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Die Stimme · 1932-08-04 · Heft 239 (4.8.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 239 (4.8.1932)
Date
1932-08-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 239 — 4. August 1932 DIE STIMME Sette S Die jüdischen Kriegsteilnehmer Oesterreichs protestieren gegen die 3udenheixe Zum Tode Seipels | Der ehemalige Bundeskanzler Seipel ist am 2. Auj gust 1932 gestorben. Mit ihm verliert Oesterreich eine überragende Persönlichkeit. Das müssen ihm auch seine Feinde nachsagen. Uns interessiert hier Seipels Stellung zum Judentum. Im christiichsozialen Parteiprogramm gibt es einen Punkt, der heißt: «Kampf gegen den zersetzenden Einfluß des Judentums.» Das hinderte die Christlichsozialen aber nicht, bei jüdischen Bankiers für ihren Wahifonds zu schnorren; und Seipels Partei, unter deren Regime kein Jude eine Staatsanstellung erhalten konnte, revanchierte sich bei den Juden, die sogar vielfach Seipel gewählt hatten, mit der Aufnahme der Heimwehrführer Starhemberg und Hueber in die Regierung. Es wird nun unsere Leser interessieren, wie Seipel über die Judenfrage dachte. Da schrieb ihm einmal ein jüdischer Schnorrer einen Brief, jammerte über den Zusammenbruch der Credlt-Anstalt, über die Prügeleien an den Universitäten und teilte so nebenbei mit, «r sei krank und habe kein Geld für eine Kur. Was tat Seipel? Er schickte dem Mann 60 S — sicher ein schöner Zug Seipels — und schrieb ihm folgenden Brief: Wien, 6. Juli 1931. Sehr geehrter Herr! Vor allem wünsche ich Ihnen einen guten Erfolg der Kur. Dazu gehört vor allem, daß Sie sich von allen Auf. regungen über Zustände, die Sie nicht persönlich betreffen. femhalten. Die Vorkommnisse, über die Sie sich in Ihrem Briefe vom 29. v. M. beklagt haben, sind sicher unerfreulich. Ich sehe, daß e« hier in Wien doch noch viel besser ist als in den Provinzstädten, aber so war es auch schon in der Monarchie immer. Was für greuliche Skandale gab es nicht fortgesetzt an der Grazer Universität, wo immer wieder die katholischen Studenten verprügelt wurden. In Wien gab es auch alle Jahre solche Exzesse! Jedes Jahr wurde das Steingeländer an der Rampe der Universität heruntergebrochen, bis man Eisenschienen ein. zog. Aber so wie in Graz (und auch in Innsbruck) ging es nicht her. Auch sonst gelang es in der Zeit der Monarchie nicht, die schlimmsten Exzesse zu verhindern. Ich selbst erinnere mich, wie in Wien vom Mob unter sozialdemokratischer Führung die Straßenlaternen zertrümmert und die Tramwaywagen umgestürzt wurden. Natürlich ist die Demokratie noch schwächer, denn es ist klar, daß sie, die selbst auf dem Weg der Revolution entstanden ist, gegen andere Revolutionen eigentlich tole. rant sein müßte. Der Unterschied besteht wohl nur darin, daß damals wir Katholiken uns prügeln lassen mußten und die ganze jüdische Presse auf Seite der Exzedenten stand. Natürlich kann das kein Bestandteil der ewigen Wekordnung sein, daß wir geprügelt werden und die Juden hinter jeder Revolution stehen. Von Zeit zu Zeit schlägt es auch um. Es ist zu beklagen, muß aber vom Standpunkt höherer Gerechtigkeit mit philosophischem Gleichmut ertragen werden. Natürlich werden dadurch die Schwächen der Demokratie erst recht offenbar. Mit vielen schönen Grüßen Ihr ergebener Seipel. Dieser Brief zeigt Seipels Haß gegen die Sozialdemokratie. Für Seipel waren entgegen den faktischen Verhältnissen die Begriffe «Jude» und «Sozialdemokrat» identisch. Dieser Brief entstellt aber auch historische Geschehnisse. Es ist nicht wahr, daß die Juden in der Vorkriegszeit bei den Universitätsskandalen «auf Seite der Exzedenten» standen. Damals gab es Prügeleien an der Universität zwischen Christlichsozialen und Deutschnationalen, weil es letztere nicht dulden wollten, daß die Christiichsozialen «in Wichs» aufzogen. Die jüdischnationale Studentenschaft hat sich nie in diesen Streit gemengt. Das wußte auch Seipel, aber er brauchte eine Begründung für den ungeheuerlichen Schluß seines Briefes. Und deswegen billigte er die Judenprügeleien an der Universität. Nene Anmeldungen zur Jüdischen Weltkonferenz Berlin. Wie der J. T. A. vom Leiter der Vorbereitungsarbeiten für die vom American Jewish Congress einberufene Weltkonferenz, die am 14. August eröffnet werden soll, mitgeteilt wird, haben in den letzten Tagen die zionistische Arbeiterpartei Hitachduth, die jüdischen Gemeinden Westgaliziens, vertreten durch den Präsidenten der Krakauer jüdischen Gemeinde, Dr. Raphael Landau, und die Jüdische Gemeinde Wilna, vertreten durch Oberrabbiner Senator Rubinstein, ihre Beteiligung an dieser Konferenz angemeldet. Ferner liegt ein Beschluß zur Teilnahme von der Jüdischen Gemeinde Antwerpens vor. Gegen Auswüchse der nationalsozialistischen Agitation in Danzig Danzig. Der Präsident des Danziger Central-Vereins, der ehemalige Senator Dr. Kamnitzer, besuchte den Leiter des Dezernats für innere Angelegenheiten, Senator Hinz, um von ihm im Hinblick darauf, daß in dem von den Nationalsozialisten vor kurzem veranstalteten Demonstrationszug Transparente mit der Aufschrift «Tod den Juden» mitgeführt wurden, Maßnahmen gegen die nationalsozialistische Judenhetze zu verlangen. * * Am 28. d. fand im Festsaale des Hotel Continental die erste öffentliche Versammlung des «Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs» unter dem Ehrenvorsitz des Herrn Generals Emil Sommer und im Beisein des Präsidiums der Israelitischen Kultusgemeinde unter Führung der Hrn. Präsidenten Generaloberstabsarzt Univ. Prof. Dr. Alois Pick und Vizepräsidenten Dr. Josef Löwenherz statt. Die Versammlung war so stark besucht, daß die Polizei vielen Hunderten von Teilnehmern wegen Ueberfüilung des Saales den Einlaß verwehren mußte. Diese erste öffentliche Zusammenkunft der jüdischen Frontsoldaten Oesterreichs gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung der Wiener Judenschaft, sich nicht länger von den Nationalsozialisten widerspruchslos beschimpfen und tätlich attackieren zu lassen. Der Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs, in dessen Reihen ausschließlich ehemalige Frontkämpfer stehen, die auch mit hohen Kriegsdekorationen und Tapferkeitsmedaillen aller Grade ausgezeichnet sind, hat vor allem die Aufgabe, gegenüber den bewußt falschen Ausstreuungen aus dem gegnerischen Lager darzutun, daß die Juden ihre Pflicht für das Vaterland in gleichem Maße wie die nichtjüdische Bevölkerung treu erfüllt haben, im Kriege und im Frieden. Die Juden fordern von der staatlichen Exekutive Schutz ihrer Rechte als gleichberechtigte Bürger der österreichischen Heimat, mit deren Es gibt Menschen, die für ihr Leben gern Statistik betreiben. So kam ein gewisser Howard F. Barker auf die Idee, statistisch festzustellen, ob es in New York mehr Menschen mit dem Namen Cohen oder mit dem Namen Smith gäbe. Nach angestrengten Untersuchungen kam nun Howard F. Barker zum Resultat, daß die New Yorker Cohen und Smith sich so ziemlich die Waagschale halten. Die Miller kommen an dritter Stelle, die Friedmann, Levy, Goldberg und Goldstein rangieren an siebenter, achter, neunter und zehnter Stelle. Im jüdischen Stadtviertel Broux hingegen ist der Name Cohen am verbreitetsten, ebenso in Brooklyn. In Brooklyn rangieren die Smith an zweiter Stelle, in Beh. konz. Realbüro INS. N. MUHLBAUER Kauf und Verkauf von Realitäten, Hypotheken I., II. und III. Sätze, Bau- und Zwischenkredite, Gebäudeverwaltung Büro: 2., Leopoldsgasse 26 Tel. A-49-2-47 Wohnung: 2., Vorgartenstr. 150, Tel. R-41-8-88 Broux an vierter Stelle. Bei statistischer Erfassung ganz Nordamerikas ergibt sich, daß die Smith an erster Stelle stehen, die Johnsons an zweiter Stelle. Sorgen muß dieser Howard F. Barker haben! * In «The Detroit Jewish Chronicle» lesen wir von einem braven Manne, der wirklich eine schwere Sorge hatte. Er war vor 42 Jahren aus Warschau nach Nordamerika ausgewandert und hatte sich schlecht und recht fortgebracht. Aber ein Sorge drückte ihn am meisten. Er war in Warschau einem Geschäftsfreund 80 Rubel schuldig geblieben. Er sparte und hungerte, bis er sich 50 Dollars erspart hatte. Er wendete sich durch Vermittlung der «Hias» nach Warschau und brachte in Erfahrung, daß sein Gläubiger schon vor Jahren gestorben sei, daß aber die 50 Dollar an die Erben des Gläubigers ausbezahlt worden seien. Als der brave Schuldner das hörte, sagte er: «Jetzt werde ich ruhig sterben können.» * Wißt Ihr schon, daß es in Warschau einen Mann gibt, der keine andere Sorge hatte, als an seinem eigenen Begräbnisse teilzunehmen? Der Mann ist ein jüdischer Kaufmann und heißt Malavantschik. Es mußte ihm ein Fuß amputiert werden und er stellte sich auf den Standpunkt, daß nicht nur ein ganzer Leichnam, sondern auch einzelne Körperteile nach den Vorschriften des Ritus beerdigt werden müssen. Malavantschik setzte es durch, daß sein amputierter Fuß einstweilen im Spitale verblieb und als Malavantschik genesen war, begab er sich mit seinen Freunden auf den jüdischen Friedhof und begrub seinen amputierten Fuß unter Wohl und Wehe sie unlösbar verbunden sind, damit sie in Ruhe und Frieden am Wiederaufbau des Vaterlandes mitwirken können. Ex präsidio wurde auf das Nachdrücklichste betont, daß der B. j. F. Oe. eine absolut unpolitische Vereinigung darstellt, der alle Juden ohne Rücksicht auf ihre parteipolitische Einstellung umfaßt. Die Gründung des jüdischen Frontsoldatenbundes hat den Zweck, durch entsprechende Maßnahmen, u. a. auch durch Schaffung eines Selbstschutzes, Angriffen auf den Namen, die Ehre und das Erwerbsleben der Judenschaft Oesterreichs entgegenzutreten. Die von zirka 2000 Personen besuchte Versammlung hat nach einem überaus würdigen Verlaufe, wobei sämtliche Redner aus den verschiedensten politischen Lagern in seltener Einmütigkeit gegen die hemmungslosen, verlogenen Angriffe des Hakenkreuzes Stellung nahmen und für Schaffung des Bundes eintraten — auch der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde begrüßte die Gründung des Bundes — folgende Resolution einstimmig angenommen: «Die heute im Hotel Continental versammelten jüdischen Frontsoldaten und Krieger Oesterreichs protestieren in schärfster Weise gegen die ständige Bedrohung jüdischer Staatsbürger, gegen die fortwährenden Verleumdungen und Beschimpfungen jüdischer Ehre und jüdischen Namens und fordern die staatlichen Behörden auf, dem Gesetze Geltung und den Juden Oesterreichs Ruhe und Frieden zu sichern.» denselben Zeremonien, als wenn der ganze Malavantschik begraben worden wäre. * Man wende nicht ein, daß der in der Balfour- Deklaration ausgesprochene Grundsatz ohne Präjudiz in der Geschichte dastehe. Es gibt ein sehr gewichtiges Präjudiz: die Stellung der Katholiken in allen Ländern der Welt zu Rom. Wer erinnert sich nicht daran, wie die Katholiken, die «Römlinge» in Deutschland in ihrem Patriotismus verdächtigt wurden? Man wende auch nicht ein, daß die Balfour-Deklaration das Produkt einer einmaligen, vielleicht nie wiederkehrenden politischen Situation war. Wir wollen hier nicht über; jftirgn zionistischen Teil polemisieren. Jener Satz der Balfour- Deklaration, der ausspricht, daß durch unsere zionistische Betätigung unseren staatsbürgerlichen Rechten kein Abbruch geschehen darf, entspringt der richtigen Erkenntnis der Situation des jüdischen Volkes. Wir sind loyale Bürger der Staaten, in denen wir leben. Wir sind aber ein landloses Volk und schaffen uns das jüdiSthe Land in Palästina. So wenig aber wie . Rom die Rechte der Katholiken in den verschiedenen protestantischen Ländern beeinträchtigt, so wenig darf und wird Jerusalem es bezüglich der Juden in den verschiedenen Ländern tun. * Sokolow hat kürzlich in seiner Londoner Rede mit Recht hervorgehoben, daß wir darauf dringen müssen, daß das palästinensische Judentum seine Vertretung im Völkerbund erhält. Noch sind wir nicht so weit. Deshalb wird auch die Jüdische Weltkonferenz ihren Wert haben, aber nur dann, wenn sie von dem Fundamentalsatz ausgeht, daß wir e i n Volk sind. In keiner Zeit offenbart sich Herzls Definition der Nation so klar wie jetzt: «Eine historische Gruppe, die durch einen gemeinsamen Feind zusammengehalten wird.» Werden die Männer der jüdischen Weltkonferenz national denken u.i.1 handeln, dann können neue Kräfte geweckt und neue Werte geschaffen werden. Dann ist es gleichgültig, ob die formaljuristischen Argumente gegen die Konferenz richtig sind oder nicht. Die Jüdische Weltkonferenz ist ein Ausdruck des Lebenswillens der jüdischen Nation und wir sehen ihren Ergebnissen mit Spannung entgegen. o. g. * Der Nazi-Graf. Zu der Rede des Landtagsabgeordneten Widmayer, die wir in dieser Rubrik veröffentlicht haben, teilt uns Herr Leopold Kohn, Inhaber der Firma Jakob Kohn, Likörfabrik, Wien-Hütteldorf, Linzer Straße Nr. 348, folgendes mit, was wir zur Richtigstellung offenbar irriger Informationen wiedergeben: Es ist üblich, wenn bei einer Unterhaltung ein Juxbasar abgehalten wird, daß die Liefe, ranten die Materialien dazu gratis beistellen, was auch ich für Frau Marie Fahringer, Mauerbach, wo die Unterhaltung stattgefunden hat, getan habe. Unrichtig jedoch ist, daß ich eine Ehrenkarte erhielt und dafür zahlte, ebenso unrichtig ist, daß ich an diesem Fest am Ehrentisch an der Seite des Herrn Grafen Hardegg gesessen bin, da ich das Lokal m diesem Tage überhaupt nicht betreten habe. — Herr Kohn hat also mit dem Nazi-Grafen nichts zu tun gehabt. Wifki Ihr schon? Zionisten! Gedenket auch während der Ferien des Keren Kajemeth Das jüdische Volk hat Hunger nach Boden!

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