Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 240 (11.8.1932)
- Date
- 1932-08-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 240 — 11. August 1032 den Austritt anzumeldcn, um keine Steuer zu zaTtlen, soll auch alle Vorteile der Zugehörigkeit zur jüdischen Gesellschaft verlieren. Wir wollen diese Menschen boykottieren, weil sie uns im Stich lassen, weil sie einen unfreundlichen Akt innerhalb unserer Gemeinschaft begehen. Wir wollen ihnen damit bekunden, daß es nicht angeht, aus dem Volke auszutreten, wie aus einem Verein für Geselligkeit, sondern sie sollen sich dessen bewußt sein, daß sie auch ihrerseits die letzten gesellschaftlichen und persönlichen Konsequenzen von so einer Handlung zu ziehen haben, von der sie vielleicht vorgeben, daß sie ihre «heiligste innere Ueberzeugung» dazu bewogen hat. Wir wollen gegen die Fahnenflucht kämpfen, nicht Brünn. In der am 3. August abgehaltenen Sitzung der von der gegenwärtig in Briinn tagenden XI. Konferenz des Internationalen WeJtstudenten Werkes eingesetzten Kommission fiir geistige Arbeit und internationale" Studien wurde das jüdische Problem an den europäischen Hochschulen eingehend behandelt. Nach einleitenden Worten des Generalsekretärs des I. S. S., Dr. Walter Kotschnigg, erklärte der Wortführer der englischen Delegation, Mr. Gareth Maufe-London, die bisherige Arbeit des I. S. S. auf dem Gebiete der Verständigung von Juden und Nichtjuden an den Hochschulen habe keine praktische Auswirkung gehabt. Namens der jüdischen Delegation erklärte Dr. Otto P o 11 a k-Brünn, daß die jüdischen Vertreter im I. S. S. einen Abbau der Verständigungsarbeit, die große erzieherische Wirkung besitze, wenn sie auch im Augenblick der Gefahr nicht zur Geltung komme, nicht wünschen. Es müsse gefordert werden, daß die Verständigungsarbeit in verschiedener Weise geführt werde. Ungeachtet des antijüdische Ausschreitungen verurteilenden Beschlusses der Konferenz von Nyon hätten in letzter Zeit antisemitische Exzesse in Berlin, Wien, Warschau, Krakau, Wilna und Lemberg stattgefunden. In allen diesen Fällen habe es keinen Kampf zwischen annähernd gleichen Kräften gegeben, es seien vielmehr einzelne jüdische Jungen, vielfach auch wehrlose Mädchen, durch undisziplinierte Horden überfallen worden. An das moralische Gewissen der Anwesenden und an . die Studentenschaft aller Kulturnationen der Welt müsse der Appell gerichtet werden, dieser Entwicklung den Boden zu entziehen. Der Sprecher der deutschen Delegation, Dr. Herbert Scurla-Berlin, meinte, daß die Nachrichten über die antijüdischen Ausschreitungen sehr oft tendenziös aufgebauscht werden. Der Delegierte Bruno Gleitze-Berlin führte aus, man -<1 müsse zwischen Exzessen und einer gewissen antisemitischen Haftung unterscheiden. Exzesse verurteile jeder anständige MfMensch, auch der Antisemit. Jedoch sei die Ausschaltung gewisser Studierender und ihre Konzentrierung auf andere Universitäten eine Frage, die studiert werden müsse. Dieses!grundsätzliche Problem bestehe auch in anderen Ländern, n Berlin habe es keine Exzesse gegeben, sondern die Auswirkungen einer grundsätzlichen antisemitischen Haltung. Den Vertretern der deutschen Studentenschaft antwortete Referendar Hans K1 e e-Berlin. Er erklärte, das Problem der Beziehungen zwischen jüdischer und nichtjüdischer Studentenschaft an den Hochschulen müsse entgegen der Tendenz gewisser Gruppen, die Frage in ihrem Lande, obskur, zu Politisch gut informierte Persönlichkeiten sind der Ansicht, daß im Hinblick auf die Unmöglichkeit, vor dem Winter eine wesentliche Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse zu erzielen, überall dort, wo die Gegensätze zwischen rechts- und linksgerichteten Kreisen besonders hart aufeinanderstoßen, in den nächsten Wochen mit der Möglichkeit schwerer, eventuell auch blutiger Auseinandersetzungen, unter denen zweifellos auch die jüdische Bevölkerung leiden würde, gerechnet werden müsse. Allerdings bietet die Haltung der Reichsregierung, der preußischen Regierung und aller übrigen deutschen Länderregierungen, die, wie aus ihren eigenen Aeußerungen und aus den Eindrücken, die Vertreter des Zentralvereins aus ihren Unterhandlungen mit den verschiedenen behördlichen Stellen gewonnen haben, zu ersehen ist, durchaus entschlossen sind, die Machtmittel der staatlichen Exekutive zum Schutz der jüdischen Bürger einzusetzen, eine Gewähr dafür, daß weil wir jeden dieser Ausgetretenen dringend für unser Volk brauchen, sondern weil wir der Ansicht sind, daß zumindest gesellschaftlicher Boykott diese häßliche Bewegung unter Juden in dieser ernsten Zeit eindämmen kann. Wir weisen schon jetzt mit vollstem Bewußtsein den üblichen Vorwurf der Intoleranz oder Rückschrittlichkeit zurück. Judentum ist keine Religionsangelegenheit, der Kampf für die Erhaltung des Judentums ist auch keine chauvinistische, nationalistische Tätigkeit, sondern nur ein Kampf um Ehre und Recht. Wer da fahnenflüchtig wird, in den Rücken fällt und feige abseits steht, der soll sich dessen bewußt sein, daß er keinen Anspruch auf gesellschaftliche Gleichberechtigung hat. Bruno Rabinowicz. lösen, international diskutiert werden. Die Schuld treffe diejenigen, die die Exzesse herbeigeführt haben. Hans Klee gab der Genugtuung der jüdischen Delegierten über das Eintreten der deutschen Delegation für Verständigung Ausdruck, meinte jedoch, daß die Verständigungsarbeit nicht unter Ausschaltung des I. S. S. den einzelnen Ländern überlassen werden soll. Der bekannte holländische Slawist Professor Van Wijk- Leiden wandte sich gegen Protestkundgebungen und trat für eine Annäherung innerhalb der Länder ein. An der Verständigungsaktion müßten auch die Professoren teilnehmen. Er selbst werde sich vor allem in Polen, wo er über viele Beziehungen verfüge, für diese Annäherung einsetzen. Doktor Kotschnigg erklärte, die Arbeit müsse auf nationaler Basis geführt werden, ohne daß sich die Länder voreinander abschließen. Der jüdische Delegierte Alexander Teich- Wien betonte, bei den Berichten über die Exzesse an den Hochschulen habe es sich nicht um Proteste gehandelt; es habe vielmehr zum Ausdruck gebracht werden sollen, daß man Ausschreitungen nicht für Selbstverständlichkeiten halte und sie nicht ruhig hinnehmen wolle, ln der Debatte habe man sich hauptsächlich mit Deutschland befaßt. Die Feststellungen der jüdischen Delegation hätten sich aber ebenso auch auf Oesterreich, Polen und andere Länder bezogen. Die Kommission übermittelte schließlich dem * I^lenum folgenden Antrag der jüdischen Delegation: «Die XI. Konferenz des I. S. S. stellt mit Bedauern fest, daß ungeachtet des Beschlusses von Nyon, durch welchen Gewalttat und Beschimpfung aus dem hochschulpolitischen Kampfe verbannt werden sollten, sich erneut schwere Exzesse gegen jüdische Studierende an den Hochschulen verschiedener Länder ereignet haben. Die Konferenz erwartet, daß von nun an durch die Studentenschaften, deren Vertreter diesen Beschlüssen beigestimmt haben, die darin enthaltenen Grundsätze restlos verwirklicht werden.?' Vorschlag auf Einberufung einer jüdisch-arabischen Studentenkonferenz Die jüdische Delegation auf dem XI. Internationalen Kongreß des Weltstudentenwerkes hat einen Vorschlag auf Einberufung einer jüdisch-arabischen Studentenkonferenz nach dem Muster der von dem I. S. S. bereits einberufenen deutschfranzösischen und balkanischen Verständigungskonferenzen eingebracht. Die jüdisch-arabische Studen tenkonferenz soll die Frage des Zusammenlebens der jüdischen und arabischen studierenden Jugend, vor allem an der Hebräischen Universität in Jerusalem, erörtern und eine Verbesserung der Beziehungen zwischen diesen beiden Völkern anbahnen. judenfeindliche Ausschreitungen, wenn solche da oder dort versucht werden sollten, keinen bedrohlichen Umfang annehmen können. Es ist anzunehmen, daß die sich häufenden Angriffe auf jüdisches Leben und Eigentum auf das planmäßige Vorgehen einer nationalsozialistischen Geheimorganisation zurückzuführen sind. Die offizielle Leitung der Nationalsozialistischen Partei steht diesen Anschlägen scheinbar fern. Ob mit einer Fortsetzung der Serie antisemitischer Ueberfälle in nächster Zeit zu rechnen ist, läßt sich in diesem Augenblick schwer sagen. Gewisse Anzeichen deuten darauf hin, daß jetzt ein gewisser Stillstand in dieser Bewegung eintreten wird. Der nationalsozialistische Führer Hauptmann Göring hat am 4. August in einigen Ministerien vorgesprochen. Es verlautet, daß er namens der Nationalsozialistischen Partei gewisse Garantien für die Beobachtung von Ruhe und Ordnung durch die Nationalsozialisten in nächster Zeit gegeben hat. und nicht unter einem Druck der Regierung vor sich gegangen sind. Insbesondere in Transylvanien und der Bukowina haben sich Führer der Regierungspartei der Jüdischen Partei gegenüber verständnisvoll verhalten. Dagegen zitierte Dep. Landau eine Reihe von Mißbräuchen im Regat und in Bessarabien, wo lokale Agenten und untergeordnete Beamten, hie und da sogar Präfekten oder Polizeiquästoren den jüdischen Kandidaten und Wählern Schwierigkeiten bereiteten. In Orhei würde versucht, die Aufstellung der jüdischen Kandidatenliste zu verhindern. Dep. Landau verlangt, daß die Reierung alle von ihm angeführten Fälle untersuche und die estrafung der Schuldigen veranlasse. Die hebräische föduegimg (Redigiert vom Waad der Histadruth Ivrith.) Die Plenarsitzung des Weltrates der «Brith Ivrith Olamith» am 13. September in Berlin. Das Zentralkomitee der B. I. O. in Berlin hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, für den 13. September d. J. eine Plenarsitzung des Weltrates mit Beteiligung der Vertreter und Vertrauensmänner sämtlicher Snifim der B. I. 0. einzuberufen. Auf die Tagesordnung wurden folgende Punkte gesetzt: 1. Tätigkeitsbericht des Zentralkomitees des B. I. 0. 2. Berioht über den Stand der hebräischen Bewegung (durch die Vertreter der Länder). 3. Die Keren Hatarbuth-Aktion für das Jahr 5693. 4. Die Sela-Aktion für das Jahr 5692. 5. Die Einberufung des ersten hebräischen Weltkongresses im Jahre 5693. (Bestimmung von Zeit und Ort sowie Festsetzung der Tagesordnung.) 6. Zusammenstellung von Delegationen m die verschiedenen Länder. 7. Verschiedenes. Ursprünglich war geplant, die Moazah nach Wien einzuberufen, da aber viele Mitglieder des Z. K. in Berlin ansässig sind und die Moazah-Mitglieder aus Polen, Litauen usw. nach Berlin näher haben, wurde in der letzten Z. K.- Sitzung Berlin als der günstigere geographische Punkt gewählt. Selbstverständlich wird sich der Snif ln Oesterreich durch einige seiner Delegierten an dieser Moazah beteiligen. Der Bericht der ersten hebr. Weltkonferenz in Berlin. Im Verlag der B. I. O. ist soeben der stenographische Bericht der ersten hebräischen Weltkonferenz (21. Juni 1931) in Berlin erschienen Die Broschüre (hebräisch) ist 77 Seiten stark und ist zum Preise von einem Schilling im Sekretariat der Histadruth Ivrith zu erhalten. Soeben erschien die Doppelnummer 4—5 der «Mitteilungen der Brith Ivrith Olamith», die einen Bericht der Tätigkeit der Snifim in 17 Ländern, darunter einen großen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit des Wiener Snif enthält. Wir werden noch auf diesen Bericht zurückkommen. Vom Sommerlager des Verbandes zion, Mittelschüler in Hvar, Jugoslawien Nach stundenlanger Fahrt durch die Steinwüsten des Karst erscheint plötzlich ein schmaler blauer Streifen: das Meer. Für alle ein unvergängliches Erlebnis. Zwei Stunden Schiffahrt und Hvar liegt vor uns. Hvar, das heißt Zypressen und Palmen und südliche, freudenspendende Sonne. Von weitem grüßt uns die Burgruine, über dem Städtchen gelagert und es beherrschend — unsere Burg, auf der wir sechs Wochen in wahrer Gemeinschaft verbringen wollen. Für Hvar bedeutet unser Lager ein Ereignis. Die Zeitungen melden unsere Ankunft, die Lagereröffnung, kurz jedes Ereignis in unserem Lager. Die Burg ist derart geräumig, daß für alle 130 Chawerims bequem Platz ist und die Söller, Terrassen und Zinnen geben den Jüngeren wollkommene Gelegenheit zu den verschiedensten Spielen und die Aeltern lesen und sonnen' sich auf den Türmen und Plattformen der Burg. Vormittags und nachmittags steigen wir nach Hvar hinab, um in unserem eigenen Bade zu schwimmen und zu spielen. Das SchVimmen im Meer ist ein unerschöpfliches Vergnügen für alle und unser Schwimmdienst hat auch größte Mühe, die Leute aus dem erfrischenden Naß ans Land zu bringen. Abends. Nach dem Essen im Speisesaal versammelt sich alles auf dem Turme. Ueber uns das dunkle Blau des südlichen Himmels, mit den Millionen von Sternen. Unter uns liegt Hvar. Zerstreute Lichter lassen einzelne Gebäude in der Tiefe erkennen. Ab und zu fällt auch ein Lichtstreifen auf den Hafen, dann leuchten die Segel der Fischerboote magisch auf und spiegeln sich im Meere. Eine leichte Brise läßt die Blätter der Palmen erzittern. — Und am Turme sitzen junge jüdische Menschen und singen Lieder, Lieder der Sehnsucht nach unserer Heimat, wo gleichfalls der Wind Palmblätter wiegt, wo es glückliche, zufriedene Menschen gibt. Und der Wind trägt uns das dumpfe Rauschen des Meeres zu und wir singen — singen bis in die späte Nacht. Er. Wo. Autobus-Reisen durch jüdische Zentren ln Oesterreich und Nachbarstaaten Die «Stimme» veranstaltet demnächst gemeinsam mit der «Pag» R. g. m. b. H. (III., Landstraßer Gürtel 9, U-19-2-25) Autobus-Gesellschaftsreisen durch jüdische Zentren. Die Führung liegt in den Händen eines bewährten Fachhistorikers. Außerdem finden ermäßigte Schülerreisen statt. Die erste Reise für Schüler am 25. August in das Burgenland (Eisenstadt) Preis S 5.80 (mit ritueller Verpflegung S 10.50). Konstituierung des indischen Parlamentskiubs in Rumänien Rede des Deputierten Landau in Überprüfungen Bukarest, 3. August (J. T. A.) Anläßlich der feierlichen Eröffnung des rumänischen Parlaments wurden die Abgeordneten der Jüdischen Partei von führenden rumänischen Parteien begrüßt und zu dem Erfolg der Jüdischen Partei beglückwünscht. In der am 1. August in der rumänischen Kammer für den verstorbenen General Moschoi, einem bekannten rumänischen Heeriührer im Weltkrieg, abgehaltenen Gedenkfeier ergriff namens der jüdischen Abgeordneten Dep. Michael Landau das Wort. Viel beachtet wurde die Tatsache, daß der Alterspräsident der Kammer, der Antisemitenführer A. C. Cuza, der diese Sitzung leitete, zum erstenmal genötigt war, einem jüdischen Abgeordneten in aller Form das Wort der Kammerdebatte Uber die Mandatszu erteilen. Zum Chef der parlamentarischen Fraktion der Jüdischen Partei wurde Dr. Mayer Ebner, zu seinem Stellvertreter Dr. Josef Fischer gewählt. Die ehemaligen Deputierten Dr. Diamant, Dr. Reifer und Dr. Singer bleiben noch weiterhin Mitglieder des parlamentarischen Rates der Jüdischen Partei. Die Sitzungen dieses Rates sollen nach Möglichkeit vom Parteipräsidenten, dem ehemaligen Abgeordneten Dr. Theodor Fischer, geleitet werden. In der Kammersitzung vom 2. August sprach Dep. Michael Landau in der Debatte über die Mandatsüberprüfungen, über die Art, wie die Parlamentswahlen vorgenommen wurden. Er anerkannte, daß die Wahlen im aligemeinn frei Die Judenfrage auf dev Konferenz des Internationalen Weltstudentenwevkes Neue Unruhen in Sichi? - Reichsregierung und Itünderregierungen zum Schulz der Jüdischen Bürger entschlossen