Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 240 (11.8.1932)
- Date
- 1932-08-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 240 — 11. August 1932 DIE SiL.lME Seite 7 liieratnr/Kunst / Theater Von der Habima Vor l'/2 Jahren kehrte die Habinm nach Palästina xu. rück, nach einer großen Tournee in Europa, wo sie von neuem Interesse und Begeisterung für hebräische Kultur und Erez Israel zu erwecken wußte. (Stockholm — über dem vollgedrängten Königlichen Theater die blauweiße Flagge. London — die gesamte Presse wochenlang mit der Erscheinung der palästinensischen Habima beschäftigt.) Seit ihrem Bestehen ist die Habima bisher in 10 Ländern gewesen und hat in 115 Städten gespielt. ln Palestina ging die Habima an ihre neue Arbeit unter großen Schwierigkeiten. Das Ergebnis dieser l/2 Jahre ist: 5 neue Inszenierungen in eigener Regie, 230 Aufführungen i«i den Städten und auf dem Lande. Die Zuschauerzahl in dieser Zeit reicht fast an die Zahl der jüdischen Bevölkerung ln Palästina — 150.000 Besucher. Daß sich nun unter diesen Neuaufführungen keine mit Jüdischem Inhalt befand (alle Werke — Shaw, Maugham, Leiwik, Moliere, Langer — sind allgemein), erklärt sien da. durch, daß das palästinensische Publikum und die Habima selbst einmal einfache unheroische Themen auf der Bühne wünschten, wie sie in der ganzen Welt das Theater ausmachen. — Die beiden nächsten Aufführungen der Habima werden «Am’cho» (Zweihunderttausend) von Scholem Alechem und «Jud Süß» nach L, Feuchtwanger sein, da dieses fetzte «unjüdische» Jahr eine Sehnsucht nach Inhalten aus dem Judentum ausgelöst hat. Wie steht es nun mit der Existenzmöglichkeit dieses Theaters? In keinem Lande — und besonders nicht in Palästina — kann ein dramatisches Theater nur von seinen Kasseneinnahmen leben. Die reichen kaum für das Gehalt der Schauspieler und Mitarbeiter. — Auch bei uns müßte das Theater — wie überall ln der Welt — sein Budget vom Staate oder von offiziellen Institutionen bekommen. Weil aber weder die Regierung in Palästina noch unsere Institutionen die Habima subventionieren, ist die Situation der Habima außerordentlich kritisch. In den letzten Jahren trug die Sorge um die Habima ein Kreis privater Freunde (Habimasekretarlat und Patronats. Vereinigung mit M. Warburg), in der Annahme, daß unsere obersten Institutionen nach und nach diese Sorge auf sich nehmen würden. Diesen Gedanken hat Habima auch in ihrem Memorandum zum XVI. Zionlstenkongreö erwähnt. Wir wissen genau, daß die Jewish Agency heute die Rolle der Regierung dem Theater gegenüber nicht über, nehmen kann. Daher liegt jetzt die Verantwortung für die Erhaltung des Theaters Habima gleicherweise auf den Juden aller Länder und nur von ihnen hangt es ab, ob diese große jüdische Kultnrinstitution weiter wird arbeiten können für das geme n ^tne Ziel: Verbreitung und Vertiefung jüdischer Kultur. Dr. J. Klatzkin 50 Jahre alt Der berühmte jüdische Gelehrte Dr. J. Klatzkin feiort jetzt seinen 50jährigen Geburtstag. Klatzkin zählt heute zu den produktivsten hebräischen Schriftstellern. Seine philosophischen Werke über Spinoza, Hermann Kohen u. a. haben seinen Namen als tiefen und geistreichen Denker weit über die Grenzen der hebräischen Literatur getragen. Klatzkin ist aber auch ein glänzender Essayist. Einzig dastehend in der neuen hebräischen wissenschaftlichen Literatur, ist sein klassisch vollendeter Stil, und seine an Ausdrücken reiche Sprache. Großes Aufsehen erregte seine seinerzeit im «namiklat» erschienene Artikelserie, in welcher die Verneinung der Galuth zum Ausdruck kam. Gegenwärtig ist seine ganze große Schaffenskraft und «ein beispielloser Fleiß auf die Redaktion wie auf Herausgabe der Enzyclopädia judaica (Jüdische Enzyklopädie) in hebräischer und deutscher Sprache konzentriert, ein Monumentalwerk, das seinen Platz in der Geschichte erlangen wird und -- Bemaus verein nein Jicctiok, ii. uieimuinstr. 21 Wir gratulieren unserem Obmanne Herrn Jelmda Schmidt und seiner Frau zur Vermählung ihrer Tochter Pepi mit Herrn Samuel Hacker. Der Schriftführer: Der Obmann: Chune Dörfler, Moses Teitelbaum. di«, bisher erschienenen jüdischen Encyklopädien völlig in Schatten stellt. Vvir wünschen dem Jubilar die baldige Erscheinung des letzten Bandes dieses Riesenwerkes und noch lange, lange glückliche Jahre voHer Schaffenfreude. Jüdische Forscher auf dem «Kongreß für Sexualreform» Brünn. Am 20. .September wird in Brünn der Internationale Kongreß für Sexualreform eröffnet, an welchem sich nach den bisher vorliegenden Meldungen eine große Anzahl jüdischer Wissenschaftler aus allen europäischen Unlversitätszentiren beteiligen werden. Bisher liegen die Anmeldungen folgender Referate jüdischer Forscher auf dem Gebiete der Sexualreform vor: Justizrat Dr. Rosenthal-Breslau «Freie Liebesverhältnisse im modernen Leben und im geltenden Recht», Dr. Paul Fried- Wiesbaden «Kirche, Staat und Sexualreform», Dr. Josef Weißkopf-Brünn «Religionslose Sexualerziehung», Doktor Felix Abraham-Berlin «Operative Geschlechtsumwandlung», Dr. Bela Neufeld-Karlsbad «Weltanschauung und Sexualität», Dr. Benjamin Schapira-Berlin «Pathogenese und Therapie der Ejaculatio praecox», Dr. Hugo Bondy-Prag «Se- Wenn Ihnen unser Blatt gefüttt, empfehlen Sie es, bitte, bei jeder Gelegenheit allen Ihren Freunden und Bekannten. Geben Sie uns Adressen an, an die wir Probenummem unserer Zeitung gratis u.unverbindlich absenden Können xualpathologie», Dr. Otto Lampl «Sexualpathologie», Doktor Hans Zweig-Brünn «Sexualität und ihre Beziehung zu den Nerven- und Geisteskrankheiten», Dozent Dr. Hugo Hecht- Prag «Wie oft treiben Arbeiterinnen ab?», Dozent Dr. Friedjung-Wien «Populationsfragen», Dr. H. Rubinraut-Warschau «Geburtenregelung in Polen, Dr Emilie Grünhaut-Frjed- Wiesbaden «Fortschritte der Eheberatung», Dr. Max Popper- Prag «Sozialversicherung und Sexualberatung» usw. Sprechsaal der Stimme Für die Mitteilungen, die in dieser Rubrik erscheinen, übernimmt die Redaktion keine Verantwortung. Sehr geehrter Redakteuri «Die Juden im Dienste der deutschen Kultur». Zu dem in Ihrem Blatte erschienenen Artikel gestatte ich mir folgendes zu bemerken: Der Verfasser schreibt u. a., man müßte Tausende von Namen aufmarschieren lassen, um alle diese verdienten Juden, die zu Deutschlands Ruhm' und Größe beiyetragen haben, zu nennen. Warum hat der Verfasser bei der relativ geringen Anzahl gerade so viele Personen herausgegriffen, die steh taufen ließen oder das Judentum verlassen haben? Wenn man die Auslese vom Rassenstandpunkte aus trifft, so müßte schon ordnungshalber stets vermerkt werden, ob der Betreffende sich taufen ließ oder aus dem Judentum ausgetreten ist. Der unorientierte Leser wird zur Ehrfurcht und Bewunderung jüdischer Persönlichkeiten erzogen, welche dem Judentum feige den Rücken kehrten oder äußerer Vorteile wegen sich taufen ließen. Es kann unmöglich in Ihrer Tendenz liegen mitzuhelfen, diese wichtigen Details zart zu verschweigen. Auch hat allenthalben der Unfug eingerissen, Personen, die mit der jüdischen Rasse ganz wenig verbunden sind (z. B. die Mutter war eine getaufte Jüdin usw.), zu jüdischen Berühmtheiten zu stempeln und als Volljuden zu behandeln. Wollte man dabei konsequent sein, käme eine ganz unglaubliche Anzahl zusammen. Dieser Unfug der zwangsweisen Eingliederung zum Judentum oder des Verschweigens der Taufe oder des Austrittes ist leider auch in vielen Enzyklopädien und Büchern zu finden (z. B. JUd. Lexikon, Encycl. Judaica, Wininger, Große Jüd. Nationalbiographie usw.). Von jedem bewußten Juden muß es schmerzlich empfunden werden, Männer, die unsere Reihen schnöde verlassen haben, in jüdischen Zeitungen und Büchern verherrlicht au sehen. Oft ist dies lediglich auf Unwissenheit oder FWehtlgfwH zurückzuführen. Vielleicht gelingt es dennoch, durch stimft» gen Hinweis auf diese Mangel einmal Ordnung in dies« «Ruhmeshalle» zu bringen. Nachstehend sei mir gestattet, die Liste derjenigen Persönlichkeiten zu veröffentlichen, die sich taufen ließen btiw. vom Judentum ausgetreten sind: Getauft: Josef Jarno, Selina Kurz, Otto Brahms, Angelo Nepmann, Gustav Mahler, Hermann Levi, Monfltlrtohn*Bar« thofdy, Josef Joachim, Heinrich Grünfeld, Heinrich Hitzig^ Ludwig Fulda (ausgetreten), Hugo Salus, Qttä Wehtft* ger, Hugo v. Hofmannsthal (wurde schon als Christ gehören), Peter Altenberg, Emil Ludwig, Maximilian Iw* den. I. A. W. Neander, Frauenstädt, Prlngaheitü, UMh reich, Magnus, Lazarus Fuchs, Dr. Eduard Schnttiff, Hermann vambery (Islam), Heinrich Hertz (Vater getauft, Mutter Christin), PhiUpp Reis (Jüd. Abstammung wird bestritten), Heidenhain, Henle, Lebert, Nasser, Cohnhefm, Haiban, Frensdorff, Gans, Unger, OtaMr, Hitzig, Friedr. Jul. Stahl, Friedberg, Demburg, Fliedenthal, Slmson, Haber, Karl Fürstenberg, Jacob! (Erfinder der Galvanoplastik, soll heißen Jacob! Moritz Hermann), Baeyer, Nobel (Söhne jüd. Mütter). Ausgetreten: Alfred DöbUn, Arnstein (Chef-Ing. Zeppelin). Hochachtungsvoll Emst Stern. Vereheliche Redaktion! Während meines Urlaubes besuchte ich die kn befindliche Großglocknerstraße und machte von FerliitfP ein« Fußtour zur Trauneralpe. Unterwegs fand ich auf einem' Felsblock, mit zweierlei Farben in riesigen Lettern fein säuberlich gemalt folgende Inschrift: «Wer wünscht dies Land von Juden rein, Gehört in Adolf Hitlers ReUi’n, D’rum Arbeiter, Bauer und Tourist, Werde Nationalsozialist.» 1 l rr Es wäre ratsam, jüdische Urlauber vor dem Besuche von Ferleiten zu warnen, um so mehr, da man dort auch Anpöbelungen seitens der sehr zahlreich vertretenen reichsdeutschen Nazi ausgesetzt ist. Hochachtungsvoll Dr. Walter Werner. dSricfc aus der (frovinx Aus Graz wird uns berichtet: Im Sitzungssaaale der lsr. Kultusgemeinde Graz fand vor kurzem eine Festversammlung des «Haschomer-Hasair» statt, in welcher der langjährige“ Führer der Grazer Zionisten, Herr Karl Schwarz, über seine Eindrücke in Palästina berichtete. Das überaus interessante Referat entfesselte eine lebhafte Diskussion. Der Referent antwortete allen Fragen auf das genaueste und unterstrich seine Ausführungen mit interessanten Details und Beispielen. Nach Abschluß'der Diskussion teilte Herr D. Fleißig Herrn Karl Schwarz die Ernennung zum Ehrenpräsidenten des Grazer «Haschomer-Hazair» mit und überreichte ihm eint Ehrenurkunde. I11 dieser Ernennung kam die langjährige verdienstvolle Tätigkeit des Herrn Schwarz, seine überaus liebevolle Unterstützung um den Grazer «Haschomer-Hazair», als einzigen zionistischen Jugendbund in Graz, zum Ausdruck. Herbst-Palästlna-Reise geplant Es . ist auch — bei genügender Beteiligung — eine billige Palästina-Reise noch im Herbst 1932 vorgesehen. Abfahrt 25. Oktober ab Wien. Dauer 4 Wochen, Nähere? in der nächsten Ausgabe der «Stimme». Anmeldungen bei der Redaktion. DI« Zionistische Sektion Brater gratuliert ihrem ehemaligen hochverdienten Obmann Herrn Jehuda Schmidt und dessen Frau zur Vermählung ihrer Tochter Pepi mit Herrn Samuel Hacker- Aus dem Zyklus «Aus einer verschwindenden Welt», Sittiche, der Fuhrmann*) Novelle von Rosa Melzer (Lemberg), (2. Fortsetzung) Langsam verzehrte er einen Bissen nach dem anderen — aber während er aß, ertappte er sich jedesmal dabei, wie sein Kopf sich unwillkürlich nach dep Bewegungen der Wirtin richtete: Stand sie am Fenster, schaute er links, ging sie zur Türe, wandte er den Kopf rechts und verschwand sie hinter dem großen Schanktisch, dann blickte er geradeaus! — wie verhext! iWenn sie aber sprach oder lachte, was sehr reichlich geschah, schloß er die Augen und glaubte dann, durch den abendlichen Wald im Monat Mai zu fahren und den «olowij — die Nachtigall — singen zu hören, Dabei fühlte er sich im ersten Moment so froh, wie als kleiner Bursch’ auf dem höchsten Baum in dichtem Laube »itzend — und doch wieder so seltsam traurig und zornig. Ja, das war das rechte Wort: Er z tt r n t e; dem abscheulichen Zufall . . ., der Krasnaja-Wirtin . . »ich selber — und war überfroh, da der Wagner eintrat und man endlich den Schaden ausbessern ging. Nachdem er seine Rechnung bezahlt hatte und «Inen guten Tag gewünscht, sagte die Wirtin: «Ich hoff’, daß Ihr nun nicht mehr an der „Krasnaja” vorüberfahren, sondern bei mir einkehren werdet. Ich bin eine Witwe mit zwei kleinen Kindern und die Siehe Nrn. 237 und 238 der «Stimme» (Anm. d. Red.). Zeiten sind sehr schwer.» Ihr perlweißes Gesicht nahm dabei einen traurigen wie bittenden Ausdruck an und der verschönte sie so sehr, daß Simche feststellte: «Sie ist schön, hundertmal schöner als schön . . .» Erschrocken darüber, daß nun auch ihm «närrische Einfälle» kamen, beschloß er, nie wieder in die «Krasnaja» einzukehren. Fünfmal war er seitdem an dem Wirtshaus vorbeigekommen und, obwohl ihm war wie einem Verschmachtenden, der eine klare Quelle sanft rauschen hört, und sich ihr doch nicht nähern darf, brachte er es fertig, voriiberzueilen . . ., im Galopp, ohne sich umzuschauen! . . . Freilich, den Gedanken konnte er nicht wehren, noch jenem inneren Blick und Ohr, mit denen er ihre Augen, den lockenden Mund sah, die zierliche Gestalt und ihre Bewegungen . , ., und das s ü ß e, trällernde Lachen hörte, «wie Smiroth am Freitag-Abend». Einmal, am Sabbath, bei Tische, war er so sehr in diesen inneren Anblick vertieft, horchte mit der Seele so hingegeben dem Silberton, daß er heftig zusammenfuhr, als Nechame, die ihn schon eine ganze Weile betrachtet hatte, ihn plötzlich anrerietc: «Was bist du so in Gedanken?», fragte sie besorgt. Ihm kam jetzt ihre Stimme rauh vor, wie das Gekrächz mancher Vögel. Zum ersten Mal! Und zum ersten Mal sah er ganz deutlich, wie unförmig und plump Nechanies Gestalt und Gang waren. Neben Ihr tauchte die andere auf — «wie eine Königstochter neben ihrer niedersten Magd». Simche erblaßte bei diesem heimlichen Vergleich, Er empfand ihn wie eine Beleidigung für sein braves Weiß. «Du bist schon seit ein paar Wochen immer so nachdenklich und blaß, sprach Nechame mit zärtlich besorgtem Blick. «Vielleicht bist du, chaswescolom» krank? Sag’ es mir und wir wollen den Doktor befragen», fügte sie ängstlich hinzu. Simche begann sich zu verachten. / «Nein», beruhigte er sie — «ich bin vielleicht ein bißerl überarbeitet. Nach den gojischen (christlichen) Feiertagen gibt es weniger zu tun, dann werde ieh ausruhen», beschwichtigte er ihre Sorge . . . Der Spätherbst war wunderschön, wie das meist in Galizien vorkommt. ln langer Reihe zogen die Lastwagen von Zlotnik nach der Kreisstadt, An der ßpjtie Sjmche, der die besten, gepflegtesten Pferde besaß.,. «Simche!» rief sein Hintermann plötzlich, «Was gibt’s?» wandte der den Kopf. Der Mann hinten stieg ab und näherte sich Simches Wagen, ihn zu Fuß begleitend: «Kehr’ doch mit mir in der Krasnaja ein!» sagte er mit lachendem Alunde. «Ich hab’ meine Herberge», lehnte Simche ab. «Ich glaub’ gar, du fürchtest dich vor de» „Krasnaja-Wirtin”», spottete jener. Simche wurde dunkelrot. «Noch ein närrischer Einfall von dir», meinte er, «übrigens bin ich schon einmal dort gewesen, als das Rad gebrochen war . . ., ich find’ nichts an der Wirtin , , , Eine Weibsperson, wie jede andere .,. Aber nicht eben so gut, weil man von ihr spricht , , ,1» (Fortsetzung folgt,)