Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 234 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 234 — 1. Juli 1S32 Kongreß ae* Mindeeheiis-Naiionen Die firöffnungssiliung - Gespräch mli Leo Molzkln Von O. Schmid Seit vorgestern tagt in unserer Stadt der Achte Europäische Nationalitätenkongreß, welcher sich mit den Problemen der Minderheitsnationen befaßt. Für uns Juden ist dieser Kongreß von besonderer Wichtigkeit. Prominente Politiker und Wissenschaftler von internationalem Rang und Namen nehmen an diesem Kongreß teil und treten mutig, unerschrocken und mit dem Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit für ihre Nationen ein. Die nationalen jüdischen Gruppen in den verschiedenen europäischen Staaten sind u. a. durch Leo M o t z k i n, dem Vorsitzenden des Zionistischen Aktionskomitees, Dr. R o 11 e n s tr e i c h (Polen), Dr. Levy (Sofia), Dr. Theodor Fi sch er (Bukarest) , Dr. V i t e n b e r g und Dr. N u r o k (Riga) sowie Dr. Emil M a r g u 1 i e s, dem Präsidenten der jüdischen Partei in der Tschechoslowakei, vertreten. Als vor etwa acht Jahren der Nationalitätenkongreß in Genf begründet wurde, waren die Einberufer des Kongresses, die sich persönlich kaum kannten, sich ihrer schwierigen Aufgabe voll und ganz bewußt. Damals bedurfte es langwieriger Verhandlungen, um die gegenseitigen Gedanken und Meinungen auszutauschen. Heute hat der Kongreß, der mehr als vierzig Millionen zum großen Teil unterdrückter Menschen vertritt, eine internationale Bedeutung errungen. Heute horcht ganz Europa, ja die ganze Welt auf die Beschlüsse des Kongresses. Eine der wichtigsten Forderungen des Kongresses ist das Eintreten für die Errichtung eines Instituts für Nationalitätenkunde, als Mittelpunkt der unbedingt notwendigen Zusammenarbeit zwischen den Vertretern der Wissenschaft und den Männern der praktischen Erfahrung. In der am Mittwoch, den 29. Juni, stattgefundenen Eröffnungssitzung des Achten Europäischen Nationalitätenkongresses in den Räumen des Landhauses, Wien, I., Herrengasse (die Eröffnungssitzung wurde durch die «Ravag» leider nur zum Teil übertragen), sprach der Vorsitzende des Zionistischen Aktionskomitees, Herr Leo M o t z k i n. Redner sprach «namens der am schwersten bedrängten Minderheiten, namens der fünf Millionen Juden in Europa, die sich zur Minderheit offen bekennen». Motzkin zieht einen Vergleich mit der Lage der Judenheit im Jahre 1919, betont, daß das gegenwärtige Vorgehen gegen die Juden zwangsläufig ein Vorgehen gegen andere Minderheiten auslösen muß. «Jede Nation soll ihre Kultur entwickeln und nur eine Zusammenarbeit der Nationen kann gedeihliche Früchte tragen. Ich weilte vor kurzem in einem Lande, in dem seinerzeit ein Jesaias des Weltfriedens predigte, in einem Lande, in dem der Bergfriede gepredigt wurde. Die heutige Generation dieses Landes kann es nicht begreifen, daß es in Europa noch einen Nationalitätenhaß gibt. Ich wurde in dieser Angelegenheit unzähligemal mit Fragen bestürmt.» Motzkin schließt seine Ausführungen mit dem Appell an den Kongreß, für ein wirkliches Zusammenarbeiten der Nationen. (Tosender Beifall.) (Die Vorgangsweise der «Ravag», die ihre Sendung just vor der Ansprache Motzkins abgebrochen hat, muß mit Entrüstung festgenagelt werden. Anm. d. Red.) ★ Leo Motzkin, der von Journalisten der in- und ausländischen Presse geradezu belagert war, äußerte sich unserem Mitarbeiter gegenüber folgendermaßen: «Das Aktionskomitee tritt in der kürzesten Zeit zu einer sehr wichtigen Sitzung zusammen. Es erwartet uns eine äußerst schwierige Arbeit und Besprechung sehr wichtiger Probleme. Selbstverständlich will ich hier nicht vorgreifen und es bleibt nur abzuwarten, was die nächste Zeit bringt. Meine Begeisterung für Palästina kennt fast keine Grenzen. Das heutige Palästina ist das größte und das wirksamste Propagandamittel. Ich habe während meines Aufenthaltes von drei Wochen in Ercz mehr gesehen und mehr erlebt, als in de*- ganzen Zeit bis dahin während meiner Palästinabesuche. Leider muß ich die Tatsache hervorheben, daß sowohl die jüdischen Führer als auch die jüdischen Massen und die jüdische Presse nicht das richtige Veständnis für die höheren Ziele der Juden haben. Ich bin mit den Juden im allgemeinen nicht zufrieden. Vom Kongreß der Minderheitsnationen verspreche ich mir sehr viel, aber wir Juden dürfen uns nicht darauf gänzlich verlassen. Wir müssen arbeiten, arbeiten . . .» Die Frage der jüdisch n Welthonferenz American Jewish Congreß gegen American Jewish Committee N e w Y o rk, 22. Juni. Wie die J. T. A. schon mitgeteilt hat, hat der Präsident des American Jewish Committee Dr. Cyrus Adler im Namen des Committees eine Erklärung veröffentlicht, in der er die Einberufung einer jüdischen Weltkonferenz durch den American Jewish Congreß als ein Fehler bezeichnet wird, der der Judenheit keinen Nutzen, aber viel Schaden bringen könnte. Heute veröffentlichen die Führer des American Jewish Congreß, dessen Ehrenvorsitzender bekanntlich Dr. Stephen S. Wise ist, eine Erklärung, in der Doktor Cyrus Adler beschuldigt wird, daß er in einer Zeit, in der sich das Judentum ln einer schweren Notlage befindet, die jüdische Einheit zu zerreißen versucht. Der American Jewish Congreß, heißt es zum Schlüsse der Erklärung, wird sich durch Adlers Stellungnahme von der Verfolgung seines Zieles, die jüdische Weltkonferenz einzuberufen, nicht abhalten lassen. RESTAURATION in dem berühmten Jod* und Schwefelbad Bad Deuisch-Rlienbuvg Saison hat bereits begonnen - Reelle Bedienung Mäßige Preise — Auch für Diabetiker Inhaber: Kmanuel LlpschUtz wenig Heil. Es ist und bleibt der Jude, dem man es auf die Dauer nicht verzeiht, ob er nun Uebles oder Gutes brachte. Mehr Liebe wollte ein Dr. Adler säen, doch seine Einmengung wird an der ganzen Judenschaft durch verstärkten Haß gerächt. Was wundert ihr euch über dies Grundgesetz der Menschheit «gleich zu gleich»?. Brachten ihm doch die Adler selbst ihre Huldigung dar. Sie, die in der nichtjüdischen Umwelt restlos aufgehen wollten, hörten dennoch bei Schließung des Ehebundes auf die werbende Stimme des heißen Ahnenbluts. So wie der Prager Jude Viktor die ungarische Jüdin Emma, so holte sich der deutsche Jude Friedrich Wolfgang die litauische Jüdin Chaje heim. Vivant sequentes, die Enkel Viktor Adlers! Sie würden, einer Ahnenprobe unterworfen, auch nach der strengsten Regel des nationalsozialistischen Ritus, als reinrassige Juden mit 16, 32 und mehr Ahnen anerkannt. Und wenn schon ein Viktor Adler bei seiner Flucht aus dem Judentum so scheiterte, wie wird es erst seinen vielen jüdischen Epigonen ergehen, welche nur, wie er meschumodisch spuckt, ihm äffischh abgeguckt, jedoch von seinem Geist und seiner Seelengröße kaum etwas zu eigen haben. Ausgerechnet Dr. Ellenbogen mußte vor der sozialistischen Jugend Wiens die Gedenkrede auf Adler hatten!- Verarge uns niemand, wenn aus diesem Bericht manchmal Hohn aufblitzt. Er ist von der legitimen Erbitterung der Fahnentreuen gegen jede Art Deserteur diktiert. Doch in das Grundgewebe des Schmuckteppichs, den wir unter Dr. Viktor Adlers Bildnis breiten, schlingen Mitleid und brüderliche Liebe ihre Fäden. Schon heute muß die «Arbeiter-Zeitung» in ihrem Hymnus auf Adler die Tatsache, daß der Volksführer und Volksbeglücker aus der Judengasse kam, vor den Beglückten verhehlen. Wie lange noch und sein Standbild vor dem Parlament wird von «deutschen Volksgenossen», die Arbeiter nicht ausgenommen, im Zeichen des Hakenkreuzes oder sonst eines antisemitischen Symbols umgestürzt sein. In Erez Israel aber, dem neuerstandenen Palästina, werden die aus Polen und Rußland, aus Amerika und Marokko heimgekehrten Juden, wenn sie über die dahingeschiedenen Großen des Volkes Seelenschau halten, mit tiefster Bewegung gerade jener Brüder gedenken, welche ln die Irre gingen, und so neben Heine und Börne und Marx auch an Viktor Adler, «das Andenken des Gerechten zum Segen», nicht vergessen. Ich wette, daß heute schon unser Dr. Abraham Schwadron, hoch auf seinem Auslug über Jerusalem, in der Bibliothek der Hebräischen Universität am Skopusberg, unter andern Schätzen eine Mappe hegt und hütet, aus der er vor ehrfürchtenden Beschauern etwa ein Originalrezept des «Armeleutedoktors» Adler, den Entwurf einer revolutionären Versammlungsrede oder eines menschheitsbeglückenden Parteiprogramms aufzeigt. Und wenn Adlers Enkel und Urenkel mal ein Asyl brauchen vor dem Wüten des Judenhasses, der vor ihnen wahrlich nicht Halt machen wird, sollen ihnen die Tore von Erez Israel, wie jedem andern Volksgenossen weit offen stehen, damit sie fortab an der Schicksalsverbundenheit unserer Gemeinschaft nicht nur Im Bösen, sondern nun auch im Guten Anteil haben. Dann werden sie auch froh erfassen, um wie viel rühmlicher es ist, statt als Dung auf fremden Feldern zu liegen ,auf eigenem Acker in volle Aeliren zu reifen. Dann werden sie auch verstehen, daß die Völkerverbrüderung, wie unsre Seher sie verstanden, nicht durch personenweisen Einschlich in die Gemeinschaft eines Wirtsvolks zu erreichen ist, sondern nur Stufe für Stufe, zunächst durch demütigen Dienst am eignen jüdischen Volk und alsbald durch Brückenschlägen von unsrem Volk zu den andern Völkern dieser Welt. Dann erst wird, in Klal Jisrael, ein wahres Jubiläum für Dr. Viktor Adler anheben mit dem herzhaften Segensspruch: Mischeberach lemiischpachath Adler! Die Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler in Wien gratuliert heizl. ihrem l. A. H. Jekob A. MiOSCV zu seiner Promotion zum Doktor der Medizin VepeinigungshonfBrBnz der »eltTer* bändePaalRZion-HitachdutheiübBrufen Prag, 26. Juni. Die Vereinigungskonferenz der Poale Zion und Hitachduth soll für den 18. Juli nach Danzig einberufen werden. Am 15. Juli beginnen in Danzig die Konferenzen der beiden Verbände, die die von einer gemeinsamen Kommission entworfene Einigungsplattform zu prüfen und über die Durchführung der Vereinigung zu beschließen haben werden. Der bevorstehenden Weltkonferenz wird in alten Kreisen des sozialistischen Zionismus mit großem Interesse entgegengesehen. Mehrere große Jugendverbände beabsichtigen, sich dem vereinigten Weltverband anzuschließen. Die Weltkonferenz der Poale Zion und die Welt-Vereinigungskonferenz werden im Zeichen des 25jährigen Bestandes der Poale Zion-Bewegung ein besonderes Gepräge erhalten. An den Beratungen werden die prominentesten Führer beider Parteien, unter ihnen zahlreiche Vertreter aus Amerika, Palästina und den osteuropäischen Staaten, teilnehmen. Diß Eingänge des jüdischen Nationalfonds: Fast 10D.D00 Pfund in siebm Monaten In den ersten sieben Monaten des laufenden jüdischen Jahres (etwa Oktober bis April) gingen beim Hauptbureau des Jüdischen Nationaifonds in Jerusalem 93.063 Pfund an Spenden ein. ln der gleichen Periode des Vorjahres waren 117.026 Pfund eingegangen. Die Abnahme der Eingänge in diesem Jahre ist zum Teil auf die für eine Anzahl europäischer Länder bestehende Unmöglichkeit, Geld aus dem Auslande zu senden (so konnte ein Betrag von etwa 6000 Pfund nicht nach Palästina gesandt werden), ferner auf den Rückgang der Spenden in den Vereinigten Staaten von Amerika (von 29.000 Pfund auf 22 000 Pfund) zurückzuführen. Ferner ist zu bedenken, daß die für das vergangene Jahr genannte Summe einen Vorschuß aus Südafrika in Höhe von 5750 Pfund einschloß. Eine Zunahme der Eingänge war in Belgien, Holland und der Schweiz zu verzeichnen, dagegen ein Rückgang in Deutschland, England, Rumänien und Palästina. In Palästina wurden in der Siebenmonatperiode 4621 Pfund gesammelt. Die zweite Jahreshälfte bringt gewöhnlich eine Erhöhung der Ei.::;änge. Die Leitung des Jüdischen Nationalfonds hofft, daß als Ergebnis der Anstrengungen, die in vielen Ländern gemacht werden, die Eingänge für den Nationalfonds in diesem Jahre hinter denen des vergangenen Jahres < :ht zurückstehen werden. Felix M. Warburg wirft den Zionisten Undank gegenüber Weizmann vor 609.000 Dollar für den American Palestine Campaign atif* gebracht Auf dem am 22. Juni abends im Hotel Astor zu New York stattgefundenen Dinner aus Anlaß des Abschlusses des diesjährigen American Palestine Campaign, der im Jänner d. J. von Nahum Sokolow eingeleitet wurde, hielt Herr Felix M. Warburg, Ehrenpräsident des American Palestine Campaign eine Ansprache, in der er Weizmann« zionistischer Arbeit Worte tiefster Anerkennung widmete und ausführte, er könne es nicht verstehen, wie die Zionisten ihren Führer Weizmann so grausam behandeln konnten. Man kann es, fuhr er fort, in jüdischer Arbeit nicht jedem recht machen. Wir sind allzusehr Individualisten und hypersensitiv. Auf die Art, in der Menschen, wie Norman Bentwich, der sicherlich sein bestes gab, und Dr. Weizmann, der noch dazu sein Vermögen und seine Gesundheit der PalHstinasache geopfert hat, behandelt werden, können wir alles andere als stolz sein. Es sprachen noch Maurice Rothenberg, Nathan Strau* jun. und Rabbi Abba Hillel Silver. Louis Lipsky, der Vorsitzende des Campaign, teilte mit, daß für den Campaign 609.000 Dollar aufgebracht worden sind. 50.000 Dollar hat Felix M. Warburg gespendet. Empfang der englischen Jewish Agency für Weizmann London, 23. (J. T. A.) Die englische Jewish Agency veranstaltete zu Ehren des von seiner Südafr.katour zurtickgekehrten früheren Präsidenten der Jewish Agency Doktof Chaim Weizmann einen Empfang, der von Lady Erleigh ga« leitet wurde. Lord Melchett schilderte in begeisterten Worten das neue Palästina, wie er es während seines letzten Besuches sah. Dr. Weizmann berichtete über seine SUdafrikafahrt und erzählte u. a., daß eine kleine, aber einflußreiche jüdisch« Gruppe während seiner Anwesenheit in Südafrika in der Presse eine heftige Kampagne gegen ihn, den Fremden, der südafrikanisches Geld nach dem Auslande bringt, geführt hat. Mit Hilfe des Ministerpräsidenten Generals Hertzog und des Generals Smuts, die ihn in seiner Werbearbeit bereitwilligst unterstützten, gelang es ihm, Weizmann, die Hetz« dieser Gruppe zu Überwinden.