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Die Stimme · 1932-06-09 · Heft 231 (9.6.1932) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 231 (9.6.1932)
Date
1932-06-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 231 — 9. Juni 1932 Dlt STIMME Seife 5 Das Zuversicht und Einigkeit Gebot der Stunde - Eindrucksvolle Massenversammlung In einer Samstag, den 4. Juni, im großen Saal des Hotel Continental veranstalteten Massenversammlung wurde von den Führern der Wiener Zionisten der in der letzten Zeit immer stärker werdende antisemitische Terror erörtert und die Frage der Abwehr besprochen. In allen Reden kam klar und deutlich zum Ausdruck, daß die Juden von keiner Partei und keiner Gruppe, auch nicht von der Regierung und den Behörden, die ihrer Würde entsprechende Unterstützung zu erwarten haben, sondern sich auf ihre eigene Kraft verlassen müssen, die, wenn die Juden einigzusamm enstehen, hinreichen wird, den antisemitischen Ansturm zurückzuschlagen. Nach einer Begrüßungsansprache des Präsidenten des Zionistischen Landeskomitees Dr. Oskar Grünbaum ergriff Dr. Oskar Friedm a n n das Wort und führte u. a. aus: Die Lage ist ernst und betrüblich, aber nicht trostlos, und es ist kein Anlaß zur Verzweiflung vorhanden. Die österreichischen Juden sind eine Minderheit, aber eine solche, die noch über eine gewisse Macht und einen gewissen Einfluß verfügt. Wenn sie in dieser bedrohlichen Zeit zusammenstehen, werden sie auch über diese Periode hinwegkommen. Die Hochflut des Antisemitismus in Oesterreich und Deutschland ist nichts Neues, und aus der Geschichte kann man den Trost schöpfen, daß die Juden diese Krise ebenso überwinden werden wie die früheren. Der Redner gab nun eine Schilderung von Zeitepochen, die von wildem Antisemitismus erfüllt waren, erinnerte an das Aufsteigen der Christlichsozialen Partei unter Lueger, an die Aera der Stöcker, Ahlwardt, Treitschke und Düring in Deutschland und verwies darauf, daß die reine Interventionspolitik heute ihr Ende genommen hat, weil es nichts mehr nützt, zur Regierung zu gehen und sie auf die antisemitischen Vorgänge aufmerksam zu machen. Was sich jetzt an Ungesetzlichkeiten in Wien und in Oesterreich überhaupt täglich abspielt, ist ein europäischer Skandal, der den Staat in den Augen aller rechtlich Denkenden herabsetzen muß. Eine friedliche Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten ist undenkbar. Das haben schon die seltsamen Bemühungen des Zentralvereines deutscher Staatsbürger in Deutschland gezeigt. Die Nationalsozialisten bekämpfen die Juden einfach wegen der Tatsache, weil sie auf der Welt sind. In Oesterreich werden die Juden auf der einen Seite durchwegs antisemitischen bürgerlichen Gruppen und auf der anderen Seite den Sozialisten gegenüberstehen. In der jüdischen Politik sind bisher Fehler begangen worden, insbesondere dadurch, daß (Jie Juden in allen politischen Gruppen herumgeschwommen sind und darauf vergessen haben, daß es in diesem Staat außer gewissen politischen und wirtschaftlichen Forderungen ganz klare jüdische Interessen gibt, die man vor den Interessen anderer Parteien zurückgestellt hat. Die österreichische Sozialdemokratie, die als Partei ein Spezifikum ist, verhält sich der jüdischen Not gegenüber völlig indifferent. Angesichts der Barbarei des Nationalsozialismus könnten die Juden von ihr verlangen, daß sie für Juden zumindest dasselbe Mitgefühl und dieselbe Solidarität aufbringt wie für Neger oder Georgier. In dieser Situation ist die Einigung aller Juden ein Gebot der Stunde. Der Gedanke des jüdischen Weltkongresses ist in England mit dem Hinweis darauf abgelehnt worden, daß man auf ihm bei der Menge der einander bekämpfenden jüdischen Parteien in den einzelnen Ländern nur ein Bild der Zerrissenheit erhalten würde. Jetzt ist keine Zeit mehrfürpersönlicheAmbit i o n e n. Es muß das Selbstgefühl der Stärke erweckt werden und die Zionisten sollen dabei aktiv mitwirken. Aber man soll auch solche Menschen nicht ausschließen, die sich zum jüdischen Problem positiv stellen, auch wenn sie außerhalb der zionistischen Gruppen stehen. Der Gefahr, die sich nun auftürmt, kann man nur begegnen, wenn man eine einheitliche Front bildet, die niemanden ausschließt. Die Frage, wer der Führer dieser Front sein soll, kann später gelöst werden. Mit dem bisherigen Kampf in Konventikeln wird der Judenschaft nicht gedient sein. Deshalb appelliert 'der Redner von den schlecht unterrichteten Führern an die besser informierten Massen der jüdischen Bevölkerung, ihre jüdischen Führer, wenn sie nicht selbst das Verständnis haben, zu zwingen, die persönlichen Streitigkeiten aufhören zu lassen und eine gemeinsame Front gegen den gemeinsamen Feind zu schaffen. (Stürmischer Beifall.) Sodann sprach Dr. Josef Löwen herz und verwies einleitend darauf, daß der Vater des Paneuropaführers, Graf Coudenhove-Kalergi, seinerzeit ein Buch gegen die Juden schreiben wollte und im Zuge der Studien sich aus einem Saulus zu einem Paulus wandelte und ein Buch für die Juden schrieb, das nun sein Sohn mit einem die Sinnlichkeit des Antisemitismus zeigenden Vorwort wieder herausgibt. Man wirft den Juden, die Helden eines zweitausendjährigen Kampfes für ihren Glauben und ihre Institutionen sind und die den Krieg verabscheuen, vor, daß sie feig sind. Aber man macht ihnen alles mögliche zum Vorwurf, denn den Antisemiten ist jedes Argument recht, um gegen die Juden loszugehen. Was sich z. B. unter dem Schlagwort «Rache für Innsbruck» in den letzten Tagen abgespielt hat, ist beschämend für die Republik und für die Parteien, welche die Regierung bilden. D i e J u d e n können sich auf niemand verlassen, sondern nur auf sich selbst. Die kompetenten Stellen der Regierung und der Polizei haben sich früher wenigstens bemüht, das Mäntelchen der Objektivität umzuhängen, heute buhlen sie um die Gunst des Herrn Frauenfeld. Die Juden zahlen Steuern, sie erfüllen alle ihre Pflichten, sie können verlangen, daß die Beamten, die aus diesen Geldern erhalten werden, auch ihre Pflicht gegenüber den Juden erfüllen. Welchen Eindruck muß es auf einen Fremden machen, wenn ihn in den österreichischen Ortschaften überall Hakenkreuze begrüßen und wenn er Gefahr läuft, beschimpft oder gar verwundet zu werden. Die antisemitische Einstellung der Bevölkerung in den Sommerfrischen zwingt die Juden, diesen Sommer den Urlaub nicht auf dem Land zu verbringen, um den Antisemiten draußen nicht das schwer erarbeitete Geld zukommen zu lassen, das sie dann gegen die Juden verwenden. (Stürmischer Beifall.) Hierauf wandte sich der Redner den Vorfällen an den Hochschulen zu. Er forderte die jüdischen Studenten auf, zusammenzuhalten und den Hakenkreuzlern zu zeigen, daß sie sich nicht wie Hunde verprügeln lassen. Redner wird in den nächsten Tagen den Bürgermeister von Wien an seinen vor einigen Jahren gemachten Ausspruch erinnern, er werde, wenn sich wieder blutige Krawalle an den Hochschulen ereignen, als Landeshauptmann die Polizei in die Universität einmarschieren lassen. Zum Schlüsse ermahnte der Redner die Juden, ebenfalls sich zusammenzuschließen, denn nur so werden sie sich das Recht verschaffen, das ihnen gebührt. Mit der Aufforderung, ruhiges Blut zu bewahren und sich in keine Angstpsychose hineinjagenzu lassen, schloß Dr. Grünbaum die Massenversammlung, die einen überaus würdigen Verlauf genommen hatte. Einen großen Anteil an der klaglosen Durchführung der Veranstaltung hatte die Haganah. die vollzählig erschienen war und in mustergültiger Weise für Schutz und Ordnung sorgte. Wißt Ihr schon? Bei Tell-ei-Nasbeh werden derzeit interessante Ausgrabungen vorgenommen. Dr. Bade, der die Expedition leitet, berichtet darüber nun zum erstenmal. Wißt Ihr, was Tell-el-Nasbeh ist. Es ist das biblische Mizpah. Die bisherigen Ergebnisse der Ausgrabungen bestätigen diese Annahme nach Dr. Bades Ansicht zweifelsfrei. Die Westmauer der Stadt wurde vollständig freigelegt, jedoch wurde dort kein Eingangstor gefunden. Hingegen entdeckte man an der Ostseite der Mauer, nahe dem Tempel der Astarte, einen massiven Turm mit einem verbarrikadierten Tor. Bisher wurden etwa 1800 Tongefäße gefunden, die viele Siegel enthielten, darunter ein ungewöhnliches von Yahu. Der Tempel der Astarte ist schon vollständig ausgegraben worden. Der Eingang zu ihm befand sich an der Nordostecke, nahe einem hohen Turm. Zu beiden Seiten des Eingangs waren zwei große Steinsäulen errichtet, die ohne Zweifel geheiligt waren. Eine Steinbank innerhalb des Eingangs war vermutlich für den Torhüter bestimmt. An der Nordwestecke der Mauer waren verschiedene kleine Räume, die den Priestern und Priesterinnen gedient haben. Bei den Ausgrabungen in Nekropolis fand man bis jetzt zwei Gräber, ein römisch-byzantisches und ein früh-israelitisches. Wißt Ihr aber auch, daß die Zeremonie des Sündenbocks bei den orientalischen Völkern der grauen Vorzeit und insbesondere bei den Hethitern in ähnlicher Form üblich gewesen ist? ln der jüngsten Nummer des «Archiv» für Religionswissenschaft zitiert V. Gebhard einen durch einen Keilschrifttext bekannt gewordenen Brauch der alten Hethiter, über den mitgeteilt wird: «Darnach bringt man die Böcke und die Frau, das Brot und den betäubenden Trank und jagt sie hinaus. Und sie gehen und laufen zum Gebiet des Feindes hin; zu keinem einzigen Ort der Unsrigen kommen sie. Dabei sagt man: Sehet, was für die Menschen, Rinder, Schafe, Pferde, Maultiere und Esel dieses Lagers zum Unheil war, das nun, sehet, haben diese Böcke und die Frau aus dem Lager weggenommen; und das Land, das sie aufnimmt, wird diese unheilvolle Pest annehmen.» Es ist also eine starke Analogie mit dem Ritus der Bibel, doch zeigt sich ein tiefgehender Unterschied, abgesehen von der Grausamkeit der Hethiter, einen Menschen in die Wüste zu jagen. Bel ihnen handelte es sich um eine Austreibung des bösen Geistes, der körperliche Leiden bringt und der dem Feind auf den Leib gehetzt wird. Die Bibel jedoch stellt dies auf ein viel höheres Niveau. Denn hier geht es um die Verbannung des moralisch Schlechten aus der Seele des Volkes. An Stelle abergläubigscher Austreibung des Teufels ein ethisches Symbol der Selbstreinigung am Tag der Buße. Nun einige statistische Daten. Wißt Ihr, daß die Juden in Mähren aussterben? Auf Grund der Ergebnisse der neuen Volkszählung aus dem Jahre 1931, die zunächst nur in Teilresultaten vorliegen, läßt sich feststellen, daß die Zahl der Personen jüdischer Nationalität in Mähren und Schlesien von 18.016 im Jahre 1921 auf 17.069 im Jahre 1931 zurückgegangen ist. Dieser ungeheuerliche Rückgang innerhalb von zehn Jahren ist auf den starken Geburtenrückgang, auf eine erhöhte Sterblichkeit und in geringem Maße auf die Taufbewegung zurückzuführen. Die Juden Mähren-Schlesiens, die 1921 noch 0.586 Prozent der Gesamtbevölkerung bildeten, stellen heute nur noch 0.487 Prozent dieser Bevölkerung dar. Und wißt Ihr, wieviel Juden in Jugoslawien sind? Nach der letzten Volkszählung hat Jugoslawien eine jüdische Bevölkerung von 79.800 Seelen, während im Jahre 1921 nur 64.159 Juden in Jugoslawien registriert wurden. Der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung beträgt annähernd 0.6 Prozent. Wißt Ihr ferner, daß die jüdische Bevölkerung in Elsaß-Lothringen zunimmt? Denn soeben veröffentlichten Ziffern der letzten Volkszählung ist zu entnehmen, daß die Zahl der dortigen jüdischen Bevölkerung, die sich im Verlauf der letzten 60 Jahre dauernd verkleinert hat, seit 1926 wieder im Ansteigen ist, was auf die Zuwanderung aus dem Osten zurückzuführen ist. Man zählte 1931 in Elsaß-Lothringen 28.325 jüdische Seelen gegen 26.123 im Jahre 1926. Im Jahre 1871 betrug die Zahl der jüdischen Seelen in Elsaß-Lothringen 40.812, das waren 2.64 Prozent der allgemeinen Bevölkerung. Heute ist der Prozentsatz der jüdischen Einwohnerschaft 1.5 Prozent. 30 Prozent der jüdischen Einwohnerschaft Elsaß-Lothringens, 8310 Seelen, leben in der Elsaß-Metropole Straßburg. Hier ist die Zahl der Juden, ungeachtet ihres allgemeinen Niederganges in der Provinz, dreimal so groß als im Jahre 1871. In der Lothringen-Hauptstadt Metz leben 4147 jüdische' Seelen. Hervorragende Leistungen jüdischer Künstler und Forscher Die Berliner Medizinische Gesellschaft ernannte den bekannten Internisten Professor Hans K o h n zu ihrem Ehrenmitglied, eine, wie der Vorsitzende Geheimrat Goldscheider in seiner Ansprache ausführte, seltene Auszeichnung. Professor Hans Kohn, ein geborener Bayer, ist ursprünglich pathologischer Anatom gewesen, als welcher er eine anatomische Entdeckung in der Lunge machte, die unter dem Namen «Kohn’sche Porenkanäle» bleibender Bestand der Wissenschaft geworden ist. Später wandte er sich in Berlin der inneren Medizin zu. Er übte die Funktion eines Professors an der dritten medizinischen Universitätsklinik und gleichzeitig am Krankenhause der Jüdischen Gemeinde in Berlin aus. Eine größere Zahl von Arbeiten über Herz-Krankheiten trugen seinen Namen zum Range einer internationalen Autorität empor. Im Aufträge der Stadt Berlin schuf Artur Loewent h a 1 in vierjähriger Arbeit den Ehrenpokal der Stadt Berlin aus einem Block Karneol. Er hat den Pokal aus dem Block herausgeschnitten, wobei auch die Henkel durch den Diamanten aus dem Edelstein mit herausgeschnitten wurden, ein Verfahren, das seit der Antike noch keinem Künstler geglückt ist. Der Pokal, der reichen Schmuck in Weinblättern und Reben aufweist, wird in der Künstlerwelt viel bewundert. Die neue Wirtschaftspolitik in Rußland und die Juden Dem Dekret der Regierung der Sowjetunion betreffend Freihandel mit landwirtschaftlichen Produkten wird in ganz Rußland ungeheure Bedeutung beigemessen. Man erwartet von diesem von Stalin verfaßten Dekret u. a. auch eine Besserung der Lage der jüdischen Kolonisten und eine bessere Versorgung der an Nahrungsmittelmangel leidenden jüdischen Städte" mit landwirtschaftlichen Produkten. Es ist bezeichnend, daß die gesamte jiddische Presse in der Sowjetunion die jüdischen Kolonisten und die jüdischen landwirtschaftlichen Kollektive ermuntert, von der Freihandelsverordnung weitgehendst Gebrauch zu machen und ihre Produkte direkt an den städtischen Verbraucher heranzubringen. Die Moskauer jiddische Tageszeitung «Emess» fordert die jüdischen Kolonisten auf, von dieser Anleihe-Aktion Gebrauch zu machen und sich tragbare Zelte, sowie andere Zubehöre für das Marktwesen anzuschaffen. Die jiddischen Zeitungen veröffentlichen Berichte aus vorwiegend von Juden bewohnten Städten der Ukraine, wie Cherson, Kiew, Zytomir, Berditscliew, aus denen hervorgehr, daß seit Verkündung des Stalinschen Freihandelsdekrets die Preise für Butter, Fleisch, Milch und Gemüse beträchtlich gesunken sind. Unparteiischer Verband für Palästinaaufbau ln Paris Eine Gruppe im jüdischen Leben tätiger Persönlichkeiten in Paris mit Dr. M. K r a i n i n und J. Jeffroykin an der Spitze begründete in diesen Tagen einen unparteiischen nichtzionistischen Verband für Aufbauarbeit in Palästina. Der Gründungsversammlung wohnten mehr als 100 jüdische Persönlichkeiten bei. Es wurde ein Statut angenommen, das u. a. folgende Punkte enthält: Die Gründungsversammlung wählte ein 12gliedriges Komitee zur Führung der Arbeit, dem M. Krainin als Präsident, ferner J. Jeffroykin, Saul Ginsburg, N. Aronson, M. Goldstein, L. Eliaschew, R. Grinberg, J. Ettingef u. a. m. angehören.

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