Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 234 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3053963-3053989--3023-3058488- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 234 — 1. Juli 1932 Olt STIMME Sette 3 du Mi uni der mpiiscm olMMunigrel Am 29. d. M. beginnt der diesjährige Kongreß der nationalen Minderheiten seine Beratungen in Wien. Für gewöhnlich fanden diese Tagungen aus begreiflichen politischen Gründen in Genf, dem Sitze des Völkerbundes, statt. Die immer größere Kreise ergreifende Wirtschaftskrise veranlaßte das hiesige Bureau zur Einberufung des diesjährigen Kongresses nach Wien. Es erübrigt sich wohl zu betonen, welches eminente Interesse gerade wir Juden dem Minderheitenproblem entgegenbringen. Kein Wunder, da wir als Volk seit dem Jahre 70 nach Christi verurteilt sind, überall und stets ein Minderheitsvolk par excellence zu sein und daher das größte Verständnis für das Leid und Wehe eines Minderheitsvolkes entgegenzubringen in der Lage sind. Noch lange bevor Staatsmänner und Publizisten sich diesem Probleme widmeten, spürten wir Juden es am besten, was es bedeutet, als Minderheitsvolk abhängig zu sein von den Launen und Grimassen der Mehrheitsvölker. Seit dem Wiener Kongreß (1814) waren wir Juden bemüht und bestrebt, im Wege der Verankerung gewisser politischer Rechte in den diversen Friedensverträgen, die im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Abschlüsse gelangten, nicht nur unser Los als Minderheit zu lindern, sondern dadurch auch allmählich die rechtliche Gleichstellung jeder ethischen und religiösen Minderheitsgemeinschaft als Prinzip einer modernen Staatspolitik festzunageln. Der Kampf um die gleiche Rechtsstellung dauerte sehr lange und es bedurfte erst vieler Schicksalsschläge im Leben der europäischen Staats- und Völkergemeinschaften, bis das Prinzip des Minderheitenschutzes zum geistigen Gemeingut der Staatsnationen werden sollte. Es bedurfte eines Weltkrieges, dessen Endergebnis große Staatsnationen vor die Tatsache stellte, daß große Teile ihrer Bevölkerung plötzlich das bittere Los einer Minderheitsnation teilen müssen. Es ist sicherlich ausschließlich ein Verdienst von Juden, daß bereits bei der Diskussion der Friedenskonferenzprobleme, die in Amerika in den Jahren '1917—1918 von entscheidenden politischen und Staatsfaktoren geführt wurde, die Frage des Minderheitenschutzes auf der bevorstehenden Friedenskonferenz angeschnitten wurde. Der amerikanische Jude und Zionist Prof. Dr. Frankfurter war es, der dem damaligen Präsidenten Wilson die Notwendigkeit der Verankerung des Minderheitenschutzes im Friedensvertrage nahelegte und ihn auch veranlaßte, den Minoritätenschutz zu einem wichtigen Bestandteil des amerikanischen Friedenskonferenzprogrammes zu machen. Dem Komitee der jüdischen Delegationen und dessen unermüdlichen Vorsitzenden L e o M o t zkj n gebührt das historische Verdienst, vor dem Forum der Pariser Friedenskonferenz (1919) den Kampf um die Minoritätsbestimmungen in den Friedensverträgen mit positivem Erfolg durchgeführt zu haben. Viktor Adler — Ahnen und Enkel Van Dr. E. M. ZweUg-Jerusalem Dr. Viktor Adler, der Begründer und langjährige Führer der österreichischen Sozialdemokratie, wäre am 24. Juni achtzig Jahre alt geworden, hätte ihn .nicht der Tod am 11. Oktober 1918 — gleichsam an dier Schwelle zur deutschösterreichischen Republik — dahingerafft. Die «Arbeiter-Zeitung» feiert Adlers Jahrzeit durch eine Sondernummer. Gebührlich preist sie die Fülle seiner edlen Eigenschaften: das warme Herz für die Enterbten des Schicksals und voran die Arbeiterklasse, seinen scharfen Verstand und die satirische Dialektik, seine unbegrenzte Opferfreude, die Organisationsgabe, die zähe Ausdauer und das hohe Verantwortungsgefühl, welche er alle zugleich in den Dienst seiner Lebensaufgabe gestellt hat. Bel Würdigung großer Männer versäumt man sonst nie, ihren Werdegang aus der Familien- und Stammesgeschichte zu ergründen. So jüngst erst bei der Goethe-Feier. Woher aber die Fülle von Adlers Vorzügen stammt, nämlich aus seinem jüdischen Geblüt, das muß sich natürlich die «Arbeiter-Zeitung» versagen; nur ganz beiläufig wird erwähnt, Adlers Lebenswerk habe bei den Feinden der Arbeiterschaft Wutschrei «Darr Jud!» ausgelöst. Um so mehr ist es wohl am Platz, die Lücke in der Biographie des Jubilars hier auszufüllen. Viktor Adler kam im Jahr 1852 in der altberühmten Kehllla Prag zur Welt, als Sohn des Salomon Markus Adler und der Johanna (Channe) Herzl aus Nikolsburg, zu Jüdisch «Nasch». Da bekanntlich die väterlichen Vorfahren des Zionistenführers Dr. Theodor Herzl auch in Südmäliren lebten, ist deren Verwandtschaft mit der alten Frau Adler nicht unwahrscheinlich. Noch als Kind übersiedelte Viktor mit sei- Wir bringen diese historische Tatsache deshalb in Erinnerung, weil heute noch viele Majoritätsnationen, die beträchtliche Minderheiten ihrer Volksgemeinschaften außerhalb ihrer Staatsgrenzen zählen, stets, wenn es sich darum handelt, den Juden innerhalb ihres Staatsbereiches Rechte im Sinne des Minderheitsschutzes zu erteilen, gerne das Märchen verbreiten, der Minoritätenschutz sei eine «jüdische Mache» und «ein Ungliickswerk jüdischer Freimaurer», ausgeheckt zum Verderb der betreffenden Majoritätsnation. Die Vertreter der Minderheiten der betreffenden Majoritätsnationen — vor allem haben wir im Auge die Polen, Ungarn und Rumänen — mögen nun die Gelegenheit des Kongresses dazu benützen, vor ailer Welt darzutun, daß ihre Brüder, denen es gegönnt sei, als Majorität zu leben, Unrecht tun, indem sie durch eine derartige Behandlung des Minderheitenproblems innerhalb ihrer Staatsgrenzen, den großen Gedanken schädigen und nur ihren eigenen Volksgenossen Unheil zu stiften in der Lage sind. Wenn auch der diesjährige Kongreß Fragen behandelt, die direkt jüdische Probleme nicht tangieren, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß alle Minderheitsprobleme indirekt auch uns Juden in der Galuth angehen. Es ist zu bedauern, daß die Leitung des Kongresses im Rahmen der Behandlung des Problems «Kirche und Minderheiten», das auf dem Kongresse zur Erörterung gelangt, kein spezielles jüdisches Referat angesetzt hat. Viel wichtiger scheint uns aber die Aufmerksamkeit des Kongresses, insbesondere aber die der Vertreter der deutschen Minderheiten der baltischen Staaten, Polen, Rumänien und anderer, auf Folgendes zu lenken: Seit Jahr und Tag wütet in Deutschland und Oesterreich der wildeste und rabiateste Judenhaß der Hakenkreuzler. Langsam geraten in deren Fahrwasser einzelne Parteiungen der deutschen Minoritäten im Banat, Siebenbürgen und Polnisch-Schlesien, wo sie ebenfalls im wildesten Judenhaß und «Juda verrecke» mittun. Wir können doch nicht annehmen, daß es im Geiste einer wirklichen Minoritätenpolitik liegen kann, daß sich Minderheiten gegenseitig verhetzen sollen. Wenn wir auch an das brüderliche Gemeinschaftsideal nicht appellieren wollen, so möchten wir doch auf die Notwendigkeit einer gegenseitigen freundlichen Mitarbeit aller Minoritäten hinweisen und die deutschen Vertreter auf dem Minoritätenkongreß auffordern, von ihrer Seite beizutragen, daß dieser rüde, jedem Humanitätsprinzip und dem Geiste völkerverbrüdernder Minderheitenpolitik ^Restaurant Billett, Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal l!.. Hammer Purgsialigasse 3, Tel. A Q8-8-82 nen Eltern nach der Reichshauptstadt Wien, wo sein Vater sich in dem gutjüdischen Beruf eines Börseaners fortbrachte und seinen Wohlstand an Haus- und Gutsbesitz mehrte. 1878 — wir wollen stets nur die Jahreszahlen angeben, doch stehen wir Interessenten mit genaueren Daten und Belegen gerne bereit — heiratete Viktor die aus Debreczin gebürtige Emma, Tochter des Bauunternehmers Ignatz Braun und dessen Gattin Ida, nee Neubrunn; es war eine bechowete Haustrauung und kein Geringerer als Oberrabbiner Güdemann gab seinen Segen. Die Wirkung hielt nicht lange vor. Zwar wurden dem jungen Paar 1879 und 1880 die zwei ersten Kinder Friedrich und Marie Pauline geboren, welche in Israel die Namen Schaje und Mirjam Pessl erhielten, aber im übrigen ging Familie Adler «mit der Zeit». Warum sollten sie nicht das treffen, wodurch der jüdische Geldadel: die Eskeles, Arnstein, Gomperz e tutti quanti, an Aufklärung voranleuchteten?! So erlebten die Adlers anno 1884 ihr Damaskus. Der Senior S. M., offenbar ein gründlicher Mann, reiste nach Rom, ad limina Apostolorum, und trat dortselbst zum katholischen Glauben über; seine Gattin Channe begnügte sich mit der Taufe in der Wiener Pfarre Maria Treu; und auch Viktor verließ mit Kind und Kegel das angestammte Judentum. Er war damals schon 32 Jahre alt und wohlbestallter Arzt; früh der Politik zugewandt, hatte er sich zunächst der deutschnationalen Richtung Schönerers angeschlossen und bei Formulierung des «Linzer Programms» mitgewirkt; vielleicht war das bestimmend, daß er nun Christum in Form der evangelischen Kirche, Augsburger Bekenntnis, umfing. Sein drittes Kind, Karl, wurde also schon liegend getauft. 1886 schloß Dr. Adler sich der jungen Arbeiterbewegung an und trug sie über den Einigungsparteitag von Hainfeld (1888) und das Allgemeine Wahlrecht. (1907) nach dem Weltkrieg bis zur Ergreifung der Staatsmacht empor. hohnsprechende exzessive Antisemitismus abgestellt wird. Im Interesse der deutschen Minderheiten liegt es, ihren Brüdern im deutschen Reiche klarzumachen, daß es nicht im Interesse der deutschen und österreichischen Volks- und Staatsgemeinschaft sein kann, die Judenhetze der Nationalsozialisten länger zu dulden. Wir haben schon in der Geschichte Fälle erlebt, daß aus einer Judenhetze sehr leicht auch eine exzessive Hetze gegen andere Minderheiten geworden ist. Und wer weiß, ob diese Methoden der Nazi mit der Zeit von den polnischen Nationaldemokraten und rumänischen Cuzislen oder anderen nichtdeutschen chauvinistisch-nationalistischen Gruppierungen nicht zur Verfolgung der Deutschen in den nichtdeutschen Staaten übernommen werden. Schon aus diesen rein utilitaristischen Gründen im Interesse des Selbstschutzes sollten Vertreter deutscher Minderheiten mit aller Schärfe gegen die barbarische Judenpolitik der Hakenkreuzler, die schon ans Mittelalter grenzt, auftreten und dieser ihrer Stellung auf dem bevorstehenden Nationalitätenkongreß in einer deutlichen Resolution Ausdruck verleihen. Dieser Schritt wird sicherlich von der jüdischen Oeffentlichkeit der ganzen Welt mit Genugtuung begrüßt, zum Beweise, daß die deutsche Gemeinschaft in der Minoritätenpolitik ein Mittel zur Versöhnung erblickt. Wir sind überzeugt, daß die Vertreter der deutschen Minoritäten, wie Abg. Dr. Schiemann, Senator Dr. Medinger, Gen.-Sekr. Dr. Ammende, Abg. Kraft, Abg. Dr. Otto Roth, Abg. Otto Ulitz u. a. den geeigneten Weg finden werden, um die Nationalsozialisten zur Aufgabe ihrer mittelalterlichen barbarischen Judenverfolgungen, und zwar im Interesse der außerhalb Deutschlands lebenden deutschen Minderheiten, zu veranlassen. Wir leben jetzt im Zeitalter des Abbaus. Abbau tut auch auf dem Gebiete der Judenhetze not. Wenn es den Vertretern der deutschen Minoritäten um die Ideale einer gerechten zielbewußten Minoritätenpolitik ernst ist, dann dürfen sie auch keine Naziverfolgungen der Juden in Deutschland und Oesterreich tolerieren. M. G. Oie rumänischen lüahlen Die Einheitsfront zwischen zionistischer Linker und Sozialdemokratie perfekt K i s c h i n e f f. Der in Kischineff tagende Parteirat der rumänischen Zeire Zion hat das Wahlabkommen mit der rumänischen Sozialdemokratie ratifiziert. Auf Grund dieses Abkommens wird der Führer der Zeire Zion Adv. Josef Lerner-Bukarest in Beiz an der Spitze der sozialdemokratischen Liste, in Kischineff, Soroka und Akermann an zweiter Stelle kandidieren. Außerdem werden noch einige andere Vertreter der zionistischen Linken in die sozialdemokratische Kandidatenliste aufgenommen. Für die sozialdemokratischen Listen werden auch die Poale-Zion stimmen. Das Wahlprogramm der Sozialdemokratie in Rumänien enthält u. a. die Forderung nach einem die kulturellen und sprachlichen Rechte der nationalen Minderheiten regelnden Gesetz. Von den vorgenannten Kindern des Jubilars verlangt eine besondere Betrachtung der Erstgeborene Friedrich, welcher bei seiner Taufe — als Kompensation für die nicht rückgängig zu machende Beschneidung — den Namen Wolfgang hinzuerhielt. Mit 14 Jahren wurde er konfessionslos, später Dr. phil. und Schriftsteller und heiratete 1903 — Chaja, nachmalige Dr. Katharina Germanischky aus dem litauischen Lyda, dem Sitz der berühmten Jeschiwa des Rabbi Schlojme Reines. Dr. F. W. Adler ermordete als Friedensapostel 1916 den Ministerpräsidenten Stürgkh, wurde, zum Tod verurteilt, von Kaiser Karl begnadigt und dann, nach dem Umsturz, Sekretär der Arbeiter- Internationale. Er hat drei Kinder. Wozu all die Daten? Sie sind keine leere Spielerei. Es freut einen Zionisten, am Beispiel der Familie Adler zu erkennen, wie stark der jüdische Geist durch planmäßige Rassenzucht, durch eine Jahrtausende alte, im lebendigen Bewußtsein der Volksgenossen gepflegte Geschichte und durch eine straffe nationalreligiöse Erziehung verankert ist. Eitel und nichtig bleibt die Sucht einzelner, sich unserer Volksgemeinschaft — durch Abschwörung der «Konfession» und durch Hingabe an Interessen und Ideale «jenseits der Gasse» — entziehen zu wollen. Aus dem heißen Streben Viktor Adlers, Millionen der gedrückten Arbeiterklasse wirtschaftlich, geistig und moralisch zu heben, hallt uns das Echo der Schöpfertat Mosche Rabbenus entgegen und in Adlers Mund leben die Mahn- und Strafreden unserer Propheten, welche sich gegen die Bedrückung der Volksmasse durch dieReichen und Mächtigen wandten wieder auf und selbst in der fanatisch verzerrten Untat Doktor Friedrich Adlers flackert etwas von dem Opfermut der Makkabäer, welche mit dem Leben der Volksbedränger ihr eigenes Leben preiszugeben stündlich bereit waren. Diese Opfer aber auf fremden Altären bringen