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Die Stimme · 1932-07-28 · Heft 238 (28.7.1932) · page 3

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Nr. 238 — 28. Juli 1932 DIE STIMME Seite 3 Zur Lage dev deutschen Juden Kundgebung des Centralvereines gegen judenfeindlichen Terror und Entrechtung Berlin, Der Central-Verein deutscher Staatsbürger veranstaltete am Dienstag, den 26. Juli, Im ehemaligen Herrenhaus, Berlin, Leipzigerstraße, eine «Kundgebung gegen judenfeindlichen Terror und Entrechtung». Die Leitung hatte der Vorsitzende des C. V., Justizrat Doktor J. Brodnitz. Die Kundgebung stand unter dem Motto: «... als Jude fühl’ ich kein Erröten, jedoch als Deutscher schäm’ ich mich?» Unter dem Leitwort: «Aussprechen, was Ist...» veranstaltete der Landesverband Groß-Berlin des Centrnl-Vereines am 12., 13. und 14. Juli zehn große Mitgliederversammlungen in allen Teilen Berlins. Zu einer Klärung der Lage vor den Reichstagswahlen sollten die Referate und die Aussprachen dieser Abende bei den Mitgliedern aller Berliner Central-Vereinsortsgruppen beitragen. Ohne Schönfärberei schilderten alle vierzehn Redner die politische Entwicklung und folgerten aus ihr die Aufgaben für den einzelnen und für den Central- Verein. Die bevorstehende Entscheidung verlange von jedem deutschen Juden Arbeit und Opfer. Der schlimmste Vorwurf, der die Abseitsstehenden treffen könnte, wäre der des «Zu spät». Ausübung der Wahlpflicht sei noch das mindeste, was von jedem deutschen Juden in dieser ernstesten Zeit zu verlangen ist. Die Aussprachen, die sich an die Referate anschlossen, zeigten ernsten Kampfeswillen bei den ältesten und jüngsten Mitgliedern. In einzelnen Ortsgruppen stellte sich die Jugend für die Abwehrarbeit zur Verfügung. Auch Ministerialdirektor Dr. Badt abgesetzt Berlin. Unter den vom Reichskommissariat für Preußen für abgesetzt erklärten hohen Beamten der preußischen Regierung befindet sich auch der Ministerialdirektor im Ministerium des Innern, Dr. Hermann Badt, bekanntlich einer der hervorragendsten Juristen und Verwaltungskenner. Dr. Badt war bisher Bevollmächtigter der preußischen Staatsregierung im Reichsrat und hat stets die staatsrechtlichen Belange Preußens innerhalb des Reiches vertreten. Dr. Badt wurde von der abgesetzten preußischen Staatsregierung beauftragt, die Klage der Staatsregierung, betreffend die Rechtsgültigkeit der Verordnung des Reichspräsidenten vom 20. Juli 1932 |(Einsetzung eines Reichskommissariats in Preußen) vor dem Staatsgerichtshof zu vertreten. Auch die sozialdemokratische Fraktion des preußischen Landtages hat Dr. Badt mit der Wahrnehmung der Klage, der sie sich anschließt, betraut. Juden als höhere Beamte Berlin. Gegenüber den sich auch jetzt vielfach hervorwagenden Argumenten nationalsozialistischer Zeitungen über eine «Verjudung der höheren Beamtenschaft» stellt das «Israelitische Familienblatt» fest, daß sich unter den 12 Oberpräsidenten, 35 Regierungspräsidenten und über 400 Landräten in Preußen kein einziger Jude befindet. Interessant ist auch, daß weder in der Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahn noch im Direktorium der Reichsbank sich jüdische Persönlichkeiten befinden. Nur im Generalrat der Reichsbank, einem Gremium, das sich aus Persönlichkeiten der Wirtschaft, Handel und Industrie zusammensetzt, sitzen zwei Juden, nämlich Max Warburg und Oskar Wassermann. Stimmen der Presse Einem Aufsatz der «Jüdischen Rundschau» (Berlin), über die Lage der deutschen Juden entnehmen wir folgende Betrachtungen: In seiner Rundfunkrede nach der Bestellung des Reichskommissärs für Preußen und der Verhängung des Ausnahmezustandes über Berlin hat der Reichskanzler von Papen noch einmal feierlich die Absichten der Regierung dahin Umrissen, daß Ausschreitungen aller Art verhindert werden sollen, daß jedoch die Regierung die freie politische Betätigung nur so weit einschränken wolle als es zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung unbedingt erforderlich ist, damit dem Volke die Austragung des Wahlkampfes ermöglicht werde. Es bleibt nun abzuwarten, was die neuen Herren in Preußen in den kommenden Tagen als «freie politische Betätigung» ansehen und was sie als «Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung» betrachten werden. Wir Juden sind auf die weitere Ent- , Justin! lillßU: Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal II., Hammer rurostaiioasse 3, Tel. A 48*3*82 Wicklung nicht nur als Bürger dieses Landes, sondern auch als Juden sehr gespannt. Werden die Sicherheitsmaßnahmen der Regierung und ihr Recht, die freie Meinungsäußerung zu beschränken, sich auch auf die maßlose, ungezügelte Hetze der Nationalsozialisten und anderer antisemitischer Parteien gegen die Juden beziehen? Werden Aufsätze, wie sie in den letzten Tagen in einer ganzen Reihe von nationalsozialistischen Zeitungen erschienen sind, als freie politische Betätigung oder aber als beschlagnahmereife Störungen der Ruhe und Sicherheit behandelt werden?... Jeder Bürger empfindet den heißen Wunsch, daß es der Reichsregierung gelingen möge, Beruhigung zu schaffen und einer Gesundung der Verhältnisse die Wege zu bahnen. Als Juden erwarten wir überdies, daß die Regierung zu ihren auf die Juden bezüglichen Erklärungen treu steht und ihnen gemäß handelt, trotzdem sie sonst weitgehend von den Nationalsozialisten beeinflußt wird. Es wäre für uns eine schwere Enttäuschung, wenn in dem allgemeinen Bestreben, für Ruhe und Sicherheit zu sorgen, die Reichsregierung übersehen würde, daß die jüdische Gemeinschaft mit Recht schwer beunruhigt ist. Die Juden im Dienste der deutschen Kultur Zum Nazi-Beschluß des preußischen Landtages Die in der «Stimme» wiedergegebenen Ausführungen des bekannten Schriftstellers Julius Bab: «Was Juden der deutschen Bühne gegeben», veranlassen mich, diese Ausführungen zu ergänzen und die Juden im Dienste der deutschen Kultur überhaupt aufzuzeigen. Außer den von Bab angeführten Bühnengrößen wären noch zu erwähnen: Die Schauspieler Possart, Robert, Strakosch, Max Pategg, Josef Jarno, Ernst Deutsch, die Sängerinnen Lola Beth und Selma Kurz, die Theaterdirektoren Otto Brahms, Angelo Neumann, Max Reinhardt, Pollini, Theodor Loewe, Conried, Gustav Mahler und der Bayreuther Musikdirigent Hermann Lewi, dessen Verdienste um Würdigung und Förderung Richard Wagners allgemein anerkannt sind. Aber nicht nur auf dem Gebiete der Bühnenkunst, sondern auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens taten sich die Juden in Deutschland rühmlich hervor. In Kunst und Wissenschaft In Handel und Industrie. Sie steuerten zu Deutschlands Ruhm und Größe ihr Scherf lein redlich bei und erhöhten und vermehrten den Glanz des deutschen Reichspaniers. Wenn man alle diese verdienten Juden nennen wollte, müßte man tausende von Namen aufmarschieren lassen. Darum sollen nur wenige genannt werden. So die Komponisten Mendelssohn-Bartholdy, — der sich Goethes Gönnerschaft in hohem Maße erfreuen durfte —, Meyerbeer, Karl Goldmark. Der Geiger: Josef Joachim; der Klavierspieler: Heinrich Grünfeld; die Maler: Max Liebermann, Leopold Horowitz, Lesser Ury und Isidor Kauffmann. Der Erbauer der Berliner Börse Heinrich Hitzig, einer der größten Architekten aller Zeiten. Die Dichter und Schriftsteller: Heinrich Heine, neben Goethe, wie auch Bismarck zugestand, — der größte deutsche Lyriker; Börne; Berthold Auerbach; Michael Beer — dessen Drama «Paria» Goethe am Weimarer Hoftheater aufführen ließ und sehr wohlwollend beurteilte; Julius Stettenheim; Ludwig Fulda; Hugo Salus; Franz Werfel; Arthur Schnitzler; Julius Rodenberg; Karl Emil Franzos; Kompert; Ehrenstein; Otto Weinlnger; Mombert; Hugo v. Hofmannsthal; Peter Altenberg; Paul Kornfeld; Emil Ludwig; Martin Buber; Theodor Herzl; Maximilian Harden; Holländer; Kafka; Else Lasker-Schuler; Georg Hermann; Alfred Kerr; Borchardt; Paul Adler; Moritz Helmau; Ernst Toller; Max Brod; Lion Feuchtwanger; die Lyriker Lissauer, Hugo Zuckermann und Freund, die Dichter der besten deutschen Kriegslieder; endlich die Romanschriftsteller Jakob Wassermann, Arnold Zweig und Alfred Döblin, deren Romane «Der Fall Mauritius», «Der Streit um den Sergeanten Grischa» und «Berlin-Alexanderplatz» die literarisch wertvollsten Romanschöpfungen der neuesten deutschen Literatur darstellen. Ludwig Geiger, der Präsident der Goethe-Gesellschaft in Weimar, und der vor einigen Monaten verstorbene Heidelberger Literaturhistoriker Gundolf dürfen wohl als die bedeutendsten Goetheforscher angesehen werden. Als bahnbrechende Publizisten mögen angeführt werden: Ludwig Bamberger, Josef Ettlinger und Sigmar Mehring. David Mendel, — später Johann August Wilhelm Neander genannt — gilt als eine Säule der Kirchengeschichte. Weiters seien erwähnt: die Philosophen Frauenstädt, Moritz Lazarus, Moses Mendelsohn, Ludwig Stein und Heyman-Steinthal. Die Botaniker: Cohn und Ringsheim; die Chemiker: Lieben, Liebreich, Magnus, Pinner; die Mineralogen: Cohen und Dawidson; die Astronomen: Abelmann, Beer, Goldschmidt, Levy, Meyer; die Mathematiker: Gunz, Levy, Lipkin, Rottfeld, Borchardt, Garg und Moritz Cantor, David Emanuel, Lazarus Fuchs; die Geo¬ Beh. konz. Realbüro ING. N. NUHLBAUER Kauf und Verkauf von Realitäten, Hypotheken I., II. und III. Sätze, Bau- und Zwischenkreditt Gebäudeverwaltung Büro: 2., Leopoldsgasse 26 Tel. A-49-2-47 Wohnung: 2., Vorgartenstr. 150, Tel. R-41-8-88 graphen: Nathan David, Glaser, Dr. Eduard Schnitzer — bekannt unter dem Namen Emin Pascha — und Hermann Vambery. Die Physiker: Einstein — der Kopernikus der Jetztzeit, der Entdecker der Relativitätstheorie, Heinrich Hertz, der Entdecker der elektrodynamischen Wellen und Philipp Reiss, der Erfinder des Telephons. Die Physiologen: Bernstein, Heidenhain, Muck, Rosenthal, Schiff, Valentin. Die Aerzte: Bamberger, Cohn, Cohnheim, Ebstein, Eulenburg, Fränkel, Henle, Henoch, Lebert, Lewin, Liebreich, Neisser, Mendel, Moll, Oser, Stricker, Remak, Vidal, Zeisel, Zuckerkandl, Senator, Johann Schnitzler, Stork, Seeger, Traube, Winternitz, Benedek, Boas, Brieger, Dittel, Gärtner, Gruber, Gutzmann, Pollitzer, Haffkin, Klemperer, Halban. Dann Paul Ehrlich, der glückliche Erfinder des Salvarsans, und Wassermann, der Erfinder der «Wassermannschen Reaktion», die dem Arzt Mittel und Wege in die Hand gibt, die Syphilis, den größten Quälgeist der Menschheit, auf der unheilvollen Wanderung durch den befallenen Organismus zu verfolgen und zu kontrollieren. Die Juristen: Behrend, Frensdorff, Gans, Staub, Unger, Glaser, Goldschmidt, Hitzig, Grünhut, Harburger und der hervorragende Lehrer der Rechtsphilosophie und des Kirchenrechts Friedrich Julius Stahl. Die Politiker und Staatsmänner: Friedberg, Dernburg, Friedenthal, Moritz Elstätter, — badischer Finanzminister —, Simson, Vorsitzender der Parlamente von Frankfurt, Erfurt und Berlin, 1. Präsident des Deutschen Reichsgerichts in Leipzig —, Eduard’ Lasker, Führer der nationalliberalen Partei; Markus Goldring, Bürgermeister von Posen; Abendroth, Bürgermeister von Hamburg; Gabriel Riesser, Vizepräsident der Frankfurter Nationalversammlung; Hertz, Hamburger Senator und Justizchef, Paul Kayser, Kolonialdirektor im Deutschen auswärtigen Amt. Kaufleute und Industrielle: Ballin, Begründer der deutschen Handelsflotte und Generaldirektor der Hamburg-—Amerika-Linie; Haber, der Begründer der Stipjkstoffgewinnung aus der Luft; Loeb, Frank, Scheiner, Rathenau, Begründer der Physikobiologie, der Kali-, Petroleum- und Elektro-lndustrie. Die Erfinder: Otto Lilienthal, Erbauer des ersten Aeroplans; Arnstein, Konstrukteur des Zeppelin-Luftschiffes Z. R. III; Berliner, Erfinder des Mikrophons; Markus, Erfinder des Benzinautomobils; Nobel, Erfinder des Dynamits; Jacoby, Erfinder der Galvanoplastik; Arons, Erfinder der Quecksilberlampe und des Farbwassers; Baeyer, Erfinder des Indigos. Die jüdischen Nobelpreisträger: Albert Michalsohn, Gabriel Lippmann, Landsteiner, Staatsminister Asser, Paul Ehrlich, Fritz Haber, Richard Millstätter u. v. a. Wenn man noch bedenkt, daß die deutschen Juden während des Weltkrieges ihre Blutpflicht vollauf erfüllten und in Scharen zu den Waffen eilten, nicht nur durch die eiserne Pflicht getrieben, sondern aus freien Stücken, als Kriegsfreiwillige, aus ehrlicher patriotischer Begeisterung und auf allen Schlachtfeldern für ihr Vaterland Gesundheit und Leben zum Opfer brachten, darf es nicht Wunder nehmen, daß Kaiser Wilhelm aus Hoch- und Wertschätzung seiner jüdischen Staatsbürger zahlreiche Juden in den Adelsstand erhob, ihre Brust mit sichtbaren Zeichen seiner Huld und Gnade schmückte und mehrere Juden, so Ballin, Karl Fürstenberg, Simon, die beiden Rathenaus — Vater und unglücklichen, von einer feigen Feme meuchlings hingemordeten Sohn — seiner Freundschaft würdigte. Um so unverständlicher und beschämender wirkt das widerliche, hirn- und gedankenlose judenfeindliche Treiben, das sich, geschürt von auf ihre eigenen selbstsüchtigen Zwecke bedachten Häuptlinge, gleich einer schauerlichen Seuche, wie Mommsen den Judenhaß nennt, gegenwärtig über Deutschlands Gaue ausbreitet. Darum: sursum corda! Die Herzen empor! Nicht verzagen! Die Gewitterwolke, die jetzt wieder, wie sö oft schon, unseren Horizont verdüstert, wird vorüberziehen. Trotz Unkengekrächz, trotz Sturmesbrausen wird kommen der Tag, wo die finsteren Mächte der Unterwelt sich verkriechen müssen in ihre Schlupfwinkel. Vor der allbezwingenden Macht des Lichtes und der Wahrheit. Und wenn all diese großen Judenfeinde und ach so kleinen Menschen — es sind nicht die besten ihres Volkes, die die räudige Schindmähre des Judenhasses vor ihren Karren spannen, auf dem sie in das Traumland ihrer unlauteren Wünsche gelangen wollen — längst in Staub und Moder zerfallen, ihre Namen ausgetilgt sein werden aus dem Gedächtnis ihrer Völker, wird das jüdische Volk unerschüttert dastehen. Wie der granitene Fels am brandenden Meeres* strand. Denn das jüdische Volk wird nicht untergeher^ weissagt schon der Evangelist Lukas. Drb4 j

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