Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 234 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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.... t i. Juli 1032 DIE STIMME Seite 7 Der mörderische Zeitgeist JtomfgfosMit sum Ma(uiho*Prouß Der Prozeß gegen den Eisenbahnattentäter MatusVa hat den gerade entgegengesetzten Verlauf genommen, als es bei Kriminalaffären sonst üblich ist. Die allgemeine Norm ist, daß man zuerst den Täter ermittelt und dann dessen Tatmotive erforscht. Der Fall Matuska ist umgekehrt verlaufen: Der Verbrecher hat wohl nach seiner Verhaftung seine Schandtaten gestanden, über seine Beweggründe herrscht aber noch heute, naoh seiner Verurteilung, mysteriöses Dunkel. Solange man jedoch noch keine Ahnung hatte, wer der Täter war, da waren paradoxerweise gewisse Kreise über seine Motive ganz im klaren. Man erinnert sich, daß die Antisemiten sofort mit der Behauptung hervortraten, daß die Attentate von Juden begangen worden seien. Das Unerwartete geschah. Es gelang der österreichischen Polizei, den Täter auszuforschen — den gemeinsamen Täter der Anschläge von Jüterbog, Bia- Torbagy und Anzbach — und siehe da: es war kein Jude, sondern ein Katholik, noch dazu ein sehr überzeugungstreuer, der auch seine Verbrechen nur im Dienste frommen Qlaubenseifers begangen zu haben vorgab. So ist zwar nicht das Rätselraten um das Motiv, wohl aber die politische Diskussion rings um die Eisenbahnverbrechen verstummt. Matuska selbst hätte das Motiv gern als Ausgeburt von Irrsinn gewertet gesehen. Er spielte den geistig Abnormalen und ist dabei so weit gegangen, den — Judenfreund und Schätzer der sechstausend Jahre alten jüdischen Kultur zu po$!eren. Merkwürdigerweise hat ihm nicht einmal das dazu verholfen, für verrückt erklärt zu werden. Er kann noch von Glück sprechen, daß es ihm keine Erhöhung der Strafe eingebracht hat. In Deutschland und in Ungarn, wo Sich Matuska wahrscheinlich auch noch vor Gericht zu verantworten haben wird, wird er gut daran tun, solche Späße zu unterlassen. Sie könnten seine frühere Tätigkeit in der Schule seiner Grausamkeit: den weißen Terrorbanden der v erwachenden Magyaren», vergessen lassen. Matuska ist aber schlau genug, zu wissen, wie weit er überall zu gehen und an welche Gefühlssaiten er jeweils zu rühren hat. Er wird im Hitler-Deutschland und im Horthy-Ungarn Verständnis finden, obwohl seine Taten, bevor der Täter bekannt war, als Leistungen der Weisen von Zion mißverstanden worden waren. Und dieses voraussichtliche Verständnis der internationalen Anhängerschaft des weißen Terrors öffnet den Weg zur allgemeinen Erkenntnis des Ursprunges und Wesens des Sadismus von Matuska. Der Mann, der auf die Frage des Richters nach seinem Beruf «Eisenbahnattentäter» zur Antwort gab, erzählte von einem Geiste, der ihn öfters heimsuchte, mit ihm Zwiesprache hielt und ihm den Befehl zur Ausführung seiner Verbrechen erteilte. Das ist ihm von den Schöffen nicht geglaubt worden und doch ist es in einem höheren Sinne wahr. Es kann gar nicht daran gezweifelt werden, daß ein Mann in der gesellschaftlichen Position Matuskas, wenn er Verbrechen begeht, von denen er sich nicht den geringsten Vorteil erhoffen kann, unter dem Einfluß eines Geistes handelt. Dieser Oeist existiert, er gibt ja auch sonst genug Lebenszeichen von sich. Denn es ist zweifellos derselbe Geist, der in Deutschland das Volk unter verschiedenen Parteiabzeichen sich selbst in täglichen Straßenschlachten hinmorden läßt, der die «Blüte der Nation», die Studenten, dazu treibt, sich auf wehrlose Juden zu stürzen und auf ihnen herumzutrampeln, derselbe Geist, der über hundert Schändungen jüdischer Friedhöfe auf dem Kerbholz hat, derselbe Geist schließlich, der deutsche, polnische, rumänische, griechische Richter, wenn sie über derlei Greueltaten zu urteilen haben, Freisprüche fällen läßt. Hier allerdings klafft ein Widerspruch zwischen dem Schicksal Matuskas und dem anderer, vom selben Geiste inspirierter Angeklagten. Dieser Widerspruch hat offenbar das Mißfallen jener Zuhörer der Urteilsverkündung erregt, die das angesichts der entsetzlichen Taten Matuskas immerhin milde Urteil mit Zischen aufnahmen. Das kritische Auditorium fragte sich mit einigem Recht, warum der Eisenbahnattentäter für eine Mentalität büßen muß, für die die Judenmörder in Ungarn mit glänzenden Stellungen, die Hakenkreuzler in Deutschland mit einem rasanten Aufstieg zu Macht und Herrlichkeit belohnt wurden. Die Antwort liegt in dem Hang Matuskas zur Eigenbrötelei. Wir leben in einer Zeit des Kollektivismus, und dieser Tatsache muß auch der Sadist Rechnung tragen. Hätte sich Matuska eine kleidsame Uniform ausgesucht und im Verein mit den anderen Trägern derselben Kleidung seinen erversen Trieben Genüge geleistet, dann wäre er vielleicht statt in das graue Haus, wo die Gesetze v o 11 s t r e c k t werden, in das herrliche Palais eingezogen, wo die Gesetze gemacht werden. Statt Objekt wäre er Subjekt der Gesetzgebung geworden. Daß Matuska den Zeitgeist, der ihn doch persönlicher Zwiesprache würdigte, so sohlecht verstanden hat, liegt wahrscheinlich an seinem mangelnden Sprachentalent. Er hat sich vor Gericht mit der deutschen Sprache berumgeschlagen und er scheint auch mit der von den Psychoanalytikern entdeckten und übersetzten Sprache des Unterbewußtseins auf dem Kriegsfuß zu stehen, mit jener Sprache, die sich an «göttlichen Visionen» berauscht, wenn das Tier im Menschen erwacht, die von «Politik», «Patriotismus», «Religion» und «Rasse» spricht, wenn Bomben in den Balisaal eines jüdischen Frauenwohltätigkeitsvereines einer ungarischen Provinzstadt geworfen oder jüdische Häuser in Saloniki in Brand gesteckt werden, die «Heil!» ruft, so oft die als nationaler oder religiöser Idealismus vermummte Bestie im Menschen ein Un h e II anrichtet . . . H. Sp. & Winingers „Große jüdische National- Biograpnie“ Unter unendlichen Schwierigkeiten ist dieses nunmehr sechs Bände umfassende Werk zustande gekommen. Die jüdische und die allgemeine Presse hat wiederholt auf die Nützlichkeit dieses Werkes hingewiesen, und das mit vollem Rechte. Das Werk zeigt vor allem, wie groß die Zahl der bedeutenden Männer und Frauen ist, die das Judentum im Laufe von Jahrhunderten hervorgebracht hat; daraus ergibt sich von selbst der gewaltige Beitrag, den jüdisches Denken und Schaffen der menschlichen Kultur zugeführt hat. Es hat darum nicht bloß einen wissenschaftlichen, sondern auch erzieherischen Wert, denn unsere eigenen Volksgenossen und besonders unsere Jugend sollen daraus lernen, daß sie auf die Zugehörigkeit zu diesem Volke stolz sein können. Es ist ferner ein nützliches Nachschlagebuch, denn es berichtet rasch und zuverlässig über alle namhaften Personen jüdischen Glaubens aus allen Zeiten und aus allen Ländern. Vorläufig ist es auch das einzige Werk dieser Art, denn weder Ad. Kohuts «Berühmte israelitische Männer und Frauen» noch etwa das «Jüdische Lexikon» oder andere Lexika oder Enzyklopädien können sich soweit durchaus nur mit Personen befassen, wie es in Winingers Werke geschehen ist. Dabei ist das Ganze die Leistung eines einzelnen Mannes, von dem man wohl sagen kann, daß er sein ganzes Leben dieser Aufgabe gewidmet hat, und schon diese Tatsache verdient Erstaunen und Anerkennung. Wenn darauf hingewiesen würde, daß die Große jüdische National-Biographie viele Fehler und Mängel enthalte, so ist das eben darauf zurückzuführen, daß der Verfasser ganz allein dastand und das ganze riesige Material selbständig sammelte und auch verfaßte, wo doch sonst solche Nachschlagewerke von einem ganzen Stab von Mitarbeitern, ja von ganzen Gesellschaften gemacht werden. Fehler gibt es freilich auch dann; sie dürfen gar nicht in Rechnung gestellt werden in unserem Falle, da alles von einem Menschen gemacht wurde, der dazumal nicht einmal der Zunft der Gelehrten angehörte. Und unter welchen Schwierigkeiten hat Wininger arbeiten müssen! Die Kosten des Druckes aufbringen in einer Welt, die so krank darniederliegt, in einer Zeit, wo man bei bestem Willen keine Bücher kaufen kann. Und dennoch muß Wininger auf Unterstützung rechnen können, denn nur so kann er seinen Verpflichtungen nachkommen, und nur so kann er auch die «Nachträge» liefern, die allerdings notwendig geworden sind. Wer dieses Werk sich käuflich anschafft, setzt sich nicht nur in den Besitz eines guten und vortrefflichen Beraters in allen jüdischen Dingen, sondern trägt auch dazu bei, die Lasten des verdienten Autors zu verringern und ihn in die Lage zu versetzen, das viel verheißende Werk endlich zum Abschlüsse zu bringen. Professor Dr. S. K r a u s s. Ein palästinensisches Handbuch (Kol-Erez-Israel — Handbuch für das Jahr 5692) Der bekannte Verlag der Gesellschaft «Mischar w’Taassia» hat ein Handbuch über das heutige Palästina, nach dem Stande des gegenwärtigen jüdisch“n Jahres 5692 (1931/32), erscheinen lassen. «Mischar w’Taassia» ist auch die Gesellschaft, welche wesentlich zum Gelingen der Levante-Messe in Tel-Awiw beigetragen hat. Dieses Handbuch ist eines der bedeutendsten Erscheinungen in Palästina in den letzten Jahren. Bisher gab es kein palästinensisches Informationsbuch sowohl bezüglich der Statistik als auch der industriellen und kaufmännischen Entwicklung des Landes. Das variierende Buch hat einen englischen' und einen hebräischen Teil. Jeder Teil zerfällt in eine allgemeine Abteilung, in ein Eimvohnerverzeichnis und ein Branchenverzeichnis. Der erste Teil gibt einen Ueberblick über die Geographie Palästinas, die Geschichte des Landes, den politischen Status, die Bevölkerung, Landwirtschaft, Handwerk, Handel, Transportwesen, Touristen wesen, finanzielle Angelegenheiten, Kooperation, die Gewerkschaftsbewegung, Post, Telegraph und Telephon, die Regierung und ihre Institutionen, die Jewish Agency, Keren Hajessod, Keren Kajemeth, Pica, Knesseth-lsrael, den Obersten Muselmanischen Rat, über das arabische Aktions-Komitee, die deutschen Kolonien, Presse, die Volkszählung des Jahres 1931. Auch sind in dem Handbuch die Möglichkeiten der Investitionen in Palästina geschildert. Der zweite Teil enthält die jüdischen Adressen der wichtigsten Städte und Kolonien. Zusammenfassend muß gesagt werden, daß der Versuch Schwerster zionistischer Konflikt hi Polen Warschau. Die Zionisten-Revisionteten, die sich 0b€| einseitige Verwendung der Palästina-Einreisezertifikate zih' gunsten der Linken beschweren, haben für ihre Mitglied«! den Boykott des Keren Kajemeth und des Keren Hajessod ausgesprochen. Der Präsident des Palästinaamtes ia Polen Dr. M. Kiumel bezeichnet e revisionistische Beschwerde afcl unberechtigt. Das Zentralkomitee der zionistischen Organisation in Polen veröffentlicht einen Aufruf an die polnischen Zionisten, in dem der Boykott der zionistischen Fonds durch die Revisionisten scharf getadelt und u. a. ausgeführt wird* Die Heiligkeit unserer nationalen Fonds, die nicht in den Parteikampf hineingezogen werden dürfen, wurde bis jetzt gewahrt. Zu unserer Schande und unserem Schmerz gibt es jetzt Menschen, die sich hundertprozentige Zionisten nennen und die dennoch unser moralisches Fundament untergraben. Die Zionisten werden aufgefordert, alle von den Revisionisten verlassenen Positionen sofort wieder zu besetzen, damit die Fonds nicht leiden. Aehnliche Aufrufe erließen die Verbände der zionistischen Jugend und die Liga für das arbeitende Palästina. eines Informationsbuches über das gegenwärtige Palästina als glänzend gelungen zu bezeichnen ist. Auch das Aeußera ist ungemein ansprechend. Es kann allen Gesinnungsgenossen und zionistischen Institutionen aufs allerbeste empfohlen werden und natürlich auch allen Personen, die sich für die Wirtschaft in Palästina ernstlich interessieren. Der Preis dieses glänzenden Buches beträgt 5 Dollar. Dr. Chaim Tartakower Auözeichung jüdischer Künstler beim I. Internationalen Musikwettbewerb in Wien. Im Endergebnis des I. Internationalen Musikwettbewerbes (für Geige und Gesang) haben die jüdischen jungen Talente ziemlich gut abgeschnitten. Ein großer feil bestand erfolgreich die beiden Prüfungen des Wettbewerbes und erhielt Diplome, bezw. Anerkennungen der Jury über künstlerische Leistung und Aussicht für die Zukunft. Unter den Diplomierten und Anerkannten befinden sich folgende Juden: die Geiger: Bakmann Simon (Schweiz), Karl Rosner und Arno Gold (Oesterreich), Alice Tokacz (Ungarn), Jo Juda (Holland), Alfred Szenker (Polen), Ottilie Ungermann (Tschechoslowakei), Ilse Zilzer (Deutschland) und mehrere Oesterreicher; die Sänger: Kurt Baum (Deutschland), Rachel Kozan (Rumänien). Der Bukarester jüdische Sänger Robert Schilton erhielt einen der drei dritten Preise. Eine polnische Bibel-Uebersetzung Der Ober-Rabbiner i. R. des polnischen Heeres, Dr. Josef Mises, bereitet eine neue Bibelübersetzung in polnischer Sprache vor. Bisher erschienen die Bücher: Berejszit, Schmos, Vajikra. Die Uebersetzung wird von der Kritik als glänzend bezeichnet. «Palästina.» Soeben ist Heft 5—7 dieser wertvollen, von Adolf Böhm herausgegebenen und redigierten Zeitschrift für den Aufbau Palästinas im Umfang von 100 Seiten erschienen. Aus dem Inhalt: David Horowitz: Die Entwicklungstendenzen der palästinensischen Landwirtschaft; Dr. Walter Preuß: Die Ergebnisse der Volkszählung; ür. Karl H i 1 b, der bekannte Berliner Jurist: Die Grundlagen der Rechtsentwicklung in Palästina; Pfarrer Dr. Emil Lind, Speyer: Ländliches Volksleben in Palästina; E. N. Mohl: Die Finanzierung der Industrie; H. Frumkin: Der Arbeiterbedarf im Frühjahr und Sommer 1932 — sowie Artikel über die hebräische Presse in Palästina, Erfahrungen mit der Neukolonisation in anderen Ländern, Berichte der Regierung, ferner eine Fülle interessanter Details und Nachrichten atn* Politik und Wirtschaft, Buchbesprechungen usw. Die ausgezeichnete Zeitschrift kostet ganzjährig Dollar 2.—, halbjährig Dollar 1.20 (PKO Krakow 403.052) und ist durch di« Administration Wien, XIX., Weimarerstraße 90 (Rudolf Langer) zu beziehen. 3ilm «Die Welt der gelbem Rasse» China, Japan und die Mandschurei Die österreichische Uraufführung dieses neuen Kult« tonfilmes, der ct.c fesselnde Einführung in die Kuituf und Zivilisation cer gelben Rasse gibt, findet am 5. JuH in der Wiener Urania statt. «Die Liebesfiliale» Dies ist der Titel eines heiteren Films, der demnächst in mehreren prominenten Wiener Kinos erscheinen wird. «Die Liebesfiliale» wird für seitenspringende Ehemänner eröffnet und floriert solange, bis sie der Schauplatz überaus rüstiger und pikanter Verwicklungen wird, die schließlich zu ihrer Auflösung führen. Freitag Premiere des ersten Tom Mix'Tonfitmes Freitag, den 1. Juli findet im Gartenbau-, Ufa-Ton-, Stafa- und Kolosseum-Kino die Wiener Uraufführung des ersten Tom Mix-Sprech- und Tonfilms «Tom rechnet a b» statt. Der romantische wilde Westen erwacht in diesem Abenteurerfilm zu neuem Leben und mit ihm Tom Mix, der kühne Reiter, Lassowerfer und todesmutige Kämpfer für Freiheit und Recht. Ein Wiedersehen im tönenden Bild feiert man in diesem Film auch mit Tommy, Toms Wunderpferd, dessen Klugheit schon in vielen Filmen bewundert wurde. Der erste Tom MixTonfilm wird für das Wiener Kinopublikum nach all den vielen Operetten und Lustspielen ein« angenehme Abwechslung sein. In Berlin konnte der Fihn bereits den großen Erfolg erringen. Die Fox Film Corporation vor Lösung ihrer Produktionsfrage. Der Generalmanager für Südzentral-Europa, Harry; J. Gell, hat sich nach Berlin begeben, um dort mit denf Auslandschef der Fox, Clayton P. Sheehan aus New York zusammenzutreflen und die Produktions- und Verleihpläne für die neue Saison festzulegen. Man darf mit Recht auf das Ergebnis sehr gespannt sein; denn die Entschlüsse, die dort gefaßt werden, sind voll größter Bedeutung für die ganze Filmwelt. Literatur/Kunst / llieater