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Die Stimme · 1932-09-16 · Heft 232 (16.9.1932) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 232 (16.9.1932)
Date
1932-09-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME Nr. 232 — 16. Juni 1932 Sette 4 in der Propaganda fälschlich auf die Zertifikatfrage konzentrierten Politik jüdischer und zionistischer Bescheidenheit noch obendrein als ein Beweis guten Willens erscheinen. Und warum sollte die englische Regierung keinen Wert darauf legen, uns auf so billige Weise ihren guten Willen zu demonstrieren? 6. Ich will niemandem die Freude an den 2000 Zertifikaten verderben, aber eigentlich sind sie in gewisser Hinsicht ärger als gar nichts, denn sie verhüllen uns den Blick für das, was wesentlich ist. Sie können uns darüber hinwegtäuschen, daß die englische Politik unverändert au£ die Kristallisation des Jlschuw in ungefähr seiner jetzigen Ausdehnung gerichtet ist; sie könnten uns übersehen lassen, daß auch die neues Exekutive die Politik gegenüber der Mandatarmacht, dje in Basel vom 17. Kongreß verurteilt worden ist, gntef der falschen Losung der Kooperation mit der Mandatarmacht fortsetzt. Und wie können wir hoffen, die vom gesamten Zionismus verurteilte Kristal|isatjonspolitik der englischen Regierung zu durchbrechen, wenn Wir nicht einsehen, daß dazu in erster Linie eine radikale Aenderung der zionistischen Politik nötig ist? Niehl uni Cooperation oder non-cooperation handelt es sieh, sondern uni Durchführung oder Nicht-Durchführung des Mandates. Darum hat sich unsere Politik zu orientieren, und wenn sie sich wirklich daran orientiert, wird sie radikal anders sein müssen als dje frühere und die jetzige. Natürlich muß damit eine Uebefwindung unserer finanziellen und kolonisatorischen Impotenz Hand in Hand gehen, aber das ist wieder eine Sache für sich. Die Unterschlagungen in Mnteriol' Verwalters Fopper Da in der Oeffentiichkeit offenbar von privater Seite berührende und in jeder Beziehung unrichtige Darstellungen Uber die Unterschlagungen ctes Materjalverwajters Max Popper im Umlaufe sind, die auch in Leitungen Eingang gefunden haben, hat sich das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde bestimmt gefunden» für Donnerstag, den 9. Juni, eine Pressekonferenz in den Sitzungssaal der Kujtusgemßinde ejn-r?Uberufen. In ihr wurden, soweit dies unter Pedachtnahme auf die anhängige strafgerichtljche Untersuchung» ohne Uebertretung der gesetzlichen Vorschriften möglich ist, nachstehende Mitteilungen gemacht: Auf Grund von Verdachtsmomenten» die sjch am 5. Mai d. J. bezüglich zweier Kassenbelege, von welchen der eine auf S 200.—, der andere auf § 85.— lautete, ergeben haben, wurden sofort Vernehmungen dUfchgeführt, als deren Ergebnis Sonntag» den 8. Mai, bereits umfangreiche Unterschlagungen aufschienen Und die diesfalls in Betracht kommenden Angestellten spfort vom Piepste suspendiert wurden, Breite am nächsten Tage, dem Mai, hat das Vertreter-Kollegium der KuTtusgemeinde die iip Kujtusgemejndestatut vorgesehene D|szjpliparuntersuchung eingeleitet. NßPh einer Veröffentlichung eines Spätabendblattes über dje Vorkommnisse, verfügte am 25. Mai vormittags das Sicherheitsbüro der Polizeidirektion die Verhaftung des Beschuldigten Max Popper. Von der Kultusgemeinde wurden nun dem Sicherheitsbüro sämtliche in der Angelegenheit aufgelaufenen Erhebungs- und Untersuchungs-Protokolle zur Verfügung gestellt. Bei der Kultusgemeinde Wien besteht, ähnlich wie in allen anderen öffentlichen Körperschaften, neben den Rechnungsämtern (Buchhaltung, Liquidatur und Hauptkassa) eine eigene Rechnungskontrolle. Es sind selbstverständlich alle jene Einrichtungen und Normen eingeführt, durch welche die Redlichkeit der Gebarung nach Möglichkeit gewährleistet ist. Die in Veröffentlichungen enthalten gewesenen Mitteilungen, daß Max Popper außerhalb seiner Agenden als Material- und Gebäudeverwalter irgendeine in die sonstige Verwaltung, wie z. B. das FUrsorgewesen, die Verwaltung des Spitales oder die Versorgungsanstalt der Kultusgemeincje u. dgl. übergreifende Tätigkeit zu entfalten hatte, sind vollkommen unrichtig. Die bisher vor* der Israelitischen Kpltusgememde ermittelte Schadenssumme beläuft sich auf zirka S 62.000.—. Rjchtig ist, daß nijr ein einziges Mal, und zwar am 22. Oktober 1922 dem Präsidium der Kultusgemeinde konkrete Mitteilungen über angebliche Unregelmäßigkeiten Poppers durch einen entlassenen Kohlenträger gemacht und. durch Angaben des seither verstorbenen Kanzleidieners Max Wessely ergänzt wurden. Eine unverzüglich vom Vizepräsidenten unter Zuziehung vpn zwei Mitgliedern des KujtusYbrstandes durchgeführte Untersuchung ließ damals die Integrität Poppers in den ihm zum Vorwurf gemachten Fällen überzeugend aufsqheinen. Erst in dem gegenwärtigen Untersuchungsverfahren gegen Max Pppper ist durch die Angaben der Mitbeschuldigten Lina lernet hervargekornmen, daß Popper bei der im Jahre 1922 durchgeführten Untersuchung nur durch falsche Zeugenaussagen, die ein bestimmtes Faktum (2 Kohlenfuhren) betrafen, vor seiner Ueberführung bewahrt würde* Wie vom bandeageficht in Strafsachen der Kultusgemeinüe mitgeteilt wurde, sind vom Vertreter des in Haft befindlichen Beschuldigten Max Popper namens der pami|ie zuhanden des Gerichtes zur tejjweisen Sphadensgutmaphung bereits Wertpapiere im Nominalbeträge von zirka S 4Q.0QQ.— bedingungslos erlegt worden. Das hebpaischB Buch «Ba;.ii i: on», Erzählungen qnd SKfczen VQfl Nathan prijntjlatt, Verlag «Esrah», Kowno. Nathan Grünbiatt ist kein neues Gesicht in der hebräischen Literatur. Er überreichte spjflep besern eine Sammlung seiner ausgewählten'Erzählungen und Skizezn, -die zum größten Teil ztpn ersten Male erscheinen. Gritoblfttt schöpft den Stoff seiner Erzählungen und Skizzen zumeist aus dem Reservoir sejppr eigenen Erlebnisse. Seine Speziqji- 1.LJ ■ »»liD'üBB1 JL* ■.. 1 ■■ & „HUI g ft RESTAURATION Ttiib I in dem berühmten Jod« und Schwefelbad Bad Deui9ch-H$ieabuvg Saison hat bereits begonnen — Reelle Bedienung Mäßige Preise — Awph für Diabetiker Inhaber: Emanuel LfpschUpt -SS »u„ Körnen.« (Warschau, Nalewki 38) ist bei allen ZeiUmrs* ständen zu haben. Besonders reichhaltiger .nhalt in den Freitagnuniniem. ebenso die interessante u. reich illustrierte Wochenschrift ■“De* Hausfreund« .ssr* tät ist das Tragische im Menschen in seinem ewigen Ringen mit der Zwiespältigkeit und inneren Zerrissenheit seiner Seele. Dazu verhütt ihm sein scharfes Auge, ausgestattet mit der besonderen Begabung, auch durch die hellblendenden Strahlen eines oberflächlichen Freudenlichtes den schwarzen Trauprschatten einer immer klagenden Seele zu sehen. Einen dankbaren Stoff bietet Grünblatt auch die revolutionäre Bewegung in Rußland von 1905 und das tragische Schicksal der an ihr beteiligten jüdischen Melden, iljre Kämpfe mit dem Zarismus, ihre Verbannung nach Sibirien bis zu ihrer Wiederkehr als seelisch Enttäuschte und körperlich Gebrochene zu ihren frommen, verbitterten Elfern in das kleine Städtchen. Eines dieser erschütternden Erlehnisse schildert die Erzählung «Samuel, der Rabbinersohn*. (Der Held soll wohl Griinblatt selbst sein.) Ein treues Bikl der zerstörten jüdischen Familie in Rußland und der unüberbrückbaren Klvift zwischen jüdischen Vätern und Söhnen seit dpf Nachkriegszeit unter dem Spwjetregime gibt die Erzählung «Rejsele»; eine erschütternde Reminiszenz aus der Zeit der Petjjura-PQgrome in der Ukraina, die Erzählung «Mein Nachbar ipi Coupe*. Diese schildert einen Juden, der das Unglück hatte, nichtjüdisch auszgsehen und dadurch Augenzeuge dessen sein konnte und mußte, wie seine Freunde mit tierischer Grausamkeit zu Tode gefoltert wurden, ohne sich ihrer annehjnen zu können; nun verfolgen ihn Tag und Nacht diese verstümmelten Leichen, sp daß er täglich und stündlich diese fürchterlichen Erlebnisse wieder erlehen muß» «B'achusah» — die größte Erzählung in diesem Buche — ist die einzige Erzählung, in der auch von Liebe gesprochen wird, freilich nur vpn einer verwelkten. Grünblatts Sprache ist seljr reich. Sein Ausdrucksvermögen kgnn nur mit dem Schofmannschen verglichen werden. M. Ungarfeld. Jüdische Chronik der Woche 17. Juni 1242: Verbrennung des Talmud in Paris. — 13. Juni 1541: Rabbi Jacob Pollak, der die als Pilpul bekannte Methode des Talmudstudiums einführte, gestorben. — 19. Juni 1269: Ludwig IX. verordnet das Tragen des gelben Flecks für die Juden Frankreichs. — 20. Juni 1757: Disputation in Kameniec mit den Frankisten. Bischof Dembowski läßt tausende Ta|mijdexemplare öffentlich verbrennen. — 21. Juni JJj54x Rabbinische Synode |n Ferrara verfügt, duß ke|n jüdisches Buch ohne Autorjsation durch 3 Rabbiner upd dem Gemeindevorsteher der jüdischen Oeqieipcje des Druckortes gedruckt werden dürfe. — 22. Juni Die Judenstadt in Prag durch Brandlegung vernichtet, — 23. Juni 1858: Entführung des dqrcH ein Pienstmädchen notgetpuften Judenknaben Edgarcjq Mortara aus Bologna, trotz aller Proteste Europas. Mortafa wurde katholischer Priester. Spenden für daß Hakenkreuzopfer Jacques Klar Wir. haben für Jacques Klar erhalten: Lipz a. D. 10 Schilling, Ornstein, Salzburg, 10, H. Glück, Baden bei Wien, 5» bisher zusammen 165 Schilling. $ rings um Jerusalem, oft schon donnerten die Tiefen und Felsen flogen wie Späne hoch... Manchmal geht er ans Jaffator» neigt sich über den Felsen und schaut in den Steinbruch hinab, den die Chaluzim in den Felsen brechen, Baum zu schaffen für einen Bau. Noch ist von diesem nichts zu sehen, vorläufig sieht man nur das Zerstörungswerk- Zersplittert Und zerfasert liegt der Fels da, abgerissen mitsamt «einen Wurzeln. Zwischen den aufgeschichteten Steinhäufen dort Sieht er Jünglinge und Mädchen, wie sie die letzte Kraft aus sich herausholen, als ginge es um die Heiligung des Gottesnameps. Schleppen Felsstücke auf Schubkarren, auf Schultern. Tiefer, tiefer bohren sie §]Ch in das trotzige Gestein eip. «Im ejn ani li, mi li?... We-im lo achschaw, ejmatai?...» Hack-hack ins Felsgestein, hack-hack Ina Fels- Sistein! Und dieser Gesang, dieser zweifache Sang vpn ann und Weib: «Wenn nicht ich, wer denn? Und wenn nicht jetzt, wann denn?» «Was singen sie da? Hat die Vorsehung sie erwählt? Die da?* 4ps war später Nachmittag eines heißen Julitages. Rpß Jopatan machte seinen gewohnten Gang zur Klagemauer. Doch er bog vom Wege ab, auf den Steinbruch zg. pep alten Gliedern fiel es schwer, den steilen Abhang hinabzuklimmen, Uber Schutthalden und Steinhaufen. Unten war ’s still, wohl niemand mehr da. Er tyQUtft nur die stummen Steine sehen. Und sie vielleicht etwas fragen. «Was für Zweck, was für Sinn hßt es, Stück um Stück aus dem Fels zu brechen, der die Grundfesten dar Heiligen Stadt trägt?» Ja, das wollte er die stummen Steine fragen. Nein, es waren nicht die Steine, die — wie die Schrift sagt — «vop den Bauleuten verachtet, einst zu Eckpfeilern de« Baues werden sollten.» Qevviß nicht. W|e er aber sii der Höhe kam, aus der der zerbröckelte Fete am Tageslicht gefördert wird, erblickte er einen Jüngling Upd ein Mädchen; still, wortlos, gebeugt und müdebeladen saßen sie nebeneinander da. Ueber beider Knie war ein Sack gebreitet, unter dem ihre nackten Füße hervorblipkten. Die Knie waren ihnen Tisch, der Sack Tischtuch. Darauf Brot und Tomaten. Sie führten bald das eine, bald das andere an den Mund und legten den Rest still auf den Sack zurück. Reb Jonatan wollte Übertreten, ungefähr zehn Schritte trennten ihn poch von den beiden. Doch da strauchelte er, unter seinem fechten Fuß löste sich ein Stein, Reb Jonatan stürzte. Stürzte hart. Ein Stück Alter fiel auf spitze Steinsplitter. Die Steine kamen ins Rutschen, nahmen ihn mit sich. Ehe es ihm vor den Augen finster wurde, glaubte er in einen tiefen Abgrund zu sinken, immer tiefer und tiefer, bis seine alten Knochen zerschmetterten. Sünde war 's, vom geraden Wege abzubiegen. Sünde, unverzeihlich... 5. Doch die Steine waren nicht so hart upd unbarmherzig. Es war nur das Alter, das gestrauchelt war. Das Alter, das unerfahrene. Denn als Reb Jonatan die Augen öffnete — er Ipg auf einer weichen Decke — da tat ihm nichts weh. Nur noch älter kam er sich vor neben den beiden jungen Menschen, die sich erschreckt und besorgt über ihn beugten. Er wollte sich erheben, doch sein schwacher Körper versagte Ihm den Gehorsam. Die zwei — sie hatten den Alten erst bemerkt, als er stürzte — schauten erst ihn, dann einander wortlos in die Augen, ohne zu wissen, was zu sagen und was mit ihm zu beginnen. Staunten. Was brachte den Alten hierher? Was zog ihn da herunter und Heß ihn dann stürzen? Ein Rätsel... Reb Jonatan rieb seine Augen. Seine Lippen bewegten sich stumm, vielleicht ein Gebet aus tiefem Herzen. Sonderbar, wie er da mit den beiden jungen Leuten zusammengetroffen war. Und so nah, so klar sah er jetzt ihre Gesichter. So bekannt kamen ihm ihre Apgen vor* Er hätte gern etwas gesagt, gefragt — doch er find flieht des rechte Wort. Und sie hatten doch ge- 1 1.-t-güin-j-■■■■■■BgjM" iw '.<m wiß sein Beben gerettet, ihn aufgehoben und so sorgsam und weich gebettet... «Möchten Sie nicht einen Schluck Wasser?» brachte endlich das Mädchen jiervor und griff nach einem Blechgefäß zwischen dep ßteinen. Reb Jonatan antwortete nicht, machte picht die leiseste Bewegung, ihr das Gefäß aus der Hand nehmen. Für eine kleine Wei|e wurde es ihm kjar, wozu er eigentlich hergekommen war, daß er cjoch jetzt fragen konnte, ob sie die Tritte des Messias hörten... Upd dann noch etwas: Warum drängen sie die Vor* ■' sehpng zur Eile? Warum halten sie nicht mit dem Messias Schrjtt, sondern laufen ihm voraus? Warum beschleunigen sie das Nahen des Tages? Das wollte er sie fragen. Einen Fluch hatte er im Herzen. Und dieser Fluch hatte ihn vom Wege abgelepkt. Schilp lange brannte er auf seinen Lippen wie glühende Kohle. Und nun war er von seinen Lippen gefallen und zwischen den Steinbrocken davongerollt. Und jetzt suchen gehen — wie mühsam? Wozu? Sein trübtf Blick flatterte umher, von den Händen des Mannes zu denen der Frau. Arbeiterhände. Und die Füße — nackt, schwarz von Staub, zer.-cfmnden, wund. Unbewußt suchte sein Blick ihre Füße — das gleiche. Wunden, Hautfelzen um die Knöchel. Graue, staubbmleckto Bandagen. Wirkliche Wunden. Jüdische Wunden. Mersinswunclen. Er wollte sich au-richten. es Gelang ihm nicht. Und wie der Jibr :ing :iri trEn-'! ir'er i'ia Arme greifen wollte, machte der Alte eine alnvehrenuq Bewegung: Nein, dableiben will erl Die zwei verstanden ihn nicht. P v.-h fragten nicht. Saßen nur staunend, wie Tränen aus den alten Atu n Über dgs zerfurchte Gesicht kollerten und auf die Steina fielen. «Schau, Tränen auf dem 8fein», sagte der Jüngling. «Wie traurig», das Mädchen. Der Abend s^uk leise li.iab und pucl) Tränen fielen auf den Stein, (Autorisierte Ucbersc'mng von A. M.)

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