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Die Stimme · 1932-09-16 · Heft 232 (16.9.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 232 (16.9.1932)
Date
1932-09-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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f Nr. 232 — 16. Juni 1932 DIE STIMME_ Nicht Kvisiatttsations-, sondern ehrliche Mandatspolitfk Die neuen Zertifikate Von F. Bernstein -Rotterdam*) h Die Exekutive der Jewish Agency hatte von der Palästina-Regierung für das kommende Halbjahr 3700 Immigrationszertifikate angefordert. Die Regierung hat 2000 (nachträglich um 100 mehr. Anm. d. Red.) bewilligt. Natürlich sind wir damit nicht zufrieden. Es sind in der Sache weitere Schritte unternommen worden. Es ist nicht sicher, daß auch diese zu einem positiven Ergebnis führen werden. Aber 2000 Zertifikate sind auch schon etwas. Eine ganze Weile haben wir ja gar keine gehabt. Ist es nicht ein Fortschritt? Sieht es nicht beinahe aus wie ein politischer Erfolg? Sollte die englische Regierung etwa doch ihre antizionistische Haltung ändern wollen? Und ist dies nicht vielleicht die Folge der Politik, welche die neue Exekutive geführt hat? So hat man sich, mit zögernder, aber bereitwilliger Hoffnungsfreudigkeit in unseren Kreisen gewiß vielfach gefragt. Denn der Wunsch, einen politischen Erfolg zu verzeichnen, entspricht auch sozusagen unserer kongreßpolitischen Situation. Die Linke und die Gruppe A der Allgemeinen Zionisten werden etwaige politische. Erfolge gern einem Kurs zuschreiben, der sich die Traditionen der früheren Politik zum Programm erwählt hat; die Oruppe B der Allgemeinen Zionisten und der Misrachl werden eine Besserung der politischen Lage dagegen vorzugsweise dem Einwirken ihrer eigenen, den früheren politischen Kurs verurteilenden Repräsentanten in der Exekutive zuschreiben wollen; und vielleicht wollen sogar die Revisionisten den günstigen Einfluß ihrer Los-von-England-Kampagne feststellen. Es bleibt nur zu untersuchen, ob wirklich eine Besserung der politischen Situation vorliegt. 2. Ohnehin empfindet man in der zionistischen Organisation allmählich das Bedürfnis, sich über die politische Tätigkeit der in Basel gewählten Exekutive ein Urteil zu bilden. Gerade ln bezug auf die sogenannte Außenpolitik, also der Politik der Mandatarmacht gegenüber, ist es eine sehr besondere Exekutive. Ist es doch die erste seit dem Krieg, in der die Außenpolitik sieht mehr von dem Mann geführt wird, als dessen ausschließliche Domäne sie seit Jahren beansprucht und anerkannt wurde. Die erste Frage, die sich auf drängt, Wäre also diese: Geht es seit Basel ln unserer Politik so viel schlechter als vorher. Die überragende und einzigartige Bedeutung, die man der politischen Geschäftsführung Prof. Weizmanns zuschrieb, mußte ttwas derartiges befürchten lassen. Diese Befürchtung hat sich, so weit sie gehegt wurde, gewiß als unbe- •) Wir veröffentlichen diesen Aufsatz des holländischen Zionistenführers, der allgemeiner Zionist ist, ohne uns im .einzelnen mit seinen Darlegungen und Anschauungen zu identifizieren. Tränen auf dem Stein Von Perez Hirschbein 1. Augen sind manchmal voll falscher Tränen, die ihren reinen Glanz trüben. Augen füllen sich manchmal vor unerwartetem Anblick mit Tränen. Augen werden manchmal geblendet von tiefem Leid oder ungewöhnlicher Freude. Vor alte Augen senken sich manchmal Schleier. Oder sie leuchten wieder jugendlich auf. Oft schon wunderte sich Reb Jonatan, daß seine Augen nicht aus dem Gesicht quollen, wo doch die Welt ringsumher in geheimnisvolles Licht getaucht ist. Daß sie im Gegenteil sich ln ihre Höhlen verkriechen wollten, denn zu sehen, was ihnen zu sehen beschieden, war bittere Strafe, schwere Prüfung. Und gerade jetzt, mit achtzig Jahren. Schon fünfzig Jahre lebte Reb Jonatan in der Stadt und dem Land, nach denen sein Sinn stand. In Jerusalem, am Kreuzweg aller Welten. Nicht weit von der Via Dolorosa. Fünfzig Jahre lang pflegte er — es sei denn, daß er krank oder schwach zu Bett liegen mußte — tagsüber zwei Mal bedächtigen Schrittes, den schwarzen Kaftan um die Schultern, zur Klagemauer zu gehen und dort über die Zerstörung des Heiligtums su weinen. Weiß und zart waren seine Hände in der Jugend, bläulich und runzlich heute, aber noch immer streichelten sie die grauen, glatten Quadern und wie Tau senkte es sich jedesmal auf seine Augen, wenn er die Steine zählen, Stein von Stein sondern wollte, ln •Ins flössen sie dann vor seinem Blick zusammen, schienen sich aufzulösen in einen Sturzbach, der von hoher Bergwand herabfällt. Dort an der Klagemauer, wo sein Auge fast blind ward vor Tränen, schärfte sich sein Ohr, nahm jedes Geräusch auf, jeden Laut, jedes leise Rascheln, das der Wind verlor, wenn er eilig an der grauen Wand vorbeistrich. Reb Jonatan neigte sein Ohr nach Ost und nach West, nach Nord und nach Süd, lauschte, ob nicht schon die Tritte des Messias au hören seien. Vielerlei Zeiten zogen vorbei, Zeiten, auf die nicht nur Reb Jonatan sehnsüchtig zurücki gründet erwiesen. Damit ist freilich im Grunde noch nichts zugunsten der neuen Exekutive gesagt, denn in Wirklichkeit konnte der Tiefpunkt, den unsere politische Situation schon zur Zeit des Baseler Kongresses erreicht hatte, nicht wesentlich mehr unterschritten werden. Höchstens konnten die Folgen der bis dahin geführten Politik noch schärfer hervortreten. 3. Aber nicht um dies gelassen abzuwarten hatte man eine neue Exekutive gewählt. Prof. Weizmann war als Opfer der Kritik gefallen, die sich gegen seine Politik richtete; die neue Exekutive war ein Produkt dieser Kritik. Freilich suchte man die Konsequenzen der Situation bei der Bildung der neuen Exekutive von vornherein zu entkräften. Die Verteilung der Funktionen innerhalb der neuen Exekutive war ein weiterer Versuch, die Voraussetzungen zu negieren, auf Grund deren Prof. Weizmann gefallen war. Trotzdem schien es von Zeit zu Zeit, als ob die neue Exekutive der englischen Regierung gegenüber eine festere Haltung an den Tag lege. Eigentlich war diese Haltung aber nur unfreundlicher. Die englischen Instanzen ließen keine andere Wahl. Sie verhielten sich so demonstrativ antizionistisch und im rein menschlichen feindselig, daß eine andere als unfreundliche Haltung unsererseits kaum möglich war. Die Durchführung der programmatischen Kooperation kann schwer aktuell werden, wenn es nichts zu kooperieren gibt. Trotzdem haben wir aus der allerletzten Zeit eine Maßnahme von weitreichender Bedeutung zu verzeichnen, die vielleicht als ein Ausfluß der Kooperation verteidigt werden wird. Sie ist eine lehrreiche Demonstration des Mißbrauchs, welcher der Anwendung dieses Begrifes In unserer Politik zugrunde liegt. 4. Es gehört zu den ernstesten Schäden unserer Bewegung, daß wir aus fremden Verhältnissen politische Losungen übernehmen, die bei uns keinen Sinn haben und nur Verwirrung anrichten. Die Frage «Cooperation» oder «non-cooperation» mag für indische und sogar I Restaurant Billet Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal ll., Hammer Purgstailgasse 3, Tel. A 48-8-82 blickte. Zeiten, die auf ihren Fittichen gute Nachricht brachten, der Welt und dem Volk Israel. Doch des Messias Tritte waren nicht dabei. Zwar mußten sie nah sein, ganz nah, — spürte er doch schon die Luft erzittern vom Hufschlag seines Pferdes... Glaubte schon zu sehen, wie die Erde sich auftat; die im Staube schlummern, haben den Weckruf vernommen und beginnen ihre Bußwanderung, wälzen sich durchs Erdinnere und durch Meerestiefen... Ganz deutlich wars zu hören... Und dennoch floß die Träne, floß heißer als sonst und trübte seiner Augen Licht. 2. Ja, Tritte hatte Reb Jonatan gehört. Tritte, die von fernher kamen, aber auch dann noch fremd klangen, als sie schon ganz nah waren. Verhaßte Tritte. «Wer ist das?» fragten seine Augen erschreckt. «Ja, wer ist das? Niemand geht ihnen voraus, des Messias Tritte verhallen fern, fern, übertönt vom Lärm der Zeit. Wer sind diese da?» Tagaus, tagein sieht er sie bei der Klagemauer. Auch sie kommen staunenden Auges. Auch sie murmeln etwas, das aus tiefem Herzen steigt. Aber kein Gebet, keinen Seufzer aus gequältem Herzen. Gierig kommen sie und ihr Blick ist unheilig. Und ihre Hände — rohe Kraft, die nicht zum Himmel strebt. Und wie kommt «sie» daher? Sie, die Sündige, die nur um des Mannes willen lebt, der allein kein Platz unter der Sonne gebührt; sie, Evas Tochter, die von der verbotenen Frucht nahm... Ihr Haar ist entblößt, frevlerisch ihre Hand und unter ihrem Tritt sprühen Funken des schwarzen Feuers auf... «Was wollen sie da?» Das fragten seine welken Lippen Tag für Tag, ohne Antwort zu bekommen. Auch die heiligen Bücher schwiegen... «Sie fliehen wohl... vor der Vernichtung fliehen sie und deshalb leben sie so in den Tag hinein, ohne daß Gebet Uber ihre Lippen kommt. Doch warum läßt König Messias zu, daß diese Verhaßten, wenn auch Seilte 3 für arabische Politik wichtig sein. Für uns kann sie nie die Alternative bilden, auf die es in unserem Verhältnis zur Mandntarmacht ankommt. Uns gegenüber Ist die Aufgabe der Mandatarmaciit die Durchführung des Mandats nach Sinn und Buchstaben. Maßregeln, die dazu in Widerspruch stehen, dürfen nie unsere Zustimmung finden; noch viel weniger dürfen wir sie durch positive Mitwirkung fördern. Beides haben wir wiederholt getan und dies dann als «Kooperation» entschuldigt. Dies ist bei uns der Sinn des Wortes. In diesem Sinne hat sich die neue Exekutive in der Angelegenheit des Wadi Chawarith-Bodens betätigt. Der Fall liegt klar. Es handelte sich nicht länger darum, der jüdischen Kolonisation keinen neuen Boden zur Verfügung zu stellen, sondern Boden, der sich im legalen Besitz des J. N. F. befand, arabischer Siedlung zugänglich zu machen. Es ist ein erster Schritt zur Verwirklichung der im noch nicht veröffentlichten French- Bericht vermutlich niedergelegten Richtlinien. Wir haben dieser Enteignungsmaßnahme zugestimmt, haben an ihrer Durchführung mitgewirkt, haben sie positiv gefördert, obwohl sie im äußersten Widerspruch zum Sinn des Mandats steht. So sieht die «Kooperation» aus, die nichts anderes ist als Mittäterschaft bei der Vergewaltigung des Mandats. Die neue Exekutive hat hier in beängstigender Weise die Traditionen ihrer Vorgängerinnen fortgesetzt. 5. Die Folgen unserer Nachgiebigkeit im Fall der Wadi Chawarith-Ländereien sind noch nicht zu übersehen. Ich unterstreiche ihn hier, weil er zeigt, wie sehr die neue Exekutive faktisch die Politik der letzten zehn Jahre fortsetzt. Diese Politik hatte ihren Grund zum Teil darin, daß vielen unklar war, was eigentlich aktive Mandatspolitik ist und was der Sinn und Zweck aktiver Mandatspolitik ist. Im vorliegenden Falle war man sich ohne Zweifel bewußt, daß man sich sicherlich ablehnend hätte verhalten müssen; aber auch hier hat sicherlich Mangel an Einsicht in bezug auf die Tragweite der Sache eine Rolle gespielt. Denn auch die neue Exekutive verlegte von Anfang an den politischen Schwerpunkt auf die Zertifikatfrage, die von ihr ebenso falsch beurteilt wird wie vom größten Teil unserer Bewegung. Die einzige Instanz, die sich nicht über die Bedeutung dieser Frage täuscht, ist die englische Regierung. Natürlich ist kein National Home ohne Immigration möglich. Aber die Immigration hat nur Wert, wenn ihr die Seßhaftmachung der Immigranten folgt. Diese ist in nennenswertem Umfang nur bei aktiver Mandatspolitik der englischen Regierung möglich. Immigration ohne Seßhaftmachung erhöht nur unsere Verlegenheiten. "’n In diesem Licht haben wir eine Bewilligung von 2000 Zertifikaten zu sehen. Während die englische Politik darauf gerichtet ist, eine nennenswerte Ausdehnung der jüdischen Kolonisationsmöglichkeit zu verhindern, und sogar schon dazu übergeht, jüdischen Landbesitz für arabische Siedlung zu enteignen, läßt sie einige tausend Juden hinein, die sich in vorhandenen Wirtschaftslücken festsetzen oder wenigstens den Versuch dazu machen können. Das tut der seit dem Passfield-Paper inaugurierten Kristallisationspolitik in keiner Weise Abbruch und kann infolge unserer auch Geplagten, diese Ungeduldigen, wenn auch Gequälten — ihm in den Weg laufen? Wie ist es nur möglich, daß sich ihnen die Erde liebevoll hingibt, ihnen, die das Himmelsjoch von sich geworfen, daß sie sich von ihnen bebauen läßt und ihre Behausungen trägt?» Er hatte gehört, sie hätten ihre Zelte in alle vier Enden des Heiligen Landes ausgebreitet; an allen Wegen und Scheidewegen: im Emek Jesreel und im Emek Hascharon, in den Bergen von Judäa und in den Bergen des Galil. Das Ufer des Jordan hätten sie schon erreicht und selbst jenseits des Flusses ihre Zelte aufgeschlagen. Er hatte gehört, sie alle, Männer und Frauen, seien erhärtet, ihre Arme bereit zur Arbeit und selbst zum Kampf gegen den nächtlichen Räuber. Gehört, sie hätten neben ihren Zelten auch schon Gräber ausgehoben und ihre Erschlagenen in der heiligen Erde bestattet. «Wo bleibt aber Messias, Davids Sohn? Haben sie ihn schon ganz verleugnet, daß sie auf ihn nicht warten wollen?» 3. Zwar ist verkündet worden: «Lachen wird dann unsern Mund füllen und unsere Zunge — Gesang...» Wie sie lachen! Wie sie singen!... Aber Lachen und Gesang — das ist doch das Zeichen. Doch auch darauf kommt es an, wer lacht und wer singt. Schließlich wäre es ihm ja ganz recht, wenn seine alten Tage Zeugen wären von den Geburtswehen der Erlösung. «Doch wer wird die Leiden auf sich nehmen? Wen hat die Vorsehung dazu ersehen?» Der Gedanke bohrt. Ihn aussprechen kann er nicht, will er nicht. — Die Erde ist noch von Sünde bedeckt wie der Meeresgrund von Wasser. Die Kraft, die diese — ja, diese Chaluzim mit sich bringen, ist nicht um der Lehre wegen, nicht um Gott zu dienen. Was ist mit den Resten Israels in den Ländern der Zerstreuung geschehen, daß sie von den Fremden gelernt haben, verroht sind? Und warum haben sie gerade auf Jerusalems Grundfesten ihren Blick gerichtet? Und warum läßt ihr« Kraft selbst nicht die Steine ruhig schlummern? Dat konnte er nicht verstehen. Oft schon bebte <U« Efd#

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