Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 230 (2.6.1932)
- Date
- 1932-06-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 230 — 2. Juni 1932 nach Tiberias konnte Charles Gide das wiedererstarkte Judentum erkennen. Er konnte es westlich und östlich vom Tiberiassee konstatieren bis nach Transjordanien, am Rande der Wüste. Er sah im Werk des Nationalfonds die Erfüllung der prophetischen Worte. In seinem Tagebuch schrieb er enthusiastisch über den Emek: «Dieses einzige Tal der Welt wird augenblicklich durch die Anstrengungen in zwanzig jüdischen Kolonien wiederhergestellt, die dort Wein, Orangen und Eukaliptus pflanzen und so die Worte des Propheten verwirklichen.» Und Charles Gide beendete diese Eintragung, indem er einen protestantischen Psalm zitierte. Die blutigen Ereignisse im August 1929 erschüttere ten Gide, wie alle Freunde des Zionismus, tief, ln einem Artikel, der voll ist der Sympathie und Freund» Schaft, verteidigte Charles Gide unser Werk gegen die arabischen Anklagen: «Die fünfzehn Jahrhunderte jüdischen Palästinas hatten der Welt die Prinzipien der Moral und Religion gegeben, während die dreizehn Jahrhunderte arabischer Siedlung nichts als eine lange Nacht bedeuteten, es war ein totes Land am Toten Meer. Die zwanzig Jahre jüdischer Kolonisation haben jetzt mehr geschaffen, als 1300 Jahre arabischer Okkupation.» Im Frühjahr 1930, als die Einwanderungsbeschränkungen die jüdische Weit in Erregung versetzten, nahm Gide an einem Meeting des Keren Kajemeth ln Paris anläßlich des zehnjährigen Jubiläums des «Hechalutz* teil und sprach in beredter und begeisterter Art für unser Werk. Er sagte damals: «Jetzt, da die Immigration scheinbar gesperrt wird, ist es da nicht Pflicht, der Pioniere zu gedenken? Sie waren Helden, nicht im literai ischer. Sinn, sondern in der wahren historischen Bedeutung. Sie waren mehr als die mythischen Gestalten, sie kämpften gegen die rohe Natur, sie haben Wälder gepflanzt, Sümpfe getrocknet. Ihre Chaluzim haben Straßen gebaut, haben die Malaria bekämpft, sie haben den goldenen Apfelbaum der Hesperiden gepflanzt, den wir Orangen nennen. Unter den Pionieren gibt es viele, die das größte Opfer gebracht haben, sie haben ihre Studien, Ihre Bücher verlassen. Darum gebührt ihnen, daß man sie ehrt, aber nicht nur unter Zionisten, sondern auch unter jenen, die das persönliche Interesse nicht an erster Stelle setzen, sondern an eine neue Wirtschaftsordnung glauben. Darum stehe Ich hier und erkläre, daß Ihre Pioniere auch meine Pioniere sind.» Leider konnten wir Charles Gide bei der am 10. Februar stattgefundenen Fünfzigjahr-Feier des Zionismus und Dreißigjahr-Feier des Keren Kajemeth nicht mehr begrüßen. Der Gesundheitszustand gestattete ihm nicht, an diesem Meeting persönlich teilzunehmen, aber schriftlich — es war zum letzten Mal — drückte er uns seine tiefe Sympathie aus: «Ich wäre sehr glücklich gewesen, wenn ich an Ihrem Festabend teilnehmen könnte, aber mein Gesundheitszustand läßt es leider nicht zu. Ich kann Ihnen also nur auf diesem Wege meine Wünsche für das Gedeihen Ihrer Bewegung, für die ich so viel Interesse bekundete, übersenden.» Freunde von einer Hingebung und Treue wie Charles Gide sind selten. Wir haben in ihm einen Menschen verloren, der im Dienste für unsere Idee die Autorität seiner wissenschaftlichen Bedeutung mit einem warm fühlenden Herz vereinte, denn er glaubte an die Heiligkeit der historischen Mission des jüdischen Volkes. (Aus dem Französischen von B. R.) Ghetti Osteuropas, das Ideal sahen, erlebten nun, daß ihre ungläubigen Söhne hinauszogen, um die Erde ihrer Väter zu bearbeiten und sich einem neuen Ideal zu widmen. Aber wer sagt diesen Eltern, daß jene Kinder, die fern von der Religion sind, sich nicht ihr wieder nähern, wenn sie zur heimatlichen Scholle zurückkehren? Deren Kinder werden wohl wieder das religiöse Bedürfnis haben, das wir auf der ganzen Welt bei den Landarbeitern finden, dank ihres ständigen Kontaktes mit der Mutter Erde. Wir haben so manchen Kolonisten, der schon ganz ferne von allem Religiösen war, immer wieder zum chassidischen Rebben kommen sehen, der mit efnigen Anhängern nach Erez Israel gegangen war, um sich ländlichen Gruppen anzuschließen, deren Arbeit sich ja auf die Tradition stützt. Niemand kann sagen, ob nicht ein neuer Geist aus jenen neuen Zentren jüdischen Lebens hervorgehen wird. Aber, ihr gläubigen Väter, eines ist jedenfalls sicher, daß Eure Söhne, die zur Scholle Ihrer Vor- | fahren zurückkehren oder sonst den Kontakt mit diesem Land aufrecht erhalten, daß diese nicht dem Judentum verlorengehen werden wie jene, die immer mehr der Assimilation verfallen sind. Diese macht die Jugend im Schmelztiegel der Umgebung verschwinden, wenn nichts sie zurückhält. Väter und Söhne sollen wissen, daß zwischen jenen, die die Tradition hoch halten und jenen, die sich dem Aufbau Palästinas widmen, etwas Gemeinsames vorhanden ist. Und die ungläubigen Väter Frankreichs und anderwärts, die sich einem weltlichen Ideal verschrieben haben, für das sie vor dreißig Jahren gekämpft haben, müssen einsehen, daß es für ihre Kinder nur ein wirkliches Unglück gibt: Wenn sie jene Kraft, die durch dreißig Jahrhunderte von den Generationen getragen wurde, verlieren und davon weiter keinen Gebrauch machen. Es gibt wahrlich Eltern, die das Ideal ihrer Söhne Eine mustergültige Erziehungsonstalt Das Dr. Krüger-Helm Nicht allen Kreisen ist das Krüger-Heim bekannt, das seit Jahren im stillen so segensreich wirkt. Allen Eltern, deren Töchter vor der Berufswahl stehen, sei wärmstens empfohlen, dieses Heim zu besichtigen, wo junge Mädchen im jüdischen Geist erzogen und herangebildet werden, wo sie erstklassige Ausbildung erhalten, sei es in einem kaufmännischen, in einem gewerblichen oder im Haushaltungsberuf. Aber auch Kinder, vom zehnten Lebensjahre angefangen, haben hier Gelegenheit zu lernen, die Elementarkenntnisse der Volks¬ und Bürgerschule sowie Musik und Sprachen, was besonders für Mädchen und Kinder von Wichtigkeit ist, deren Eltern in kleinen Provinzorten wohnen. Einer Einladung Folge leistend, welche die Leitung des Krüger-Heimes an die Schulkommission und Religionslehrerschaft der Kultusgemeinde richtete, hatte auch unser Berichterstatter Gelegenheit, einer Führung beizuwohnen. Nach Besichtigung all dessen, was hier nicht nur jungen Mädchen aus wohlhabenden Kreisen, sondern auch Kindern von weniger zahlungskräftigen Eltern und den Waisenmädchen, die nur mit den Mitteln des Krüger-Heims erhalten und erzogen werden, geboten wird, kann man nur bedauern, daß der Ruf des Heims noch so wenig ln die breite Oeffentlichkeit gelangt ist. Peinlichste Sauberkeit überall. Wir sahen die großen, hellen Lehrzimmer, die Arbeitsräume der gewerblichen Kurse, bewunderten die Arbeiten der Schülerinnen: feinste kunstgewerbliche Arbeit bis zum praktischsten Wäschestück, sauber und tadellos ausgeführt. Der Weg führte durch die verschiedenen Stockwerke. Ein freundliches Musikzimmer gibt es hier, ein luftiges Lesezimmer, in dem die Mädchen sich erholen können, einen schönen Speisesaal Die Schlafräume sind vorbildlich hgienisch und zweckdienlich gehalten, ebenso die anschließenden Bade- und Waschräume. Hoch oben steht den Zöglingen sogar ein Dachgarten zur Verfügung, der ihnen in den freien Stunden angenehmen Aufenthalt gewährt. Das Krüger-Heim (ehemals Elisabethheim) wurde im Jahre 1898 gegründet und ist seither ohne Subvention emporgewachsen zu der Höhe, auf der es jetzt steht. Unzählige jüdische Waisenmädchen wurden ln diesen Jahren schützend in das Haus aufgenommen und liebevoll in einem Beruf ausgebildet. Die Tendenz der Anstalt ist die Erziehung zur produktiven Arbeit. Es gibt hier eine zweijährige Schule für Kleidermachen und Wäschewarenerzeugung mit Oeffentlichkeitsrecht, die zu staatsgültigen Zeugnissen und Gehilfinnenrecht berechtigt, einjährige Koch- und Haushaltungskurse, eine Volks- und Hauptschule für Mädchen mit Oeffentlichlichkeitsrecht, Kurse für Maschinschreiben und Stenographie, für rhythmische Gymnastik, Sprachkurse und endlich die bis weithin bekannten Beth-Jakob-Religlonskurse unter der bewährten Leitung Dr. Deutschländers. Da es für unsere jungen Mädchen jetzt Immer schwerer wird, Arbeit zu finden, hat sich die rührige Leitung dieses Helms, deren guter Engel die Gattin des Präsidenten, Frau Dr. Krüger Ist, entschlossen, die Mädchen, gleichgültig welchen Beruf sie sich erwählt haben, auch in der Hauswirtschaft zu unterrichten, damit sie im Falle der Unmöglichkeit, in ihrem Berufe verstehen und es fördern und sie zum Ausharren ermutigen. Beweis hiefür ist folgender Brief des Vaters von Mosche. Der Vater Die Freunde Mosches berichteten seinem Vater über den Tod des Sohnes, der mit achtzehn Jahren das Opfer eines Ueberfalls wurde. Zu Chanukkah erhielt der Vater diesen Brief und antwortete kurz darauf: «Liebe Freunde von Daganiahl Ich habe Ihren lieben Brief erhalten, der mit Tränen und Blut geschrieben war. Ich habe in ihm wahrlich Worte eines liebenden Herzens gefunden, Worte von Freunden, die durch einen wahren, unverbrüchlichen Bund vereint sind. Liebe Freunde, das, was wir nicht vorausahnen konnten, Ist eingetreten. Ein großes Unglück ist uns zugestoßen, aber ich glaube, daß darum unser Wille nicht geschwächt werden wird und daß Ihr nicht weichen werdet. Weit entfernt! Im Gegenteil! Ich hoffe, daß das Andenken an meinen gefallenen Sohn Euren Mut stärken und Euren Stolz heben wird für den heiligen Krieg, bis unsere hehre Idee verwirklicht sein wird, für die mein Sohn, mitten unter Euch, sein Blut und Leben geopfert hat. Brüder, ich will Euch nicht für die Anteilnahme an meinem Schmerz danken, sondern ich will Euch sogar trösten, denn mein Schmerz ist auch der Eure. Wollen wir hoffen, daß das Blut unseres großen Opfers, das Blut meines Sohnes und Eures Bruders Mosche nicht nutzlos geflossen und daß es vielleicht das letzte Opfer auf dem Altar unserer Idee gewesen ist. Ich grüße Euch in Zion und sende Euch meinen Trost. Euer Bewunderer, der hofft, noch Bekanntschaft mit Euch machen zu können. H. B.» (Ueberaetst von Bruno JUbtnowltM Besonders günstiger 14tägiger Ferienaufenthalt durch ein Arrangement der Z. M. V. «Mirjam» ab 25. Juni in R e i f n i t z a m Wörthersee. Beste Verpflegung in guter Pension. Pauschalpreis S 90.— inklusive aller Abgaben, Trinkgeidabiöse und Bad. Bei entsprechender Beteiligung begünstig te Fahrt! Nähere Auskünfte bis 15. Juni unter R-44-5-39 zwischen 16 und 18 Uhr. eine Stellung zu finden, sich hauswirtschaftlich betätigen können. Also jedes Lehrmädchen lernt hier unter der Leitung bewährter Lehrerinnen auch kochen! Die Unterschleife in der Kultusgemeinde Der langjährige Materialverwalter Max Popper ist unter dem Verdacht, Unterschleife in großem Umfang verübt zu haben, verhaftet und dem Landesgericht eingeliefert worden. Gleichzeitig wurde die Beamtin Lina B e r n a t, die als Kontrollorgan bestellt war, in strafgerichtlich« Untersuchung gezogen. Die Kultusgemeinde hatte gegen die beiden Beamten das Disziplinarverfahren einleiten lassen. Hierüber teilt die Kultusgemeinde amtlich mit: «Für Montag, den 30. Mai, war die D i s z i p 1 inarverhandlung gegen den Materialverwater Max Popper und die ihm zugeteilte Beamtin Lina Bernat vor dem Vertreterkollegium der israelitischen Kultusgemeinde Wien als Disziplinargericht anberaumt. Gemäß § 67 des Kultusgemeinde-Statutes ist der Beschuldigte berechtigt, in der Verhandlung zu erscheinen und alle zu seiner Verteidigung dienenden Umstände geltend zu machen. Da jedoch dem Ansuchen des Kultusvorstandes zur Vorführung des in landesgerichtlicher Haft befindlichen Materiaiverwalters Max Popper vom Untersuchungsrichter im derzeitigen Stadium der Untersuchung keine Folge gegeben werden konnte, mußte dem Anträge seines Verteidigers auf Vertagung der Verhandlung entsprochen werden. Die Durchführung der abgesonderten Verhandlung gegen die infolge bescheinigter Erkrankung gleichfalls ferngebliebene Mitbeschuldigte Lina Bernat erschien derzeit nicht zweckmäßig, so daß auch diese Disziplinarverhandlung bis auf weiteres vertagt wurde.» * Mit Rücksicht auf die Strafprozeßordnung müssenim derzeitigen Stadium der Angelegenheit, die nun vom Untersuchungsrichter behandelt wird, weitere Mitteilungen und Erörterungen unterbleiben. Bei Grippe, Bronchitis, Mandelentzündung, Lungenspitzenkatarrh sorge man dafür, daß Magen und Darm durch Gebrauch des natürlichen «Franz-Jo8ef»-Bitterwassers öfters gründlich gerei* nigt werden. In Apotheken und Drogerien erhältlich« Einstein Inhaber der Herbert Spencer-Professur. Professor Einstein ist für die Herbert Spencer-Professur für 1933 gewählt worden. Die Religionsverfolgung in Sowjetrußland Mittwoch, den 8. Juni, x/i& Uhr abends, im Saale des Hotel Continental, 11., Taborstraße, Vortrag des Herrn Rabbiners Ribak über «Die Religionsverfolgung der Juden in Sowjetrußland». Zu diesem Vortrag haben die Vertreter des Rabbinats der Kultusgemeinde sowie viele andere Kapazitäten ihr Erscheinen zugesagt. Erscheinet in Massen! Spenden für dos Halien^euzopfep Jacques K or Für den Fleischhauergehilfen Jacques Klar, der Samstag abends von einem Hakenkreuzbanditen in heimtückischer Welse durch einen Dolchstich schwer verletzt wurde, sind uns von J. Hahn, Elektro-Radiomaterialhaus, fünf Schilling zugekommen. Da Klar in bedürftigen Verhältnissen lebt und seine Mutter zu erhalten hat, ist es Ehrenpflicht, ihm über die schwere Zeit bis zur Genesung durch Spenden hinwegzuhelfen und ihm, dem bei dem Ueberfall das einzig« Haar Hosen und die Schuhe ruiniert wurden, die Möglichkeit zu bieten, sich neue Kleidungsstücke anzuschaffen. Spenden, die uns zukommen, werden wir in unserem Blatte ausweisen. Jüdische Chronik der Woche 3. Juni 1423: Euie Bulle aes Papstes Martin V. führte neue Beschränkungen für die Juden ein. — 1759s Balschemtow (Beseht) gestorben. — 4. Juni 1015: Die Bürgerschaft von Bordeaux petitionie-t für die in der Stadt angesiedelte Marranengemeinde. — 1749; Graf Potocki (Uw- Zedek) verbrannt. — 1834: Der bekannte Botaniker Paul Friedrich Auberson geboren. — 1838: Prof, He'mann Cohn, Begründer der speziellen Augenheilkunde, in Breslau geboren. — 5. Juni 1788: Judenschlächterei durch die Heidamaken in Umau. 8000 Juden ermordet. — 6, Juni 1391: Beginn einer Reihe von Judenmassakers in Snamen, — 7, Juni 15941 Rodrigo Lopez, portugiesischer Marrane, Leibarzt der Königin Elisabeth ln London, wii:d wegen angeb'icher Verschwörung gegen die Königin in Tyburn Tree in grausamer Weise hingerichtet. —* 8. Juni 1815: Artikel 16 der Bundesamt« des Deutschen Bundes verfügt, daß die Juden die Friv'Iegten weiter genießen sollen, dtc sie in den einzelnen Btmdcsstaa en besitzen. — 9. Juni 1171: Tod des Rabbi Jacob (Ta u”), eines Enkels von Raschi. Tarn war ein be-ühmter Tosaohiiti