Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 238 (28.7.1932)
- Date
- 1932-07-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE SI ifvuYiE Nr. 238 — 28. J.ili 1932 Israel in Aegypten Prof. Jlehuda bringt den wissenschaftlichen Nachweis der Authentizität der biblischen Berichte London. Am University College zu London fand unter dem Vorsitz des Feldmarschalls Lord Allenby am 18. Juli ein Vortragsabend statt, an dem der be- U: :nte Sprachforscher Prof. A. S. Yehud Yehuda über das Thema «Der Aufenthalt Israels in Aegypten im Lichte von Denkmälern und Sprache» referierte. Der Vortrag fand mit Unterstützung der British School of Egyptian Archeology statt. In seiner Eröffnungsansprache wies Lord Allenby darauf hin, daß Prof. Yehuda vermutlich der erste sei, der die wissenschaftlichen Ergebnisse der Ausgraluingsarbeiten durch den Nachweis ergänzt habe, daß linguistische Bihelforschung die biblischen Berichte bestätigt. Es sei festgestellt worden, daß z. B. die Geschichte \ jr. Joseph, die von vielen bis in die letzte Zeit als Parabel oder Legende betrachtet worden sei, offenbar von Männern geschrieben wurde, die mit dem Gegenstand vertraut waren und die Tatsachen auf Grund eigener Erinnerungen dargestellt haben. Dr. Yehuda führte in seinem Vortrag aus, der Aufenthalt Israels in Aegypten sei von den frühesten Zeiten an als Schlüssel zur Gpschichte Israels betrachdaß die Aegypter eine siebzigtätige Trauer nach Jakob hielten, genau mit den damaligen Gebräuchen bei Einbalsamierung und Trauer im Falle des Ablebens hochgestellter Persönlichkeiten überein. Der gesamte biblische Abschnitt enthalte eine Unmenge von Anzeichen dafür, daß der Autor eine Kenntnis ägyptischer Bräuche und ägyptischer Sprache aus erster Quelle besaß. Jede Entdeckung In Palästina, Syrien, Mesopotamien und Aegypten habe die biblischen Angaben bestätigt und nun werde dieser archäologische Nachweis auch noch durch die Ergebnisse der linguistischen Forschung bestätigt und ergänzt. Sir Flinders Petrie hielt ein Schlußwort, ln dem er dem Vortragenden dankte, und äußerte die Ansicht, daß die Anfänge der Niederschrift der Josephs-ErzähllJUdlsch« MHdchmll ■ i vor der Berufswahl ■ ■ Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäschewarenerzeugung mit öffentlichkeitsrecht SlaatsflWtlgB Xaugnlsta Einjährige Koch- und Hausnaltungsschule mft erweitertem Lehiplan für allgemeine Bildung Dr. Krüger-He m, 2., Malzgasse 7, Tel. A-48-0-77 Internat. Samstag Schulfrei Berufsberatung täglich von 11 bis 12 Uhr lung in der Zelt der Hirtenkönige zu suchen seien. Er stutzte diese Ansicht auf die biblische Angabe, den Aegyptern seien Hirten verhaßt. In der Zeit des Auszugs, zwei Jahrhunderte nach den Hirtenkönigen, sei jede Erwähnung dieses Regimes «Tabu» gewesen. Wißt Ihr schon? tet worden, und der Auszug aus Aegypten sei vom jüdischen Volk stets als der Anfang seines nationalen Seins und seiner religiösen Erlösung gefeiert worden. Das «auserwählte Volk» habe es nicht verschmäht, seine jahrhundertelange Verbundenheit mit einem fremden Lande als die erste und wichtigste Phase seiner Geschichte in Erinnerung zu behalten. Kein Volk könnte eine derartige Episode erfinden. Die Tendenz der modernen Bibelkritik sei jedoch dahin gegangen, die auf die Zeit vor dem Königtum bezüglichen Angaben der Bibel als unhistorisch und unverläßlich außer Acht zu lassen und insbesondere die Erzählungen des Pentatenchs über die Patriarchen, die ganze Periode des Aufenthalts in Aegypten und die Wüstenwanderung, ins Gebiet der Fabel zu verweisen. Auch viele Aegyptologen hätten diesen Gesichtspunkt geteilt und behauptet, der Autor der Erzählungen über Joseph und den Auszug aus Ägypten habe Jahrhunderte nacli dem «angeblichen» Auszug gelebt und keinerlei aus erster Quelle geschöpfte Kenntnis ägyptischer Verhältnisse besessen. Dr. Yehuda legte dar, daß die jüngsten ärchäo!. , 'sehen Entdeckungen diesen Annahmen durchaus widersprechen. Die in Ur von Dr. Wolley vorgen anmenen Ausgrabungen hätten die Richtigkeit der frühen Patriarchengeschichte erwiesen und die Entdeckungen Prof. Garstangs in jerieho hätten gezeigt, daß die bisher von den Kritikern als bloße Legende betrachtete Erzählung des Buches Josua eine wirkliche historische Begebenheit betreffe. Die vergleichende Sprachforschung, führte Doktor Yehuda weiter aus, sei ebenso wie die Archäologie von hoher Bedeutung für den Nachweis des Alters und cier Authentizität der Bibel. Eine linguistische Durchforschung des Pentateuchs weise unmißverständlich auf einen engen Kontakt zwischen Israel und Aegypten hin; der Einfluß des Aegyptischen sei selbst in jenen Teilen des Pentateuchs, die einen assyro-babylonjschen Einfluß zeigen, feststellbar; vollends spiegeln die Erzählungen über Joseph unc! den Auszug in größter Klarheit den Geist der ägyptischen Umwelt wieder und zeigen deutlich Spuren des ägyptischen Einflusses auf die Spraciie. Dr. Yehuda gab einige Beispiele ägyptischer Worte und Satzbildungen in den biblischen Texten, Es gebe eine enge ägyptische Parallele für die Erzählung von Joseph und Potiphars Weib; ferner lasse sich das Gefängnis, in das Joseph geworfen wurde, nach den in der Bibel angebenen Einzelheiten als eine be-r kannte ägyptische Festung, in der politische und andere Schwerverbrecher eingekerkert wurden, identifizieren. An Hand von Abbildungen zeigte Doktor Yehuda, wie genau die biblischen Beschreibungen sind und daß die Erzählung von Pharaos Traum und seine Auslegung durch Joseph einen durchaus ägyptischen Hintergrund und eine außerordentliche Vertrautheit mit ägyptischen Verhältnissen und ägyptischer Ausdrucksweise verraten. Die in der Bibel angeführten Einzelheiten Uber die Joseph erwiesenen Ehrungen stimmen völlig mit ägyptischen Bräuchen überein; ägyptische Grabinschriften beweisen ebenfalls die Genauigkeit der biblischen Erzählung. Auch die Schilderung der Vorbereitungen zur Begattung Josephs verraten eine innige Vertrautheit mit ägyptischen Begräbnisgebräuchen und Begtättungsordnungen. So stimmt die Angabe, daß für das Einbalsamieren des Leichnams 40 Tage erforderlich sind und RESTAURATION 4& in dem berühmten lod* und Schwnfnlbnd Bad Deutsch-Alienburg Sailtnn hat beralta bagonnan - Reelle Bedienung Mäßige Preise — Auch für Diabetiker Inhaber; Rmanual MpschUts Bald nach Kriegsende wurde in Wien ein gewisser Trebitsch-Lincoin verhaftet und ausgewiesen. Er ist das Kind frommer jüdischer Eitern in Ungarn, wanderte nach England aus, wurde dort anglikanischer Priester und Abgeordneter. Wegen Wechselfälschungen verfolgt, floh er nach Amerika. Nach dem Kriege war er am Kapp-Putsch beteiligt. Wißt Ihr schon, wo Trebitsch-Licoln sich derzeit aufhält? Er lebt in China und wurde dort — buddhistischer Mönch. Als in Shanghai kürzlich eine Goodwill Society gegründet wurde, die bessere Beziehungen zwischen den Konfessionen herbei, führen will. Zur größten Verwunderung der anwesenden Religionsvertreter stellte es sich heraus, daß der Vertreter der Buddhisten, der Tzao Kung hieß, niemand anderer war als Trebitsch-Ljncoln. Vielleicht wird er noch Kaiser von China. Wißt Ihr schon, daß es im Fernen Osten viele jüdische Gemeinden gibt? Jm Zusarmnenhang mit der soeben in Siam durchgeführten unblutigen Revolution ist es interessant, zu wissen, daß in der Hauptstadt von Siam, Bangkok, etwa 50 jüdische Familien leben. Sie sind im Bekleidungsfach, als Juweliere. Angestellte in Exportfirmen, als Fabrikanten usw. tätig und im Import und Export des Landes führend. Die auswärtigen diplomatischen Vertretungen und Konsulate bevorzugen Juden als Beamte. Wißt Ihr, wo ein riesiges jüdisches Vermögen in — buddhistische Hände überging? In Schanghai. Dort starb vor zirka 1 Jahr Silas Aaron Hardoon, Er stammte aus dem Irak und erwarb in Schanghai ein phantastisches Vermögen, insbesonders in riesigen Grundstücken bestehend. Er hinterließ sein Vermögen seiner Frau, einer Chinesin, die Buddhistin ist. Ein Verwandter des Verstorbenen, E$ra Hardoon focht das Testament an, weil Silas Hardoon mit der Chinesin nicht legal verheiratet gewesen sei. Das Gericht hat jedoph die Anfechtung abgewiesen. In Amerika gibt es viele jüdische Philanthropen, die in schweren finanziellen Nöten stecken. Wißt ihr schon, wie groß das von dem Philanthropen Julius Rosenwaid binteriassene Vermögen ist? Nach Schätzung des Gerichtes 50,000.000 Dollar. Leider sind die Rosenwalds schon dünn gesät. Es gibt massenhafte Zusammenbrüche. Da gab es zum Beispiel einen jüdischen Wohltäter Frederick Brown in New York. Er schenkte z. B. der New York Jewish Federation 1 Million Dollar und der Universität in New York ein Gebäude im Werte von 750.000 Dollar. Und jetzt ist Brown, der einer der Führer am Realitätenmark war, — im Konkurs. Geld regiert die Welt, heute mehr denn je. Wißt Ihr schon, wie man zu Geld kommt? Man muß es so machen, wie der «Großjwabbiner Jospath Eisenstein in Chikago. Er verheiratete seinen Sohn und ganz Chikago wurde eingeladen- Pa stellte es sich aber heraus, daß es in Chikago keinen Saal gab, der alle Eingeladenen hätte fassen können. Aber der geschäftstüchtige «Groß»rabbiner wußte sich zu helfen. Eir erließ ein Manifest; «An die Juden in Chikago! AHe Juden, die zur Hochzeit meines Sohnes irictot kommen können, mögen ihre Geschenke einsenden, jeder nach seinen besten Kräften. Es ist eine unvergleichlich große Mizwah dem Bräutigam zu helfen. Eintrittskarten zur Hochzeit von 1 Dollar bis 1.50 Dollar.» Weil wir gerade vom Heiraten reden. Wißt Ihr schon, daß in Gretna Green kürzlich die erste jüdische Trauung stattfand? Der Schmied in Gretna Green (England) hat bekanntlich das Privileg Trauungen abzuhalten. Das geht sehr rasch und ohne viele Förmlichkeiten. Kürzlich heiratete vor dem Schmied in Gretna Green das erste jüdische Paar in aller Heimlichkeit: Charles Philipp Gordon und Lilly Rudolph, beide aus Glasgow. Schließlich fand diese romantische Angelegenheit ihren versöhnlichen Abschluß in der Crom well Road-Synagoge in Glasgow, wo sich das Paar auch nach jüdischem Ritus trauen ließ. Israel und der Frieden Vom 31. Juli bis zum 3. August d. J. wird in Antwerpen unter der Leitung der «Union Universelle de la Jenuesse juive» eän Kongreß der Jugend stattfinden, der nach dem Programm zu schließen sehr interessant zu werden verspricht. Das Grundthema der Beratungen soll nach dem Wunsch der Organisatoren dieser Veranstaltung etwa «Israel und der Weltfrieden» lauten, und zwar; Erster Tag. Nationalismus und nationale Kultur. 1. Ist nationale Konzeption im Widerspruch zu einem dauernden Frieden unter den Völkern? Klarlegung der Begriffe «Volk* und «Nation*. Wie kann man verhindern, daß nationale Konzeption zu «Nationalismus» und «Chauvinismus» degradiert wird? 2. Ist konfessionelle Einstellung eine genaue und vollständige Deklaration des Judentums? Gibt es eine jüdische Rasse, jüdisches Volk oder jüdische Nation? Genaue Differenzierung dieser drei Begriffe. Welchen Beitrag liefert die jüdische Religion zum Begriff «jüdisches Volk» und wie verhält sich der Glaube an die Auserwähltfieit dieses Volkes zu den universalistischen Tendenzen? 3. Was versteht man unter «nationaler Kultur»? Liegt darin ein Hindernis zum allgemeinen Frieden? Gibt es eine «jüdische Kultur» und wie kann man sie erhalten und fördern? Suche nach Mitteln, um unsere «jüdische Kultur» zu erhalten im Rahmen der Kulturen der Völker, unter denen wir leben. Falsche Assimilation und falsches Entgegenkommen gegenüber den verschiedenen Völkern. Mittel zur Bekämpfung des Antisemitismus, msofeme er der Ausgangspunkt von Unruhen mitten unter den Völkern ist. Ist der Nationalismus durch ejen Föderalismus zu ersetzen? Zweiter Tag. Die Probleme des Krieges und des Friedens. 1. Ist die Erhaltung ständiger Armeen eine Notwendigkeit? Gibt es eine jüdische Doktrine über den Krieg? Welche Auffassung müssen wir uns über die seinerzeitige Eroberung Kanaans und die Kriege, die die jüdische Geschichte erwähnt, zu eigen machen. Die Berichte unserer Schriften müssen bei Betrachtung dieser Fragen unsere Aufmerksamkeit haben oder hat sich das jüdische Gewissen in dieser Beziehung gewandelt, entwickelt? 2. WäS müssen wir fljr das Judentum tun, um gegen die Herabsetzung der nationalen Idee aufzwtreten? Kann sich die Wiederherstellung des jüdischen Nationalheims. in Palästina mtv Prinzip des in-tegiralen Pazifismus vollziehen. * Die Engländer und wirs Revisionismus. Pie Bewohner des Landes und wir? die arabische Frage. 3. Was haben wir über den Gewissenskonflikt zu denken, Ist es für Juden möglich, obgleich sie Juden sind, sich in den Ländern, wo sie sich aufhalten, als Bürger zu betätigen? Ist die Ablehnung des Militärdienstes eine Lösung und bedeutete dies eine Ablenkung von unserer Einstellung zu Frieden und Friedenswillen? Dritter Tag. Die Organisation des inneren und äußeren Friedens, 1. Was können wir als Juden gegen dt . nationalen Antagonismus tun. ist nicht die Enthaltung der Teilnahme an diesen verschiedenen Bewegungen ratsam? Welche Stellung sollen wir gegenüber unseren Brüdern einnehmen, dl« durch ein patriotisches Gefühl daran teilhaben? 2. Was kann die jüdische Jugend Frankreichs und Deutschlands dazu tun, um die Schwierigkeiten zu beseitigen, die beide Völker scheiden. 3. Welchen Anteil können wir als Juden an der Lösung der sozialen und ökonomischen Probleme haben und auch in den Fragen des Klassenkampfes und internationaler Konflikte. Welches ist die günstigste Stellungnahme für Juden bei folgen den Problem en: Konservatismus? Liberalismus? Sozialismus? Kommunismus? Vierter Tag. Judentum und Pazifismus, 1. Die verschiedenen Anschauungen über Pazifismus. Existiert eine spezielle jüdische Anschauung über den Frieden? Gemilderter Pazifismus oder integraler? Sozialistischer Pazifismus? Prophetischer oder messianischer Pazifismus? Ist der Eintritt der jüdischen Jugend in die diversen Friedensügen geeignet, eine zukünftige Organisation einer allgemeinen Union der jüdischen Jugend vorzubereiten? 2. Der Zionismus vom Standpunkt des Pazifismus. Wat können wir diesbezüglich von dar Errichtung des National honre erwarten? 3. Können wir, als Juden, beim Völkerbund für den Frieden Einfluß nehmen? Welchen Anteil kann der religiöse Judaismus im Verein mit anderen religiösen Körperschaften für den Frieden haben? Ist eine Vertretung aes Judentums beim Völkerbund möglich und, wenn ja, welches iet der Weg dazu? Ausarbeitung und Annahme eines Manifestes des Kon* gresses der jüdischen Jugend für den Frieden. Wie man sieht, berühren die Themen des Kongresses die aktuellen Fragen von großer Bedeutung. Es ist zu wünschen, daß die Verhandlungen und Beschlüsse einen Fortschritt zur Klärung und Aufklärung bedeuten werden. Bruno Rabinowitz Uuserer heutigen Nummer Hegt ein Prospekt der „PAG“ bei, auf den wir unsere Leser besonders Aufmerksam machen