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Die Stimme · 1932-06-09 · Heft 231 (9.6.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 231 (9.6.1932)
Date
1932-06-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 231 — 9. Juni 1932 ^iE STIMME Seite 3 Charuih - Chevuiht Von Dr. David Feuchiwang Erdgebunden waren Im Ursprung die drei Haupt- Jahres-Feste des jüdischen Volkes, solange es stark und frei in seinem Lande lebte. Es hatte festen Boden unter den Füßen, den emsige Hände bearbeiteten. Sobald die Grenze des verheißenen und eroberten Landes betreten war, gab kein Himmelsbrot mühelose Nahrung; die Erde mußte bezwungen werden. Um so freudiger und fröhlicher wurden die Zeiten gefeiert, zu welchen der Mühen reicher Lohn, die Früchte der Felder und Weinberge, heimgebracht wurden. Die Mehrzahl der Bevölkerung des Landes, fromme, gottergebene Bauern, war dem alten, überlieferten Väterglauben treu und lebte dem Gesetze gemäß, das uralt war und bis auf Mose Und seine Zeit zurückging. Das mittlere der drei Jahresfeste, das der Erstlinge, schon in grauer Zeit «Schabaoth» genannt, wurde mit besonderer Feierlichkeit ausgestattet. Nicht allein in dankbarer Ehrfurcht vor dem ewigen, wunderbaren Walten und Wirken der Natur und deren geheimnisvollen Kräften, in denen sich des Himmels und der Erde Segen offenbarte, sondern auch in treuem und stolzem Gedenken der Tage am Sinai, dem geheiligten Zeugen der feierlichen Gesetzgebung und Bündnisschließung. Es ist nicht Zufall, wenn der Tag der Offenbarung des jüdischen Fundamental-Gesetzes, eine der Hoch-Zeiten des Volkes, zusammen mit dem Darbringen von Erstlingen gefeiert wurde, die an die Abhängigkeit menschlicher Arbeit von der im Wechsel der Natur sich zeigenden Gesetzlichkeit gemahnt. Das Gefühl der Freiheit muß dadurch ebensowenig geschädigt oder geschwächt werden, wie durch die bürgerliche und religiöse Gesetzgebung. Erst spätere Zeit hat diese unter Zwang erfolgen lassen. Durch einstimmige frei erfolgte Zustimmung des Volkes, die Mose erhielt, bekamen die Offenbarungs- Gebote wirkende Gesetzeskraft. Die Akklamation «Wir wollen ausüben und gehorchen» gab derii großen Führer erst das Recht, das göttliche Gesetz als angenommen zu verkünden. Die auf Tafeln eingegrabenen (Charuth), normativen Gesetze wahrten und respektierten also die Freiheit (Cheruth) des Volkes. Wie hätte es auch anders sein können bei einer hochfeierlichen Verkündung, die in ihrem ersten Satze auf den Gott hinweist, der Sklaverei nicht duldet und nur eine unbedingte Unterwerfung fordert: die unter die höchsten Gesetze der Moral und der sozialethischen Ordnung der menschlichen Gemeinschaft. Freie Kritik alter Lehrer erlaubt sich so weit zu gehen, an das erste Wort des Dekalogs «Ich bin dein Gott» das beinahe lästerliche «Für seine eigene Ehre spricht Er» zu knüpfen und diese große Botschaft als egoistisch zu bezeichnen, bis die nachfolgenden Worte zeigten, daß hier von Menschheitslehren und dem Wohle der Gesamtheit die Rede sei. So vereinigen sich tatsächlich Gesetz und Freiheit zu einem Ganzen. Bel aller Verbundenheit mit Heiligtum und Priesterschaft, die nicht seit jeher und nicht stets mit gleicher Kraft vorhanden war, ist bei den Volksfesten —- und das sind die Jahresfeste einst gewesen — eine gewisse Ungebundenheit und fröhlich-naive Heiterkeit wahrzunehmen, wenn nicht sakrale Formen sic hemmten. Man darf sich das Leben des jüdischen Volkes in klassischer Zeit auf dem Boden der Heimat nicht als starr und kalt gewordene Zeremonienreihe vorstellen. Ein frischer Zug ging durch dieses freie Leben, in welchem die religiösen Uebungen natürlich, wirklich, Hebrew Community of Gibraltar (Aus dem Manuskript der Reportage «Als jüdischer Vagabund durch Spanien, Marokko und Portugal».) Von Hans Hacke r.*) Mein Kofferl ließ ich ln einem Gasthaus vor den großen Steintoren der neutralen Zone zurück und ging mit Herzklopfen die asphaltierte Straße zur englischen Gebietskontrolle. Die gutgewachsenen semmelblonden «Bobbles» unterhielten sich vor einem kleinen unscheinbaren Häuschen, so daß ich gar nicht beachtet wurde, ln der Hand hatte ich ja nichts und ich unterschied mich in keiner Weise etwa von einem spanischen Handelskommis. Dennoch sind die Aufenthaltsvor- «chriften in Gibraltar streng und dadurch, daß ich mich nicht selbst bei dem eigentlich sehr harmlosen Beamten meldete, richtete ich einen großen «Palawatsch» an. Der Aufenthalt ist für Fremde in dieser Festungsstadt nur bis zum Einbruch der Dunkelheit gestattet. Hat man viel Geld oder kommt man gar mit einem Auto an, dann kann das Hotel, ln dem man absteigt, einen «Permit» für einige Tage borgen. Ich fragte den Bobby, so werden die Polizisten genannt, ob es hier einen deutschen Konsul gäbe. «Yes, Senor». Er gab mir nähere Auskunft. Der Konsul ist ein Stockengländer. Er hat die Vertretung einiger deutscher *) Der Autor, der sich demnächst wieder auf «ine Wanderfahrt begibt und in der Schweiz, Deutschland, tischechoBlowakel, Holland und Belgien Vorlesungen aus •einer packenden Reportage Uber Spanien Marokko und Portugal halten wird, stellt uns auf Ersuchen vieler unserer |00«r noch ein Kapitel zum Abdruck zur Verfügung. beschwingt waren. Es hafteten an ihm markiger Erdgeruch und duftige Himmelsbläue. Die Loslösung vom Boden Erez Israels ließ diese Naturfrische schwinden; Gaiuthluft und Galuthgeist drangen in Herz, Seele und Blut. Es war anders gar nicht möglich. An Stelle greifbarer Gegenwärtigkeit traten wehmütige Erinnerungen; Reflexion, Abstraktion mußten konkretes, saftiges Leben ersetzen. Wundervoll sind die Schilderungen der Feste, wie sie einst in Erez Israel gefeiert worden waren; farbenprächtig, melodienreich, jubelnd, dramatisch bewegt. Auch das Schabaoth-Erstlingsfest lernen wir in seiner ursprünglichen, hinreißenden Lebendigkeit aus solchen Berichten kennen. Andererseits jedoch vertieften sich gedanklich und religiös-ethisch die Festesfeiern in der Galuth, wofern sie nicht in innerlich arm und leer gewordenen ausgehöhlten Judenkreisen verflachten und ungefühlten, wenn nicht gar verlogenen, Aeußerlichkeiten weichen müssen. — Kein Wunder fürwahr, wenn alte Lehrer in Übersteigerter Liebe meinten: Jeder außerhalb Erez Israels Lebende"sei Götzendiener; hingegen erfüllt jeder, der im Lande dauernd weilt, schon damit eine religiöse Pflicht, die viele andere Pflichten aufwiegt. Förderung und Stärkung des Jischuw war und ist religiös-nationale Aufgabe. «Zeman mattan Thoratenu», die Erinnerung an die «Zeit des Empfangs unserer Lehre» ist ein Höhepunkt im Erleben des jüdischen Volkes. Wobei wir im Geist und Sinn unserer Geschichte die Lehre nach ihrem ganzen Umfang und in ihrer Tiefe zu verstehen haben. Das heißt: möglichst vollkommene Kenntnis des Judentums als eines Ganzen; ohne Verkümmerung und Zurücksetzung irgendeines Teiles des historisch Gesicherten und Ge- Restaurant Rillet Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal II., Hammer rurgstaiigasse 3, Tel. A 48-6-82 wordenen. Kein einseitiger Nationalismus, kein einseitiger Konfessionalismus. Kein literarisch-theoretisches, sondern ein tätig-lebendiges Judentum. So gefestete Grundlage verleiht in dieser gefahrvollen Zeit Halt und Zuversicht selbst in materieller Not. Ein auch nur oberflächlicher Blick auf die in Erez Israel geleistete Arbeit muß auch Gegner von der Möglichkeit durch und durch jüdischen Lebens in ganzer Fülle überzeugen. Es ist fraglos auch außerhalb Palestinas möglich und immer ermöglicht worden. Es gibt jüdisches Leben in der ganzen Welt in allen Formen und Abarten. Die Summe dessen, was geleistet wird, ist ungeheuer groß; doch naturgemäß ohne Konzentration und Einheit. Diese Einigkeit in Gemeinden und in deren Führung fehlt und ist gefahrdrohend in unserer für die Judenheit der Welt unsagbar schweren Zeit. Eine Einigung der Besten und Edelsten aber müßte es sein. Angeblich hörten angesichts des Berges Sinai alle Differenzen und Streitigkeiten des in viele Lager geteilten jüdischen Volkes auf. E i n G e i s t beseelte alle, ein Ziel hatten Schiffahrtslinien. Für eine offizielle Hilfeleistung war er, da ich österreichischer Staatsbürger bin, nicht zu gewinnen. Ganz gegen die Gewohnheit eines Engländers gab er mir, wie er sagte, aus seiner eigenen Tasche 'fünf Peseten. Hierauf fragte ich ihn, ob es hier eine jüdische Gemeinde gäbe und wo sich deren Sekretariat befände. Es war eine Gewohnheit von mir, immer erst, wenn ich vom Konsul schon was erreicht hatte, nach den Juden zu fragen. Sonst schicken die Herren einen gleich weg und geben einem nichts, mit der Ausrede, daß die reichen Juden schon helfen werden. Er wies mich zu dem Präsidenten der Hebrew Community, Senor M. Benady. Und in der nächsten Stunde machten die Juden von Gibraltar aus mir eine ^Sensation. Nachdem ich in der Wohnung des Gemeindesekretärs einquartiert worden war, mobilisierte man einen englisch-jüdischen Rechtsanwalt, der gut deutsch sprach. Er fragte mich, wohin ich wolle. Hoffentlich doch nicht auch nach Amerika, wohin die Gemeinde erst jüngst einem Rabbiner aus Polen die Reise bezahlt habe. Sie könnten mich nach Tanger oder Tetuan in Marokko senden, wo es große Judengemeinden gibt. Uebrigens machten sie sich eine Ehre daraus, mich vorläufig über Sabbath als Gast der Gemeinde zu bewirten. Er fragte mich, wo ich mein Gepäck und Eintrittsticket der Polizei habe. Da wurde ich verlegen. «Gepäck? Das Kofferl ist draußen vor den Toren in einem Gasthaus.» Ich erzählte, wie ich nach Gibraltar hereingekommen war. Gab das eine Aufregung! Mit einem Auto fuhren wir hinaus, das Kofferl holen. Es ging auf Sabbath zu. Die Polizei telephonierte herum. Skandal. Wieso ich ohne Ticket hereinkam. Aber jetzt konnte mir nichts mehr geschehen. Ich war Gast der Hebrew Community. Abends war die Synagoge ganz voll. Alles kam, um BADGASTEIN Hotel Elisabethhof Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang! ggjSffPWiaiSIW IJWWISIW «WlWWffqi sie vor Augen. Da waren angeblich keine Tauben, Bünden, Hinkenden, Stummen. Das ist symbo^sch zu nehmen. Vollsinnig, gesund an Leib und Seele waren sich alle der Verantwortung bewußt, die durch Annahme der «Lehre» erwuchs; ihr gemäß im Hinblick auf die Göttlichkeit des Ursprungs, den höchsten Grad der Vollendung als Volk zu erreichen und dieses Ideal im Lande der Väter zu verwirklichen. Das waren damals Geist und Ziel. Der Geist muß heute derselbe sein, wo immer jüdische Gemeinschaften lebenJ das Ziel kann nicht für alle dort verwirklicht werden, wo der historische Schwerpunkt des Volkes liegt; überall in aller Welt ist es das gleiche. Vielleicht könnte Einigkeit in der Judenheit der Welt die drohenden Gefahren mildern. Hunderte Gewitter entladen sich in allen Weltrichtungen über uns. Nicht die Donner und Blitze, die nach der Schilderung der Bibel, die Sinaigesetzgebung begleiten; nicht reinigende Gewitter sind es. Es Ist ein Wolkenbruch von Gemeinheit, Verdummung, Verrohung; ein sittliches Verfallen und Verfaulen, dem nur ein völliger Wandel der Weltgesinnung Einhalt gebieten könnte. Es mehren sich die Zeichen des Niederbruchs, der, wie tausende Male zuvor, als am leichtesten erreichbares Opfer, die Juden ausersieht. Wir werden und wollen nicht Opfer sein. Freiwillig haben wir die ewigen Gesetze der Moral übernommen; noch sind sie nicht Gemeingut der Welt geworden. Sie müssen es werden. Das werden nicht Kongresse aller Art erzielen, ob sie Europa gelten oder der Judenheit. Sie mögen und sollen stattfinden als symbolische Aeußerungen eines Gesamtwillens. Es müßte aber ein Sinai sein, vor dem sich die Völker sammeln, ein Mose gleicher Prophet, der sie einigt. Jüdische Weltanschauung Von Dr. Friedrich Aschkenasy (Lemberg) Gibt es noch eine jüdische Weltanschauung? Seinerzeit, «in den alten, guten Zeiten», war ohne Zweifel die jüdische Weltanschauung in der Bibel enthalten und gipfelte im Glauben an ein höheres Wesen, an die Weitseele, an Gott, den einen und einzigartigen, sowie an die messianische Zukunft der Menschheit, mit der das Geschick, die Sendung Israels, unlösbar verknüpft, war. Wenn wir heute darnach Ausschau halten wollten, ist es um die geistige Einheit des Judentums, um seine geistige Heimat recht traurig bestellt, es sei denn, daß wir auch da nach dem Grundsatz verfahren: varietas delectat und aus unserer Not eine Tugend machen, unsere innere Zerrissenheit, die mannigfaltige Buntheit der widerstreitenden Anschauungen, den Mangel an Bodenständigkeit, den Turm Babel, das Chaos, als Reichtum, als den Ausdruck höchster Ordnung und wahrer geistiger Freiheit auffassen und verherrlichen wollten, wie es vor dem Zionismus galt und auch heute noch recht viele gibt, die die jüdische Heimatlosigkeit und Zerstreutheit anpreisen und hierin die Ueberlegenheit des Judentums über die anderen Völker erblicken. Niemand, der die Sache unseres Volkes ernst nimmi und sich der Bedeutung geistiger Faktoren, ihrer Zusammenhänge mit den sonstigen Lebensbelangen eines Volkes voll bewußt geworden ist, wird die Gefahren verkennen und gering schätzen, die aus einer mich zu sehen und mit mir zu sprechen. Der Gottesdienst wurde nach sephardischem Ritus abgehalten. Bei dem Gemeindesekretär, bei dem ich zu Abend aß und schlief, fühlte ich mich nach langer Zeit wie zu Hause. Ich sah bei ihm, die in Tanger (Marokko) erscheinende Spanisch-zionistische Zeitschrift «Renacimento de Israel» («Jüdische Renaissance»), die in einer Auflage von 6000 Exemplaren zweimal im Monat erscheint. Es war angenehm, wieder in einem guten, weichen Bett zu liegen. Morgens frühstückte ich behaglich, dann lief ich den ganzen Tag herum. Auch auf der Straße wurde ich von vielen Juden angesprochen, die mich in der Synagoge gesehen haben. Ich bekam sechs Einladungen zur Nachmittagsjause. Aber ich schlug, übermütig geworden, alle aus und vertröstete sie auf den anderen Tag. Die Juden in Gibraltar sind sehr fromm. Die jüdische Gemeinde zählt 900 Seelen. Zweihundert Familienhäupter haben Kaufläden, fünfzig leben vom Geldwechsel, dreißig sind Advokaten, acht Schiffsmakler, fünf Pensionsinhaber, zwanzig Kultusangestellte, sechs Tempeldiener, einer Vertreter der Gaieries Lafayette, Paris, einer Hühneraugenschneider. Die übrigen sind Rentner. Drei Synagogen. Eine liberal. Eine orthodox und eine für das jüdisch-englische.Militär. Alle jüdischen Geschäfte haben Samstag geschlossen, dafür aber Sonntag offen. Ein aus der Türkei stammender Geldwechsler fragte mich, was Kaiser Franz Joseph mache. Ein anderer nach dem «bolsch$> wistischen Finanzminister Breitner.» Sabbathausgang. Jeder bekommt einen kleinen Oelzweig in die Hand. Nach Schluß des Gottesdienste« reißen sich alle um den gesegneten Wein, mit dem man «Ich die Hände und den Kopf benetzt. Man nimmt d«B

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