Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 236 (14.7.1932)
- Date
- 1932-07-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 236 — 14, Juli 1932 DIE STIMMe Von Abraham 8c! v. ndron, Jerusalem I. „Zionismus des Feinen Hillens" Herr Dr. Horowitz hatte die Freundlichkeit, in diesem Blatte (Nr. 266 und 227) meine zionistischen Ansichten darzulegen und zu ihnen kritisch Stellung zu nehmen. Diese Darlegung erfordert eine Ergänzung und die Kritik eine Erwiderung. Beides sei mir hier in jener Kürze gestattet, welche durch die Begrenztheit des Raumes bedingt ist. Vor allem könnte der Name «des reinen Willens» irreführend wirken. Jemand könnte vielleicht glauben, daß ich sage, es genüge, die Verwirklichung des Zionismus ein bischen zu wollen. Dr. Horowitz schließt nämlich den ersten Teil seines ersten Artikels mit den Worten: «Ein solcher Zionismus.würde alle tatsächlichen oder vermeintlichen Hindernisse spielend aus' dem Wege räumen». Mit diesem einem Wörtchen «spielend» — in bester Absicht und wohl nur im gewöhnlichen Fluß der Rede gebraucht — hätte er dem Ganzen meiner Ansichten einen tötlichen Schlag versetzen können. D. h., sie wären a priori tot, grundfalsch, hätte ich jemals derlei behauptet. In Wirklichkeit gipfelt mein Hauptangriff gegen meine ideologischen Gegner gerade in dem Vorwurf, daß sie sich die Erfüllung unseres Ideals als spielend leicht vorstellen wollen; daß sie sich zum eigenen Gebrauch eines Zionismus zurecht gelegt haben, den man spielen kann und nicht mit dem Einsatz aller Kraft Zu betätigen braucht. Ich unterstreiche immer: Unser Ziel stellt ein Ungeheures dar; so groß sind die tausend inneren und äußeren Schwierigkeiten unseres Weges. Aber ungeheurer noch sind die Triebkräfte, die uns zu diesem Ziel drängen und nur durch unerhörte Anstrengungen, durch grenzenlose Opfer, können wir dieses Ziel verwirklichen. Es m u ß sein und wir haben alles auf diese eine Karte zu setzen. Man wird verstehen, was ich mit der Forderung «Zionismus des reinen Willens» bezeichnet wissen möchte, wenn ich zu deren Erklärung die paar folgenden Sätze hinzufüge (deren Inhalt mein Rezensent auch richtig angedeutet hat): Im Gegensatz zu Achad Haam, der die Zukunfts h o f f n u n g als die Grundlage unserer Renaissance-Bewegung ansah, stelle ich mir immer einen Zionismus als Ideal vor, bei dem das Moment der Hoffnung kein wesentliches ist. Einen voluntaristisch fundierten, dessen Quellen und Antrieb Erkenntnis und der W i 11 e sind: die Einsicht von der Notwendigkeit der Galuth-Ueberwindung tind der Wille zu restloser Erlösung jedes Einzelnen im Rahmen der ganzen Gemeinschaft. Nur ein solcher Zionismus ist stark genug, um alle Krisen, Enttäuschungen und Rückschläge unerschüttert zu überdauern — die von heute und die vielen, die noch kommen werden. Die zionistische Propaganda jedoch aller Schattierungen geht heute eines andern Weges. Sie ist, sowohl Von rechts wie von links, nur auf die Erfolg-Perspektive eingestellt und wird darum zum einschläfernden Opium für alle Schlaffnackigen unter uns. Statt der Volkserziehung im Sinne einer Willensstärkung zu dienen, bildet der Geist unserer Propaganda ein Moment der Entspannung und der Schwächung. Diesem Geiste entsprechend, muß der Zionist wissen, daß in Palästina jvas weiß ich welch große Taten und Werke bereits äusgeführt worden sind und buchstäblich täglich ausgeführt werden, wenn er seine erbärmlich winzige Spende darreichen soll. Wir müssen diesem Zionisten Zeigen, beweisen, oder zumindest vorlügen, daß auch andere geben, daß ganz Israel spendet, daß man viel gibt. Das ist ihm der einzige, entscheidende Maßstab für die Beurteilung und Bewertung der zionistischen Idee. Ist die Zahl der Unterstützungen gering, so ist das «Geschäft» nichts wert, nicht sicher genug. Das 'Quentchen Kraft, das er gnädigerweise seinem Ideale zu widmen geruht, muß durch tausend Seile festgegrtin- Meter Hoffnung angezogen werden, wenn sie sich ln Arbeit und Leistung umsetzen soll. Der Glaube und die Zuversicht sind jetzt bei uns nicht positive Faktoren, die den Willen und die Energie stärken und die Arbeit fördern, sondern negative, hemmende. Diese Erfolgs-Perspektive ist ihrem ganzen Wesen nach eine u n zionistische. Zionist sein heißt: Die zionistische Wirklichkeit so sehen, als habe Pinsker gestern sein Buch geschrieben, als habe Herzl erst heute den '«Judenstaat» herausgegeben: es sei in Palästina noch Seebad Cirkvenica L Pension Engel, 20 Schritt vom Meer entfernt, im Zentrum, streng Pensionspreis samt Zimmer Diner •Seite ö . nichts geschehen; es seien keine Menschen hereingebracht, keine Positionen in Stadt und Dorf und keine Sympathien gewichtiger, auch nicht-jüdischer, Kreise in der Welt errungen worden; wir stehen ganz am Anfang und haben keinen andern Besitzstand als unsem nackten Willen; es gibt keine Bewegung, keine Menge von Zustimmenden und Anhängern — heute ward der Zionismus geboren und in d e i n e r Hand, in deinem W i 1- 1 en liegt die erste Entscheidung! II. Zionismus und Zionisterei Es ist ein tiefes Uebel, daß den Zionisten der Zionismus schon längst eine bloße Baubewegung geworden ist, eine Palästina-Aufbaubewegung. Der integrale Zionismus aber deklariert sich, wie der Zionismus in seinen Anfängen sich präsentierte, als eine Auswanderungsbewegung: Ueberwanderung und Konzentration in einer neuen Heimat. Dieser Millionen-Ueberwanderung allein soll der Aufbau Palästinas als notwendige, unerläßliche Vorbedingung, Plafzbereitung dienen. Da aber die Realisierung einer derartigen Ueberwanderung so unfaßlich schwer ist, haben sich die Zio* nisten einen anderen Zionismus konstruiert, einen leichten, bequem-duseligen, der gar nicht kostspielig ist, keine innerlich revolutionierende Bereitschaft anbefiehlt, weder das ganze Volk anfordert, noch den ganzen Menschen. Ihm genügen Beiträge, Spenden, «Bausteine», Mitgliedschaft an einem Verein, Beteiligung an einem Komitee, Besuch von Veranstaltungen, Palästina- Vergnügungsfahrten u. dgl. Mit Ausnahme von ein bißchen vager, schmerzloser, ganz ungefährlicher Palästina-«Zentritis» bleibt alles, bei jedem einzelnen und bei der ganzen Nation, recht schön und ewiglich beim gewohnten Alten. Die paar Chaluzim, welche herübergezogen sind, um unter schweren Opfern das zu verwirklichen, was die Zionisten feierlich proklamieren, freilich aber nicht erfüllen, diese Pioniere kommen nicht in Betracht: Das sind Phantasten und Fanatiker, die mit ihrer Anschauung ernst machen, ergo keine Zionisten. Nach dieser Art Zionismus ist der Aufbau Palästinas kein Instrument, um die Galuth aufzuheben. Er ist bloß dazu da, um den Juden der ganzen Welt eine fast kostenlose «Erhebung» zu bereiten, im «Bewußtsein des herrlichen Werkes, das im Heiligen Lande geschaffen wird». Nicht wir haben der Heimat wirklich wehe Opfer darzubringen, damit sie uns dann aufzunehmen vermag. Vielmehr sei es die Aufgabe Erez-Israels, durch seine Wiederauferstehung, der Judenheit in allen sieb- Badgasleln KÜRHOTEL BRISTOL THERMALBÄDER FLIESS. WASSER BESTE KÜCHE zig Ländern ihrer ewigen Zerstreuung eine edle Freude zu bereiten. Ein alter bewährter Zionist schreibt in einer altbewährten zionistischen Zeitschrift mit verwunderlicher Einfachheit und seltsamer Gewißheit: «Denn den Zionismus ist schließlich des Golus wegen da. Der Zionismus beseitigt nicht den Golus ...» er kann den größeren Teil, der im Golusf bleiben wird, nur Stütze sein, nur Bereiten geistiger und moralischer Freude. Palästina kann das geistige Weekend sein für die inzwischen immer und immer größere Zahl Golusjuden.» — So weit sind wir gekommen I Dieses Erez Israel, die heilige Hoffnung von siebzig Generationen, für welche unsere Ahnen «ins Feuer und ins Wasser gegangen» sind, das Ziel der Renaissance-Bewegung, in der wir eine innere völlige Umwälzung und den Weg zu einer Erlösung in jedem Verstände gesehen — der Zweck und Sinn von all dem soll eine geistige Wochenendvergnügung für das p. t. jüdische Publikum seinl Und das Schmerzlichste dabei ist, daß jene Charakterisierung zwar als Zielsetzung völlig unannehmbar, als Diagnose aber präzis zutreffend bleibt. Das 1 s t Palästina heute den meisten Zionisten:' Weekend! Eine spießerische Gemächlichkeit, eine Halbleiertags-Sentimentalität, die nicht erhebt und nicht erschüttert, billig befriedigt, aber nie befruchtet. Freilich werden gegen diese meine Auffassung des Zionismus, als einer nationalen Unternehmung zur tatsächlichen Ueberwanderung der Mehrheit des jüdischen Volkes, alle Vernünftigen gleich einwenden: «Ja, abef Palästina kann doch all diese Millionen nicht fassen!» darüber im nächsten Artikel. Wifii Ihr schon? Wißt Ihr schon, daß ein Jade der «größte» Mann der Welt ist? Er heißt Jakob Ehrlich und stammt aus Texas in U. S. A. Bekannter ist er unter dem Namen «Jack Earle, der Zirkusriese». Er ist 2 m 43 cm groß und wiegt 161 kg. Seine Schuhnummer Ist 52, seine Handschuhnummer 18. So einen sanften Händedruck von Earle wird nicht jedermann aushalten. Ehrlichs Eltern weisen normale Maße auf. Der Vater, der als Juwelier in El Paso, Texas, lebt, Ist 1 m 75 cm groß, die Mutter 1 m 65 cm. Wißt Ihr schon, daß in Amerika eine starke Bewegung Im Gang ist, die viel Geld und Menschen nach Palästina bringt? In der letzten Zelt wurden vom englischen Konsulat ln New York nicht weniger als 50 Zertifikate für Kapitalisten erteilt. Da jeder «Kapitalist» mindestens 1000 Pfuiid haben muß, viele aber mehr haben, kann man die ungeheure Wichtigkeit dieser Emigration erkennen. 50 Zertifikate bedeuten mindestens 50.000 Pfund. Erfahrungsgemäß bringt die Investition einer Summe in der Industrie dreimal soviel Menschen Beschäftigung als die Investition derselben Summe in der Landwirtschaft. Wißt Ihr aber auch, daß Amerika bisher das einzige Land ist, das die Mittelstandskolonisation systematisch fördert und organisiert? Es ist das Verdienst der dortigen Zionistischen Organisation, im «American Economle Committee for Palestine» ein Instrument geschaffen zu haben, das sich außerordentlich bewährt. Dieses Komitee erteilt Auskünfte und gründet Sparvereine. Die Mitglieder dieser Sparvereine besteuern sich selbst mit Summen von 25 Cents bis 5 Dollar wöchentlich. Das Geld wird sicher angelegt und bildet die finanzielle Grundlage für die Auswanderung nach Palästina. iWlßt Ihr schon, daß Mussolini lebhaftes Interesse für die jüdischen Leistungen ln Palästina hat? Er empfing kürzlich den Rabbiner Dr, Salomon Goldmann aus Chicago, der gerade aus Erez Israel kam. Belm Eintritt begrüßte Mussolini ihn mit der Frage: «Was gibt es Neues ln Tel-Awiw?» Dr, Goldmann schilderte ihm nun die ausgezeichnete Lage in Tel-Äwiw und In den Kolonien und Mussolini sagte darauf: «Ich freue mich, das von Ihnen zu hören. Es zeigt, daß auch die Juden den Boden bearbeitet können.» Wißt Ihr, wie viel jüdische Zeitungen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika erscheinen? Es gibt ln New York etwa zwei Millionen Juden, die über die Riesenstadt mit ihren 10 Millionen Einwohnern ungleichmäßig verteilt sind. Heute erscheinen vier Tageszeitungen in jiddisch: «Der Vorwärts»: Abendausgabe 140.000, Sonntagsausgabe I6O.OOO3 «Jiddisches Morgen-Journal»: Morgenausgabe 95.000, Sonntagsausgabe 80.000; «Tog» (Tag): Abendausgabe 80.000, Sonntagsausgabe 85.000; «Freiheit»: Abendausgabe etwa 3000. Diese 345.000 Leser repräsentieren etwa 18 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung in New York City; im Durchschnitt kommt auf eine fünfköpfige Familie je eine jiddische Tageszeitung. Insgesamt existieren In den Vereinigten Staaten von Nordamerika 190 jüdische Zeitungen und Zeitschriften. Davon erscheinen 5 in hebräischer, 72 in jiddischer, 12 in jiddischer und englischer, 98 in englischer, I in" deutscher und 1 in spaniolischer Sprache. IIJüdische Mädchen» ■ ■ vor der Berufswahl ■ ■ ||Jüdische Mädchen» I Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäschewarenerzeugung mit öffentllchkeltsrecht Staatsgültige Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan für allgemeine Bildung Dr. Krüger-Hem, 2„ Malzgasse 7, Tel. A-48-0-77 Internat. Samstag Schulfrei Berufsberatung täglich von 11 bis 12 Uhr