Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 233 (23.6.1932)
- Date
- 1932-06-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 233 — 23. Juni 1932 Olt bii(vin»r: beite S Freud und leid aus nah und fein Gregor Straßers: «Wir wollen keine Judenverfolgung». Am Dienstag, den 14. Juni, sprach Reichstagsabgeordneter Gregor S t r a ß e r, der Reichsieiter der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei, auf der deutschen Welle über das Programm des Nationalsozialismus. Die Rede Straßers hielt sich im allgemeinen von schärferen Angriffen gegen andere Parteien und Richtungen fern. Unverkennbar war das Bestreben, nach allen Seiten hin beruhigend zu wirken. Als einzig Positives hörte man: «Nähr- und Arbeitspflicht jedes Volksgenossen», wobei Straßer verschwieg, daß dieser Gedanke vom Juden Popper-Lynkeus stammt und unerörtert ließ, was mit denjenigen geschehen soll, die nach der nationalsozialistischen Rassetheorie nicht als «Volksgenossen» anzusprechen seien. Straßer streifte das jüdische Problem nur kurz, und auch hier merkte man das Bestreben, beruhigend zu wirken. Er sagte ungefähr: Wir wollen keine Judenverfolgung, aber Befreiung von jüdischen Geist- und Kapl- Italsinteressen; die deutsche Führung soll deutsch sein, ohne fremde jüdische Einflüsse, ohne jüdische Hintermänner. Ob diese Ausführungen Straßers als das heutige «Judenprogramm» der Nationalsozialisten auffcufassen sind, ist nicht leicht festzustellen. So schwankend und unklar die Nationalsozialisten ln ihrem gesamten politischen und wirtschaftlichen Programm sind, so verworren ist ihr Programm und ihre Taktik gegenüber den Juden. des Judentums über Dänemark hinaus förderte und befruchtete. Auch auf politischem Wege griff er sehr oft zugunsten verfolgter und entrechteter Juden ein. Während des Weltkrieges war er der Vermittler zwischen den jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen in Amerika und den notleidenden Juden in Osteuropa und half auf diese Weise viel Leid mildern. Mit Leo Motzkin und anderen hat er die jüdische Welthilfskonferenz begründet und war Vorsitzender des Zentralrates dieser Konferenz. Die Trauer um den Hingang Simonsens beschränkt sich nicht allein auf die jüdische Gemeinschaft Dänemarks, sondern trägt den Charakter einer Volkstrauer. Die gesamte dänische Presse widmet der Persönlichkeit des Verblichenen spaltenlange Leitartikel und seitenlange Lebensbeschreibungen und bezeichnet seinen Tod als einen Verlust für Dänemark. «Berlinske Tidende» weist darauf hin, daß Simonsen erst vor wenigen Tagen seine in der wissenschaftlichen Welt berühmte einzig dastehende hebräische Btichersammlung der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen zum Geschenk gemacht hat. Die Bestattung Simonsens fand Freitag, den 17. Juni, mittags 12 Uhr, unter ungeheurer Beteiligung der Mitglieder der jüdischen Gemeinde und weiter Kreise der christlichen Bevölkerung Kopenhagens statt. Im Trauerzug sah man Mitglieder der Regierung und Vertreter des dänischen Hofes. Auch die christliche Geistlichkeit war außerordentlich zahlreich vertreten. Die erste hebräische Matura in der Tschechoslowakei ln Munkacz fanden soeben die ersten Reifeprüfungen am Hebräischen Gymnasium ihren Abschluß. Von den 24 Abiturienten erhielten 4 Auszeichnungen, 2 wurden für kurze Zeit zurückgestellt. Die Maturitätsprüfungen fanden unter dem Vorsitz des Landesschulinspektors für Karpathorußland, Oberschulrat Vondracek, statt. Im Anschlüsse an die Prüfungen fand ein Bankett statt. Aus Anlaß der Feierlichkeiten erschien eine illustrierte Festschrift, in der u. a. auch eine Kundgebung des Unterrichtsministers Dr. Ivan Derer über die Bedeutung des hebräischen Schulwerkes veröffentlicht ist. Einheitsfront im rumänischen Judentum Auf jüdischer Seite sind Bemühungen im Gange, ein gemeinsames Vorgehen der verschiedenen jüdischpolitischen Organisationen in Rumänien zu ermöglichen. Am 16. Juni fanden im Hause des Großindustriellen Lazar Marguiies, Mitglied des Obersten Wirtschaftsrates Rumäniens, Beratungen zwischen dem Präsidenten der Jüdischen Partei, Dr. Theodor Fischer, dem Vizepräsidenten Dr. Baubergher und dem bisherigen Abgeordneten Dr. Samuel Singer einerseits und dem Präsidenten der Union rumänischer Juden, Dr. W. Fildermann, und dem ehemaligen Senator Horia Carp anderseits zum Zwecke der Schaffung einer Einheitsfront des rumänischen Judentums statt. Weite Kreise des rumänischen Judentums erhoffen von diesen noch nicht abgeschlossenen Verhandlungen die endliche Beilegung des jahrelangen Bruderkampfes zwischen den beiden politischen Spitzenorganisationen der Juden in Rumänien« Nazi-Kultur Wißi Ihr schon? Freitag vormittags wurde In der Schweidnitzer Straße in Breslau, gerade unmittelbar neben dem Polizeipräsidium, ein jüdischer Leichenzug von Nationalsozialisten angepöbelt. Die öakenkreuzler riefen: «Da haut schon einer ab nach Palästina, die anderen kommen bald nach.» Auf dem über 150 Jahre alten jüdischen Friedhof In Osterberg (Schwaben) wurden 6 Grabsteine umgeworfen und 2 zerbrochen. «Vorwärts» meldet, daß Nationalsozialisten die Fensterscheiben der Synagoge teu Breslau eingeworfen haben. «Welt am Abend» teilt mit, daß Nazis in C h e m n i t z die Fensterscheiben eines jüdischen Bethauses durch Steinwürfe zertrümmerten. Tschechische Hitler-Begeisterung «Venkov», Zentralorgan der Partei des tschechoslowakischen Ministerpräsidenten, Franz Udrzal, veröffentlicht einen Artikel, in dem es heißt: «In Deutschland haben sie es gelernt, die Bezeichnungen der politischen Parteien abzukürzen. «Nazi» sind die Nationalsozialisten, «Sozi» die Sozialdemokraten. In der letzten Zeit ist eine neue Abkürzung entstanden, «OZI», was soviel bedeutet wie «Organisation zitternder Israeliten» . . . Diese Organisation steht zwischen den «Nazi» und den «Sozis», wo sicherlich genug Spielraum ist, um les den Angehörigen des auserwählten Volkes zu ermöglichen, Raum für die Verwirklichung ihres immer umfassenden Programmes «Nicht Fisch, nicht Fleisch» zu finden.» Fast gleichzeitig ist in der nationaldemokratischen «Narodni Politika», der größten tschechoslowakischen Tageszeitung, mit einer Auflage von 140.000 Exemplaren, ein Artikel über den Hitlerismus erschienen, in welchem u. a. erklärt wird: «. . . Wir sind fest lüberzeugt davon, daß das tschechoslowakische Volk ln gleichem Schritt an der Seite der deutschen Nation ■gehen wird, und daß es bei den Nationalsozialisten eigentlich um ein sittliches und humanes Programm Igelit.» «Narodni Politika» und die nationaldemokratische Partei gelten für gewöhnlich als die Träger des Deutschland-Hasses in der Tschechoslowakei. Kein jüdischer Professor an tschechischen Hochschulen Der tschecho-jüdische «Rozvoj» befaßt sich mit der Wiederwahl von San Nicolo zum Rektor der Prager deutschen Universität, die bekanntlich erfolgte, weil die Wahl des Juden Winternitz und des Professors jüdischer Abstammung Kraus auf Widerstände gestoßen war, und erklärt: «An den tschechischen Hochschulen könnte eine solche Situation bei Rektorwahlen gar nicht eintreten. Ein Gelehrter jüdischer Abstammung könnte sich hier nicht einmal habilitieren. Die tschechischen Professoren sind zwar keine Hakenkreuzler, aber der Taufschein gilt ihnen noch immer mehr als selbst die beste wissenschaftliche Qualifakation.» Professor David Jakob Simonsen gestorben Mittwoch, den 15. Juni, starb in Kopenhagen im 80. Lebensjahre Professor David Jacob Simonsen, der Führer der dänischen Juden und eine der populärsten Persönlichkeiten des heutigen Dänemark. Ende 1902 legte er das Amt als Oberrabbiner nieder, um sich fortan vollständig der Wissenschaft und der Philanthropie zu widmen. Seine philanthropische Tätigkeit blieb nicht auf Dänemark beschränkt, sondern er arbeitete von je an vielen interterritorialen jüdischen Wohlfahrtswerken mit wie er auch die Wissenschaft Die Gelehrtenwelt ist sich noch stets nicht darüber einig, ob Columbus aus Italien oder Spanien stamme und ob er jüdischer Herkunft gewesen sei. Aber wenn Columbus auch nicht Jude war — wißt Ihr schon, daß Amerika jedenfalls von einem Juden entdeckt worden ist? Es war ein Jude mit Tefülin, der als Eroberer nach Südamerika kam. Man hat jetzt festgestellt, daß lange vor Columbus, weit über tausend Jahre vor der gewöhnlichen Zeitrechnung, ein semitischer Heerführer, W i r a K o c h u, Südamerika entdeckt und betreten hat. Aus ausgegrabenen, verschwommenen Bildern der amerikanischen Urgeschichte, aus den Töpfereien, die man im Lande der Inkas, der sagenhaften früheren Beherrscher Mexikos und Guatemalas, fand, lassen sich unschwer semitische Einflüsse erkennen, aber einem maßgebenden Umstand ist man erst jetzt auf die Spur gekommen. Man fand nämlich auch Bilder von Wlra Kochu, der ein ausgesprochenes semitisches Aussehen besessen haben soll, fand seine Züge auf ausgegrabenen Urnen, zahlreichen Bildern, in Porträts und allerhand anderen Motiven, und, was die Hauptsache ist, Wira Kochu trägt auf allen diesen Bildern ein besonderes Merkmal, um den Kopf geschlungene Riemen, die auf der Stirn in einem kleinen Kästchen zusammenlaufen, — also nichts anderes als richtiggehende Tefillin. Und wenn er Tefillin getragen hat, mußte er unbedingt ein Jude gewesen sein, da brauchte man nicht einmal den langen dichten Vollbart als Beweis anzuführen, wie ihn die Ureinwohner Amerikas nie getragen haben. Wira Kochu soll dann nach Nordamerika verschwunden sein mit dem Versprechen, bald wiederzukommen, und dieses Versprechen hatte sich bei den Inkas als Prophezeiung erhalten. So setzten sie der Eroberung durch Cortez und seine 169 Spanier keinen Widerstand entgegen, denn sie hielten die Spanier mit ihrem maurischen Typus für die Nachkommen Wira Kochus. Wißt Ihr auch schon das neuzeitliche Gegenstück zu dieser Sache? In der slowakischen Gemeinde Nove Mesto n. V. ist seit Tagen die traurige Sensation festgestellt worden, daß der Präses des jüdischen Stuhlschules kein Jude ist. Die Vorgeschichte dieses Falles ist sehr interessant. Vor kurzem, als die Gemeindewahlen stattfanden, wurde auch die Wahl des Präses für den Stuhlschul der jüdischen Schule vorgenommen. Auf Grund der Wahl wurde der bekannte Advokat des Ortes Doktor Ernst T y r o 1 e r gewählt. Schon seit langer Zeit munkelte man aber, daß Dr. Tyroler kein Jude sei und die Funktionen, die er bis jetzt inne hatte, auch unrechtmäßig war, da er römisch-katholischen Glaubens sei. Doch Dr. Tyroler behauptete immer, daß er Jude sei und auch nicht verstehen könne, was inan von ihm verlange. Er hat auch Jahre hindurch verschiedene Ehrenstellen bekleidet. Eine Gruppe, die aber dennoch keine Ruhe hatte, reiste nach Budapest und suchte in allen Pfarrämtern nach einem Taufschein, bis endlich gefunden wurde, daß in dem Matrikenverzelchnls des Pfarramtes in Band XXX auf Seite 69 als 221. Eintragung 4er Name Dr. Emst Tyrolers vorkommt, der im Jahre 1919 die Taufe erhalten hat, wobei als Taufpatin die Gräfin Elisabeth Batthyanyi fungierte. Man weiß nicht, was den Advokaten dazu bewogen hat, sich als Jude auszugeben. Dieser Tage wurde in Italien des fünfzigsten Todestages Garibaldis feierlich gedacht. Wißt Ihr, daß in den Freischaren Garibaldis 500 jüdische Soldaten sich befanden? Ein hoher Prozentsatz, denn 1859 hatte Garibaldi nur 6000 Mann unter Waffen. Ein Jude, Henri Guastalla, wurde sogar Stabsoffizier und Sekretär des Generals Medici. Guastalla war äucn ein intimer Freund Garibaldis. Jetzt noch eine tragikomische Sache. Wißt Ihr schon, daß Lord Passfield von Juden kürzlich stürmisch gefeiert gefeiert wurde? Er besuchte Moskau und wurde von den jüdischen Kommunisten warm empfangen. Seine antizionistische Tätigkeit als Staatssekretär für die Kolonien wurde rühmend hervorgehoben. Der jüdische Kommunist M. Litwakow pries Passfield als den Mann, der dem nationalen Bürgertum einen tötlichen Schlag versetzt habe. Und für dieses kommunistische Renegatentum, für diese Menschen, die ihr Judentum verleugnen, die alles in den Kot zerren, was uns heilig ist, werden wir verantwortlich gemacht! die Hefte Eine palästinensische Anekdote (Nacherzählt von Hannah L., derzeit Talpioth.) Am Rande der breiten Autostraße, die durch die iSaron-Ebene nach Tel-Awiw führt, wackeln faul und ibehäbig zwei Kamele neben einander. Ihre Reiter (scheinen zu schlafen, denn das Tempo wird immer langsamer, immer langsamer. Jussuf und Selim, beide arabische Kameltreiber, sind aber trotz der sengenden Sonnenstrahlen weit davon entfernt, einzuschlafen; sie sind augenblicklich so wach und erregt, wie ein Jockei vor dem Endspurt. Und dennoch treiben sie ihre Tiere »nicht zu einem rascheren Schritt an, im Gegenteil, sie verlangsamen die Gangart immer mehr und mehr, bis die Kamele im Schatten einer Eukalyptusbaumgruppe stehen bleiben. Die beiden Männer lassen sich gemächlich von den Rücken der Kamele zur Erde gleiten, dann entnehmen sie den Satteltaschen einige Geräte und bald ist die Luft ringsum von dem Aroma eines frisch zubereiteten Mokka erfüllt, an dem sich die beiden gütlich tun. Die Zeit schreitet fort, die Schatten werden länger, die Sonne wird allmählich glühend rot und am tiefgoldenen Horizont werden im Westen die silbernen Silhouetten (der flachen Dächer Tel-Awiws sichtbar. Ueber den Köpfen Jussufs und Selims steht bereits die weiße Mondsichel und verleiht der ganzen Landschaft ein metallisch-schimmerndes Timbre. Da taucht zwischen •zwei Weizenfeldern die stämmige Gestalt Jizchaks auf, des ältesten Chaluz aus der Umgebung. Verwundert betrachtet er die mit ihm befreundeten zwei Araber, Auf seine Frage, warum sie da verweilen, beriett« -ten sie ihm, sie hätten eine Wette abgeschlossen: Der* jenlge von ihnen, dessen Kamel später ln der Stadl * i;