stets betonend, er gebe das zurück, was er von der Nation empfangen. Seine Sprache ist unerhört, unerreicht, unvergleichlich. Das Volk der großen Nörgler hat es unumwunden eingestanden: Bialik hat die hebräische Sprache erlöst. Das Verdienst seiner Vorgänger und Zeitgenossen soll nicht geschmälert werden, er aber hat das tote Wort, die leblose Phrase, die entgeisterte Wendung wieder lebendig gemacht, wie er die «Toten der Wüste» lebendig, schauerlich lebendig und unsterblich gemacht hat. Er hat die talmudischen Ausdrücke durch den poetischen Gesang geadelt, sprachlichen Wendungen, die längst in Vergessenheit geraten waren, Sinn und Bedeutung gegeben. Aus der Rumpelkammer alten Sprachgebrauches hat er sich Wort und Laut geholt, um seine Verse zu zieren. In der neuhebräischen Literatur vermochte keiner vor ihm ln jene Tiefen zu dringen, aas denen er sich Stoff und Form für seine Dichtkunst holte. Zu den Schätzen, die er hob, gehört die jüdische Sage, die er liebevoll behandelte und schöpferisch fortsetzte. Er sammelte und putzte die jüdischen Sagen heraus wie kleine Kinder, die man zärtlich schmückt und ziert, um mit ihnen Staat zu machen. Sein eigenes Kind, «Die Sage von den Drei and Vien hat die anderen in den Schatten gestellt. Was die Legende um des Königs Salomo Klugheit, Reichtum, Macht und Rphm flocht und wob — hat Bialik in dieses Meisterwerk in unvergleichlicher Sprache und seltenem poetischen Schwung hineingedichtet. Die einzelnen Kapitel sind wie die Gobellnbilder atter Meister, zart, wahr, farbenfroh, natürlich und menschlich, feinsinnig, verständnisinnig gütig und glutig. Manche Stellen muten an, als wenn sie Ausschnitte aus der Bibel wären. Kein Dichter wurzelte im Volke gleich ihm. Keiner kennt die Seele Israels von den dunkelsten Anfängen bis auf die Gegenwart wie er. Er ist kein zünftiger Historiker and kennt genau alle Zeitläufte unserer Geschichte. Was der jüdische Geist jemals geschaffen, ist klar und gegenwärtig, was das Volk jemals gelitten, ist tief in seinem Herzen eingegraben. Er hat sich nie außerhalb der Reihen gestellt, er war immer mitten drin in Freud und Leid. Er lebt und atmet das Leben und die Luft seiner Brüder, ln der Galuth und im Lande. Er sieht ebenso hell und klar und offen in das engmaschig verästelte jüdische Gehirn, wie in das leid- und kummervolle Herz der Nation, das einem geschlossenen Tränenkelch gleicht. Darum versteht er wie keiner zum Volke zu sprechen, in Poesie und Prosa, in Schrift und Wort, denn er spricht ausnahmslos seine, des Volkes Sprache. Und was immer er sagt, es wird ihm gelauscht wie einem Boten Gottes. Man sagte von Goethe, seine Werke wären eine große eigene Konfession — von Blalik kann man sagen, was er dichtete und schrieb, was er singen und sagen tat — es war stets eine Konfession seines Volkes. Man zitterte in schweren und schwersten Zeiten, ebenso wie in hoffnungsvollen Stunden seinen Worten, seiner Botschaft entgegen. Wenn er in solchen Tagen schwieg, lag es wie ein Druck auf den Volksgenossen. Diesem Empfinden gab Borochow rührenden und aufregenden Ausdruck in seinem Aufsatze «Bialik, wo bist Du?», der im Jahre 1916 in einem palästinensischen Sammelbuch erschien, das Bialiks Freunde anläßlich seines 25. Dichter Jubiläums herausgegeben haben. Bialik kommt nun zu uns. Seit Monaten befindet er sich auf der Wanderung. In Ost und West. Der Besuch in Wien ist die letzte Station auf der Rückreise ins heilige Land. Er reist als Volksmandatar in Erfüllung einer hohen, einer höchsten Pßcht. Er wirkt für das hebräische Buch. Das heißt, für die jüdische Kultur. Die nationale Geistigkeit geht zurück, jüdisches Wesen ist im Schwinden begriffen, jüdische Schöpfungskraft erlahmt — Zeichen einer bösen Zeit. Das Volk des Buches hat dem Buche den Rücken gewendet, das Volk des Buches fängt an, sich selbst untreu zu werden. Das jüdische Volk, das einer lichtvollen Zukunft entgegenstrebt, wird jedoch nie sein Ziel erreichen, wenn es seiner Vergangenheit untreu wird. Es wird seiner Bestimmung, Licht aus Zion allen Völkern zu spenden, nicht gerecht werden, wenn es die eigenen Ewigkeitsschöpfungen vergißt. Die Kultur des jüdischen Volkes, die in der Vergangenheit wurzelt, muß schöpferisch fort gestalt et werden in Gegenwart und Zukunft, sie muß ebenso auf gebaut werden, wie das nationale Heim, denn beide sind Alt ne ul an dl Die Histadruth iwrith, deren Einladung Ch. N. Bialik bereitwilligst Folge leistete, grüßt ehrerbietig and liebevoll den großen Dichter! Sie ruft ihm stolz und beglückt, ihn als Gast in ihrer Mitte zu sehen, ln althergebrachter Welse zu: Baruch haba, Blalik*. Bialik ist der größte hebräische Dichter der Gegenwart.. Er reiht sich würdig den Klassikern der hebräischen Poesie der Vergangenheit an. Er ist aber nicht allein der begnadete hebräische, sondern der jüdische Dichter. Sein Werk steht im Dienste des jüdischen Geistes, der jüdischen Seele, welchen er in gebundener (poetischer) und ungebundener (prosaischer) Rede. Ausdruck verleiht. Der Geist der Geschichte und das Schicksal des jüdischen Volkes in Vergangenheit und Gegenwart spricht kraftvoll 9' ' Chaim Nachman Bialik (Nach einem Gemälde von Wilh. Wochtel) und heilig aus jeder seiner Dichtungen. Ob er Dämmerung und Enge des Cheder und Ghetto; Glück und Elend der jüdischen Gasse; Stammeln und Lallen des Kindes und Weisheit der Greise; antike Größe des Bibelzeitalters und der talmudischen Lehren; lyrische Romantik der Agadah oder kalte Gesetzlichkeit der Halachatz; Heldentum der Vergangenheit und Martyrium der Gegenwart; frisches Leben im Vaterland« oder Exil und Diaspora; Heim und Familie oder Volk und Gemeinschaft schildert: immer und überall vereinen sich harmonisch Jüdisches und Menschliche« in tiefster Klarheit und Schönheit. An Jugend und Alter wendet sich das Dichterwerk Bialiks erziehend* belehrend, erbauend, begeisternd. Ueberdies ist Bialik ein ebenso großer Gelehrter, Ihm öffnen sich alle Quellen hebräischen Schrifttums aller Zeiten; aus Urgestein der Ueberlieferung schlägt sein blumenumwundener Zauberstab glühende Funken. Prophetisch verherrlicht und beweint er das Judenschicksal und ist erfüllt von Stolz und Schmerz, Die hebräische Sprache ist sein Organ; sie wächst und weitet sich zu höchster Kunst und Blüte in Erzählung, Epos und Lyrik. Das klassische hebräische Alterum wird ihm lebendige Kraft, Haggadah und Midrasch feiern Auferstehung durch seinen Geist, Thora und Talmud erwachen zu neuem Leben. Tief religiös ist Bialik und menschlich groß. Da ist nicht nur ein Sprachkünstler, da ist ein Sprachschöpfer; eia Seljer und Erwecker. Wir 6ind stolz und glücklich, ihn zu besitzest ^°irqiä *Avun^u

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