Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 234 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nf. 234 — 1. Juli 1932 DIE STIMME Die ifldisffte 9wau nationale Tradition und Erziehung Die Aufgabe der jüdischen Frau von heute Von Dr. Amalie Kantor. Die Wirrnis der heutigen Zeit, das bewegte, immer stürmischer zum Ausdruck kommende Ringen politischer Leidenschaften hat auch diesmal wieder im Judentum sein Opfer Sefunden. Auch jetzt kommt es darauf an, wie sich das Juentum der neuen Form der Unterdrückung wird erwehren können. Wie die Geschichte zeigt, hat sich stets in den Zeiten ärgster Not und größter Bedrängnis das jüdische Volk auf sich selbst besonnen, hat den Druck, unter dem es zu stöhnen hatte, früher oder später mit einem entsprechenden Gegendruck erwidert. Und stets hat sich dann, wenn es die Not der Zelt erforderte, die jüdische Frau den Männern helfend zur Seite gestellt und sich der Größe des historischen Augenblickes würdig erwiesen. Es gibt geschichtliche Beispiele genug, wo die jüdische Frau es war, welche die Initiative ergriffen und für ihr Volk Großes getan und zur Stärkung seiner Widerstandskraft, seines nationalen Bewußtseins, Seigetragen hat. Es sei hier nur auf die Beispiele hingewiesen, die uns jüdische Frauen des Mittelalters gegeben haben. So waren es Jüdinnen, die zu einer Zeit, wo das Wüten der Inquisition seinen Höhepunkt erreichte, als die massenhafte Vernichtung jüdischer Heiligtümer, die Verfolgungen des jüdischen Glaubens an der Tagesordnung waren, alle ihre Kraft und Energie für die Rettung der jüdischen Geistesgüter einsetzen, die durch Schaffung von Thoraschulen und ildungsstätten die jüdische Kultur vor dem Untergang bewahrten und die damals schon die Ideen eines staatlichen Eigenlebens der Juden propagierten. Würdig dieser historischen Vorbilder möge sich auch die jüdische Frau von heute in ihrer Stellungnahme zu den •bedauerlichen Ereignissen der Gegenwart erweisen. Heute bedarf es in Verteidigung jüdischer Kulturgüter und der primitivsten Menschenrechte ebenfalls des Einsatzes aller Kräfte des gesamten Judentums. Gerade die jüdische Frau kann hier neuerdings beweisen, daß sie die Stunde der Gefahr versteht. Durch nimmermüde Aufklärungsarbeit muß sie den Gedanken des jüdischen Zusammenschlusses, der Notwendigkeit einer eigenen Staatlichkeit In Immer weitere Kreise tragen. Als Rückhalt der jüdischen Familie fällt in erster Linie ihr die Aufgabe zu, noch mehr als früher dafür zu sorgen, daß ihre Antwort auf alle Anfeindungen eine noch strengere Pflege jüdischer Tradition und Erziehung sei. Wenn man dem Judentum den Zutritt zu den Bildungsstätten verwehrt, ihnen das Studium an den Schulen verekelt und unmöglich macht, so soll es vor allem die jüdische Frau sein, die sich dafür einsetzt, daß ihre Söhne und Töchter nur an solchen Anstalten ihre Ausbildung erhalten, welche die Gewähr filr eine Erziehung im jüdisch-nationalen Sinne bieten. Wenn wir auf diese Weise dazu beitragen, daß unsere Jugend in bewußt jüdischem Geist heranwächst, so wird damit ein wichtiger Schritt weiter getan, der in die Richtung der Festigung und Konkretisierung des jüdischen Staatsgedankcus führt. Diese Richtschnur mag die jüdische Frau stets leiten, wenn sie sich, wie heute, einer wachsenden antisemitischen Strömung und einer willkürlichen Hemmung der jüdischen Einwanderung nach Palästina gegenüber sieht. Möge es der jüdischen Frau von heute vergönnt, sein, als Trägerin dieser Ideen die breiten Massen des jüdischen Volkes aufzurütteln und sie mit der Begeisterung für die einzige mögliche Lösung der Judenfrage, die Errichtung eines freien jüdischen Palästina, zu erfüllen. Mit dieser geistigen Waffe ausgestattet, wird und muß die jüdische Frau die brutalen Arierim -n'.r cl:iiludentuni vom beute Zurückschlagen helfen. Fra« or. Esther llinger gew. langjährige Sekundarärztin im Wied ne r Krankenhause (Abt. Prof. Halban) hat sich als Spezialärztin für Frauenkrankheiten ln Wien, II., Untere Augartenstraße 26 etabliert und ordiniert täglich von 2 bis 4 Uhr nachmittags. Die AeArdiscAe Bewegung Redigiert vom Waad der «Histadruth Ivrith» Bericht Aber die zweite Versammlung der Religionslehrer und Rabbiner. Wochenversammlungen der «Histadruth Ivrith». Samstag, den 11. Juni, sprach Dr. Radowenski, Arzt der «Hadassa» in Chedera über den Gesundheitszustand in Palästina. Er informierte Uber das Sanitätswesen der «Hadassa» und «Kupat Cholim». Ch. Ben Zion-Gedenkfeier« Samstag, den 18. Juni, fand in der «Histadruth Ivrith» eine Gedenkfeier zu Ehren des verstorbenen Schriftstellers Sch. Ben-Zion statt. Sie wurde durch Dr. David Rothblum eröffnet. Chawer S c h I o m o h Auerbach würdigte den großen Dichter, Erzähler, Uebersetzer und Redakteur. Er vermochte den Versammelten ein plastisches Bild über den Verewigten zu entwerfen und nachzuweisen, wie groß der Verlust für unser Schrifttum sei, der durch den Heimgang Ben- Zions entstanden ist. Vortrag Prof. S. Barons. Am Samstag, den 25. Juni, fand der letzte Vortrag dieser Saison der «Histadruth Ivrith» statt. Prof. Baron von der Columbia Universität in New York war der Referent dieses Abends. Dr. Rothblum begrüßte den alten Chawer der Histadruth Ivrith und den Zögling der Wiener Jüdischen Anstalten. Professor Baron sprach über die Emanzipation der Juden, jedoch nicht bloß über das historische Ereignis, sondern auch über die aktuelle Bedeutung dieses Problems. Er sprach fesselnd, sachlich und originell. Er suchte nachzuweisen, daß die Organisation der Juden im Mitteialter eine solche war, wie sie heute von den neuen Organisationen der Gegenwart angestrebt wird: Die Unterordnung des einzelnen unter die Herrschaft der Gesamtheit. Die jüdische Kehilla des Mittelalters trieb soziale Fürsorge in einem Ausmaße, wie es sogar heute von großen nlchtjüdischen Gemeinden noch nicht erreicht ist. Der Referent bewies auch durch sein Hebräisch, daß er in Amerika den Kontakt mit der hebräischen Bewegung und Sprache nicht verloren hat. Zweite Konferenz der Rabbiner und Lehrer Am 15. d. M. fand im Heime der Histadruth die von der Histadruth Iwrith einberufene zweite Konferenz der Rabbiner und Lehrer statt. Diesmal erschien vollzählig auch das Inspektorat der israelitischen Kultusgemeinde, bestehend aus den Herren: Oberrabbiner Dr. Feucntwang, Studienrat Professor Redisch, Rabbiner Dr. Taglicht. Rabbiner Dr. Weiner und die Inspektoren-Stellvertreter Ohler und Wiesner. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde delegierte seinen Vertreter Kultusvorsteher Dr. Glanz und von der Unterrichtskommission kam der Obermedizinalrait Dr. Haase. Der Präsident der Histadruth, Dr. David Rothblum, eröffnete die Konferenz und begrüßte die erschienenen Rabbiner und Lehrer aller Verbände, den Vertreter der Kultusgemeinde, die Mitglieder des Inspektorats mit Studienrat Prof. Dr. Redisch an der Spitze und erteilte hierauf Herrn Prof. Dr. M. Papo zu seinem Vortrag über das Thema: «Mit welchen Mitteln und auf welchem Wege können wir unter den gegebenen Voraussetzungen das Höchstmaß des Hebräischen beim Religionsunterricht in den Mittelschulen ereichen» das Wort. In seinem ausgezeichneten Referate führte Prof. Papo im wesentlichen folgendes aus: Es gebührt der Leitung der Histadruth der besondere Dank für die konsequente Durch- Einladung zu dem am 2. Juli 1932 in Kadermanns Prachtsaal, Prater (neben Lustspiel-Kino) stattfindenden 25 jährigen Bühnen-Jubiläum dev Schwesievn Lublins Prominente Kunstkräfte haben ihre Mitwirkung zugesagt — Beginn halb 9 Uhr abends — Preis (an aer Kassa) S 1.— Für Abonnenten der Stimme S —.50 (erhältlich I., Kärntnerstraße Nr. 28, I. Stock) führung des Beschlusses: die heutige zweite Konferenz möglichst bald einzuberufen. Den Kampf für die Verbreitung der hebräischen Sprache müssen wrr zuerst bei der Jugend beginnen. Durch gehörige Aufklärung seitens dieser Jugend und seitens der Fresse können die Eltern leicht zugunsten unserer Sache umgestimmt werden. Die liberale Presse soll gezwungen werden, diesbezüglich ihren bisherigen ablehnenden Standpunkt zu ändern. Diese zwei Kardfnalaufgaben fallen nun der Leitung der Histadruth Iwrith zu. Was nun den Unterrichtsplan selbst betrifft: In den ersten zwei Mittelschulklassen soll eine sprachliche Vorbereitung für Bibellektüre im Original vorgenommen werden. Wir brauchen dazu ein Buch, welches dem Kinde die Bibelgeschichte in leichter hebräischer Sprache übermitteln soll. In den oberen Klassen soll man dem Schüler eine Auslese von Psalmen: Jesaja, Jechezkel, Jona, Jehuda Halewi, Pijutim aus beiden Machzorim usw. geben. Der obligatorische Religionsunterricht soll noch durch fakultative Kurse ergänzt werden* die schon von der 4. Klasse aufwärts parallel mit dem obligatorischen Unterricht geführt werden sollen. Für diese Rurse wäre eine Chrestomatie notwendig, in die Schöpfungen von Halewi, Maimonides, Achad Haam, Bialik usw. aufgenommen werden soll. Die Histadruth Iwrith wäre zu ersuchen, für die Herausgabe eines solchen Buches zu sorgen. Hierauf ergriff Studienrat Prof. Redisch das Wort und stellte fest, daß er im allgemeinen mit den Ausführungen des Prof. Papo übereinstimm«.“. Au-?' ‘ «.' “Air. daß man den Schülern die biblische Geschichte beim Religionsunterricht in der hebräischen Sprache übermitteln soll. Nun fehlt aber ein entsprechendes Buch dazu. Die Kultusgemeinde wird es sehr begrüßen, wenn sich Lehrer bemühen werden, ein. solches Buch zu schreiben. Von beiden Seiten wurde bisher gesündigt. Um das Gebet zu verstehen, muß man auch hebräisch können. Mit dem hebräischen Unterricht muß man aber erst nach der Volksschule beginnen. Zum Schluß gab Prof. Dr. Redisch seiner Freude darüber Ausdruck, daß die Konferenz einen guten Verlauf genommen hat. Es sprachen dann die Lehrer Herzberg und Müller. Müller meinte, daß das, was Papo für die Mittelschule vorschlug, auch Geltung für die Hauptschule haben kann. Schließlich meinte er, die Konferenz möge heute im Sinne des Referates Papos bestimmte Beschlüsse fassen. Studienrat Redisch ersuchte aher, auf dieser Konferenz vorläufig noch keine Beschlüsse zu fassen, bis dazu die interne Konferenz der Lehrerschaft der Kultusgemeindc Stellung nehmen wird. Nach einigen von Rabbiner Dr. Kupfer gemachten Vorschlägen schloß der Präsident, Dr. Rothblum, die zweite Konferenz, indem er die Mitteilung machte, daß die nächste dritte Konferenz erst im Herbst <,:nherufen werden wird. Die größte jiddische Tageszeitung Europas (Warschau, Nalewki 38) ist bei allen Zeitungsständen zu haben. Besonders reichhaltiger Inhalt in den Freitagnummern. Ebenso die interessante u. reich illustrierte Wochenschrift "D» Hausfreund" äs-» AV1GDOR HAMEIR1 86 DER GROSSE WAHNSIHN Auer:' üebn'traguii«.' aus lir. iii-nriii.wlivn von bem Woll. Ich schwieg eine Weile zögernd und dann antwortete ich leise, ohne ihm ins Gesicht zu blicken: «Und? Se. Majestät der Oberste Kriegsherr, Kaiser Franz Josef 1.» Auf diese Worte hin erhoben sich einige von ihren Plätzen und schauten mich an mit einem sonderbaren Ausdruck, als ob ihnen jetzt erst dieses große Geheimnis verraten worden wäre. Es herrschte Stille. Meine Leute «verdauten» die Wahrheit. Und dann folgte wortloses Gestikulieren, das ein mimischer Ausdruck kräftigen Fluchens war. Einer warf das Buch, in dem er grade gelesen hatte, wQtend von sich, der andre die noch nicht ausgerauchte Zigarette, der dritte spuckte in weitem Bogen aus; und der vierte kratzte sich. Mein Diener schob seine Mütze verwegen aufs Ohr und machte eine wegwerfende Handbewegung: «Ein Menschl Im Namen der Mutter Gottes!» — und ging hinaus. Ich wollte ihnen noch sagen, daß Kaiser Franz Josef eigentlich den Krieg auch nicht will, aber ich schwieg doch. Ich hätte mich ja selber in Verwirrung gebracht. Armer Franz Josef! Jetzt fallen alle Verwünschungen und Flüche seiner guten Soldaten auf seinen Kopf. Dieses Problem machte ihnen auch später noch viel Sorgen. Aber dann kam das Tauwetter und die große russische Offensive. Es war ein fürchterlicher Angriff an der ganzen, viele hunderte Kilometer langen Front: von Czernowitz bis Riga. Tausende von Kanonen dröhnten, bei den Russen und auch bei uns. Tausende von Granaten und Schrapnells flogen hinüber und herüber und explodierten. Es war ein ohrenbetäubender Lärm. Und niemand von uns wurde taub. Und bei uns, wie auch bei den Russen, standen Menschen mit Gewehren, Handgranaten, Maschinengewehren und Bajonetten, bereit zu morden ...... Und eigentlich haßte einer den andern nicht. Verrückt. Zehntausende, hunderttausende Menschen sind verrückt, sie leiden an irgend einem großen Wahnsinn. Dieser Wahnsinn verbreitet sich wie eine Seuche. Und es gibt keinen Irrenarzt, der die Diagnose aufstellen, niemanden, der die Krankheit heilen würde. Was würde geschehen, wenn plötzlich all diese Hunderttausende an der riesigen Front sich nicht hinschlachten, sondern liebkosen, küssen und umarmen würden? Und sei es auch ohne Liebe! Man braucht keine Liebe dazu! Ist doch der Wahnsinn des Mordens auch ohne Haß. Ja, bestimmt ohne Haß. Wirklich: Warum schlägt der Wahnsinn nicht ins Gegenteil um? All das denke ich mir und zugleich erteile ich nach links und nach rechts Befehle des Wahnsinns: «Rechter Flügel: nicht Vordringen! Feldwebel Ritsch; Munition 1 Links: Ruhig liegen bleiben! Ziel: Zwelhundertfünfzig Schritte! Rechts: Zehn Schritte vorwärts! Risitsch: Nfederknien! Broidel, der Teufel hole dich, warum stehst du kerzengerade da, ein wunderbares Ziel für den Feind? Feuer! Feuer! Feuer! Nicht so durcheinander! Langsam! So, Kameraden! Laß doch, Margulies, ich will jetzt nicht telephonieren! Grünbaum! Arbay! Zsenge! Kaplanow! Auf den Boden! Feuer! Feuer! Feuer! Links: Aufhören! Zwanzig Schritte nach vorwärts, marsch! Rechts: Ruhig stehenbleiben! So! Rechts: Gradaus vorgehen mit dem linken Flügel, marsch! Feldwebel Ritsch, wo ist Munition, der Teufel hole dich! Margulies, wirf dich auf den Boden! So, Kameraden! So! So! Der Russe zieht sich schon zurück! So! Und jetzt die ganze Linie vorwärts, marsch! Fünfzig Schritte! Hurrah! Schreit doch, Schweine!» ... Und inzwischen denke ich: Aha, das ist der Angriff der Liebe! «Sanität! Sanität! Meklin kriegte einen Bauchschuß! Ach, Mutter! Sanität! Rechts: Feldwebel Ritsch wurde verwundet Ach, Mutter, Korporal Zselenyl nimmt den Platz des Feldwebel Ritsch ein!» ... Warum gibt es keinen Wahnsinn der Liebe? Wenn bei allen jetzt der Wahnsinn der Liebe ausbrechen würde...? «Achi» «Marsch! Feuer! Feuer! Feuer!» «Leichen wegschaffen, Sanitätl» «Fressen! Jeder fünfte. Der Reihe nach! Sol Mahlzeit! Gefreiter Gail, hier hast du eine Zigarette!» «Feuer! Feuer! Feuer! Infanterist Kuhn, friß doch wie ein Mensch. Elle nicht so, du bist nicht auf einer Hochzeit! Korporal Zselenyi, Handgranaten herl Feuer! Vorwärts! Auf den Boden! Feuer! Vorwärts!» Am vierten Tage eroberten wir Czortkow. Die Russen flüchteten. (Fortsetzung folgt.)