Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1932-08-04 · Heft 239 (4.8.1932) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 239 (4.8.1932)
Date
1932-08-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3053752-3053963-3053993--3069-3058538
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

DIL STIMM t Seite s Hitler und die luden - Aus der Rundfunksendung nach “ Berlin, 31. Juli. (J. T. A.) Im Anschluß an die nach Amerika übertragene Rundfunkansprache des deutschen Reichskanzlers über den neuen Kurs in Deutschland sprach der Berliner Korrespondent der Hearst-Presse, Herr von Wiegand, einige Sätze ins Mikrophon, darunter die folgenden: «Daß Deutschland durch Judenverfolgungen zum Mittelalter zurückkehren würde, glaube ich nicht. Ich habe mit Hitler hierüber viele Male gesprochen. Es ist bemerkenswert, daß er bei seinem Wahlfeldzug, wie mir gesagt wird, selbst nicht ein einziges Mal gegen die Juden losgezogen ist.» Hierzu bemerkt das «Berliner Tageblatt»: Leider wurden diese englisch gesprochenen Sätze nicht ebenso, wie die Ansprache des Herrn von Papen, ins Deutsche übertragen, denn dann hätten die Anhänger Hitlers Gelegenheit gehabt, ihren Führer zu fragen, was er zu dem Versuch sage, den antisemitischen Charakter der Nationalsozialistischen Partei zu bagatellisieren oder gar wegzudisputieren. Die Jüdische Weltkonferenz wird am 14. August in Genf eröffnet Berlin, 1. August. (J. T. A.) Als Tagungsort der auf Initiative des American Jewish Congreß einberufenen jüdischen Weltkonferenz wurde endgültig Genf bestimmt. Dem Wunsch vieler Delegierter entsprechend, wurde in letzter Zeit Zürich als Konferenzort in betracht gezogen, es hat sich jedoch aus verschiedenen Gründen als wünschenswert und notwendig erwiesen, die Konferenz — wie ursprünglich beabsichtigt — nach j Genf einzuberufen. Die erste Sitzung der Konferenz wird am 14. August nachmittags 3 Uhr in der Maison! de Faubourg eröffnet. i Die Tagesordnung der Jüdischen Weltkonferenz umfaßt drei Punkte: 1. Berichte und Erörterung der Lage des jüdischen Volkes in den verschiedenen Ländern und Diskussion über zu ergreifende Maßnahmen zur Sicherung der jüdischen Rechte und Positionen. Für die wichtigsten Länder: Nordamerika, Rumänien, Deutschland, Sowjetrußland und Palästina werden Spezialreferenten über die Lage berichten; für die übrigen Länder werden die jeweiligen Delegationen die Referenten bestimmen. 2. Referat und Diskussion über die von Professor Guido Vcdeschi angeregte internationale Konvention zur Dinaniierung des Antisemitismus. 3. Frage der eventuellen Einberufung und Vorbereitung des jüdischen Weltkongresses. Das Referat wird Dr. Stephen S. Wise, der Ehrenpräsident des American Jewish CongresS, halten. Das Bureau der Konferenz wird ab 12. August funktionier^/. Für das Bureau bestimmte Zuschriften sind an T.r. Mn hum Goldmann, Genf, Hiol Viktoria, zu richte.*.. Mussolinis Verachtung des Antisemitismus «Berliner Tageblatt» zur Ernennung des neuen italienischen Finanzministers Berlin. In einer Betrachtung des «Berliner Tageblatt» über die Zusammensetzung des neuen italienischen Kabinetts wird es als erschütternde Ironie bezeichnet, daß ein diktatorisches Regime seine Arbeiterfreundlichkeit im gleichen Moment stärker betont, in dem die Republik Deutschland sich die reaktionärsten Männer und Methoden bieten lassen müsse. Aehnliche Empfindungen — heißt es in dem Artikel weiter — muß es erwecken, daß gerade jetzt der Begründer und Meister des Faschismus sich zum Finanzminister den Juden Guido Jung wählt... Seine spöttische Verachtung des Antisemitismus hat Mussolini auch sonst bewiesen. Ein jüdischer General vertritt als Kommandant von Sardinien die oberste militärische Befehlsgewalt. Das bulgarische Judentum und die jüdische Weltkonferenz Softe. Das Zentralkonsistorium des bulgarischen Judentums hat sich in seiner letzen Sitzung mit der Frage seiner eventuellen Beteiligung an der bevorstehenden jüdischen Weltkonferenz, zu der es als offizielle Repräsentanz der bulgarischen Judenheit eingeladen wurde, befaßt. Obwohl von den Mitgliedern des Konsistoriums zum Ausdruck gebracht wurde, daß eine Beteiligung dieser Körperschaft an der Weltkonferenz sehr angezeigt wäre wurde int Hinblick auf die schwierige materielle Lage der Organisation des bulgarischen Judentums beschlossen, zur Weltkonferenz Neu renoviert JMlilkSli Dl. Ellen II., Untere Augartenstraße Nr. 13 (Eingang, II., Förstergasse Nr. 7) Vegetarische und diätetische Speisen, volkstümliche Preise, bis 12 Uhr nachts offen Samstag geschlossen keine eigenen Delegierten zu entsenden, sondern den Vertreter des Pariser Comitö des D61egations Juives, Herrn Dr. Victor Jacobsohn, zu ersuchen, in der Konferenz ein Memorandum des Zentralkonsistoriums zu verlesen. Das Zentralkonsistorium behält sich vor, für den geplanten Weltkongreß, an den sich das bulgarische Judentum anschließen will, eigene Vertreter zu nominieren. 70. Geburtstag des Oberrabbiners von Amsterdam Dieser Tage feierte der Oberrabbiner von Amsterdam Abraham Samson Onderwijzer seinen 70. Geburtstag. Oberrabbiner Onderwijzer wurde in Muiden bei Amsterdam geboren, im Alter von 26 Jahren zum Rabbiner der aschkenasischen Gemeinde Amsterdam bestellt und 1919 als Nachfolger des verstorbenen Dr. Joseph Hirsch Duenner zum Oberrabbiner von Amsterdam gewählt. Er hat u. a. den Pentateuch und Rasch! ins Holländische übertragen. Oberrabbiner Onderwijzer ist Gründer der Bezalel- Organisation von Amsterdam, die sich die Sorge um die religiöse und wirtschaftliche Wohlfahrt der jüdischen Handwerker und Handlungsgehilfen zur Aufgabe gemacht hat. Im Jahre 1928 war Oberrabbiner Onderwijzer anläßlich seines 40jährigen Dienstjubiläums Gegenstand großer Ehrungen seitens der holländischen Judenheit. Seinem damals geäußerten Wunsche entsprechend wurde von der Veranstaltung von Festlichkeiten anläßlich seines 70. Geburtstages abgesehen. Körperte! .u.on. Im April 1891 reist er sogar nach Wien und legt seinen Plan der damals in Emigrationsangelegenheiten noch führenden «Israelitischen Allianz» vor. Die maßgebenden Persönlichkeiten der «Israelitischen Allianz» nahmen sein Projekt nicht ernst und erblickten in ihm nur einen romantischen Abenteurer. In einem diesbezüglichen Schreiben wird aber der Kolonisationsplan mit der Begründung abgelehnt, daß es gegen ihre Statuten sei, sein Projekt zu unterstützen. B) Aehnliche ablehnende Antworten erhielt er auch von den übrigen jüdischen Organisationen. Er versuchte auch, Baron Hirsch für seine Pläne zu gewinnen, — aber vergeblich, Hirsch steckte bereits ganz in seinem Argentinien-Unternehmen, von dem er die fast alleinige Rettung der russischen Juden erhoffte. Alle diese Absagen entmutigten aber keinesfalls Fried mann. Dessenungeachtet will er die Hüte der deutschen Regierung anrufen. Am 18. August 1891 übermittelte er dem Reichskanzleramt eine ausführliche Eingabe, in der er seine Ideen entwickelte.n) In dieser erzählt er, daß er im Winter 1890 in Madjnn geweilt habe. Da er nie Absicht habe, dieses Gebiet neuerlich aufzusuchen, habe er ein kleines Dampfschiff unter österreichischer Flagge ausgerüstet. Als seine Begleiter nennt er den früheren preußischen Offizier Lothar von Scebacli, einen schottischen Privatsekretär, einen rumänischen Landwirt und eine Anzahl russischer und polnischer Juden, mit ueren Hilfe er das Land gründlich erforschen will, ob es sich etwa zur Ansiedlung russischer und polnischer Juden eignen würde, um sodann dort den Versuch einer größeren Ansiedlung zu machen. Obwohl es ihm klar war, daß die deutsche Regierung ihn und sein Unternehmen nicht direkt zu unterstützen ln der Lage *) «Neue Freie Presse», 1891, Nr. 9878 vom 24. Februar. •) Prinz Ratibor übermittelte am 15. Oktober 1891 dem österreichisch-ungarischen Außenministerium einen Auszug (W. St. A. Türkei XVIII, P. A. XII, 238). ist, so hofft er doch, «all jener kleinen Hilfen» teilhaftig zu werden, die zur Erleichterung seiner Aufgabe wesentlich beitragen könnten. In dieser Eingabe betonte Friedmann ausdrücklich, daß er nichts Böses gegen die Türkei im Schilde führe, ferner versicherte er, daß er sowohl beim englischen Disponenten in Aegypten, Majal Evelyn Baring,7) als auch bei verschiedenen maßgebenden Persönlichkeiten in London, wie bei Godley, dem Unterstaatssekretär für Indien, mit seinem Projekte Wohlwollen und Anklang gefunden habe. Er habe auch in Oesterreich, das für ihn als Emigrantenreservoir in Betracht komme, mit dem Feldzeugmeister Bauer Fühlung genommen und dessen Förderung in Aussicht bekommen. Noch lange vor dieser Eingabe, während seiner Verhandlungen mit jüdischen Organisationen, weilte Friedmann auf seiner Rückreise aus Midjan in Aegypten, wo er mit dein deutschen Generalkonsul und Riaz Pascha längere Unterredungen hatte.8) Er informierte sie über Madjan und bat um ihre Unterstützung. Beide lehnten sein Ansinnen ab, Riaz Pascha gab ihm sogar recht deutlich zu verstehen, daß die ägyptische Regierung keineswegs geneigt sei, ihre Zustimmung zu geben, geschweige denn, ihre Unterstützung zu gewähren! Hierauf erklärte Friedmann, daß er die Sache auch gegen den Willen der ägyptischen Regierung ausführen werde, denn «die Autorität derselben bezüglich des in Rede stehenden Territoriums sei eine rein nominelle, die eigentlichen Herren der Landschaft seien die Beduinenstämme, vor welchen die ägyptische Regierung eine nicht geringe Scheu habe, die jedoch der geplanten Ansiedlung, für welche die Gegend genügende Ressourcen biete, wie er an Ort und Stelle sich versichert habe, nicht hindernd in den Weg treten würden». 7) Englischer Finanzkommissär der später als Lord Cromer 26 Jahre (1881—1907) die Geschicke Aegyptens leitete. 8) W. St. A. Türkei XVIII, P. A. XII,?38. Notiz vom 8. Februar »891. RIchard-Wagner-Denkmal mit Hakenkreuz Prag. Der Dresdner Bildhauer Prof. W. Guhr hatte von der Staut Teplitz-Schönau den Auftrag auf ein Denkmal Richard Wagners erhalten, der 1842 in Teplitz weilte und dort den ersten Akt des «Tannhäuser» schrieb. Nachdem der Entwurf bereits vom Stadtrat genehmigt worden war, änderte ihn Prof. Guhr ohne Verständigung der Stadt in der Weise, daß er in den wallenden Mantel Wagners am Rücken ein Hakenkreuz einmeißelte. Die Stadtvertretung von Teplitz-Schönau lehnt nunmehr die Uebernahme dieses Kunstwerkes ab. Jüdische Probleme auf dem XI. Kongreß des International Student Service Brünn. Am 27. Juli wurde hier der 11. Weltkongreß des «International Student Service» eröffnet, an welchem mehr als 100 Delegierte aus allen Teilen Europas sowie amerikanische, indische und chinesische Vertreter teilnehmen. Als Vertreter der Jüdischen Studentenschaft nehmen Alexander Teich (Wien), Mitglied der Exekutive des International Student Service, und Referendar Hans Klee (Berlin), als Vertreter des Verbandes der jüdischen Verbindungen Polens Henryk Tulcyn (Warschau) teil. Ferner haben sich der jüdischen Delegation angeschlossen der Vertreter der tschechoslowakischen Studentenschaft Dr. Otto Pollak- Cohen (London) und Goldsmdth (Dänemark). Die Konferenz wird eine spezielle Kommission zur Behandlung jüdischer Fragen einsetzen. Die jüdischen Vertreter traten am 28. Juli zu einer Beratung über ein gemeinsames Vorgehen zusammen. Im Bericht der Verbandsleitung an den Kongreß wird darauf hingewiesen, daß die Arbeiten der Organisation in bezug auf das jüdische Problem an den Universitäten seilt der Konferenz von Nyon einen Fortschritt erfahren haben, indem die Delegierten, die an dieser Konferenz teilgenommen haben, in ständigem Kontakt untereinander verblieben. Der Generalsekretär des Verbandes erhielt einen Urlaub, um seine Arbeiten zur Herausgabe eines Buches über das jüdische Problem an den Universitäten zu beschleunigen. . Eine Vorherrschaft der Nationalsozialisten — Deutschlands Grabinschrift Die englische Presse über die hitlerlstische Judenhetze «Daily Expreß», ein Blatt, das früher mit der Hitler- Bewegung sympathisierte, bringt in seiner letzten Nummer einen «Perish Juden» (Juda verrecke) überschriebenen Leitartikel, in dem es heißt: «Die antijüdische Kampagne der Hitleristen erhebt sich nun zu einem Crescendo blinder Wut. Jüdische Geschäfte* leute und Handwerker werden boykottiert, jüdische Arbeiter werden hingeopfert, jüdische Bürger verdroschen und jüdisches Eigentum sabotiert. Der Hitlerismus ist im Verlaufe seiner Gewalttaten ein Moloch für die Juden geworden. Welchem Zweck kann diese wilde Verfolgung dienen? Deutschland schreit nach einer Politik, die es retten soll, nicht nach einem Pogrom. Juda verrecke! ist das Schlagwort der Hitlerianer. Erringen sie die Vorherrschaft, dann wird es die Grabinschrift Deutschlands sein.» «Daily Telegraph» veröffentlicht einen Leitartikel seines Berliner Sonderberichterstatters P. Gordon Walker, in dem konstatiert wird, daß wilder Neid den Juden gegenüber stets ein Zeichen wirtschaftlicher Depression in Europa war- ■** Die rechtsstehenden Parteien bezeichnen die Juden mit einem— zum Teil aus der Vergangenheit übernommenen hysterischen Haß als Feinde des Landes. Unter der Devise des in den Programmen der rechtsstehenden Parteien betonten Christentums sollen gleichzeitig Juden und marxistische Sozialisten, die Atheisten sind oder zumindest als solche gelten, ausgeschaltet werden. Der durchschnittliche Nazi erwartet von Hitlers «Drittem Reich» die Beseitigung von Arbeitslosigkeit und Steuern. Wie soll dies erreicht werden? Hauptsächlich durch Nichtanerkennung der Schulden, Enteignung der Juden und Autarkie. Der Artikel wendet sich gegen die Brutalität der nationalsozialistischen Taktik, für die als Beispiel angeführt wird, daß in einer Weinhalle ein Mann, der ein christliches Mädchen, das sich dort mit einem Juden befunden hatte, niederschlug, mit Heilrufen begrüß'! ” urde. " . I I AUS1-"-'■ ■ ■..!■■»!»■'■JS. '» .—■ Friedmann gab keinesfalls sein Spiel auf. Hatte Aegypten sich klipp und klar gegen seinen Plan gestellt, dann wollte er in Konstantinopel Fühler ausstrecken und mit türkischer Hilfe seine Sache führen. Im Wiener Außenministerium hatte er einen Bekannten, den Sektionschef Graf Welsheimer. Den wollte er nun um Empfehlungen bitten. In der Tat richtete auch Graf Welsheimer am 24. Oktober 1891 ein längeres Schreiben8) an den Legationsrat in der österreichisch-ungarischen Botschaft in Konstantinopel, Freiherrn von Coli, in dem er ihn in kurzen Strichen über Friedmanns Projekt informierte und mitteilte, daß letzterer sich demnächst nach Konstantinopel begebe. Da er befürchtet, daß die türkische Regierung sein Projekt mit den Unternehmungen des Baron Hirsch in Zusammenhang bringen und ihm aus diesem Grunde Hindernisse in den Weg legen könnte, wäre ihm eine diesbezügliche informative Aufklärung an den maßgebenden Stellen erwünscht. Friedmann verfolge nämlich ein eigenes Unternehmen und stehe mit Baron Hirsch, «dessen persönlicher Antagonist er zu sein behauptet, in keinen wie immer gearteten Beziehungen». Da eine offizielle Unterstützung seines Projektes durch die Regierung ausgeschlossen sei, bitte er Freiherrn von Coli privatim, ihm, soweit sich ihm dazu Gelegenheit biete, «im Gespräche mit diesem oder jenem ottomanischen Funktionär der Wahrheit gemäß zu bezeugen, daß sein Projekt, wie schon erwähnt, mit dem Unternehmen des Baron Hirsch n i c h t im Zusammenhang steht». Mit Zustimmung des Außenministers empfehle Graf Wellsheimer, ihm, Friedmann, über den nichts Nachteiliges bekannt ist und von dem wohl angenommen werden darf, daß er «mit seinem philantropischen Plan» keine unsauberen Nebenabsichten verbindet, an die Hand zu geben. Auf diese Empfehlung allein gestützt, begab Paul Friedmann nach Konstantinopel. •) W. St. A. Türkei XVIII, P. A. XII. 238. 3602

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.