Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 230 (2.6.1932)
- Date
- 1932-06-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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fff. 230 — 2jpttA 1932 DIE STIMME Seite 9 Comvade of Wondevtand Zum Tode Joseph Cowene von Dr. t. n u s s e n b i a 11 im vierundsechzigsten Lebensjahr ist in London, von seiner letzten Palästinareise heimgekehrt, Joseph Cowen gestorben. Cowen gehört zu den wenigen Menschen. die Herzl nahegestanden sind und die Herzls volles Vertrauen besessen haben. Ueber die Verdienste Cowens zu sprechen, ist überflüssig. Er gehörte zu den Begründern der Jüdischen Kolonialbank, der er sein ganzes kaufmännisches und wirtschaftliches Können zur Verfügung stellte. Als er sich Herzl anschloß, nahm er eine führende Stellung im englischen Zionismus ein, dem er auch seine Arbeit nach dem Tode seines Meisters und Freundes opferte. Die Haltung des «Jewish Chronicle» beeinflußte Cowen zugunsten des politischen Zionismus noch zu Lebzeiten Herzls. Historisch Interessant bleiben die Preßprozesse Herzls mit dem «Jewish Chronicle», in denen Cowen seine starke politische Begabung bewies. Cowen widmete sich neben seiner Tätigkeit in der jüdischen Kolonialbank der gesamten zionistischen Arbeit. Er stand auch David Wolfsohn, dem Nachfolger Herzls, hilfsbereit zur Seite, ebenso erwarb er sich einen Löwenanteil an den Vorbereitungsarbeiten zur Erlangung der Balfour-Deklaration als einer der erfolgreichen Mitstreiter und Mithelfer Weizmanns. Nach dem Krieg gehörte er durch einige Jahre der Zionistischen Exekutive an. Doch das Interessanteste im Leben Cowens bleibt seine Verbindung und Beziehung zu Herzl. Der Führer betrachtete Joseph Cowen mit Recht als einen unserer fähigsten Männer in England, dessen Bedeutung für den politischen Zionismus stets im Wachsen begriffen war. Die Tagebücher Herzls sind voller Lob für die feine und präzise Arbeit Cowens in London. Wenn ein Beispiel erlaubt ist, war Cowen für Herzl in politischer Hinsicht in London das, was Johann Kremenezky in persönlicher Hinsicht für Herzl in Wien: ein verläßlicher, disziplinierter Helfer und Freund. Als Herzl zur ersten Audienz beim Sultan im Februar 1902 nach Konstantinopel berufen wurde, hatte er die Wahl zwischen Kremenezky und Cowen als Begleiter. Sie f!“I auf Cowen, da er politisch betriebsamer war und in erster Reihe, weil er als englischer Untertan eines strammen Schutzes durch seinen Gesandten ln der Türkei sicher war. So fuhren Herzl und Cowen dem «rätselhaften Osten» zu. Die Hohe Pforte war für Herzl das Märchenland. Hie«- verteilte er kleine und große Gaben, Bakschisch genannt. Hier ward er selbst zum Harun al Raschid, er, der Führer einer armen Schar, der im Reich des äußerlich glänzenden, aber in Wirklichkeit bankrotten Staates, als freigebiger Fürst erschien. Wunderbar die Beschreibung Herzls im dritten Band seiner Tagebücher (Seite 149) über die Tage der 'Audienz in Konstantinopel. «Viele Hände mit der Fläche nach oben streckten rieh mir noch entgegen, bis ich am Yildiztor ankam. Da wir in Wonderland sind, wie ich meinem guten Joe immer erkläre, muß ich auch wie ein orientalischer Fürst Goldstücke regnen lassen, wo ich hintrete.» Und sein Begleiter in diesem Märchenbereich war sein treuer und bescheidener Freund Joseph Cowen, wie er ihn ln den Briefen an ihn nannte «camerade of Wonderland». Der camerade of Wonderland ist auch von Herzl in seinem Testament, neben den Freunden Direk- Vater und Sohn Von Jean Schrameck Der Sohn Mosche Barski kam im Alter von 17 Jahren nach Palästina. Er stammte aus einer Kleinstadt und liebte das Landleben. In jener Zeit — es war vor dem Krieg — war Daganiah eine der gefährdetsten Kolonien, aber gleichzeitig eine der bestentwickelten und schönsten, an den Ufern des Tiberiassees gelegen. Mosche kam dorthin. Er konnte sich rasch die Freundschaft seiner Kameraden erwerben. Mit Gesang und Tanz erheiterte er die Mahlzeiten und die Mußestunden. Wenn sie dann in Extase den Horrahfanz tanzten, dann hatte man das Gefühl, daß es ein Freudeausbruch von Menschen war, die die Ketten der Knechtschaft zerrissen hatten. So berichteten seinerzeit Besucher dieser Kolonie. Mosche erzählte, Wie glücklich er war und um wie viel freier er atme, seitdem er auf palästinensischem Boden lebe. Die jüdischen Wächter Es war zur Zeit, als die Juden die Ueberwachung ihrer Kolonien übernahmen. Es war wirklich eine Eroberung nach einer Schlacht. Auf der einen Seite die Verwalter der Ica-Administration, deren Kolonien in Samaria und Galiläa am meisten gefährdet waren. Die Verwalter wehrten sich energisch gegen jeden jüdischen Schutz. Auf der anderen Seite drohten die bisherigen Wächter, die weggeschickt werden sollten und in den Nachbardörfern wohnten, mit Repressalien. Aber die jüdischen Arbeiter konnten nachweisen, daß die mohammedanischen Wächter nicht immer auf ihrem Posten waren und daß sie sich oft mit den Dieben verbündet hatten, d. h., daß man den Wolf zum Wächter gemacht hatte. Die Kolonie Stdjera war die erste, die jüdischen Schutz einführte; tor Reichenfeld und Johann Kremenezky zum Testamentsvollstrecker bestellt worden. In «Altneuland» setzt Herzl seinen «camerade of Wonderland» ein literarisches Denkmal. Dort heißt Joseph Cowen — Joe Levy. Das ist unser Joseph Cowen, der plötzlich von uns gegangen ist. ★ ★ ★ Freitag, den 27. Mai, wurde der zionistische Führer Joseph Cowen auf dem jüdischen Friedhof zu London-Willesden zur letzten Ruhe gebracht. Der gegenwärtig in Amerika weilende Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency Nahum Sokolow sandte an die Hinterbliebenen ein Telegramm, in dem er seiner tiefen Trauer über den Tod seines Freundes Cowen Ausdruck gibt. Das Kaddisch-Gebet sprach der Bruder des Verstorbenen, Harry Cowen. Albert LondPBS Bei dem Brande des Schiffes «Georges- Phiiippar» soll auch der berühmte französische Reporter Albert Londres ums Leben gekommen sein; seine Leiche konnte bis heute nicht gefunden werden, so daß Hoffnung besteht, der Schriftsteller könnte sich irgendwie doch gerettet haben. Nicht Albert Londres’ journalistische Werke sollen hier erwähnt werden, sondern seine Verbundenheit mit dem Judentum. Nach dem Studium der berüchtigten Deportiertenkolonie Cayenne, wandte sich Londres der Judenfrage zu, die er in seinem Buch «Der ewige Jude am Ziel» darlegt. Er reist herum, von Ghetto zu Ghetto, nach Polen, in die Tschechoslowakei, nach Rußland und England, überall hin, wo sich Juden befinden, um dann in Palästina gerade während der Augustmassakers im Jahre 1929 zu landen. Er beschreibt das Judentum, seine Verbundenheit mit der historischen Heimat, sein Benehmen in den östlichen Ghetti und selbst im westlichen Judenviertel Londons Whitechapel. Im Gespräch mit dem Jerusalemer Bürgermeister Ragheb Bey Nashashibi sagt er, die kommende jüdische Jugend werde sich nicht so abschlachten lassen, wie man es mit den alten Chalukah-Juden in Hebron machen konnte. Er reist dann ab, nicht ohne vorher das Judentum ermutigt zu haben, auf seinem Platz in Palästina auszuharren bis zum letzten Atemzug. Diesen Franzosen christlichen Glaubens werden wir nicht vergessen! Ernst Landau. =iü5 Restaurant Billet Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal ll., Hammer Purgstaiigasse 3, Tel. A 48-6-82 ■BBWSSBOBDDBBDBSBBBBBBaSSSBDHmSIBBBBBBBHBflmBnBBHBHH der Großteil der Wächter waren keine Araber, sondern Tscherkessen, denen der Sultan nach dem russisch-türkischen Krieg die Auswanderung nach Palästina gestattet hatte, um zu verhindern, daß sie unter das Regime eines christlichen Fürsten kommen. Diese verlachten die Juden und nannten sie «Kinder des Todes» und sie waren sehr erbost, als sie den gut bezahlten Wächterposten verlieren und ihre Stellungen von Menschen besetzt werden sollten, die sie glaubten verachten zu können. Anfangs gab es daher allerhand Ueberfälle durch diese abgesetzten Wächter, geführt von Söhnen der Scheiks, aber ihre Angriffe wurden so energisch abgewehrt, daß der eingebiigerte Namen «Wlad il miit» (Kinder des Todes) bald vergessen war. ★ Mosche Barski übernahm des Nachts die Wache; er hatte nur einen Revolver. Zwei Araber, mit Gewehren bewaffnet, näherten sich leise, um einen Diebstahl auszuführen. Mosche läßt sie bis zur Reichweite seiner Waffe herankommen und rief darin: «Hände hoch!» Nachdem er den Dieben die Waffen weggenommen hatte, führte er die Gefangenen vor das Tribunal im Hauptgebäude der Farm, aber als sie zu weinen begannen und erzählten, daß sie der Hunger dazu getrieben habe, einige Melonen zu stehlen, war Mosche der erste, def ihre Freilassung ohne Strafe forderte. Letzter Spaziergang Im Monat Cheschwan des Jahres 5674 erfuhr man eines Tages, daß in der benachbarten Kolonie Milhamijah ein Kamerad erkrankt sei. Man mußte ihm Medikamente bringen. Mosche bestieg seinen Esel und ritt hin. Stunden vergingen. Anfangs beunruhigten sich die Freunde darüber nicht; als Mosche aber bei Sonnenuntergang nicht zurückgekehrt war, begaben sich Leute aus Kinereth und I« 1« t A« I i An die mdi An Es ist notwendig, daß die jüdische Jugend die Forderung des Tages erkennt. Es ist notwendig, daß der jüdische Student seine Pflicht erkennt. Es ist notwendig, daß der jüdische Student an die Spitze der Jugend tritt. Es ist notwendig, daß der jüdische Student auf seine Aufgabe vorbereitet ist. Es ist notwendig, daß er einsieht, daß der Kampf gegen das Judentum, gegen reich und arm, gegen alt und jung nicht mit geistigen Waffen geführt wird. Es ist notwendig, nach außen zu zeigen, daß wif alle dies wissen. Es ist notwendig, Wehrsport zu betreiben. Es ist notwendig, daß sich alle Mann aneinander« schließen, um Leben und Eigentum ihres Volkes, ihrer Ettern zu beschützen. Es ist notwendig, hiefür erst eine eigene Organ!« sation zu schaffen. Sie besteht bereits in der H a« ganah. Es ist notwendig, in die Haganah einzutreten« Kritik und herumreden ist sinnlos. Alle hinein in die Haganah 1 Alle Studenten in die Haganah. Alle bringen ihre Freunde in die Haganah. Alle treiben Wehrsport in der Haganah! Hinein in die Haganah! Charles Gide Ein Freund des Zionismus von Joseph Fisher, Generalkommissär des Keren Kajemeth in Frankreich Charles Gide war in Europa als bedeutender Gelehrter und führender Wirtschaftler bekannt, der vor allem das Kooperative-Problem befürwortete. Für die jüdische Oeffentlichkeit war Gide überdies ein Freund des jüdischen Volkes, ein Förderer der modernen jüdischen Bewegung und endlich ein Helfer dem Jüdischen Nationalfonds. Als Gelehrter und Volkswirtschaftler sah Gide im Zionismus ein Werk der Zivilisation, ein humanitäres Werk. Welche Arbeit konnte ihm wertvoller sein? Die fundamentalen Prinzipien des Keren Kajemeth haben auf den Wirtschaftler Gide einen nachdrücklichen Einfluß geübt, u. zw. vor allem die Idee der Nationalisierung des Bodens. Sofort wurde er ein großer Bewunderer für die modernen, demokratischen und friedlichen Mittel der Durchführung dieser Idee. Man glaube aber nicht, daß er bloß wegen des theoretischen Bekenntnisses zu den Ideen ein Freund Palästinas wurde. Gide war gläubiger Protestant. Er liebte die Bibel. Die Prophezeiungen der Bibel waren für ihn heiliges Gesetz. Sie lösten bei ihm den tiefen Glauben aus, daß in Palästina, im Lande Israels, das jüdische Volk die heilige Aufgabe der Wiedererrichtung der jüdischen Heimat habe. Auf seiner Wanderung durch das Tal Jesreel bis Daganiah auf die Suche, zumal der Esel ohne seinen Herrn heimgekommen war. Um Mitternacht fanden sie ihn — tot. Auf dem Heimwege von Milhamijah wurde er von sechs Banditen überfallen. Da er einsah, daß er nicht lebend nach Hause kommen konnte, stieg er vom Esel und jagte ihn durch einen kräftigen Stoß zur Kolonie, da er nicht wollte, daß auch der Esel in die Hände der Banditen falle. Bevor er starb, tötete er zwei seiner Angreifer. Die Kameraden In einem Oelhain, den er mitgeschaffen hatte, wurde Mosche beerdigt. Nichts ist bezeichnender für die Arbeiter von Daganiah, als die Worte eines von ihnen angesichts des Grabes. Oft hört man bei der Beerdigung die Worte: «Daß dir die Erde leicht sei!» Dayan von Daganiah sagte von Mosche: «Daß dir die Erde leicht sei, Mosche? Nein! Die Erde ist nicht leicht. Nur die Arbeit, die Mühen und der Schweiß der neuen Kameraden, die sein Werk fortsetzen, werden die Stimme dieses jungen Blutes, die von der Erde zu uns ruft, zum Schweigen bringen können.» Zweierlei Idealismus Wie oft hat eine Generation die andere kritisiert. Die Väter haben ihre Söhne nicht verstanaen und die Söhne nicht ihre Väter. Die einen widmen sich einer Arbeit, einem Ideal, das den anderen nicht mehr beachtenswert scheint. Die Väter werfen den Söhnen vor, daß sie ungläubig sind usw. Die einen und die anderen sollten sich Rechenschaft darüber geben, daß es oft einen Idealismus in der Verwirklichung einer Generation gibt, den sie nur schwer verstehen können. Väter, die ihr ganzes Leben der Tradition gelebt haben, die in tiefem Verständnis des Talmud« in dail 64