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Die Stimme · 1932-06-09 · Heft 231 (9.6.1932) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 231 (9.6.1932)
Date
1932-06-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 231 — 9, Juni 1032 derartigen weitreichenden und gar oft prinzipiellen Zerklüftung des Judentums auf allen Gebieten des Geiste« resultieren müssen, zumal er eingeaehen hat, daß das über die ganze Erdkugel hin zerstreute jüdische Volk an die zweitausend Jahre einzig und allein durch die Macht der geistigen Bande zusammengthalten wurde und dank dessen alle Stürme überdauert hal. Sollte es heute, nach dem es seine physische Einheit und Heimat wiedererlangt, einer geistigen Desorganisation, die einer Auflösung nahe kommt, anheimfallen? Ist das Weltjudentum stark genug, um eine derartige Belastungsprobe siegreich zu bestehen? Oder ist der Oegenwartszustand eines in Schwebe befindlichen, balancierenden Gleichgewichts bloß als ein Uebergangsstadium zu einer höheren Einheit aufzufassen, deren Sinn und Zielrichtung wir zurzeit noch nicht einzusehen vermögen? Eines steht fest? indes unsere tapferen Chaluzim im Lande unserer Väter die «neue Erde» aus dem Boden der Wüste stampfen, ringt noch <Jer jüdische Geist allenthalben nach seinem «neuen Himmel». Die «neue Erde* mag ohne den «neuen Himmel 1» keinen Bestand haben, sie gehören ewig zueinander. Wo immer sie auseinander geraten sind in der Geschichte, wie in Babylon, Assyrien, Aegypten, Rom, Spanien, Rußland, verschwand auch stets mit dem Himmel die Erde. Wir müssen lernen, vielfach auch umlernen und darum ringen, die uns verloren gegangene geistige Heimat und Einheit wieder zu erlangen. Wir müssen einlehen, daß der Kampf um die jüdische Weltanschauung, um eine einheitliche seelische Einstellung zu allen Weltproblemen, zum Weltall, zu allen Schicksalsfragen, die von prinzipieller Bedeutung sind, nicht minder wichtig und für unsere Zukunft entscheidend ist, als die Palästinafrage und der Umstand, daß gerade von dort, aus dem autoritativen Mund Bialiks, und gerade heute der Ruf an die Diaspora ergangen Ist, an die geistige Wiedergeburt unseres Volkes zu denken und dafür Kopf und Hand zu rühren, hat in dieser Beleuchtung eine Hefe symptomatische Bedeutung. Wir dürfen es keineswegs aus den Augen lassen, daß der Sohn Theodor Herzls an seiner geistigen Heimat, am geistigen Erbe der Väter irre geworden und zugrunde gegangen ist, daß die sozialen Fragen der Neuzeit eine gähnende Kluft zwischen den Genießenden und den Schaffenden aufrichten, daß es hüben und drüben gärt, daß die ganze Welt in wildem Aufruhr zu geraten droht (die Diktaturen, Nationalsozialismus, Faschismus, Bolschewismus), daß sich die Verhältnisse auf allen Gebieten, nicht bloß auf dem ökonomischen und politischen, derart zuspitzen, daß die latente Krise früher oder später «ich in einem gewaltigen Wettersturme Luft machen dürfte, Als ein Teil der Menschheit und weit darüber hinaus müssen wir an ihren Wehen teilhaben. Wir müssen begreifen, daß es keine völlige Erlösung des Judentums geben mag ohne die Lösung aller Weltprobleme und daran glauben, daß es auch keine Welteriösung gibt ohne Lösung der JmJenfrage. Das Judentum ist ein Weltvolk und schon darum gewinnt die Frage einer jüdischen Weltanschauung für uns Juden ihren durchgreifenden Sinn und ihre weltumfassende, schicksalschwere Bedeutung, ihre ganz besondere Note, «Die Rückkehr zum Judentum — vor der Rückkehr ins Judenland», dieser Ruf Theodor Herzls hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt, er bleibt ernster Mahnruf in einer ernsten Stunde. Allsolange aber das Volk, von falschen Propheten in ruhigem Schlaf gewiegt, weder die Gefahren des Qegenwartszustandes Zweig nach Hause mit. Er soll einen während der nächsten Woche an den Sabbath gemahnen. Ein jüdischer Brauch, den ich sonst nirgends sah, Herr Benady, der Präsident, ein guter, aber sachlicher Mensch, meinte am folgenden Tage, daß ich nun nach Afrika könne. Die Reise bezahle die Gemeinde. Aber mir gefiel es zu gut In Gibraltar. Schließlich kommt man doch dort nicht alle Tage hin. Ich flunkerte ihm vor, daß ich postlagernd einen Brief von meiner Schwester aus Amerika erwarte. Zufällig war gerade die «Saturnia» der Cosulich Line aus New York fällig und Ich verlängerte die Gastfreundschaft der Oemeinde um einen weiteren Tag, Länger wagte Ich nicht zu bleiben. Ich war ja ein Vagabund, ein Außenseiter, der das Leben im Vorbeihuschen lucht. Ich ging meine Jauseneinladungen absolvieren. Die «Saturnia» brachte natürlich keine Post und es hieß Abschied nehmen. Am anderen Tage sollte es wieder losgehen. Nach AfrikaI Schon der Gedanke daran berauschte mich. Es stellte sich heraus, daß Ich nach Tanger nicht einreisen dürfe, Diese Stadt ist internationales Oeblet, und Deutsche, Oesterreicher, Türken und Russen sind dort unerwünscht. Nur Touristen aus diesen Ländern, mit gespickten Brieftaschen dürfen vom Schiff auf zwei Stunden ln dieser Stadt spazieren. Also via Algeciras nach Ceuta. Der Sekretär gab mir eine Unmenge Ratschläge und Erklärungen. Ich solle nur ungeniert bei den Kultusgemelnden drüben ln Marokko vorsprechen. Wie naiv doch so ein Sekretär sein kann. Er brachte mich zum Comerclal Pier, wo die Dampfer nach Algeciras anlegen. Einige Leute begleiteten mich. Ich bekam Segenswünsche, eine Fahrkarte nach Algeciras und 15 Peseten für die Ueberfahrt nach Marokko, wohin ich am selben Tage noch hingelangen tollte. noch auch die Notwendigkeit durchgreifender Wandlungen eingesehen hat, kann weder der alt« Schutt und Moder abgetragen noch auch an einen Neubau geschritten werden, ist selbst weder für einen Herzl, noch für die geistigen Chaluzim Platz; sie werden niedergeschrien, noch ehe sie zum Worte gelangen, totgeschwiegen, wenn sie gesprochen haben. Hoffen wir, daß das Judentum stark genug ist, allen Wettern zu trotzen und sich seine geistige Heimat trotz bösem Wetter ebenso erobern wird, wie es seine physische, heimatliche Scholle sich zu erkämpfen weiß, daß es seine geistige Wiedererstehung im Land und in der Sprache unserer Väter feiern darf. Zweleinhalbtes oder Viertes Reich? Zunt Regierungswechsel (n Deutschland AI« gegen Schluß des Weltkrieges die Situation der deutschen Westfront brenzlich wurde, bracht« man der Bevölkerung schonend die Notwendigkeit der Truppenzurückziehung aus dem Feindesland bei und um den Enttäuschten die bittere Pille zu versüßen, erzählte man ihnen von längst zu diesem Zwecke vorbereiteten Schützengräben, deren Unüberwlndllchkelt schon Im Namen «Hindenburg-Stellung» zum Ausdruck kam. Als aber die Rüekwärtsbewegung einmal eingeleitet war, zeigte es sich, daß sie in der «Hindenburg- Stellung» keineswegs beendet werden konnte, sondern noch weiter nach hinten durchgeführt werden mußte, wo eine angeblich noch viel stärkere Befestigung, die «Siegfried-Stellung* der Truppen harrte ... In derselben strategischen Situation befindet sich jetzt die Demokratie ln Deutschland. Sie hat längst jeden Eroberungsgedanken, Ja sogar die Hoffnung, sich in den «einst Im Mal» von ihr erkämpften Positionen behaupten zu können, aufgegeben. Bei der letzten Reichspräsidentenwahl hat sie sich in die ihrem vorwärts gerichteten Ehrgeiz widersprechende, aber dafür als unüberwindlich angesehene «Hindenburg-Stellung» zurückgezogen, indem sie den in ganz anderen Anschauungen ergrauten und bei der vorigen Wahl auch von ganz anderen Wählerschichten auf den Schild erhobenen kaiserlichen Feldmarschall zu ihrem Kandidaten machte und gegen Adolf Hitler auch durchbringen konnte. Die Bedrohung des «Reichsbanners», der Sturz Groeners, der es gewagt hatte, die S.-A.-Trup pen Hitlers zu verbieten, und schließlich die kränkende Form, ln der Hindenburg seinen Partisan im Wahln°& RESTAURATION in dem berühmten Jod« und Scltwofoibnd Bad DeuiBch-Mienbuvg Saison hat baralts bagonnan — Reelle Bedienung Mäßige Preise - Auch für Diabetiker Inhaber: Emanuel Mpschttts campf, Reichskanzler Brüning, entließ, lassen aber die Demokratie, die sich in der «Hindenburg-Stellung» wenigstens für den Augenblick sicher verschanzt glaubte, erkennen, daß sie zu weiterer Retlrade verurteilt Ist. Wohin? Eine «S1 e g f r 1 e d-Stellung» Ist ihr vielleicht zugedacht, aber nur von den verschiedenen «H a g e n v p n T r o n j e s», die schon mit ihren Speeren auf die durch Verrat ausspionierte Stelle zielen, wo sie sterblich ist Diese Regierung und Ihre Erklärung hat auch unter den Rechtsradikalen, die den Sieg schon in Ihren Händen zu halten glaubten, einigermaßen ernüchternd gewirkt. Optimisten im nationalsozialistischen Lager deuten das Kabinett v, Papen als «Uebergangsministeriu-m», das Hitler den Weg zur Macht ebnen wolle. Es ehlt aber in diesem Lager auch nicht an Pessimisten, die Hitler selbst bereits als «übergangen» empfinden, da die neuen Männer in vielem weit darüber hinausgehen, was Hitler anstrebt. Schon die Tatsache, daß sämtliche Mitglieder des Kabinetts adelig sind, kann als Ueberspitzung der nationalsozialistischen Forderung nach «edelblütiger Rassenauslese» gedeutet werden. Es scheint, daß die neuen Regierungsmänner In gewissem Sinne das Hitler-Programm konsequenter verfolgen als Hitler selbst. Vielleicht well sie die Exe- (Utivorgane jener Drahtzieher sind, die die Popularität des nationalsozialistischen Führers als Vorspann für ihren eigenen Siegeswagen benützen wollten, nunmehr aber, da ihnen nach der Niederlage Hitlers bei der Präsidentenwahl der Umweg über das Dritte Reich zu geduldraubend ist, dieses links liegen lassend, in Ihre eigene Domäne, das v l e r t e Reich sprengen. Bestätigt sich die Darstellung, daß dabei die Hohenzollern mltjewirkt haben, dann wird dieses Vierte Reich eine rappante Aehnllchkeit mit dem Zweiten haben, allerdings nur äußerlich. Innerlich liegt der Unterschied vor, daß das Zweite Reich nach einem siegreichen Feldzug errichtet wurde, während das jetzige auf dem wirtschaftlichen Trümmerfeld eines verlorenen Krieges erstehen soll. Für die Juden kann dieser Unterschied nsofern von Bedeutung werden, als der Sieger, der nichts zu fürchten hat, zur Toleranz neigt, der Besiegte zur Unduldsamkeit. Demnach besteht die Gefahr, daß das Jetzt im Werden begriffene System sich schließlich für die neuerbaute orth. Synagoge Im XX. Bezirk gesucht. — Zuschriften unter Angabe der Gehaltsansprüche bis 10. Juli 1932, an »Bene Berith« Wien, XX., Karajangaase Nr. 20, erbeten doch nur als Wegbahner Hitlers entpuppt, also nicht ein Viertes Reich darstellen würde, sondern nur eine Etappe vor dem Dritten. Vielleicht werden die R e 1 c h «I a g swählen eine Klärung dieser Frage bringen. Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Ein Notopfer zur Verteidigung jüdischer Ehre Von Bruno Rabinowitz, Mit dem Verkauf des Schekels hat es begonnen. Das war der erste Dienst am Altar der neuen, tief «r- «chütternden Bewegung- Mit dem Verkauf der Sehekallm hat man sozusagen die Bar-Mizwah-Prüfung abgelegt. Man war reif geworden, würdig, in den Rat aufgenommen zu werden. Wie eifrig ging man dann ans Werk. Vor mehr als fünfundzwanzig Jahren. Oft durfte das Elternhaus nichts davon wissen. Aber beim Onkel versuchte man schon sein Olück. Beim Nachbarn, beim Vater des Freundes. Ueberal! klopfte man an und wollte schaffen. Dabej .mußte man Rede und Antwort stehen. Auch da die Prüfung der Reife ablegen. Was ist denn eigentlich Zionismus? Was geschieht mit dem «vielen Geld»? Willst du auch nach Palästina wandern? Wieviel Hohn, Demütigung und auch Hinauswürfe mußte man erdulden, ehe man ein Büchlein mit zehn Schekalim verkauft hatte. Alles nahm man in den Kauf. Wir wuchsen heran. Mit uns die Bewegung. Die Idee erfüllte die Menschen und stärkte das Instrument: die Organisation, ln jedem Jahr, wenn die Schekallm verkauft werden sollten, setzte der Kampf um den Jüdischen Menschen, um seine Seele, um seinen Aufschwung ln höhere Regionen ein. Eine fast unerfüllbare Aufgabe. Aber wir wurden nicht müde. Wir glaubten an unser Werk und wir wuchsen mit Ihm. Der Schekel war das % Banner, das Mühe und Kraft kostete, aber wir ließen nicht locker. Es durfte ihm nur geben, wer zu unserer Fahne hielt. Bald prüften wir den Käufer, ob er würdig sei, so ein Dokument zu bekommen. Wir wollten nicht , Unwürdige ln unsere Reihen treten lassen. Aus der «utopischen» Idee Herzls wurde eine machtvolle weltumspannende Organisation. Der Schekel hat sie möglich gemacht, aber bis zum heutigen Tag braucht auch die Organisation den Schekel. Hunderttausende zahlen Ihn als regelmäßige Steuer und Tausende werden alljährlich ln die Armee aufgenommen, werden Schekelzahler ein Begriff! — und Wähler zu den Kongressen. Wir durchleben schwere Zeiten. Gefahren drohen von allen Seiten. Jetzt erst sieht man, daß die vor drei Jahrzehnten geschaffene Organisation Früchte zu tragen beginnt. Früchte im Lande, Früchte ln der Gesinnung und Früchte Im gestählten Körper und Willen. Wir sehen heute mehr als seinerzeit, daß wir auf uns selbst angewiesen sind. Keine Hilfe kann von außen kommen. Wir verteidigen uns selbst. Das ist aber das Resultat des mühseligen jahrelangen Verkaufs der Schekallm, des unermüdlichen Werben» um den jüdischen Menschen, des Verpflanzens von Makkabäergeist in die Jugend: All das hat der Schekel, hat der Zionismus, all das hat die große zionistische Organisation möglich gemacht. An diese Leistung denke Jeder Jude, wenn ein Unentwegter, ein Werbender mit dem Schekelblock zu ihm kommt. Er sehe in dem Sammler keinen Schnorrer, keinen Verdiener, sondern einen M i tschöpfer, der seine Pflicht tut, indem er an die Pflicht gemahnt. Der Obolus für die Organisation ist keine Spende, er Ist ein N o t o p f«r zurVerteldigungjüdischerEhreund jücli* sehen Lebens, zur Sicherstellung einer besseren Zukunft des Volkes, der Gemeinschaft, der man angehört. Zahlt Eueren Schekel! Jüdische Chronik der Woche 10, Juni: 1593: Freiheitsbrief für die Juden von Livorno, der den Marranen, die aus Spanien und Portugal kamen, freie Ausübung der jüdischen Religion zusicherte, — 11. Juni» 1990: Das Judcnviertelin Posen vollständig niedergebrannt, 18 Juden und 80 Thorarollen verbrannt. — 12, Jurn: 1240: Disputation in Paris zwischen dem Täufling Nicholaa Doiin und den Rabbinern Jechiel von Paris und Moses von Coitchy. •— 13. Juni: 1290: Papst Bonlfacius VIII. verordnet durch die Bulle Exhiblta nobis, daß die Juden nicht zu den Personen jehören, die der Inquisition anonym angezeigt werden könnten, — 14, Jank 1700: Die Juden von urbino, bedrängt vom Terror der Gegenrevolution, verlassen ungehindert die Stadt, wohin sie später zurückkehren. Der Jahrestag des Abzuges (11. Siwan) wurde als Festtag erklärt. — 15. Juni: 1009: Pogrom in Bialystok. — 10. Juni: 1527: Vertreibung dcf Juden aus Florenz.

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