Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 237 (21.7.1932)
- Date
- 1932-07-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nf. 237 — 21. Julf 1932 DIE STIMME Seite <5 Zionisten! Gedenket auch während der Ferien des Keren Kajemeth Das jüdische Volk hat Hunger nach Boden! Integraler Zionismus Von Abraham Schwadron, Jerusalem. III. Das Fassungsvermögen Palästinas Ich habe den ersten Teil meines Artikels *) mit dem Hinweis auf die sich gleich aufdrängende Frage geschlossen: «Ja, aber Palästina kann doch viele Millionen nicht fassen!» Darauf habe ich an einer anderen Stelle (Zionistenpredigt eines Fanatikers, Verlag B. Harz, 1925) ausführlich zu antworten versucht. Hier möge nur kurz bemerkt werden: Das Dogma, die Galuth müsse ewig bleiben, weil Palästina alle Juden nicht fassen könnte, erwuchs ursprünglich auf a n t i zionistischem Boden. Auch Achad Haam, der im Zionismus nur die Lösung der Judentums- und nicht auch der Judenfrage sah und der sich mit einem geistigen Zentrum begnügte, konnte den Gedanken einer ewigen Galuth akzeptieren. Dann vernahm man dieses Dogma auch aus den Kreisen der diversen zionistischen Berufs-Galuthpolitiker. In diesen Sphären war jene — an sich wehmütige — Einsicht doch in einer tieferen Seelenschicht halb unbewußt erwünscht. Sie war von dem Wunsche gezeugt, den national-kulturellen und politischen Galuthforderungen des Zionismus die Grundlage der Notwendigkeit zu geben. In Wahrheit aber vermag nicht einmal ein Fachgelehrter, geschweige denn ein Laie, über die Aufnahmefähigkeit des Landes und seiner Nebengebiete, deren Kultivierung eigentlich noch nicht begonnen hat, für ferne, ferne Zeiten Bestimmtes vorauszusagen. Vollends jetzt, da die ökonomisch-soziale Entwicklung der Welt während der nächsten Generationen in jeder Beziehung eine Unbekannte ist. Die Grundlage von Herzls Hoffnungen auf ein enormes Fassungsvermögen des Landes war seine große Zuversicht in die Entwicklung der Technik. Und der wundergleiche Aufstieg der letzteren seit jener Zeit ist sicherlich nicht darnach angetan, die damals gehegten Hoffnungen zu schwächen. Manche berechnen das Fassungsvermögen Erez-Israels mit vier, andere mit sechs bis acht, und einer errechnete sogar 15 Millionen. In Wirklichkeit stehen wir doch jetzt noch gar nicht vor der Frage der Aufnahmefähigkeit. Denn schon bei den ersten zwei bis drei Millionen, bei denen die Fassungsfrage n i c h t die überragende Rolle spielen wird, werden die anderen Fragen, Hindernisse, Unzulänglichkeiten und Widerstände so schwerwiegender, so geradezu erschreckender Natur sein, daß man niemandem die Möglichkeit der Realisierung im Vorhinein schlechtweg zu beweisen vermag. Sollte es sich dann, nach zwei oder drei oder «x» Generationen erweisen, daß Palästina alle Juden absolut nicht fassen kann, so werden unsere Enkel oder Urenkel darüber diskutieren. Das ist zugleich meine — hier kaum skizzierte — Antwort auf die von Dr. Horowitz hervorgehobene Frage des «Galuthismus». Die Galuth, meine ich, die Gesamtheit der Juden in der Diaspora, ist der Stoff, den der Zionismus zu formen und nach der Heimat zu richten hat; der Stoff, mit dem diese Heimat genährt werden soll, bis sie die Galuth zum größten Teil überwindet, «verzehrt» haben wird. IV. Vom «geeigneten Moment» Dr. Horowitz aber gibt dem «Galuthismus» einen anderen Sinn. Dieser erstrebt, sagt er, «nichts anderes, als das Judentum wach zu halten für Jenen Augenblick, da eine ähnliche Situation eintritt wie vor 12 Jahren». Mir aber erscheint diese Einstellung des Zionismus auf «inen außenpolitisch günstigen Moment als eine sehr unheilvolle Ansicht. Dieser Konjunktur-Zionismus (auch in seiner besten Bedeutung, wie hier bei meinem Rezensenten) hat uns bereits sehr viel geschadet und wird dies wohl noch vielmals und gründlich tun. Wenn in unserer Bewegung nicht jeder Augenblick der Augenblick ist, so wird der wirklich günstige nie kommen. Alle Völker fitzen heute auf ihrem Boden, ihre Heimat ist ihnen und der ganzen Welt ein selbstverständlich Gegebenes, und ihr Glück oder Unglück bezieht sich bloß auf Form und Rahmen ihres nationalen und staatlichen Lebens. Darum kann eine Konstellation diesen Rahmen gründlich ändern; kann sie diesen Nationen alles be- *) Siehe vorige Nummer der «Stimme» (Anm. d. R.). -a »D» Moment« ( Warschau, Nalewki 38) ist bei allen Zeitungsständen zu haben. Besonders reichhaltiger Inhalt ln den Freltagnummem. Ebenso die interessante u. reich Illustrierte Wochenschrift "Der Hausfreund« „sw» deuten. Anders bei uns. Ganz anders. Das bedarf keiner längeren Erklärung. Dr. Horowitz empfiehlt uns: «Geduld üben.» Ich aber meine: Das ist jetzt unser größtes Unglück, daß wir Geduld haben, so viel Geduld! Man sehe sich z. B. heute nur die deutschen Juden an. Das sind keine verschüchterte, an alles gewöhnte Kinder des Ghettos, sondern längst emanzipierte, weltgebildete, stolze, freie Menschen, die ihrem Vaterlande seit jeher mit heißem Herzen ungeheure Dienste geleistet haben — und nun sehe man, wie rasch sie sich an die Hitlerischen Zustände gewöhnen, wie sie Geduld haben! Wobei es sehr bezeichnend ist, daß in dieser Tugend der Sklavengeduld die Zionisten ganz den liberalen Assimilanten gleichen. Konstellation? Abwarten? Wer nicht zweifellos einsieht, daß wir trotz aller, sicherlich sehr großen Hindernisse in den fünfzig Jahren sogenannter Palästina- Bewegung als Minimum eine Million Juden nach Palästina hätten hereinbringen können, der hat die innerzionistische Geschichte nicht studiert und nicht die Möglichkeiten des Landes. Daraus ergibt sich auch eine Beurteilung der Wirkung der Balfour-Deklaration, die von deren Charakterisierung durch Dr. Horowitz völlig verschieden ist. «Was man wünscht, das glaubt man gern.» Es ist nämlich ganz unrichtig, daß diese Deklaration «uns die Offenbarung gebracht hat: das ganze jüdische Volk wurde vom Funken der Begeisterung, des Befreitwerden-Wollens erfaßt». Allerdings, wenn darunter feierliche Versammlungen, Manifestationen mit flatternden Fahnen und lauten Hochrufen, schöne, lange Reden, unzählige blau-weiße Abzeichen und vieles dergleichen gemeint ist, dann war unser Bereitsein wirklich sehr tief. Ja, wenn durch dieses Befreit-werden-Wolien eine Heimat erworben und aufgebaut werden könnte, Kürzlich starb in seinem Londoner Exil Manuel, der Exkönig von Portugal. Wißt Ihr, daß Don Manuel de Branganza, bekannt als Bibliophile, sich intensiv mit jüdisch-portugiesischer Literatur beschäftigte? Wir lesen im «Jewish Chronicle», daß sich in seiner Bibliothek wertvolle jüdisch-portugiesische Inkunabeln befinden. Der Exkönig besaß auch eine profunde Kenntnis der jüdischen Literatur in Portugal. Es möge hier daran erinnert werden, daß es Juden waren, die im 15. Jahrhundert die Buchdruckerkunst in Portugal einführten. Der erste Band des Katalogs der Bibliothek' des Exkönigs führt zahlreiche jüdische Werke an, so eine Monographie über den berühmten Astronomen Abraham Zacuto, der zweite Band führt zahlreiches Material über die Familie Usque von Ferrara an. Knapp vor seinem Tode wollte der Exkönig noch ein Werk über seinen Ahnherrn Don Manoel schreiben, der 1497 die Juden Portugals zur Taufe zwang. Weil wir gerade von Büchern reden! Wißt Ihr, daß die Juden in Palästina eine starke humoristische Ader haben? Das behauptet wenigstens das Erziehungsdepartement der Palästina-Regierung. Es stellt fest, daß in den Jahren 1930 bis 1931 in Palästina 76 Zeitschriften erschienen, davon 57 in hebräischer Spd&che, und von diesen 57 Zeitschriften werden nicht weniger als 18 als «humoristisch» klassifiziert. Unsere Brüder scheinen also trotz der «fairen» englischen Verwaltung ihren Humor nicht eingebüßt zu haben. In Deutschland hingegen dürfte man statistisch die Feststellung machen können, daß die Bücher nationalsozialistischer Tendenz in der Mehrzahl sind. Der Nationalsozialismus hat sich auch der Schule bemächtigt. Wißt Ihr, welche Folgen das hat? In Danzig malträtieren die kleinen Hakenkreuzler die jüdischen Schüler. Kürzlich spielten sie «Drittes Reich» und gingen schlankweg daran, einen jüdischen Schüler — aufzuhängen. Der kleine Jude schrie um Hilfe, Hitlers Jungmannen ließen aber von ihrem Opfer nicht ab. Wäre nicht im letzten Augenblick ein Lehrer ins Klassenzimmer geeilt — es hätte einen jüdischen Märtyrer mehr gegeben. Kürzlich berichteten wir darüber, daß der «größte» Mann der Welt ein Jude sei. Wißt Ihr, daß auch der älteste Mann der Welt ein Jude ist? Wie die Zeitungen melden, liegt endlich eine amtlich verbürgte Meldung über den ältesten Mann der Gegenwart vor. Es ist dies der in Saint-Denis, unweit Oran in Nordafrika lebende David Salomon D a y a n, der sich bester Gesundheit und unverminderter geistiger Frische erfreut. Er ist ein im Jahre 1820 — das Geburtsdatum wurde behördlich überprüft — in Sousse geborener marokkanischer Jude, Vater von fünf Kindern, Großvater und Urgroßvater einer achtunddreißigköpfigen Nachkommenschaft. Er wird von der wahrlich, es stünde schon längst ein strahlender Judenstaat fertig da und er wäre größer als das britische Imperium. Da aber für diese Erwerbung und diesen Aufbau ganz andere Mittel und Instrumente nötig sind — nun, wir wissen ja: Für die Bedürfnisse des Keren Hajessod nach Kriegsschluß z. B. wurde der Betrag von hundert Millionen Pfund errechnet, die im Verlaufe von fünf Jahren aufgebracht werden sollten. Kraft jener «Offenbarungs-Begeisterung» haben wir, Zionisten und Juden zusammen, im Verlaufe von zwölf Jahren insgesamt zirka vier Millionen Pfund dem Erlösungswerk zur Verfügung gestellt. Auch die so hohe außenpolitische Bewertung der Balfour-Deklaration als hochgünstige Konstellation seitens des Rezensenten (und der meisten Zionisten) wird jetzt hier fast von allen Denkenden ganz verworfen. Man sieht in ihr immer klarer nicht viel mehr als einen der diplomatischen dekorativen Schachzüge, an welchen die Kriegszeit so reich war. Eine Botschaft, deren Deklaranten samt Trabanten im voraus gewußt und berechnet haben, daß sie niemand zwingen wird, ihre Zusage auch nur halbwegs zu erfüllen (wenn auch unter den Urhebern der Deklaration einige ehrliche und gutmeinende Staatsmänner waren). Manche (nicht Revisionisten) propagieren jetzt hier den Gedanken, wir mögen uns dieser Deklaration und ihrer «Vorrechte» offiziell entsagen: sie haben uns vielleicht mehr geschadet als genützt. Allenfalls, die rhetorische Frage meines Herrn Rezensenten: «Sollen wir deswegen die Hoffnung aufgeben?» beantwortet sich in diesem Zusammenhänge für mich von selbst. Er hat selber hervorgehoben, daß ich die sogenannte zionistische Hoffnung und Zuversicht perhorresziere und nur dem Zionismus des reinen Willens das Wort rede. Für den Willen, den echten, besteht die Gefahr nicht, «aufgegeben» zu werden. mohammedanischen, christlichen und jüdischen Bevölkerung seiner Heimat gleichermaßen verehrt. Und zum Schluß: Wißt Ihr schon, wie der Schuhkönig Bata über die Juden dachte? Er äußerte sich vor einiger Zeit hierüber einem Vertreter der «Selbstwehr» gegenüber wie folgt: «Ich glaube, daß ein größerer Anteil der Juden an der öffentlichen Verwaltung der Staaten den Welthandel wesentlich fördern, den Wohlstand aller Völker heben könnte und nicht zuletzt in einem bedeutenden Maße die Gefahr eines drohenden Krieges herabmindern würde. Ueberhaupt könnten weder wir noch irgendwer anderer Welthandel ohne Juden treiben. Ich arbeite mit jüdischen Kaufleuten seit 30 Jahren und habe mit ihnen die besten Erfahrungen gemacht. Unter meinen Mitarbeitern gibt es eine große Anzahl von Juden, die zur größten Zufriedenheit meines Werkes und aller ihrer Kollegen tätig sind. Was Palästina anbelangt, so haben sich seit der Zeit, da die Juden mit ihrem Aufbauwerk eingesetzt haben, unsere Handelsbeziehungen mit diesem Lande bedeutend erhöht und sie gehören verhältnismäßig zu den einträglichsten. Wir haben bisher ausschließlich mit Krediten gearbeitet und noch niemals Verluste erlitten. Meine Unternehmungen erhalten eine eigene Abteilung für die Ausfuhr nach Palästina, die jährlich etwa für eine Million Kronen Waren nach Palästina sendet.» Exzeß deutscher Nationalsozialisten im Amsterdamer Judenviertel Amsterdam, 12. Juli. (J. T. A.) Sieben junge deutsche Nationalsozialisten aus Hannover durchfuhren auf Rädern in brauner Uniform, hakenkreuzgeschmückt, das Judenviertel von Amsterdam und beschimpften auf dem Waterlooplein-Markt die jüdischen Kaufleute. Es kam zu einem Handgemenge, bei welchem die Nazis sehr schlecht abschnitten. Die Polizei nahm sie in Schutzhaft. Reslairant Billel Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal II.. Hammer rurgataiieasse 3. Tel. A 48-8-82 Wißt Ihr schon?