Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 234 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 DIE, STIMME Nr. 234 1. Juli 1932 Sokoiow und Brodetsky auf einer Sondevkonferenz englischer Zionisien Eine Woche Hakenkreuz W’älire der «Festv. cn» wurde die «kochende Volksseele» aufs Eis;t. Hätte es nicht einen Nazi-Wirbel gegeben, weil die Ravag eine Agitatiomsrede Gregor Strassers aus Berlin nicht übertragen wollte, die Fremden hätten fast glauben können — Wien sei eine Kulturstadt! Umso häufiger machten die Nationalsozialisten in der letzten Woche von sich reden. An der Universität inszenierten sie einen der sattsam bekannten Skandale, schlugen eine Reihe von jüdischen Studenten blutig und die Polizei sah ruhig zu. Die «Heiligkeit» des akademischen Bodens verhindert ein Einschrei* ten der Polizei, obwohl das Bundeagesetz über die Universitäten ausdrücklich die Aufhebung aller Vorrechte und Privilegien der Universität feststellt. Es muß also mit diesem gesetzwidrigen Popanz der «Autonomie» aufgeräumt werden. Sicherheit und Leben der jüdischen Studenten darf nicht davon abhängen, ob es den Nazis und ihren Drahtziehern genehm ist, Ruhe und Frieden auf akademischem Boden zu wahren. Die vergangene Woche gab auch unserer Justiz Gelegenheit, sich mit den Nazis zu befassen. Ein jüdischer Student, der zur Verteidigung seines Lebens gegen eine Uebermacht von Hafcenkreuzlern das Messer gezogen hatte, wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Das ist ein krasses Fehlurteil. Es lag hier der typische Fall gerechter Notwehr vor und das Berufungsgericht wird hoffentlich das Urteil kassieren. In einem zweiten Fall wurde ein Nazistudent, der den Zeitungsherausgeber Kkbrnder mH einer Hundspeitsche angegriffen hatte, Zusage und schreibe 20 S ver u rtei Itl Ein milder Richter! Und der Privatbeteiligte Klebinder wußte nichts Besseres zu tun, als bei Gericht zu erzählen, er habe es im Kriege erwirkt, «daß 75.000 Kinder, es waren dies nur christliche Kinder, aufs Land hinausgeschickt wurden», und für die Wiener Universität Millionen geschafft hat. Die karitative Betätigung Klebinders in Ehren. Aber was hatte sie mit dem vorliegenden Prozeß zu tun? Gleich nach der Verhandlung wollten die Hakenkreuzler Herrn Klebinder offenbar den Dank für seine Arbeit im Dienste der christlichen Wohltätigkeit abstatten. Sie rannten seinem Auto nach und wäre nicht Polizei dazu gekommen, er wäre wahrscheinlich aicht glimpflich davon gekommen; denn die Nazis hatten Waffen bei sich. Vielleicht waren unter ihnen sogar Leute, die Klebinders Wirken im Kriege vom Hungertode gerettet hatte. Es ist grotesk! Herr Klebinder hatte das Bedürfnis gefühlt, der We?t in einer Extraausgabe die erschütternde Nachricht mitzuteilen, Hitler heiße gar nicht' Hitler, sonldern Schücklgruber. Ein Nationalsozialist will diese «Schmach» nicht auf Hitler sitzen lassen, attackiert Klebinder und wird verurteilt. Nach der Verlautbarung inszenieren die Hakenkreuzler einen Straßenauflauf, der jüdische Kaufmann Moriz Qruschka gerät ins Gedränge und ein Hakenkreuzler namens SchmLd schießt auf Gruschka, der einen Durchschuß des Oberarmes erleidet. Klebinder — Hitler — Schücklgruber — Schmid — Gruschka. Wieso kommt Gruschka dazu, für Klebinders Schücklgr'uber-Sensation zu leiden? Gruschka ist nach Klar das zweite Hakenkreuzopfer. Eine Frage an die Polizei: Es ist stadtbekannt, daß die Nationalsozialisten schwer bewaffnet sind. Warum finden keine Razzien auf Waffen bei den Hakenkreuzlern statt? Warum werden randalierende Hakenkreuzler nicht auf Waffen durchsucht? Die Polizei lädt eine schwere Verantwortung auf sich! Schwer lastet aber auch die Verantwortung auf uns Juden. Wir können nicht Zusehen, wie wir einzeln abgeknallt werden. Wir müssen unablässig die staatlichen Organe, ob es ihnen nun paßt oder nicht, an ihre beschworene Pflicht erinnern und et.vaige « Unterlassungen anprangern. Wir müssen aber darüber hinaus unser Schicksal auch selbst ln die Hand I nehmen, ruhig, aber entschlossen, zur Verteidigung von Leben, Ehre und Qesundheit. Es gibt aber unter uns Menschen, die politisch im vorigen Jahrhundert stecken geblieben sind, die vor dem Wort Haganah erschrecken. Spricht man mit solchen Herren über unsere Lage, dann hört man salbungsvolle Reden mit klassischen Zitaten reich garniert. Diesen Juden muß man sagen: Das Zitatenlexikon ist kein Schutz gegen Gummiknüttel und Revolver! Der Oedanke der Haganah marschiert und ist nicht mehr aufzuhalten. Wir sind nicht radaulustig. Wir, die Angegriffenen, wollen uns unserer Haut wehren. Diese eine Woche HakenKremz zeigt uns, daß wir auf dem richtigen Wege sind. Niemand hat das Recht uns zu stören, alle haben die Pflicht uns beizustehen. Wir haben keine Zeit für theoretische Diskussionen, denn wir sind auf uns allein gestellt. Wenn schon Zitate, dann: «Sein oder nicht sein» und: «Das Wort ist nichts, die Tat Ist alles». London. Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, Nahum Sokoiow, der die letzten Monate In den Vereinigten Staaten zugebracht hat, ist am 19. Juni nachmittags über Paris nach London zurückgekehrt und wurde auf dem Bahnhof von den In London wellenden Mitgliedern der Zionistischen Exekutive und Beamten der Zionistischen Organisation begrüßt. Am Abend fand aus Anlaß der Rückkehr Sokolows eine Sonderkonferenz der englischen Zionisten statt, in der Sokoiow über den Verlauf des von Ihm geleiteten American Palestine Campaign berichtete und mltteilte, daß die für den Campaign aufgebrachte ansehnliche Summe, die sich noch ständig vermehrt, angesichts der furchtbaren Krise, unter der Amerika gegenwärtig leidet und die eine mit Worten nicht zu schildernde Verarmung der amerikanischen Judenheit zur Folge gehabt hat, als ein großer Erfolg zu buchen sei. Sokoiow erklärte, er sei überzeugt, daß der junge und kräftige amerikanische Organismus die Katastrophe überwinden und daß auch die viereinhalb Millionen Seelen zählende amerikanische Judenheit ihre Position im amerikanischen Wirtschaftsleben wiedergewinnen wird. Nach der Ansprache Sokolows berichtete der Leiter des politischen Departements der Exekutive, Dr. Selig Brodetsky, über die politische Lage des Zionismus. Er kündigte an, daß die Sitzung des Aktionskomitees der Zionistischen Organisation am 25. Juli in London beginnen wird. Dieser Sitzung wird eine Session des Administrative Commitee der Jewish Agency folgen. Beide Körperschaften werden Gelegenheit haben, zu dem Inhalt des Berichtes des palästinen- Bei Erkältungen, Grippe, Halsentzündung, Mandeischiwellung, sowie Nervenschmerzen und Gliederreißen tut man gut, mit einem halben Glas natürlichen «Franz- Josef»-Bitterwasser für tägliche Darmentleerung zu sorgen. In allen Apotheken und Drogerien erhältlich. sischen Landentwicklungsdirektors Lewis French, der von der Regierung bereits der Jewish Agency übergeben worden ist, Stellung zu nehmen. Die Jewish Agency in Palästina wird ihre Bemerkungen zu dem French-Bericht in einem Memorandum niederlegen und dieses dem High Commissioner übergeben, der es samt eigenem Vorschlag, betreffend die Rqgierungspoliük in Palästina, der britischen Regierung unterbreiten wird. Es ist nicht anzunehmen, daß die Bemerkungen und der Vorschlag vor August der Regierung werden unterbreitet werden können. Im August aber begibt sich der Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister nach Ottawa zur Teilnahme an der britischen Reichskonferenz. Eine Bekanntgabe der Regierungspoiitik hinsichtlich Palästinas darf darum nicht vor September erwartet werden. Sollte in Verfolg des Berichtes das Unterhaus um die Bewilligung der Anleihe zur Durchführung des Landentwicklungsplanes angegangen werden, so könnte eine hieran sich knüpfende Parlamentsdebatte nicht vor Oktober oder November stattfinden. Dr. Brodetsky erklärte, er könne nicht auf Einzelheiten des French-Berichtes eingehen, da dieser vertraulich behandelt werden muß, deutete aber an, daß French an verschiedene bereits im Berichte von Sir John Hope Simpson enthaltene Vorschläge angeknüpft habe, Dr. Brodetsky äußerte Zweifel hinsichtlich der Möglichkeit, mit Hilfe eines Fonds von 2 y2 Millionen Pfund 10.000 Menschen auf dem Lande ansiedeln zu können. Nahum Sokoiow über seine zionistische Arbeit in Amerika London. Nahum Sokoiow führte ln seiner Ansprache in der Beratung der Föderation der englischen Zionisten über die zionistische Arbeit ln Amerika u. a. noch aus: Die amerikanische Judenheit hat sich in ihrer überwältigenden Mehrheit die Tatsache zu eigen gemacht, daß Palästina das Laboratorium einer nationalen jüdischen Wiedergeburt ist. Meine Kollegen und Ich haben uns bei unserem letzten Besuch in Amerika ebensowenig wie auf früheren Amerika-Besuchen auf Geldsammlung für die zionistischen Fonds oder auf das übliche Propagandageschäft beschränkt. Unsere Arbeit war — und so sollte sie es immer sein —, meh rauf klärenden und unterrichtenden Charakters. Wir versuchten, der amerikanischen Judenheit die Auffassung eines wahren Zionismus zu vermitteln. Einen im Materialistischen stecken gebliebenen, aber nun in wirtschaftlicher Hinsicht tief deprimierten Teil des amerikanischen Judentums hat der Zionismus dahin belehrt, daß ein von einem Ideal begeistertes Volk —* wenn es auch unterdrückt, verfolgt und in seiner großen Mehrheit grenzenlos arm ist — durch Wiedervereinigung mit der Natur und durch die Arbeit seiner Hände wieder aufgerichtet werden kann. Die amerikanische Judenheit hat es verstanden, daß es keine klarere Manifestation der ewigen Dauer der Gerechtigkeit und des moralischen Gesetzes der Völker gibt, als die Tatsache der Wiedererrichtung des Jüdischen Nationalheims in Palästina. In dieser Ueberzeugung weiß sich das jüdische Amerika mit dem christlichen Amerika eins. Auf meinen Reisen von Washington bis Massachusetts und von New Jersey bis Chicago, in hunderten großen Manifestationen und öffentlichen Versammlungen habe ich dieses mein Gefühl bestätigt gefunden. In diesem Sinne war meint Arbeit in den Vereinigten Staaten, die so tapfer von Sir Norman Angel aus London und Dr. Nahum Goldmann aus Berlin sowie von den erfahrensten und hingebungsvollsten zionistischen Führern in Amerika unterstützt worden ist, ein großer Erfolg. Dr. Selig Brodetsky, der Leiter des politischen Departements der Zionistischen Exekutive, führte noch aus: Ich erkläre, daß wir das Schreiben des Premierministers MacDonald an Dr. Weizmann vom Februar 1931 als die Basis der Zusammenarbeit zwischen der Jewish Agency und der britischen Regierung ansehen, die nach den Verhandlungen mit dem Cabinet Committee wieder aufgenommen wurden. Ein Abweichen vondemlnhaltdiesesBriefeskannohne unsere Zustimmung in keiner Weise erfolgen. Herbert Bentwich gestorben Jerusalem. Der hervorragende englische Jurist und, Führer der englischen Zionisten in der Zeit Theodor Herzls, Herbert Bentwich, ist am 25. Juni in Jerusalem Im Alter von 76 Jahren verstorben. Herbert Bentwich entstammt einer jüdischen Familie in Westdeutschland und wurde im Jahre 1856 in London geboren. Auf dem Gebiete des literarischen Urheberrechtes und auf anderen Gebieten des englischen Rechtslebens war er führend. Er verfaßte eine Anzahl grundlegender juristischer Werke. Im jüdischen Leben Englands nahm er einen hervorragenden Platz ein. Er war lange Zeit Führer der englischen Chibbath Zion-Bewegung,, schloß sich, als Herzi den politischen Zionismus begründete, diesem an, kehrte aber nach einiger Zeit wieder zur alten Chibbath Zion-Bewegung zurück. 1900 war er Vorsitzender der englischen Zionistischen Föderation. 1897 organisierte er die Wallfahrt der «Maccabeans» (Order of Ancient Maccabeans) nach Palästina. Als Präsident dieses der Zionistischen Organisation angehörenden Ordens nahm er an mehreren zionistischen Kongressen teil. 1922 begründete er die jüdisch-englische Siedlung in dem Gebiete des durch Macalisters Ausgrabungen berühmt gewordenen Geser. Seine letzten Jahre verbrachte er in Erez Israel. Herbert Bentwichs Sohn ist der hervorragende englische Jurist Norman Bentwich, der etwa zehn Jahre lang Generalstaatsanwalt und oberster Justizbeamter unter der Palästinaregieru/ig war, aber vor etwa einem Jahre infolge arabischen Drucks (wie dies in öffentlicher Parlamentssitzung vom britischen Kolonienminister zugegeben wurde), seinen Posten verlassen mußte. Norman Bentwich wurde, nachdem er verschiedene Berufungen auf englische Posten in anderen Territorien abgelehnt hatte, von der Jerusalemer Universität zum Inhaber des Weizmann-Lehrstuhls für internationales Recht und Frieden ernannt. Er wellte in den letzten Tagen ln der Schweiz und hielt an der Genfer Universität auf Einladung des «Instituts für höhere Internationale Studien» fünf Vorlesungen über die Entwicklung der ottomanischen Kapitulationen in der Türkei, Aegypten und ln den Mandatsländern Irak, Palästina und Syrien. Die arabische Exekutive und der French-Bericht Die Führer der arabischen Exekutive teilten dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur mit, daß die Mitglieder der Exekutive jetzt sorgfältig den French-Bericht studieren und ihn mit dem Simpson- und Shaw-Bericht vergleichen. Die arabische Exekutive werde ihre Bemerkungen zu dem Bericht erst nach mehreren Wochen der Regierung unterbreiten. Ti i I B Gedenket auch während der Ferien des Keren Ka- AJOMSten I Jemeth! Das jüdische Volk hat Hunger nach Baden!