Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 233 (23.6.1932)
- Date
- 1932-06-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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‘'Oite 2 DIE STIMME Nr. 233 — 23. Juni 1932 Viele vermeinen, daß die Formgebundenheit des Judentums ein notwendiger Ausfluß des in unserer Bibel geoffenbarten göttlichen Willens sei, der für ewige Zeiten uns starre Dogmen und Formen zugedacht hat. Der Talmud weiß es besser und verkündet: «In den messianischen Tagen werden alle (äußeren) Gebote hinfällig.» Ein «Schulchan aruch» war in der prophetischen Zeitepoche undenkbar und jedermann wußte es, daß der Messias «das Ende des Gesetzes» bedeute. Unsere Propheten haben nichts mit den späteren Anbetern des Wortes und der Formen, welche damit einen wahren Fetischismus trieben, gemein. Die konservative Kraft des Wortes und der Formen, der ganze Formelkram des Glaubens, mag seinerzeit eine Lebensnotwendigkeit des Volkes gebildet haben. Der Druck von innen wurde dem Druck von außen entgegengestellt, und nur so konnten wir bestehen. Unsere Propheten waren die größten ausgesprochenen Feinde jedes Formenwesens; dessen größte Liebhaber und Verteidiger waren stets die Priester, wie dies ja dem Wesen der revolutionären Prophetie und des konservativen Priestertums auch vollkommen entspricht. Die Formen haben wohl ihre religiöse, symbolische Bedeutung und doch tragen sie einen vorwiegend nationalen, naturhaften und konservativen Charakter, daher ihre bunte Mannigfaltigkeit je nach Volk und Sitte. Sie sind für den Lebensstil eines Volkes nicht belanglos, doch wehe dem Volke, das den starren Formen seinen wesentlichen Inhalt und seine Seele hingeopfert hat. Es gehört, Gott sei es gedankt, nicht zum Lebensstil des jüdischen Volkes, der Form zuliebe den Inhalt, das Wesen, die Seele wegzustellen. Daß die toten Formen noch leben, gestattet uns immerhin, an diese anknüpfend, den Geist wiederzubeleben, welcher in ihnen, gebannt seit Jahrtausenden, schlummert. Der Bibel sind auch die feierlichsten Formen, wie der Sabbath, die Beschneidung, ein bloßes «Zeichen» der ewigen inneren Werte, der ganze Religionskultus — das äußere Kleid der inneren Gesinnung. Nur wenn wir aus geistiger Einheit heraus neue Werte schaffen, kann es uns gelingen, neue gemeinsame Formen organisch hervorzubringen oder auch die alten am Leben zu erhalten. Lebendige, geistige Gemeinschaft kann allein unseren empfindlich gestörten Lebensstil in seiner ganzen Reinheit und ethischen Höhe wiederherstellen, unseren Geist, den Geist unserer Väter, in uns wiederausleben lassen. Privatwirtschaftliche und -genossenschaftliche Siedlung Pressekonferenz des Keren Hajessod im Scharon und Emek. Von Helene Hannah Thon. Pressekonferenzen, die nicht im Bureau, am grünen Tisch, sondern in den grünenden Gärten und Feldern der zionistischen Arbeitsstätten stattfinden, sind eine sehr wichtige und dankenswerte Neuerung in der Propagandaarbeit des Keren Hajessod. Vor acht Monaten hatte der Keren Hajessod die palästinensischen Journalisten zu einem Ausflug nach Nahalal im Emek Jesreel eingeladen; diese Woche führte er sie in die neuen Siedlungen in der Scharon-Ebene und versammelte sie schließlich zu einer Konferenz in Magdiel. Den Eingeladenen, die dieses Mal nach Ramataim, Herzliah, Ramat Gan, Kfar Saba und Magdiel geführt wurden, drängten sich durch die lebendige Anschauung mancherlei Vergleiche zwischen dem Emek und der Pflanzungszone auf, Im Emek ahnte man die Nähe der Wüste, aus der sich die jüdischen Siedlungen wie Oasen herausheben; dort spürt man noch die ganze Unerschrockenheit und zähe Entschlossenheit, mit der jeder einzelne Punkt der Wüste dem Sumpf abgetrotzt und gegen die Uebergriffe der Wüste verteidigt werden mußte. Hier, im sanften Scharon-Tale, ist alles kultiviert, fast alles zusammenhängender jüdischer Besitz, alles trägt die Spuren eines gesicherten bescheidenen Wohlstandes. Bildet der von einsamen Bergen umschlossene Emek eine heroische Landschaft, aus der sich jeder einzelne Ort wie in Trotz und Verachtung der Gefahr erhebt, so wirkt dagegen der Scharon wie eine Stätte des Friedens und Behagens. Bis fast an die Haustüren drängen sich die jungen Orangenbäumchen, auf deren Fruchtreife man voller Erwartung hofft, dazwischen ruht das Auge auf den gut gepflegten Gemüsegärten und erfreut sich hier und da an bunten Fefdern voller Nelken und Sommerblumen, die für den städtischen Markt gezüchtet werden. Hat der Keren Hajessod eine direkte Beziehung zur Scharon-Ebene? Ist hier nicht das typische Gebiet der Privatinitiative, die — unabhängig von der Zionistischen Organisation — an dieser Stelle mit geringeren Mitteln größere Erfolge erzielt hat als diese mit ihrem Emek-Werk? Das ist zwar in der letzten Zelt oft genug gesagt und geschrieben worden, wenn man aber mit offenen Augen durch dieses Pflanzungsgebiet fährt, so muß man sich bald gestehen, daß doch auch hierin eine Fülle von Arbeit und Mitteln des Keren Hajessod steckt. Man begegnet hier denselben durch viele schwierige und anfangs oft erfolglose Versuche erzielten Viehrassen, die der Emek gezüchtet hat, denselben Hühnerarten, die durch viele Experimente Im Emek dem Lande angepaßt wurden, und wer ein wenig die Verhältnisse studiert, findet auch, daß die hier verwendeten Setzlinge und Sämereien ihre Veredelung im Emek durchgemacht haben. In jeder dieser sauberen, gut angelegten Siedlungen trifft man die Schule, den Kindergarten, die Hadassah-Station, für die der Keren Hajessod die hauptsächlichsten Mittel gegeben hat. Vor allem aber begegnet man ln diesen privatwirtschaftlichen Siedlungen dem jüdischen Arbeiter, der vielfach in den Kwuzoth des Emek seine landwirtschaftliche Ausbildung und Erfahrung erwarb und der sich mit seinen Genossen in den Arbeitersiedlungen zu jener Gruppe produktiv arbeitender, die hebräische Sprache und Kultur hochhaltender und dabei die Sicherheit der jüdischen Bewohner des Landes schützender Menschen zusammenschließt, ohne die das palästinensische Werk seine Grundlage und einen großen Teil seines Sinnes entbehren würde. Auf die untrennbare Verbindung der privatwirtschaftlichen und der genossenschaftlichen Siedlung im Land und auf die bedeutenden Leistungen des Keren Hajessod für die Erzielung eines tüchtigen Arbeiterstandes im Lande verwies J a f f e in seiner gehaltvollen Ansprache an die Journalisten und den gleichen Punkt betonte der als Gast erschienene Leo Motzkin, der Leiter so vieler zionistischer Kongresse. Den gleichen Standpunkt nimmt der — von Herrn Jaffe zitierte — Sachverständige palästinensischer Siedlungsarbeit Mosche S m i 1 a n s k y ein, der selbst dem privatkapitalistischen Kreise angehört und dessen Anerkennung der Leistungen des jüdischen Arbeiters und des Keren Hajessod um so schwerer wiegt, als er beiden oft sehr kritisch gegenübersteht. Aber den Teilnehmern der Fahrt wurde diese enge Verbindung zwischen Privatwirtschaft und Siedlungstätigkeit durch die Zionistische Organisation erst wirklich lebendig durch die Gespräche, die sie unterwegs mit den Siedlern und Arbeitern in den einzelnen Orten führen konnten. Blut-, Haut- Und Nervenkranke erreichen durch den Gebrauch des natürlichen «Franz-Josef»-Bitterwassers geordnete Verdauungsverhältnisse. In allen Apotheken und Drogerien erhältlich. Die Aufgabe der Gäste Erez Israels Jerusalem, im Siwan. Aus allen Ländern hören wir von Berichten, die die zahlreichen Touristen und Pilger dieses Jahr aus Erez Israel zurückgebracht haben. Sie berichten, was sie mit eigenen Augen gesehen, was jüdische Energie, jüdischer Unternehmungsgeist und Opferwilligkeit in Palästina geschaffen haben, was mit den Mitteln erbaut wurde, die mit solcher Mühe beim jüdischen Volk gesammelt wurden. Jetzt fühlen sich unsere treuen Mitarbeiter belohnt. Ihre Anstrengungen, ihre Opferwilligkeit sind nicht umsonst gewesen. Ueberallhin dringt die Botschaft, daß Palästina der einzige Winkel ist, wo es eine schöpferische jüdische Freude gibt und wo auch Leiden Sinn haben. Wenn aber die aus Erez Israel zurückgekehrten Gäste erzählen, wie der Jischuw in Palästina sich aus sich selbst heraus organisch entwickelt, so müssen wir hinzufügen: Nicht um diesen Jischuw allein geht esl Es geht um den weiteren AufbaudernationalenHeimstätte, um die jüdische Wiedergeburt, um die Juden, die nach Erez Israel kommen werden. Wir müssen neue Einwanderer ins Land bringen. Die Privatinitiative verdient einen größeren Piatz. Das nationale Kapital wird ihr den Weg ebnen, ihr bei der weiteren Entwicklung behilflich sein. Wir müssen die alten Kolonisatlonspunkte stärken, neue aufbauen, das Eindringen der Arbeiter in die alten Kolonien erleichtern. Wir müssen den neuen Immigranten billige Schule, billiges Hospital geben, für billigen Kredit Sorge tragen. Das Ist Sache des ganzen Volkes. Wir hoffen, daß alle, die Palästina besucht haben, gute Sendboten für unsere Sache und unsere Fonds sein werden. Wir fordern sie alle auf — die Alten und die Jungen —, sich in den Dienst des Keren Hajessod zu stellen, dem Judentum die Botschaft der Schöpfungsfreude des Jischuw zu bringen, aber auch seiner Ungeduld und seiner Unruhe. Die Arbeit ist schwer. Sie muß mit Energie, mit Kraft, mit vergrößerter Opferwilligkeit geführt werden. Wer in Erez Israel war, sei uns jetzt mehr als je Bundesgenosse und Mitarbeiter! Das Direktorium des Keren Hajessod. &aiüstina Neue Kolonien Anläßlich der Gründung der ersten Kolonie ehemaliger jüdischer Legionäre, die während des Krieges unter englischer Fahne in Palästina gekämpft haben, fand ein Weiheakt statt, in dessen Mittelpunkt die Pflanzung des ersten Baumes auf dem Boden der Kolonie stand. Der Keren Kajemeth hat 1650 Dunam seines Wadi Havarith-Bodens zur Ansiedlung von 100 Mitgliedern der landwirtschaftlichen Sektion des Verbandes der früheren jüdischen Legionäre hergegeben. Die Siedlung ist im Norden von den Orangenhainen der Kolonie Nathania, im Osten von dem umstrittenen Territorium des Wadi Havarith, im Süden von Nationalfondsboden und im Westen vom Mittelmeer begrenzt. Mehrere in der Nähe der Kolonie lebende Beduinen begrüßten ihre neuen Nachbarn und sprachen die Hoffnung aus, daß das Siedlungswerk der Legionär-Kolonisten zum Wohle auch der nichtjüdischen Nachbarn ausschlagen werde. Die Organisation Bnei Benjamin, die sich aus Söhnen der ersten jüdischen Palästina-Kolonisten zusammensetzt, die bereits die Kolonien Ben Aharon, Herzlia und Nathania begründet hatte, gründete eine neue Kolonie, die den Namen «Y c h u d i a» zur Erinnerung an den verstorbenen berühmten hebräischen Lexikographen und Sprachenerneuerer Elieser Ben Yehuda, dessen 10. Todestag auf einen der kommenden Chanukkahtage fällt, führen wird. Die neue Kolonie umfaßt 3000 Dunam Boden. Es werden in ihr vorläufig 100 Kolonistensöhne angesiedelt. Weiter an die Kolonie grenzende 3000 Dunam Boden wurden zur . späteren Ansiedlung weiterer KolomstensÖhne reserviert. Die Kolonie ist zwischen Tel-Mond und Nathania gelegen. Ihr Boden ist besonders fruchtbar. Die Mittel zum Erwerb des Bodens wurden von Herrn Blum aus Philadelphia, Eigentümer einer Fabrik für künstliche Zähne in Tel-Awiw, ferner durch eine von Ittamar B e n - A v i, dem ältesten Sohne Ben Yehudas, geführte Delegation in Amerika aufgebracht. Sieben Araber wegen Baumfrevels verhaftet In jüdischen Orangen-Hainen im j a f f a - Distrikt wurden 1000 Bäume entwurzelt. Sieben Araber wurden heute unter dem Verdacht, diesen Baumfrevel begangen zu haben, verhaftet. Eine Abordnung jüdischer Orangenzüchter begibt sich in diesen Tagen zum High Commissioner General Sir Arthur Wauchope, um ihn zu ersuchen, Maßnahmen zur Verhütung weiteren Baumfrevels, der seit einiger Zeit überhand nimmt, zu treffen. Herabsetzung des Zehent Mit Rücksicht auf die diesjährige schlechte Ernte in Palästina hat der High Commissioner Sir Arthur Wauchope den Zehent (Erntesteuer) für dieses Jahr auf 71/2 Prozent herabgesetzt. Außerdem hat der High Commissioner die Distriktskommissare ermächtigt, notleidenden Landwirten je nach ihrer Lage Entgegenkommen bei der Zehent-Zahlung, bezw. weitere Nachlässe zu gewähren. Der Mord an dem Hausierer Levy Die vier Beduinen des Dorfes Beth Sahar, die unter dem Verdacht, den sephardischen Hausierer Joseph Levy ermordet und seinen Leichnam in einer Höhle versteckt zu haben, verhaftet worden waren, wurden wegen Mangel äii Beweisen aus der Haft entlassen; dagegen wurde ein anderer Araber unter dem Verdacht, den Mord an Levy begangen zu haben, verhaftet. 181 Hörer an der hebräischen Universität An der Universität Jerusalem haben sich füf das akademische Jahr 5692 bisher 181 Studenten inskribieren lassen. Davon entfallen auf die Fakultät der Geisteswissenschaften 148, auf das mathematische Institut 11, und auf die neugegründete Sektion für biologische Wissenschaften 22. Fast genau die Hälfte der Studenten, 91, haben ihre Schulbildung in Palästina erworben, während die übrigen aus 16 verschiedenen Ländern stammen. England fordert arabisches Schulwesen mit jüdischem Geld Auf eine Anfrage von David Adams (Labour Party) im Unterhause über die Höhe der von der Palästina-Regierung dem jüdischen und dem arabischen Schulwesen gewährten Unterstützungen erwiderte der Unterstaatssekretär für die Kolonien, Sir Robert Hamilton: Im Jahre 1931 gewährte die Regierung den Schulen der Jewish Agency eine Subvention von insgesamt Pfund 20.479. Den arabischen Schulen wurde Im gleichen Jahre eine Subvention von Pfund 105.531 (!) bewilligt. Auf die Frage von Adams, wieweit diese Subventionen dem Prozentsatz der S t e u e r 1 e i s t u ngen der Juden und der Araber entsprechen, erwiderte Sir Robert Hamilton: Die Frage der Höhe der jüdischen Steuerleistung wird jetzt zwischen der Regierung Palästinas und der Exekutive der Jewish Agency erwogen; eine Auskunft hierüber kann erst später erfolgen. Dr. Heinrich Kolischer gestorben Im 79. Lebensjahre starb in Wien Dr. Heinrich Kolischer, der in der Habsburger-Monarchie jahrzehntelang Abgeordneter des österreichischen Parlaments war. Fast ein halbes Jahrhundert hindurch war er Repräsentant der jüdisch-polnischen Assimilationspolitik und vertrat diese Politik allezeit im Polenklub des österreichischen Reichsstaates. Dr. Kolischer war einer der reichsten Juden Galiziens, ein allgemein anerkannter Fachmann auf wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Gebieten und als solcher viele Male Budgetreferent im alten Reichsrat. Dr. Kolischer besaß die höchsten Orden und Auszeichnungen der österreichisch-ungarischen Monarchie und später, als Deputierter des polnischen Sejm, auch den polnischen Orden «Polonia Restituta». ■_ mm ■ I Stellt ■ Euch für die zur Verfügung I