Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 233 (23.6.1932)
- Date
- 1932-06-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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S*te 6 OIE STIMME Nr. 233 — 23. Juni 103» Tel-Awiw anlangt, gewinnt den Einsatz von 77 Piaster. Wenn Allah das Rätsel nicht löst, dann werden sie wohl hier übernachten. Jizchak denkt ein Weilchen nach, dann huscht ein verschmitztes Lächeln Uber sein Gesicht. Er neigt sich tu dem Ohr des einen, dann zu dem des andern und der Erfolg einiger geflüsterter Worte ist überwältigend. Jussuf und Selim springen wie von Taranteln gestochen auf die Kamele, lassen ihre Kaffeetassen 1m Stich, schlagen wie besessen auf die Tiere los und Jagen Im wildesten Tempo der Stadt zu. Jizchak hat nämlich Jedem von Ihnen den Rat gegeben, das Kamel des andern zu besteigen. Wir veröffentlichen heute den mit dem zweiten Preis unseres Preisausschreibens gekrönten Beitrag von A. Lieber, «Zlrenu». (Jahresgratisabonnement.) Drei Wegweiser Das letzte Jahrzehnt war das am meisten schöpferische Zeitalter im Zionismus. Auf verwestem Boden, auf wüsten Steppen, auf tiefen Sümpfen und auf kahlen Bergen erstanden fruchtbare Felder, dichte Wälder, blühende Plantagen, Gärten, Städte, Fabriken. Ein ewiges Heim dem ewig wandernden Volk. Schlagen wir das Buch der Geschichte dieser Jahre aut: drei Gestalten, drei Kämpfer für Erez Israel beherrschen den Aufbau der altneuen Heimat. Drei Kämpfer des jungen Jischuw, die uns jungen Menschen den wahren Weg zur Befreiung gezeigt haben. Ihr Genius brachte ein Geschlecht in Aufruhr, ließ Tote zu neuem Leben erwachen. A. D. Gordon. Im Galil, auf den fruchtbaren Feldern rings um die Kolonie Daganiah sah man jahrelang einen greisen Juden, mit einem langen schneeweißen Bart, mit vom Alter gebeugtem Rücken, die Augen tränenschwer, wie einen jungen Chaluz der Pflugschar Schritt für Schritt folgen: A. D. Gordon, ein litauischer Jude. In hohem Alter verließ er Heimat, Frau und Kind, ging nach Erez Israel, nicht um im heiligen Land zu sterben, sondern um den Traum seines Lebens zu verwirklichen, in Ralästina Erdarbeit zu verrichten. Tag für Tag arbeitete er auf dem Feld, trotz seinem Alter und seiner Armut mit unverminderter Lebenslust und schuf In seiner freien Zeit den Glauben an die Idee der Arbeit* So scharten sich bald die Arbeiter des Landes um ihn und Gordon wurde zum Führer des neuen arbeitenden Jischuw. Gordon kam aus dem Lande Tolstois und brachte dessen Lehren nach Erez mit. Aber im Gegensatz zu Tolstoi, der in verbissener Feindschaft die europäische Kultur bekämpfte, die den Menschen vom primitiven natürlichen Leben verdrängt, verstand es Gordon, die Gefahr einer vollständigen Verneinung der europäischen Zivilisation in Palästina zu bannen. Der Jischuw durfte sich von der westlichen Kultur, in der er zum Großteil erzogen wurde, nicht ganz befreien, aber sie sollte auch nicht der Grundstein des Aufbaues sein. Gordon leistete eine schwere, doppelte Arbeit: eine geistige und körperliche. In der einen Hand den Pflug, in der anderen die Feder. Er arbeitete Tag und Nacht und doch schien es ihm immer, daß er nichts leiste. «Unsere Arbeit ist es,» sagte Gordon, «unsere Ideale in ihren natürlichen Boden zu verpflanzen. Nur in Palästina kann ein Zentrum geschaffen werden, das auf das gesamte jüdische Volk eine Anziehungskraft ausübt. Der kleinste Kibbuz in Erez kann als eine lebendige, fruchtbare Zelle zur Schaffung eines nationalen Organismus dienen, vorausgesetzt, daß die Juden es verstehen werden, ihre Zukunft mit dem Boden organisch zu verbinden». Wie Achad Haam sagte auch Gordon: «Es Ist notwendig, ein Zentrum zu schaffen, auf das die Augen der Juden der ganzen Welt gerichtet sein sollen.» Aber im Gegensatz zu Achad Haam, der mit der Befreiung der «Jahaduth» durch das geistige Zentrum den Juden erlösen wollte, stellte Oordon diesen Oedanken um; das Volk muß zuerst zum Boden, zum natürlichen Landleben zurückkehren, dann wird auch die jüdische Seele befreit sein. Nicht das Dach des Gebäudes sollte als erstes errichtet werden, sondern das Gebäude sollte sich vom Boden zuerst erheben, bevor sich die Kuppel des Geistes darüber wölbt. In einer seiner vielen Schriften wandte sich Oordon auch an die Brüder in der Galuth. Er schrieb: «Kommt, Brüder, ln unser Land, das verwüstet ist und sich ln fremden Händen befindet. Das Land unserer Ahnen Ist mir plötzlich fremd geworden. Auch ich bin ihm fremd. Was mich noch mit ihm verbindet, ist, daß es die Mutter Ist und ich ihr Sohn. Und wie sie, so Ist auch meine Seele trocken und wüst. Aber noch rührt eine Stimme mein Inneres: Bruder, sieh’, ein Funke glüht noch nach zweitausend Jahren; er ist noch nicht ganz erloschenl Geh' zur Mutter, schaff’ Dir ein neues Leben und der Funke wird zu einer großen Flamme entbrennen und Dein Volk und Dein Land werden wieder erwachenI» Vieles schrieb Gordon. Und durch alles glänzt ein leuchtender Strahl: der Schimmer der Pflugschar. Im Februar 1922 starb Gordon. Er nahm die Hoffnung mit, daß die Jugend seinem Geist und seinem Schaffen folgen werde. j. Trumpeldor. ln den Jahren 1881 bis 1882 ergoß sich aus Rußland eine Woge von Pionieren nach Palästina: die Biluim, die die ersten waren, eine neue Zukunft für das jüdische Volk zu schaffen. Der Enthusiasmus und die Selbstaufopferung dieser kleinen Schar wühlte die breiten Massen des Volkes bis ins Innerste auf. Aber das Land war für sie noch nicht bereitet. Die schönen Ideale zerschellten an der rauhen Wirklichkeit. So entstand in Odessa im Jahre 1905 eine Organisation, die sich «Hechaluz» nannte und auf ihre Fahne die Worte schrieb: «Ejn dawar omed bifne harazon». Eine Gruppe fuhr nach Palästina und ging an die Arbeit. Sie schufen den Typus des jüdischen Landarbeiters, der bereit ist, sein Leben für sein Stückchen Erde herzugeben, bei Tag am Pflug, bei Nacht auf Wache. Einer jener Pionierbewegung, die uns als leuchtendes Beispiel vor Augen steht, war J. Trumpeldor. Aus dem tiefen Rußland kommend, stand er in der vordersten Reihe der Kämpfer für Erez Israel. Bald war er im ganzen Land bekannt. Ueberall half er, mit Rat und Tat stand er den Brüdern bei. Er wurde zum «Heros» der Jugend. Aber Trumpeldor erscheint uns nicht nur als Vorbild durch seine heroischen Taten bis zu tiefer religiöser Extase und durch seine Kraft und Liebe zur Idee; auch als Persönlichkeit Ist er von wunderbarer Vollkommenheit. Trumpeldor kannte keine Halbheit, kein Kompromiß; nicht im privaten, nicht im gesellschaftlichen Leben, weder in seinem Denken, noch in seinen Taten. Alles, was Trupeldor tat und schuf, trug den Stempel seines Wesens: Harmnoie. Das nationale und das soziale Problem waren für ihn keine weit entfernten Pole. Sein Zionismus benötigte nie einer Legitimation und auch sein Sozialismus war frei von äußeren kosmopolitischen Einflüssen. Beide waren tief in seinem Inneren verschmolzen. Zionismus ist seinem Wesen ein soziales Problem, das gelöst werden muß. Sein Weg war der des Chaluz. «Denn,» sagte Trumpeldor, «die Anziehungskraft des Hechaluz liegt in seiner Harmonie von Theorie und Leben, Traum und Wirklichkeit, liegt eben in der Synthese zwischen den Bedürfnissen des Individuums und seinen nationalen Pflichten». Und Trumpeldor behielt Recht. Aus dem kleinen Häuflein der Träumer wurde ein großes Heer, eine Massenbewegung, der «Hechaluz». Trumpeldor stellte sich die Aufgabe, einen neuen Judentypus zu schaffen. Der Jude, der durch die Jahrtausende der Galuth geistig und körperlich verkrüppelt war, sollte wieder aufrecht gehen. Der Galuth-Geist sollte ausgerottet werden, damit der Jude wieder als würdiger Mensch und ais Jude leben könne. Trumpeldor selbst zeigt uns an seinem eigenen Leben das Beispiel des vollkommenen jüdischen Menschen. Im russisch-japanischen Krieg 1905 kämpfte Trumpeldor in Port Arthur. Er kämpfte treu und tapfer, nicht aus russischem Patriotismus, sondern, um der Menschheit und dem feigen, verstümmelten Galuth-Juden als Vorbild zu gelten, um zu zeigen, daß auch der Jude für etwas mit Mut zu kämpfen vermag. Er wurde ausgezeichnet und der erste und einzige jüdische Offizier in Rußland. Im Weltkrieg stritt er als jüdischer Legionär ln Qallpoll. Aber das alles war nur der Prolog zu dem eigentlichen großen Schauspiel, das nach dem Krieg in Palästina begann. Im Jahre 1919 kam er nach Erez, den Weg für die Alijah des russischen «Hechaluz» zu ebnen. Daselbst fand Trumpeldor eine zersplitterte Arbeitergruppe, die er zu einer mächtigen Organisation vereinigte. Die Gründung Tel-Chajs in dem damals gefährlichen Galil war eine gewaltige übermenschliche Leistung und eine Reaktion gegen die Schändung des jüdischen Landes und der jüdischen Ehre durch wilde Beduinen im Norden Palästinas. Die Idee des Chaluz wurde Realität. Sie stellte den jungen Juden vor die schwere Aufgabe, ein tapferer Pionier für das jüdische Volk zu sein. Es gibt kein Davonlaufen, kein Verweigern des Dienstes, kein Desertieren von der Front, die einmal da ist. Der Chaluz muß die Avantgarde des Volkes sein, er stellt ein vollkommenes Geschöpf dar, wie es Trumpeldor selbst war. Der Chaluz muß alles können, er muß ohne Mangel sein. Braucht man einen Schlosser; Der Chaluz ist da. Braucht man einen Arzt: Der Chaluz ist da. Braucht man Schneider, Schuster, Soldat, Schriftsteller, Briefträger, Baumeister, Wasserträger, Ingenieur u. s. f.: alles, was der Aufbau verlangt, muß der Chaluz leisten können. Nicht viele durchschnittliche Menschen an einer Stelle, sondern einen vollkommenen Mann an vielen Stellen, das war der Grundgedanke des Chaluz in jenen Tagen. Trumpeldor wurde die Quelle der Erfrischung und Aufmunterung für die Juden, die zur Befreiung streben, ein Leuchtturm für diejenigen, die dem versklavten Gettho- Judentum den Rücken kehrten, ufo sich ein menschenwürdiges Leben als freie Juden im eigenen Land aulzubauen. Im März 1920 wurde Tel-Chaj von bewaffneten Beduinen Überfällen. Im Kampf für seine Kolonie starb . Verband zionistischer HochscbOlerlnnen Wien, 9., Türkenstraße 9 Einladung zu dem am Donnerstag, den 30. Juni 1932, im reservierten Garten des Cafd-Restaurant „Konstantinhügel" (2., Hauptallee) stattfindenden Gartenfest Beginn 9 Uhr Eintritt S 2.— Trumpeldor. Seine letzten Worte waren: «Ejn dawar, tow lamut bead arzenu». J. Ch. Brenner. An der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts er** reichte die Blütezeit der hebräischen Literatur ihren Höhepunkt. Das Zentrum der damaligen Literaturträ* ger war Odessa. Eines Tages kam ein Jüngling aus det Provinz, der durch sein Aeußeres und durch sein inne« res Wesen die Aufmerksamkeit auf sich lenkte: J. Ch« Brenner. Bald hatte er einen engeren Freundeskreis um sich geschart und begann ihnen nun seine Anschauungen darzulegen. Brenner gehörte zu jenen Denkern, die die Menschheit in einem finsteren Kerker sehen und die versuchen, die dicken Mauern zu durchbrechen. Die Menschen in den finsteren Kerkern sind zwar frei von jenen Dingen, die die Außenwelt auf Schritt und Tritt betrügen und ihr zum Schein Vergnügen bringen. Die Brennerischen Typen sind aber keine Abstinenzler, Pessimisten oder resignierte Menschen. Sie lieben das Leben, beobachten mit scharfem Auge alle seine Erscheinungen und prüfen genau, was um sie geschieht. Und eben gerade durch dieses positive Verhältnis zum Leben sehen sie deutlich den Schmutz, das Niedrige, Schlechte, Fatale im Leben, wo der gewöhnliche Mensch nur Reines, Gutes, Schönes, Erhabenes und Glückliches erblickte. Der Idealist, der die schlechte Seite des Lebens sieht, hat nur zwei Wege: entweder er schafft für sich selbst eine neue Welt, die sein Ideal verkörpert, oder er findet in seinem Innern seine eigene Welt, deren Schönes und Gutes für ihn der Schutz ist vor der schlechteren Welt um ihn. Und Brenner wollte die dicke Mauer des finsteren Kellers durchbrechen. Er führt diese Ideen bei dem Helden Abramson seines Werkes «Misawiw lankuda» bis zum Selbstmordgedanken und läßt den Helden in «Ben majim lemajim» fast wahnsinnig werden. In der Erzählung «Mikan umikan» schildert Brenner den tiefen Sumpf in allen seinen Einzelheiten. Ueberall Schmutz, Ekel, Melancholie, Langweile, Qua! und über allem: Sumpf. Traf man mit Brenner zusammen, so sprach er nie Uber andere Dinge, obwohl er am öffentlichen politischen Leben teilnahm; er sprach über Probleme des Lebens, der Gesellschaft und des Einzelnen, Uber den Inhalt und Zweck des Lebens. Brenner trug in seinem Herzen den Weltschmerz und den Schmerz von Millionen einzelner Individuen. Er suchte Mittel und Wege, das ewig Böse im Menschen zu vertilgen. «Das Leben,» sagt Brenner, «ist voll Unheil, aber man muß alle Kräfte austragen, um es zu heilen und zu heiligen. Aber wie macht man das?» Brenner machte damals die Metamorphosen der mit Banden gefesselten, suchenden revolutionären russischen Jugend mit. Er suchte neue Wege zur Erlösung, daher konnte er seinen eigenen Weg nicht finden. Er wurde Mitglied einer jüdisch sozialistischen Zelle, des «Bund», und war dort eine zcitlang tätig. Aber auch dort fand er den Weg zur Befreiung nicht. Brenner glaubte, daß durch die Verwirklichung des sozialistischen Ideals nur eine neue Herrscherklasse, eine neue Plutokratie, ein neuer Militarismus Im Gewände des Sozialismus entstehe. Und wieder werde der Mensch geknechtet, ausgebeutet und zertrampelt. Nichts werde sich ändern. Jede Revolution ändere an dem Status quo nichts, sondern sie wechsle nur seine Dekoration. Der Mensch aber bleibe derselbe und finde immer neue Wege zur Herrschsucht. Durch Desertion geriet er Ins Gefängnis. Dort lernte er die vielen politischen Verbrecher, Diebe und Mörder kennen. Auch er fühlte sich als einer von ihnen; später gedachte er Ihrer in seinen Erzählungen in Zorn und Wut; aber doch empfand er tiefstes Mitleid mit den Unglücklichen. Dann kamen die Kasernen. Er wurde, wie es in Rußland üblich war, von einer Kaserne in die andere geschleppt, aber schließlich flüchtete er und seine bundistischen Freunde versteckten ihn. Er ging dann über die Qrenze insgeheim ins Ausland. Damals war Brenner schon nicht mehr Bundist. Er kam nach London, wo er seine Stimme für das jüdische Volk erhob. Ueber viele Umwege voll von Disteln und Oornen, fand Brenner schließlich doch den Weg zum Zionismus. ln London gab er ein hebräisches Organ: «Hameorer» (Der Wecker) heraus, in dem die Stimme 3renners gegen das Unrecht und die Verfolgungen gegenüber dem jüdischen Volk mächtig protestierte. ir weckte das schlummernde Volk zum Kampf um seine Rechte und für den Aufbau Palästinas. Dann über* siedelte Brenner nach Palästina, wo er seine besten Werke schrieb, und nahm teil an der palästinensische®