Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 233 (23.6.1932)
- Date
- 1932-06-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 233 — 23. Juni 1932 DIE STIMME Sette $ Sexualnoi und Rassenbelange Von Dr. Hugo Spiegler Die nationalsozialistische Propaganda stellt einerseits die Bestrafung der Mischehe zwischen Ariern und Nichtariern als das dringendste Gebot zur Abwendung der großen Gefahr der Rassenverschlechterung hin und erklärt anderseits, daß der Jude, der sich einem arischen Mädchen nähere, gar nicht die Absicht habe, sie Su heiraten, daß er sie lediglich zum Spiel seiner Lüste herabwürdige und damit irgendein jüdisches Gebot erfülle. Der näheren Ausmalung dieses angeblichen jüdischen Gebotes verdanken viele Hakenkreuzblättchen, die von Leuten mit reger sexueller Phantasie verfaßt werden, ihre Anziehungskraft auf jugendliche Leser. Pornographie ist und war die Keimzelle der raffinierten Hakenkreuz-Propaganda. Die Laster, die als spezifisch jüdisch geschildert werden, haben allerdings gerade dieser Tage eine gewisse Beliebtheit auch in arischen Kreisen bewiesen: Am selben Tag, an dem der Schauspieler Mahr wegen Schändung minderjähriger Schulmädchen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde, lieferte man einen Musiker wegen desselben Verbrechens dem Wiener Landesgericht ein. Man male sich aus, welch widerliche Hetze die antisemitische Presse Inszeniert hätte, wenn diese Uebeltäter Juden wären! Da sie jedoch offenbar rassisch unanfechtbar sind, begnügen sich die Hakenkreuz-Blätter mit dem einfachen Bericht über diese Affären. Im «politischen» Teil aber fahren sie fort, die arische Weiblichkeit vor der Gefahr, die ihnen von den — Juden droht, zu warnen. Ob diese Warnung bei den nichtjüdischen Mädchen und Frauen die gewünschte Wirkung hat, läßt sich schwer feststellen. Um so bemerkenswerter ist ihr Effekt in den Kreisen spekulativer Männer, die ihr Wissen um ihren edleren «nordischen» Charakter und die «tierischen» Instinkte der Semiten geschickt benützen, um gewisse natürliche Verpflichtungen auf «minderrassige» Opfer abzuwälzen. Es häufen sich nämlich bei den Gerichten Paternitätsklagen gegen junge Juden, und wenn diesen auch der Nachweis gelingt, daß die Klägerinnen ihre Gunst nicht auf einen Bevorzugten beschränkt haben, wird doch in der Regel der Jude zum Zahlen verurteilt. Das österreichische Gesetz, das den ledigen Müttern die Auswahl unter den «Vätern» gestattet, begünstigt diese «rassische» Auslese, die nur eine Variante der altbewährten Finanzpolitik großer Staaten darstellt: «Der Jud’ zahlt alles!» Gegen diese Monopolstellung der Juden haben sogar die Hakenkreuzler nichts einzuwenden. Und wenn sich ihre Presse trotzdem über die geschilderten Prozesse aufregt, so geschieht dies natürlich nicht deshalb, weil die Juden «hineingelegt» werden, sondern vielmehr, um mit ihrer hohen, «aufgenordeten» Moral diese Tatsache zu verschleiern und über die jüdischen «Verführer» Zeter und Mordio zu schreien. Deshalb ist es notwendig, diese angeblichen jüdischen Sexualexzesse einmal auf ihr wirkliches Maß zu Die Schöpfer jüdischer Musik Ernest Bloch Von D r. J. T o r b 6 urnst Bloch ist berühmt als jüdischer Musiker und durch seine jüdische Musik. Damit unterscheidet er sich, von den vorausgegangenen und zeitgenössischen jüdischen Musikern, die wohl jüdische Musiker waren, aber keine jüdische Musik geschrieben hatten und von den jüdischen Musikern der jüngsten Gegenwart, die ausschließlich jüdische Musik schreiben. Bis ins 19. Jahrhundert hinein blieb das spezifisch jüdische in der musikalischen Entwicklung auf die szenische, beziehungsweise oratorienhafte Gestaltung einer biblischen Begebenheit beschränkt, während die Musik bloß alle Merkmale ihrer jeweiligen Entstehungszeit aufwies, ohne sich für die Wiedergabe des spezifisch jüdischen in der Musik besonders zu interessieren. Vom zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts angefangen, tritt hier völliger Umschwung ein. Der aufblühende Nationalismus in der Musik, der bis nun an der musikalischen Entwicklung Europas unmittelbar nicht beteiligt gewesenen europäischen Völker, der französische Impressionismus, die durch ihn geförderte Exotik und die stets fortschreitende Lockerung der Harmonik erweckten wiederum einmal stärkstes Interesse für außereuropäische Musik. In der musikalischen Gestaltung jüdischer Stoffe, wie sie nun die verschiedenen szenischen, beziehungsweise nichtszenischen Textvorlagen enthielten, dominierte jedoch zunächst weit eher das Interesse für musikalische Koloristik, als für die Jüdische Musik an sich, während die absolute Instrumentalmusik fast nichts von dieser Art zu verzeichnen hatte. Erst der jüngsten Vergangenheit und unseren Tagen blieb es Vorbehalten, bewußt intendierte jlidi- *che Musik zu schaffen, und zwar ebenso auf vokalem als auch auf instrumentalem Gebiete. Ihre Nahrung schöpft sie aus zwei Quellen: aus der hebräisch-orientalischen und der ostjüdisch-europäischen Volksmusik. Die nähere stilistische Kennzeichnung und wissenschaftliche Fundierung dieser Quellen möge vorläufig hier reduzieren. Das jüdische Ideal ist die Frühehe. Sie dominiert in Osteuropa auch heute noch. Dort führen viele jüdische Männer ein der Erforschung von Gottes Wort geweihtes Leben, wirtschaftlich sind sie «Luftmenschen». Sie studieren den Talmud. Für ihre Zukunft lassen sie Gott sorgen, sie selbst sorgen um so eifriger für die Zukunft des Judentums. In den westlichen Ländern ist die Familiengründung viel mehr von ihrer finanziellen Fundierung abhängig. Damit ist in einer Zeit so abnormer Wirtschaftsnot, wie der jetzigen, auch die Begründung für die vieibeklagte jüdische Ehenot gegeben. Aber die Natur hält sich nicht an rationelle Forderungen, sondern an ihre eigenen Gesetze. Und der junge Mensch — nicht nur der junge Jude! — erliegt den Naturtrieben, sobald sich diese stärker zeigen, als die Hemmungen der gesellschaftlichen Moral. Daß er im Taumel der Leidenschaft rassische oder konfessionelle Momente in Erwägung ziehen soll, ist entschieden eine allzu große Zumutung. Wenn der nationalsozialistische Gauleiter von Wien, der Gemeinderat Frauenfeld, in seinem berühmten Novellenbuch — berühmt durch die Widmung des antisemitischen Autors an den Rabbinersohn Dr. Sieghart — schwarzhaarige Frauen mit mandelförmigen Augen schwärmerisch besingt, warum sollte nicht vice versa ein jüdischer Jüngling bei Gelegenheit an einer blauäugigen Blondine Gefallen finden, besonders, wenn die Gelegenheit günstig ist? ln solchen Fällen ist wohl für jeden Mann das Entgegenkommen, das er findet, ausschlaggebend und nicht rassische Auslese. Ist nun trotzdem vor allem das arische Mädchen durch den Juden «gefährdet», so spricht das nicht gegen den Juden, sondern — für die Jüdin . . . Palfls'ina-Wandßriing 1931 Der Leiter des Einwanderungsamtes der palästinensischen Regierung gibt einen Bericht über die Einwanderung in Palästina in den Jahren 1930 und 1931 heraus. Dem Bericht ist zu entnehmen, daß im Jahre 1931 5533 Personen in Palästina eingewandert sind, unter diesen waren 4075 Juden (1604 Männer, 1863 Frauen und 608 Kinder). In der Gesamtzahl der Einwanderer sind 1580 Personen einbegriffen, Restaurant Billet Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal ll., Hammer rurgsiaiigasse 3. Tel. A ab-b-82 unterbleiben. Es genüge die Feststellung der rein gefühlsmäßig unleugbaren Tatsache, daß es eine Musik gibt, die von jedermann auf den ersten Ton hin, als spezifisch jüdisch erkannt werden muß. Es erübrigt sich deshalb auch jede weitere Auseinandersetzung, ob in ihr auch noch andere als nur rein jüdische Elemente enthalten sind, weil es keine einzige Kunstmusik und selbst keine Volksmusik der Welt gibt, die neben ureigenen nicht auch andersartige Keime aufweisen würde. Den Weg des Findens zur jüdischen Musik spiegelt auch der künstlerische Werdegang Ernest Blochs wieder. Als Sohn eines Kaufmanns in Genf 1880 geboren, studiert er Musik zunächst in seiner französischen Vaterstadt bei Jaques Dalcroze und Louis Rey (1894—1897), dann im ebenfalls französischen Brüssel bei Eugene Ysaye, dem weltberühmten Geiger, und Rasse (1897—1899), um erst zum Schluß seiner Ausbildung bei Iwan Knorr in Frankfurt am Main und bei Louis Thuille in München die deutsche Schule kennen zu lernen (1899—1900). Nichtsdestoweniger behält der französische Einfluß, wie er in Debussys Impressionismus gipfelt, über Ernest Bloch die künstlerische Oberhand. Durch ihn findet der Musiker Ernest Bloch den Weg zum Judentum und zur jüdischen Musik. Findet ihn intuitiv, gefühlsmäßig, um keine Musikphilologie bekümmert, aus eigenem künstlerischen Erleben. Bei der Betrachtung seiner jüdischen Musikschöpfungen wird daher der Nachweis der Originalität dieser oder jener Melodie niemals die Hauptrolle spielen, sondern die Herauslösung aller jenen Elemente der musikalischen Komposition, welche für die jüdische Musik besonders kennzeichnend sind. Es ist künstlerisch völig gleichgültig, woher Chopin, Grieg oder Tschaikowsky ihre Melodien genommen haben. Sie sind ebenso Chopinisch, Griegisch und Tschaikowskysch, wie sie auch polnisch, norwegisch und russisch sind. Das gleiche trifft auch für die Meister der deutschen, italienischen und französischen Musik zu. Hier wird künstlerisch immer nur die Tatsache entscheidend bleiben, ob die musikalische Erfindung und musikalische Entwicklung alle Merkmale dessen aufweist, was man schön nennt und als schön begreift, die bereits vorher illegal eingewandert waren und im Verlauf des Jahres 1931 Daueraufenthaltserlaubnis erhielten; u"ter diesen waren 939 Juden, 502 Christen, 137 Moslems und 2 Drusen. Außer den erwähnten amtlich registrierten Ein» Wanderern ist im Verlauf des Jahres eine Anzahl Personen als Touristen oder unter Umgehung der Paßkontrolle in das Land gekommen und ohne Aufenthaltserlaubnis im Lande verblieben. Von den im Jahre 1931 eingewanderten 5533 Personen kamen 2701 (49 Prozent) aus dem östlichen Europa (wobei man hiei die Linie zwischen Danzig und Triest zu ziehen hat), 1146 (21 Prozent) aus Nordafrika und Westas:en (einschließlich Irak, Persien und Afghanistan), 341 (6 Prozent) aus Mitteleuropa, 382 (7 Prozent) aus den Vereinigten Staaten von Amerika und 546 (10 Prozent) aus dem British Empire, unter ihnen 197 englische Polizzen. Aden ist nicht in der britischen Ziffer, sondern in der Ziffer betreffend Westasien einbegriffen. 401 Einwanderungswilligen, die den Einwanderungsbestimniungen nicht entsprachen, wurde im jahre 1931 die Einreiseerlaubnis verweigert. Im Verlaufe des Jahres 1931 haben 282 palästinensische Bürger (138 Juden), 88 Christen und 56 Moslems) und 1064 Ausländer (528 Juden 485 Christen und 51 Moslems) Palästina für dauernd verlassen. Von diesen Auswanderern hatten sich 895, unter ihnen M?* Juden, unter der gegenwärtigen Administration in Palästina angesiedeit. 182 d:cser Ausvanderer waren nach England zurückkehrende Polizisten. Das Jahr 1931 zeigte die niedrigste Auswandererziffer seit Einrichtung der Wanderungsstatistik auf. t Schätzungsweise kamen im Jahre 1931 9000 Touristen nach Palästina. 3698 trafen in 20 Mittelmeer-Reisegrunnen und 979 in 19 anderen Touristengruppen ein. Im Jahre 1930 kamen 13.200 Touristen ins Land, davon 5817 zu Schiff und 1097 per Eisenbahn. Im Jahre 1929, dem letzten Jahre vor Beginn der wirtschaftlichen Weltdepression, kamen etwa 16 500 Touristen nach Palästina. fflassenabwandepung von Juden aus Ikw York notwendig Auf der Convention der National Association of Jewish Centre Executives in New York führte Rabbi Barnett B r i c k n e r, der frühere Leiter des amerikanischjüdischen Wohlfahrtsausschusses (National Jewish Welfare Board) und Ehren Vizepräsident des American Paleetine Campaign, aus: Es wird schließlich unvermeidlich werden, daß von den zwei Millionen Juden, die in New York und in der nächsten Umgebung wohnen, vieleabwandern und sich ihren Lebensunterhalt außerhalb des Gebietes der Metropole werden suchen müssen, ln unserem Mittelstand herrscht das «Stehkragen-Proletariat» vor. Die Kleinkaufmannschaft hat unter der jetzigen Krisis am schwersten gelitten und muß sich ebenfalls umstellen. Dieser Umstand, verbunden mit der Dezentralisierung der Produktion in New York, veranlaßt uns, zu glauben, daß viele New Yorker Juden sich ihren Lebensunterhalt anderswo werden suchen müssen. Viele werden sich der Landwirtschaft zuwenden müssen; in diesem Wirtschaftszweig bestehen für die Juden noch große Möglichkeiten. Fünf Juden im MunizipalausschuP von Belgrad Der Innenminister ernannte fünf Juden zu Mitgliedern des neuen Munizipalausschusses der Hauptstadt Belgrad, und zwar: Schemaja Demajo (Rechtsanwalt, ehemaliger Deputierter), Dr. Friedrich Pops (Rechtsanwalt, Präs dent SBBBSWBSBBSSSBSBBBSBLJJJSBl-Li'Blä-L'U-i- ■BL'-LH" J ohne Rücksicht darauf, ob das Thema dem betreffenden Volksliederschatz entnommen worden ist, oder von der intuitiven Genialität ihres Schöpfers neu erfunden. Eine nationale Kunstmusik machen nicht mehr oder weniger beglaubigte Volksliederzitate aus, sondern künstlerische Verschmelzung und Neugestaltung aller musikalischen Eigenschaften eines Volkes zu einem einheitlichen Ganzen, was nur ein Einzelner vollbringen mag. Nicht Volksliedersammlungen allein haben die Musik eines Volkes in die Welt getragen, sondern einzelne Musiker, die die Volksmusik in sich aufgenommen und sie aus sich selbst neugeschaffen haben. Ernest Bloch schrieb Kompositionen jüdischen und nicht jüdischen Charakters. Die jüdischen sind die bedeutenderen und in Bezug auf Form repräsentativer. Durch ihre Bedeutung und ihr bewußtes Judentum haben den Namen Blochs und seiner Musik weitbekannt und weltberühmt gemacht. Fast alle seine großen Kammermusikwerke sind von jüdischer Musik durchtränkt. Ganzen Sätzen drückt sie ihren unleugbaren Stempel auf oder wirkt zumindest auf ihre einzelnen Teile bestimmend ein. Die stärksten Orchesterwerke und die stärksten Lieder sind jüdisch, jüdisch ist auch die Krone seines bisherigen Schaffens, die Schelomo-Rhapsodie für Violoncell und Orchester, Einmal äußerte sich Bloch über seine jüdische Musik: «Ich nehme mir nicht vor, meine Arbeit auf mehr oder wenige echte Melodien aufzubauen. Ich bin kein Archäolog. Viel eher ist es die Seele des Juden, die mich interessiert, die ich mir aus der Bibel erfühle und die;ich in meine Musik übertragen möchte.» Aus dieser, Aeußerung versuchte man zwei Schlüsse zu ziehen. Erstens: Blochs Musik wäre nicht jüdisch, zweitens: es gäbe keine jüdische Musik. Aber dem ist nicht so. Bloch verwendet für seine jüdische Musik dasjenge Material, das jeder Komponist anwenden müßte, wollte er jüdische Musik schreiben und verwendet es mit souveränster Meisterschaft, mit sicherster Intuition und glühendster Inspiration. Nicht anders als es Goldmark in der «Königin von Saba» tat, als Rimsky-Korsakow in der «Scheherezade», als Saint-Saens in «Samson und Dalila», als Verdi in der «Aida». Es fiel dabtl