Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1932-07-21 · Heft 237 (21.7.1932) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 237 (21.7.1932)
Date
1932-07-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3053963-3053991--3049-3058516
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr DIE STIMME Seite 7 .- 21. juü 1932 Eine Mb"* Die Wiener Hakonkreuzler entwickeln von Tag zu ,T( größere Aktivität und unsere Behörden — schlafen weucr. Manchmal allerdings werden sie «aktiv*. Das konnte man *, B. bei einer Gerichtsverhandlung bemerken. Als die Nazibanditen vor einigen Wochen die Judengasse überfielen, wurde die Feuerwehr alarmiert. Sie rückte mit einigen Wagen aus, hatte aber keine Ursache mehr, einzugreifen, da die Buben mittlerweile schon ihre Prügel bekommen hatten. Der 56jährige Verkäufer Moritz Steiner sollte derjenige gewesen sein, der den Feuermelder eingeschlagen hatte, er mußte sich deswegen gestern wegen — Betruges und Falschmeldung vor dem Richter Bäcker beim Bezirksgericht l verantworten. Der Angeklagte bestritt, den Feuermelder betätigt zu haben, ein Zeuge aber wollte ihn dabei gesehen haben. Richter: Was soll ihn denn bewogen haben, die Scheibe einzuschlagen? Zeuge: Ich glaube, er hat Furcht gehabt vor den Demonstranten. Richter: Wollen Sie nicht gestehen? Angeklagter: Wenn ich es getan hätte, würde ich es sagen, denn es wäre ja kein Verbrechen und nur zum Schutze der Judengasse gewesen. Richter: Die Feuerwehr ist zum Feuerlöschen da, nicht zum Schutze vor Demonstranten . . . Dann verurteilte er den Angeklagten zu zehn Tagen Arrest. Und sagte dabei, daß kein Milderungsgrund Vorgelegen sei. Natürlich berief Steiner gegen dieses Urteil. Jeder Kommentar zu diesem Urteil erübrigt sich. Heil Hitler! In den Wiener Straßen sieht man jetzt selten Plakate der Hakenkreuzler. Aber Propaganda muß sein, man sieht sie auf dem Dach des Wiener Braunen Hauses. Die Nationalsozialisten haben dort die Riesenkarikatur eines Judenkopfes mit Bart und Schläfenlocken angebracht, der weithinsichtbar ist und Massen von Neugierigen anlockt. Die Polizei forderte die Hausverwaltung auf, die Karikatur zu entfernen, die Verächtlichmachung einer Bevölkerungsklasse und Störung der Ordnung bedeutet. Seitens der nationalsozialistischen Parteileitung wurde geltend gemacht, daß kein österreichisches Oesetz die Anbringung von Papp- Figuren verbietet. Die Polizei veranlaßte die Entfernung des Kopfes durch die Feuerwehr, da ihr selbst keine Mittel zur Verfügung standen, die Karikatur aus einer solchen Höhe herunterzuholen. Ist es der Polizei bisher nicht aufgefalJen, daß die Hakenkreuzplakate Mord und Brand gegen die Juden predigten? Wir verlangen und erwarten, daß die Polizei von nun an energisch auch gegen die blutrünstigen Hakenkreuzplakate vorgehen wird. Eine besondere Tätigkeit entwickeln die Hakenkreuzler in Baden bei Wien. Der Badener jüdische Tempel zeigte an Türen und Fenstern ln Hakenkreuzrahmen den folgenden, mit Oelfarbe geschmierten Vers; «Achtung, Volk der Mazze-Fresser, wir kommen heut* nacht mit dem langen Messer!* Die Jüdische Gemeinde Badens erstattete bei der Polizei Anzeige, die Täter konnten noch nicht ermittelt werden. Von diesen Lausbübereien bis zu den Friedhofschändungen nach deutschem Muster ist nur ein Schritt. In Baden provozierten auch die Hakenkreuzler d i e jüdischen Kurgäste, von denenöaden lebt, im Kurpark. Daraufhin verbot der Bürgermeister den Angehörigen aller Parteien, den Kurpark in Uniform zu betreten. Erbauliches hörte man in einer Rede des Abgeordneten Widmayer (Sozlaldem.) im niederösterreichischen Landtag. Höre Welt und staune, der Jüdische Hakenkreuzler ist dai Das ist der neue und verächtlichste Typus des Assimilationsjuden. Abgeordneter Widmayer führte aus: «Zum Schluß möchte ich noch den gräflichen Nazi- Arbeiterführer und Landtagskandidaten in seiner Betätigung als Antisemit aufzeigen. In Mauerbach bei Wien bewirtschaftet Herr Dr. Johannes Hardegg ein großes Gut, Am vergangenen Sonntag, den 10. Juli, fand dort unter seinem Protektorat ein großes Nazi- Fest statt, bei dem es unter anderem auch eine „Glfthütte” gab. Zu dem Fest waren nicht nur die gemeinen Nazi aus dem Volk geladen, sondern auch Ehrengäste. Der jüdische Großspirltuosenhändler Jakob Kohn aus Htitteldorf hatte gratis und franko für die Olfthütte alle möglichen Schnäpse gespendet Dafür saß er als Ehrengast am Ehrentisch des Festkomitees an der Seite des Herrn Orafen. Im Verlauf des Festes erhob sich der gräfliche Nazi-Führer und Landtagskandidat zu einer Festrede, In der er in blutrünstiger Weise gegen das Judentum und den Marxismus wetterte. Ich übergehe die Frage, wer von den beiden — der gräfliche Nazi-Arbeiterführer und Antisemit oder der jüdische Branntweinschenker Jakob Kohn aus Hütteldorf, der neben ihm am Ehrentisch saß — den ärgeren Charakterdefekt aufweist. Meiner Meinung nach leiden beide an sehr erheblicher Charakterlosigkeit . . .* In der vergangenen Woche fand ln Wien die Tagung des Councils der Weltorganisation der Zionistischen Frauen (WIZO) statt, worüber wir an anderer Stelle berichten. Diese Tagung, die so viele Ausländerinnen nach Wien brachte, wäre beinahe nach einen anderen Ort telegraphisch einberufen worden. Warum? Wegen unserer lieben Hakenkreuzler. In London waren Gerüchte verbreitet, daß in Wien Ueberfälle auf Juden an der Tagesordnung sind und daß die Ringstraßenhotels, Insbesondere Grand-Hotel, Hotel Bristol und Hotel Imperial, jüdische Gäste nicht aufnehmen!! Es ist der Leitung der Wiener WIZO mit Mühe und Not gelungen, die Exekutive der Weltorganisation der WIZO zu bewegen, die Tagung ln Wien abzuhalten. Sie konnte jedoch nicht verhindern, daß viele Damen, die dem Council angehören, es vorzogen, den Gummiknütteln und Stahlruten der Nazis auszuweichen und nicht nach Wien kamen. Und die durch falsche Gerüchte verleumdeten Wiener Ringstraßenhotels, Grand- Hotel, Bristol und Imperial, verloren Gäste an kleinere Pensionen. Vielleicht schicken jetzt die Direktionen der Ringstraßenhotels eine Deputation zur Regierung, um energisch gegen das Hakenkreuzunwesen zu protestieren. Pernerstorfer und die Juden Von hakenkreuzlerjscher Seite wird ln letzter Zelt behauptet, der verstorbene Abgeordnete Engelbert Pernerstorfer sei Antisemit gewesen. Wir haben nicht die Absicht uns in diese Diskussion einzumengen. Die «Arbeiter-Zeitung» vom 17. Juli d. J. bringt eine Einsendung von Therese HJUdische Mädchenll ■ 5 vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäschewarenerzeugung mit öffentlichkeitsrecht Sftaatsgiiltige Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan für allgemeine Bildung Dr. Krüger-Hem, 2„ Malzgasse 7, Tel. A-48-0-77 Internat. Samstag Schulfrei Berufsberatung täglich von 11 bis 12 Uhr Schlesinger über die Frage, ob Pernerstorfer Antisemit war. Hieraus ist folgende Stelle für uns interessant, die Pernerstorfers Stellung zur Frage, ob die Juden eine Nation sind, behandelt. Therese Schlesinger erzählt über ihre Gespräche mit Pernerstorfer: «Unter den vielen Themen, die uns zu freundschaftlichen und niemals heftig geführten Debatten Anlaß gaben, spielte auch die Judenfrage eine, wenn auch durchaus nicht hervorragende Rolle. Ich behauptete, daß die Juden Mittel- und Westeuropas keine eigene Nation bilden, sondern, daß sie in Deutschland und in Oesterreich ebenso gute Deutsche .seien, wie etwa jene Deutschen, die slawische oder italienische Namen führen, genau so wie die Slawen und Italiener, die deutsche Namen tragen, darum nicht weniger an der Arbeit und Kultur ihres Landes teilhaben. Dann pflegte Pernerstorfer mit seiner schönen, pathetischen Stimme auszurufen: «Die Juden sind eine hochbegabte und eine edle Nation, aber s i e s i n d e i n e N a t i on u nd S i e sollten stolz sein, dieser Nation anzugehören!» Juden dürfen In Posen und Pomerel* len keine Immobilien erwerben Warschau, 11. Juli, (J. T. A.) Auf Grund eines alten deutschen Gesetzes, wonach jede Transaktion in Immobilien der Bestätigung durch die Behörde bedarf, werden Boden- und Häuserkäufe von Juden Im ehemals deutschen, jetzt polnischen Gebiet Pomerellens durch die polnische Behörde regelmäßig nicht bestätigt. Die Warschauer nationaldemokratische Zeitung «Gazeta Warszawska» zählt eine Reihe von Fällen aus Thorn, Gradniza und anderen Städten auf, in denen Gesuche von Juden, den Kauf von Häusern und Boden zu legalisieren, durch die Gerichte abschlägig beschieden wurden. Dr. Rudolf Schwarz Hitler gestorben Rudolf Schwarz-Hiller war einst eine große Hoffnung der bürgerlich-demokratischen Partei um Julius Ofner. All glänzender Redner und hervorragender Kommunalpolitiker errang er während der 13 Jahre, in denen er als Vertreter der Leopoldstadt dem Wiener Oemeinderat angehörte, eine überaus geachtete Stellung, wobei bezeichnenderweise es gerade die Christlichsozialen waren, die den Juden Schwarz-Hiller mit den wichtigsten Aufgaben betrauten. Bei Ausbruch des Krieges organisierte der Verstorbene die KriegsflUchtlingszentrale und da offenbarte sich seine überragende Tüchtigkeit. In großzügigster Weise griff Schwarz- Hiller in das Kriegschaos, das aus Galizien und der Bukowina sich Uber Wien ergoß, ein und nur seiner ungewöhnlichen Tatkraft und seinem immensen Arbeitswillen hatten tausende jüdischer Kriegsopfer Errettung aus der größten Not zu verdanken. Erst hier zeigte Schwarz-Hiller sein echtes jüdisches Herz, dem er Jahre seines Lebens buchstäblich opferte. Man mag sich zum Politiker Schwarz-Hiller stellen wie man will, sicher ist allenfalls, daß er sich — wenn auch mittelbar — um die Juden Oesterreichs Verdienste erwarb, die unvergeßlich bleiben werden. Das neue Oesterreich mit der antisemitischen Flut von rechts und links verstand nicht, das große Talent Schwarz-Hillers auszunutzen. Die assimilatorische Politik der bürgerlichen Demokratie erlitt gründlich Schiffbruch und Schwarz-Hiller brachte leider nicht die Stärke auf, den einzig richtigen Weg ins Lager der bewußt-nationalen Juden zu finden. Er zog sich verärgert vom öffentlichen Leben zurück. Wer dem Verstorbenen nahe stand, der wußte, welche Fülle von QUte, Begabung und auch echtem jüdischen Empfinden hiedurch dem Judentum verloren ging. Er hinterläßt eine Witwe, Frau Erna Schwarz- Hiller, die das Flüchtlingswerk ihres Gatten tatkräftigst unterstützte und seit Jahren an vielen karitativen Werken im Interesse der Juden führend mitwirkt. Ein zionistischer Pionier in England gestorben London, 11. Juli. (J. T. A.) Im Alter von 79 Jahren verstarb in London Elija Wolf Rabinowitsch, einer der Pioniere der zionistischen Bewegung. Er wurde in Rußland geboren und kam in jungen Jahren nach England, wo er Mitarbeiter der ersten hebräisch geschriebenen sozialistischen Zeitung «Haemeth», die vom Begründer der jüdisch-sozialistischen Bewegung Liebermann herausgegeben wurde, war. Später gab er zusammen mit dem vor kurzem verstorbenen berühmten jüdischen Arbeiterdichter Maurice Wintschewsky die jiddisch geschriebene Zeitung «Dos Poilische Yiddel» heraus. Rabinowitsch schloß sich später der Chowewe Zion-Bewegung an, wurde Mitglied der Zionistischen Organisation gleich nach deren Begründung und war später viele Jahre lang Leiter des Jüdischen Nationalfonds in England. Palästina- und Friedenskonferenz jüdischer Jugend Auf Initiative des interterritorialen Verbandes der jüdischen Jugend findet vom 31. Juli bis 4. August in Antwerpen eine dem Problem «Israel und der Weltfriede» gewidmete Konferenz statt. Es werden folgende Themen behandelt werden: «Nationalismus und nationale Kultur»; «Krieg und Frieden»; «Organisation des Inneren und des äußeren Friedens»; «Das Judentum und der Friede». Jugendverbände Deutschlands, Frankreichs, Hollands, der Schweiz, Italiens, Oesterreichs, Amerikas, Aegyptens, der Tschechoslowakei, Palästinas, Englands und Belgiens haben bereits ihre Teilnahme zugesagt. Ferner haben ihre Teilnahme zugesagt Persönlichkeiten wie Rabbiner Dr. Baeck, Berlin, Professor Martin Buber, Aimö Palliare, Wladimir Jabotinsky, Jizschak Qrünbaum, als Vertreter des Internationalen Arbeitsamtes in Genf Dr. Cohen, ferner Vertreter des Weltverbandes Makkabi, des Weltverbandes jüdischer Studenten und des Haschomer Hazair. Jacobus Kann 60 Jahre Jacobus H. Kann im Haag, einer der ersten holländischen Freunde Theodor Herzls, vollendet in diesen Tagen sein 60. Lebensjahr, Jacobus H. Kann war Mitbegründer und Direktor der Jüdischen Colonialbank (Jewish Colonlsation Trust) und der Anglo Jewish Company, sowie mehrere lahrt* Mitglied des Zionistischen Aktions-Comitds. Unter Wolffsohn gehörte er dem E. A, C. (damalige Bezeichnung der Zionistischen Exekutive) an. Von 1923 bis 1931 lebte er als Konsul der Niederlande ln Jerusalem. In den letzten Jahren bat Kann, der unmittelbar nach dem Krieg ein führendes Mitglied der zionistischen Oppositionsgruppe war, sich aus Gesundheitsgründen von aktiver politischer Tätigkeit zurückhalten müssen. Doch nimmt er persönlich den stärksten Anteil an dem Schicksal der Bewegung. Wir hoffen und wünschen, daß Herrn Kann noch viele Jahre rüstiger zionistischer Arbeit beschert seien. Jeder Zionist kaufe sofort einen Schekel für sich und werbe mindest drei neue Schekelzohier ^55994

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.