Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 232 (16.9.1932)
- Date
- 1932-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 232 — 16. Juni 1932 gasse die Nazi verpetscht oder nicht. Wir glauben nur, daß die Geschäftsleute in der Judengasse dieses neue Gesellschaftsspiel auf die Dauer nicht goutieren und sich gegen Artikel des nicht «ausschließlich in jiidischnationalen Diensten» stehenden «Morgen» mit gleicher Energie zur Wehr setzen werden wie gegen die Besuche der Hakenkreuzler. Die Redner unserer am 4. Juni im Hotel Continental abgehaltenen Versammlung haben sich nun die Freiheit genommen, die Geschmacklosigkeiten des «Morgen» zu kritisieren. Darüber ist der «Morgen* schwer erbost und er erhebt bewegliche Klage, daß der Protest gegen die Kulturwidrigkeiten hemmungsloser Lausbuben zu wenig «flammte» und daß man es wagte, außer gegen die Kulturwidrigkeiten der Hakenkreuzler auch gegen die Geschmacklosigkeiten einer gewissen Wiener Presse Veto einzulegen. Und Herr Schreier, der in solchen Dingen sicherlich unbestritten Sachverständiger Ist, schreibt vom Verkriechen hinter das Verborgensein der Juden und von seiner tiefen Scham, daß die Nachfolger Herzls in die Bahnen der Assimilation getreten sind. Aber Herr Schreier, was fällt Ihnen denn ein? Erst vor drei Wochen haben Sie Ihre geheime Neigung zum Judentum entdeckt und Sie glauben wirklich, daß Sie deshalb, weil Sie so spät gekommen sind, das Recht haben, andere in ihrer Gesinnung zu verdächtigen? Alles nur deshalb, weil man Ihren journalistischen Seitensprüngen keinen Gefallen abgewinnen kann. Seien Sie gescheit, schreiben Sie weiter fü,r die Sozialdemokratie, schrecken Sie wieder einmal, wenn Sie eine Abwechslung brauchen, Ihre Leser durch die Mitteilung von einer österreichischen Devisenspionage in der Schweiz, aber lassen Sie das «Jüdische», es liegt Ihnen nicht. Und zum Schluß, man schreibt nicht «petschen», sondern «patschen»; denn «pätschen» kommt von «Patsch». Verstanden lieber «Morgen»? Die Konsolidierung des Jischuw Aufgaben und Pflichten der öffentlichen Fonds Von Dr. Arthur Hantke Im wesentlichen Landwirtschaft treibende Länder leiden unter der Weltkrise weniger als die Industriegebiete. Die jüdische landwirtschaftliche Bevölkerung Palästinas ist vor allem deswegen wenig betroffen, weil sie wan der Getreidewirtschaft, deren Ertrag durch den Fall der Preise besonders gesunken ist, wenig beteiligt ist n^tyd/wetl die von ihr bevorzugten landwirtschaftlichen ..Produkte trotz der Krisis.im Preise wenig gefallen sind- und die Absatzmöglichkeiten durch den Fall des englischen Pfundes um etwa 25 Prozent erleichtert wurden. Nicht so deutlich sind die Gründe, weswegen die städtische jüdische Bevölkerung in Palästina von der Krisis so wenig betroffen ist. Hier wirken wohl verschiedene Ursachen mit. Die jüdische Industrie Palästinas ist noch im Aufbau begriffen. Sie kann noch lange nicht die Bedürfnisse des Landes selbst befriedigen und sie dringt in den heimischen Markt um so leichter ein, als die zionistische Idee die Propaganda für die Produkte des Landes wesentlich erleichtert. Gewisse Zweige des Handwerks und der Industrie, besonders der für alle Länder so außerordentlich wichtige Baumarkt, wurden durch den Fall des Pfundes angeregt. Im Gegensatz zu den europäischen Ländern waren seit jeher in Palästina in den Banken Kapitalien deponiert, die im Verhältnis zu der Wirtschaftskapazität des Landes sehr groß waren, weil die Eigentümer sich nicht entschließen konnten, diese Beträge in den regelmäßigen Kreislauf der palästinensischen Wirtschaft zu bringen und sie langfristig zu investieren. Die Bankdepots sind heute größer als je. Die durch den Sturz des Pfundes angeregte Ueberführung von Depotgeldern in langfristige Anlagen hat sich in den letzten Monaten, obgleich die Angst vor einer Inflation wohl gewichen ist, unter dem Druck der antisemitischen Bewegung in Europa und der besonders schwierig gewordenen Wirtschaftslage der Juden in Europa und in Amerika fortgesetzt, und die Erfahrung zeigt, daß auch Kapitalien, die jetzt nach Palästina gebracht werden und vorläufig in den Banken liegen, voraussichtlich in nicht allzu langer Zeit ganz oder teilweise der Wirtschaft des Landes zugeführt werden. Ich verstehe sehr gut, daß sich in solchen Momenten sofort die Frage aufdrängt, ob man denn auch wirklich noch die öffentlichen Fonds, also die Sammiungen für den Aufbau Palästinas braucht. Die Frage ist um so verständlicher, als speziell der Tourist zu seinem Erstaunen sieht, daß die Jewish Agency trotz der Sammlungen im Gegensatz zu dem ganzen Jischuw in allerschwierigster Finanzlage ist. Es geht ihr nicht besser als den bestkonsolidierten Staaten. Das wäre natürlich, wenn sich auch das Land in einer Krisis befinden würde. So aber besteht eine Anomalie, die sich daraus erklärt, daß der Keren Hajessod seine Einnahmen nicht aus Palästina, sondern aus den unter der Wirtschaftskrisis so stark leidenden Ländern der Diaspora zieht. Die Frage der Touristen hat daher zwei Momente für sich. Einmal bedeutet sie: Kann man nicht an Steile der Sammlungen die organisierte Arbeit für die Betätigung des Privatkapitals in Palästina setzen? Und zweitens: Können wir uns, die wir in einer solchen Wirtschaftskrisis leben, nicht für eine Zeitlang von den Zahlungen für die palästinensischen Ponds befreien? Ueber die letztere Seite det Frage brauche ich nicht zu sprechen. Solche Ermüdungszeichen sind heute erklärlich. Es ist eben die Aufgabe der zionistischen Bewegung, solchen Tendenzen entgegenzutreten. Was aber den ersteren, ernsteren Teil des Problems anlangt, so zeigt sich in der Diskussion bald, daß ein solcher Standpunkt dem palästinensischjüdischen Problem nicht gerecht wird. Auf lange Zeit hinaus wird der Einwanderer, solange er sich in die Wirtschaft noch nicht eingefügt hat, also für eine ganze Reihe von Jahren, alle seine Bedürfnisse, die er aus dem Lohn nicht decken kann, also Insbesondere an Unterricht, Gesundheitspflege und soziale Fürsorge, auf Quellen angewiesen sein, die vom Auslande kommen. Dasselbe gilt von der Entwicklung der Landwirtschaft. Die Kolonisation in einem neuen Lande ist ja mit Ausgaben verknüpft, die, wie wir wissen, ln den Ländern alter landwirtschaftlicher Kultur durch die Erfahrungen so vieler Generationen ersetzt werden. Die Orangenpflanzer von heute verdanken die Ueberschüsse ihrer Arbeit den unendlichen Versuchen, die man in so vielen Jahren in der Orangenkultur gemacht hat und die vielen in früheren Jahren große Erfahrungen, aber auch schweren Schaden gebracht haben. Die Pflanzer von heute haben den jüdischen Arbeiter nicht geschaffen, sie haben ihn vorgefunden. Geschaffen wurde er Im Bei Ischias erfolgt auf ein Glas natürliches «Franz- Josef»-Bitterwasser, früh nüchtern genommen, beschwerdelos ausgiebige Darmentleerung, an die sich ein behagliches Gefühl der Erleichterung anzuschließen pflegt. Emek und im Galil. Ohne diese Kolonisation würden Wir vielleicht heute Pflanzer haben, aber nicht jüdische Dörfer, sondern arabische Dörfer mit jüdischem Mittelstand. Es Ist leicht, heute zu sagen, der Keren Kajemeth hätte nicht die Böden im Emek, sondern noch weitere Orangenböden kaufen sollen. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß der Kauf und die Kolonisation des Emek Jesreel und des Emek Hajarden eines der wichtigsten Voraussetzungen für das Gefühl der Sicherheit ist, das heute für die palästinensische Judenheit so charakteristisch ist. Mit dem Wachsen und mit der Konsolidierung des Jischuw in Palästina muß deshalb die Bedeutung der öffentlichen Fonds, insbesondere des Keren Hajessod zunehmen. Denn der Konsolidierung des Jischuw entspricht in Palästina die Verstärkung der Einwanderungsmöglichkeiten und der Verstärkung der Einwanderungsmöglichkeiten entspricht eine größere Aufwendung aus öffentlichen Mitteln für die Verwurzelung der Einwanderer.. Ist die Diaspora nicht, mehr bereit, diese Mittel zu bewilligen, so wird eines Tages der Strom der Einwanderer aufhören und die zionistische Energie, die ja die Ursache wachsender Einwanderung ist, wird hinter den Bequemlichkeitstendenzen einer wohlhabender werdenden palästinensischen Bevölkerung zurückstehen, deren Interessen naturgemäß in einem gewissen Widerspruch zu einer starken Einwanderung steht. Der Keren Hajessod wird die Möglichkeit schaffen, die Konsolidierung des jeweiligen Jischuw immer wieder mit den Bedürfnissen der Diaspora auszugleichen. 360 Auslandsjuden aus Luxemburg ausgewiesen Auf Grund eines von der Gesetzgebenden Versammlung Luxemburgs inr Jahre 1920 beschlossenen und im Jahre 1928 kundgegebenen, aber bisher faktisch nicht angewandten Gesetzes, wonach alle Ausländer, die länger als sechs Monate im Lande zu bleiben wünschen, bei den zuständigen Behörden um eine Aufenthaltserlaubnis ansuchen müssen, wurden im April dieses Jahres die in Luxemburg lebenden Ausländer von der Polizei aufgefordert, soweit sie im Lande zu bleiben wünschen, Gesuche um Aufenthaltserlaubnis einzureichen Etwa 400 aus Osteuropa stammende Juden, von denen viele mit ihren Familien seit mehreren Jahren in Luxemburg leben, haben dieser Aufforderung entsprochen und solche Gesuche eingereioht. In den letzten Tagen erst haben 3 60 aus osteuropäischen Ländern stamirrende Juden die Mitteilung erhalten, daß ihre Gesuche zurückgewiesen wurden und daß sie das Territorium des (i'roßhcrzogtums verlassen müssen. Eine Begründung dieses Entscheids wurde nicht gegeben; man nimmt an, daß die Maßnahme auf die antisemitische Gesinnung der zuständigen Behörde zurückzuführen ist. Nicht jüdische Ausländer wurden von der Ausweisungsaktion nicht betroffen. Die ausgewiesenen Juden haben ein Schutzkomitee gebildet. das von Dr. Max Rosenfeld und RoubeJ geleitet wird. Das Schutzkomitee plant, bei den zuständigen Behörden zu intervenieren und, falls eine solche Intervention erfolglos sein sollte, an die öffentliche Meinung des Inlandes und des Auslandes zu appellieren. Man m eint ferner an, daß die polnische Regierung im Hinbl'ck darauf, daß die Mehrheit der Ausgewiesenen polnische Staatsbürger sind, bei der Regierung des üroßherzogtunvs im Sinne der Zurücknahme der Ausweisungsorder intervenieren wird. Feierlicher Empfang Soholows in Paris Emanuel N e u in a n, amerikanisches Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, ist am 11. Juni in Paris eingetroffen und pflog hier wichtige Unterredungen mit den Führern der französischen Zionisten Uber Palästina betreffende Wirtschaftsangelegenheiten. Am Sonntag traf der Präsident der Zionistischen Weltorganisation lind der Jewish Agency, Nahum S o k o I o w, von seiner Amerikareise zurückkehrend auf französischem Boden ein. Heute findet im Hotel Majestic zu Paris ein Empfang zu Ehren Nahum Sokolows statt, bei dem der Minister für Volksgesundheit Im neuen Kabinett Herriot, Justin Godart, Präsident des Komitees France-Palestine, den Vorsitz führen wird. Es sind bei diesem Empfang ferner Ansprachen der Minister de M o n z i e und D a 1 i m i e r vorgesehen. tJalüsiina Ergebnis der Stadtratwahlen in Tel-Awiw Die in Tel-Awiw stattgefundenen StadtratswaIllen ergaben das folgende Resultat: Von den fünfzehn Stadtratsitzen errangen die Arbeiterpartei fünf, die vom Bürgermeister Dizengoff geführte Bürgerliste drei, die Liste der polnischen Juden zwei Sitze, die Listen der H a u s b e 8 i t z e r, der S e p h a r d i m, des M i s r a c h i, der Revisionisten und der Kleinhändler errangen je einen Sitz. Etwa ein Dutzend Listen standen zur Wahl. Der Hauptkampf spielte sich zwischen der Arbeiterpartei und der Dizengoff-Partei ab. Verurteilung eines arabischen Mörders Vor dem Distriktsgericht zu Jaffa fand der Prozeß gegen den 20jährigen Raschid Abu-Saliman und den 17jahrigen Salib Abu-Saliman, beide Angehörige des Stammes Arabel-Koran, statt, die beschuldigt werden, zwei jüdische junge Leute aus Tel-Awiw, Fräulein Salia Zohar* G o 1 d s t e i n und Johannan Stahl ermordet zu habe». Zohar und Stahl hatten sich im Sommer v. J. von Tel-Awiw aus auf eine Fußtour längs des Strandes begeben, kehrten aber nicht zurück und blieben verschollen. Im November v. J. gelang es mit Hilfe einer Prämienaussetzung, die Stelle herauszuiinden, an der Zohar und Stahl von Beduinen ermordet und vergraben worden waren. Die Spuren der Mörder führten zu dem Stamm Arabel-Koran. . In der Gerichtsverhandlung1 schilderten der Distjrlktfc*>Arzt und einige andere Zeugen die grauenvolle. Verstümmelung der Leichen. Der junge Effenai Alo Ai Kassen war es, der seinen jüdischen Freunden die Umstände des Doppelmordes enthüllte und auf die Spur der Mörder hinwies.' Er sagte vor Gericht aus, sein Hirte habe sich mit einem der Mörder über die Vorgänge beim Doppelmord unterhalten und habe von ihm alle Einzelheiten erfahren. Der 20jährige Raschid Abu Sulman, wurde wegen Teilnahme am Doppelmord zu 15 Jahren Gefängnis und zur Zahlung einer Entschädigung in der Höhe von 50 Pfund, an die Familie von Fräulein Salia Zohar-Goldstein verurteilt. Die Familie des Johannan Stahl, die in Deutschland wohnt, erhob keinen Anspruch auf Entschädigung. Der zweite Angeklagte, der erst 17jährige Salib Abu Sulman, wurde wegen Minderjährigkeit bei Begehung der Tat f r e i g esprochen. Mord an einem jüdischen Hausierer In einer Höhle in der Nähe des arabischen Dorfes B e t h Sahar wurde der Leichnam des seit. 14 Tagen vermißten jüdischen Hausierers Joseph Levy, eines. Sepharden, aufgefunden. Levy pflegte seinen Wanderhandel in diesem rein arabischen Gebiet auszuüben. Eine im Dorfe Beth Sahar wohnhafte vierköpfige Beduinenfamilie wurde unter; dem Verdacht, den Mord begangen zu haben, verhaftet. Verurteilung und Ausweisung eines Kommunlstetf Das H a i f a e r Gericht verurteilte Abraham Friedrich wegen kommunistischer Betätigung zu vier Monaten Gefängnis und zur Ausweisung nach Rußland nach Verbüßung der Haft. Antizionist Lord Brentford gestorben Der vor einigen Tagen verstorbene frühere Innenminister Lord Brentford (ursprünglich Joynson. Hicks) war einer der Hauptführer der Bewegung gegen den Zionismus in England und stand in engen Beziehungen zu dem pro-arabischen Palästina-Komitee in London. In vielen arabischen Versammlungen, in denen der Mufti Schaukat Ali oder andere arabische Führer sprachen und die Abschaffung der Balfour-Deklaration verlangten, führt« Lord Brentford den Vorsitz. Brentford war einer der mittelmäßigsten Staatsmänner, die England je besaß. Seine Starrheit grenzte fast an Borniertheit. Die Locker-Versammlung in Bratislava Die von uns in einer früheren Nummer gebrachte Naqbricht über eine von Revisionisten herbeigeführte Sprengung einer Versammlung in Bratislava, bei der das Mitglied der Exekutive Berl Locker auftrat, muß richtiggestellt werden. Die betreffende Versammlung wurde nicht g «• sprengt, sondern nach Entfernung der Revisionisten, die störende Zwischenrufe machten, i n R u h e zu Ende geführt. Feier anläßlich der 100. Eintragung ins Silberne Buch des Donnerstag, den 16. Juni, 8 Uhr abends, im Großen Saale der Zion. Bezirkssektion Leopoldstadt, 2. Bez., Praterstraße Nr. 13 Keren Kaiemeth: