Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 230 (2.6.1932)
- Date
- 1932-06-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2 DTE STIMME Nr. 230 — 2. Junt 1932 Oesterreich heute niedriger eingeschätzt wird als Montenegro im Frieden. Niemand kann da9 mehr bedauern als wir Juden. Der Tätigkeit jüdischer Kaufleute ist es zu verdanken, daß Oesterreich heute überhaupt noch existiert. Gewiß, Oesterreich hat bitteres Unrecht durch den Friedensvertrag erlitten. Was aber noch zu retten war, haben unfähige Regierungen in Grund und Bodert gewlrtsdläftet. Der letzte Rest des guten Rufes der österreichischen Republik, die alte österreichische Kultur, geht unter im Gejohle der Stfaßendertionstrationen und In dem schandbaren Treiben der Antisemiten an den Hochschulen, Wenrt die Vernunft versagt, dann stellt lieh automatisch die Antwort ein: «Der Jud ist schuldl» Sc sind Wir auch jetzt daran schuld, daß sich Hflkenkreuzler und arische Sozialdemokraten in Hötting bei Innsbruck, wo es keinen Juden gibt, in einer widerlichen, bestialischen Rauferei die Schädel eingeschlagen haben. Deswegen gellt in den HOriälen der Universität und vor den Trödlerläden der Judengasse in Wien das ÖCSChrei: «Rache für Hötting!» Wir fragen hlemlt die österreichische Regierung, wie lange sie es noch dulden will, daß den jüdischen Steuerzahlern so ffiltgeflplelt Wird? Man hat uns systematisch durch einen kalten PögrotTJ aus dem Staatsdienst, dem Ritfhtefäfiit und VOn den Lehrkanzeln vertrieben. Einstein könnte heute ln Oesterreich keine Professur erhalten. Handel und Industrie, Unsere letzten Zufluchtsstätten, sind durch Weltkrise, Zollmauern und durch Uebersteüerting am Ende ihrer Kraft angelangt. Aber noch leben Wir. 220.000 Juden leben ln Wien, Vielen gehen jetzt die Augen auf und sie kofhttien *u uhs, su den hationa! bewußten Juden, zu den Zionisten, die In gewissen Kreiseh nicht imfflfer als salonfähig galten. Sie mögen alle kommen, es führt si§ der richtige Instinkt, ln Parteien gespalten sind wir nichts. Geschlossen sina wie eine Masse und können unser Schicksal in Oesterreich beeinflussen. Sie mögen nur alle kommen, die Lauen, die Zaghaften, die gewohnt Warfen, sich an fremde RdCkSChößS Zu hängeH, sich tnit fremden Parteifarben zu schmücken und auf Krücken zü gehen. Wir werden sie lehren, auf eigenen Füßen zu gehen und der Zusammenschluß wird ihhen das beglückefide Gefühl befeitfen, dlfe sie nicht verlassen sind, trotz alier Öefahrön, denen wir entgegengehfeh, •jsIj! Wir gehen schweren Gefahren entgegen. Nichts Wäre aber gefährlicher, äls sich einer Angstpsychose Hiftztlgebeh. Nichts wäre gefährlicher in diesem Augenblick, ifl dem Wif aH einer Schicksalswende Stehen, als die HäHde müßig in den Schoß zu legen öder aut ffemde Hilfe Zu Warten. Wir nationalbewuöteh Juden haben aus unserer vlertausendjähfigefl Geschichte gelernt, daß sich Immer ih Augenblicken def höchsten Nöt der jüdische Lebenswille am stärksten manifestiert. So glauben wir auch Jetzt, daß wir diese schwere Zelt trotz Hitler überleben werden. Das Setzt aber voraus, daß wir entschlössen den Kampf aufnehmen für jedes Jüdische Leben, für jedes Quentchen unserer Rechte. Wir werden uns nicht schrecken lassen. Das Judentum hat schon schwerere Zeiten erlebt als diese und auch aut die Hitlerei muß eine Reaktion zum besseren kommen. Das Judentum hat der Welt soviel an sittlichen Idealen gegeben, daß wir an der Menschheit nicht verzweifeln dürfen. Einstweilen stehen wir allein, allein, aber nicht verlassen. Die jüdische Urkraft erwacht und wir wollen es mit Hlllel halten: «Wenn nicht wir für uns, wer sonst für uns?» ln diesem Sinne werden wir den Kampf um unser Recht führen. ö. g. Locker-Versammlung durch Revisionisten gesprengt Bel elfter Versammlung ih Bratislava, auf welcher das Mitglied der Zionistischen Exekutive, Berl Locker, sprach, nahmen die Störungen von revisionistischer Seite einen solchen Umfang an, daß die Versammlung polizeilich aufgelöst werden mußte. Gegen den Plan eines jüdischen Weltkongresses Der «Board of Depüties», die Vertretung der englischen Juden, hat sich gegen den Plan eines jüdischen Weltkongresses ausgesprochen. Das «Joint Foreign Committee» (Komitee für Auswärtige Angelegenheiten) gab seiner Meinung dahin Ausdruck, daß «unter den gegenwärtig herrschenden Verhältnissen es unzweckmäßig v/äre, eine solche Aktion zu ergreifen». Leonard O M o n t e f l o r e, Präsident der Anglo-Jewish Association und Vorsitzender des Joint Foreign Committee, führte aus: «Die Ursachen des Antisemitismus liegen viel zu tief, als daß der Kongreß da helfen könnte. Sollte ein jüdischer Kongreß zusammentreten, io müßte er in vollem Sinne repräsentativ sein und das gesamte Judentum vertreten. Es gibt aber in jedem Lande jüdische Parteien, die einander bekämpfen. Der Präsident des Board of Deputies d’Avigdor ÖOldsmid gab die Versicherung, daß die Einladung einer ernsteii Erwägung Unterzogen werden wird. Araber Überfall auf Juden in Aden Zahlreiche Schwerverletzte. Auf Qrund eines plötzlich äufgetauchten Gerüchtes, Juden hatten eine arabische Moschee geschändet, Indem eie Kehricht In den Hofraum der Moschee warfen, drangen große Trupps Araber In das jüdische Viertel von Aden ein und schlugen mit Stöcken und Steinen auf die jüdischen Einwohner los. Die Araber eröffnten auch ein Steinbombardement gegen die jüdischen Häuser, durch das hunderte Fensterscheiben zertrümmert und mehrere Einwohner verletzt wurden. Nach der ersten Überraschung konnten die Juden sich sur Gegenwehr sammeln. Sie gingen geechloesen gegen die Angreifer vor und trieben sie nach kurzem Kampf aue dem jüdischen Viertel wieder hinaus. Es wurdeh 69 Juden verletzt, davon eine Anzahl so schwer, daß an Ihrem Aufkommen gezweifen wird, Auch drei Araber erlitten schwere Verletzungen, Nach dem ersten Uebeffall Wüfde eitle Art Waffenstillstand zwischen den Führern dir Juden und den der Araber abgeschloisen, dir aber kurz darauf von den Arabern gebrochen wurde, Die Unruhen erneuerten sich am nächsten Täg auf dem Bazar an der Dampferanlegestelle, wo zahlreiche Jüdische Geschäfte geplündert und auf die Geschäftsinhaber Steine und Flaschen geschleudert wurden. Die neu gebildete, meist aus Arabern sich zusarrtmensetzende bewaffnete Polizei zfefStffeute die Exzedertten und stellte gegen Mittag die Ordnung wieder her. Dabei Wurden 70 Verhaftungen vofgenommen. Polizeiwachen und Panzerautos patrouillieren durch die Straßen und verhindern jede Ansammlung. Die Polizei beherrscht hUtt die Läge UHd läßt es!U keinen weiteren Zusammenstößen kommen, aber die Stimmung unter Arabern und Juden ist weiter gespannt. * Aden besitzt eine sehr alte jüdische Gemeinde. Schon m Jahre 360 n, Ghr. sollet! Juden m der Staut gelebt Haben. Imi British Museum befinden sich vier Grabsteine vem alter jüdsiciien Friedhot aus dem Jahre 1317. Ala Jakob Saplnr im Jahre 1860 Aden besuchte, fand er dort 2$0 Familien arabischer Juden uhu 300 Angehörige der «Bern Israel», das heißt schwarzeJmlert aUs Bombay, Vor. Im Jahre 1931 WöHH- 1.»Aden 3747 fast äussclilieölieh arabische Juden. Die Zähl der Bfilii Israel hätte schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts beträchtlich angenommen. Die Juden Adens betätigen sich als Kaufleute, Mattenflechter, BlättblHÜer, Maurer, Buchbinder, Goldschmiede. Geldwechsler, Marketender uhd LaSttfägef. Die jüdische Gemeinde in Aden unterhält eine dauernde Verbindung mit den Juden des Yemen, sie besitzt vier Synagogen, ein Hospital und einige Sehulen. Ein Zionist auf einem hohen Ri($htarp0iteil Ifl Niederländisoh-Indien Der Führer der Zionisten Niederländiseh-lrtdiens Dr. Isidore H e n auS Batavia wurde zum Vizepräsidenten des Obersten Gerichtes in Soerabaja ernannt. Die Juden von Batavia ehrtet! aus diesem Anlaß Hen in einer Versammlung. SökolöW bei FilißöWiCZ Der polnische Gesandte in Washington Pilipöwie« gab zu Ehren des Präsidenten der Jewish Apney. Nahuni b o k o I o w. der bekanntlich in Polen geboren Ist und sich zu den polnischen Juden rechnet, einen Lunch, dem mehrere Persönlichkeiten aus der Diplomatenwelt beiwohnten. (faWtHna Vorläufige* Urteil wegen Kuskui-Taboon Am 10. März 1932 haben Beduinen jüdische Pflüger auf dem dem Nationalfonds gehörigen K u s k u s Taboon-Boden angegriffen, sie an der Fortsetzung dfef Arbeit gehindert Und auch eitlen Teil des Bodens besetzt. Von dem 8000 Dunam umfassenden Bödeh beanspruchen die Beduinen 3000 Dunam für Sich, ln dieser Streitsache hat nun der JüstizkomfnisSar von Haifa ein vorläufiges Urteil gefällt. Er entschied, daß die Beduinen 2400 Dunam Böden, den sie eirthH bearbeitet hätteh, so lange besetzt halten dürfen, bis das ImmobilieiigdrlcHt Ihre Entfernung von dem Boden aussprieht. Sowohl den Beduinen alß auch den Juden bleibt es aber bis zur Urteilsfällung durch dieses Gericht verböten, äüf dem Boden zu pflügen. Neiie Kolonien Die neue Misrachi- Siedlung bei Tel Mond erhielt den Namen G I W 31 C H ä i iri Zü Enren des Dr. Cham. Tieherrtowiti, New York (Raw Häzäir). Das Land wurde von einem früheren Schüler des Dr. Tschcrnowitz ängekäüft. Es handelt sich um 200 Dunam. Bei der Einweihungsfeier waren viele Araber anwesendi Die Familie des verstorbenen belgischen 2ionl$tenführers Jean Fischer hat einen Fonds gestiftet, aus dem Kolonisten. die eich in der Palästina-Kolonie «Kfar Jona», die den Narnen Jeah Fischers trägt, niederlassen wollen, Darlehen zur Anschaffung von Inventar, zur Anpflanzung von fünf Dunam Boden mit Orangen erhalten werden. Vier Touristen das Betreten de« Landes untersagt Der Einwanderungskommissaf verweigerte sechs jüdischen Touristen die Einwflnderurtflserlaubrtffl Mir Palästina, weil er sie im Verdacht hatte. dflß Sife beabsichtigen, sich dauernd in Palästina nicderzUIassCn. Auf Intervention d€r Jewish Agency wurde zweien der Touristen das Betreten des Landet erlaubt. Hingegen war die Intervention der JewteH Agency bezüglich der übrigen vier Touristen erfolglos; diesen WUfde das Betreten des Landes definitiv untersagt. Prozeß gegen arabische Mörder Der Prozeß gegen die im November verhafteten Mörder der zwei jungen Juden Johannan Stähl und Fräulein Sallft Zohar-üoldstein, die im Juni 1931 flUf einer VOn Tel-Awiw aus unternommenen Kilstenwandeftotir ermordet worden sind, findet am io. Juni vor dem Jaffaer Gericht statt. Die Beschäftigung von Juden bei def Oetrohrleitung Im Unterhaus richtete Captairt Croökshartk (konservativ) an den Koloniemlnlster die Frage, ob es richtig ist, daß Emir Abdullah von Transjordanien bei dem Zustandekommen des Vertrages über die 0 € IrOfirenleltung vom Irak nach Haifa die Bedingung gestellt hat, daß Juden bei dem Teil der Oelröhrenleitung, def durch Transjordanien geht, nicht beschäftigt werden sollen, und daß diese Bedingung Abdullahs erfüllt worden ist, Kann, fragte Captain Crookshank, der Kolonienminister mitteilen, welche Schritte er Ih der Angelegenheit im Hinblick auf die Bestimmungen des Mandates zu unternehmen beabsichtige. Der Kolöflismlfllster Slf Philip C u n 1 i f f e- Lister erwiderte: Ich bin dahin Informiert worden, daß der Emir Abdullah eine soleheBedlngung nicht gestellt hat. Jüdische Gebefreudigkeit Philanthrop James Simort Dr, phii» h. e. James 8 i m ö n, Gründer und Pfäsl* dfent des Hilfsvereines der deutschen Juden, ist, fast 81 Jahre ait, gestorben. Die Tagespresse brachte groß* Ttaüerartikei, war doch der verstorbene weit über die jüdische weit hinaus als Wirtschäftefünrer und Kunst* freund bekannt. Er war als Mitinhaber der früheren Baumwollfirma Gebrüder Bitnüfi, Mitglied des Reich!* bankdirektoriums und Vizepräsident der Berliner HäH* deishatfimer. Die Firma ist iHZWlsehen der Kfise erlegen; sein Vetter und Kompagnon, Geheimer Rat Simoh, beging infolge der geschäftlichen öchwicrigkeitefl Selbstmord. Jämes Sluiüii selbst mußte in den letzten Jahren einen Teil seiner KUHStsChÄtie. ih Atnr sterdam versteigern lassen. James Simon war einer der gebefreudigen Philanthropen des deutschen Judentums. Er gehörte im Jahre 1901 zü den Mitbegründern des «Hilfsvereines der deutschen Juden» und leitete im Kriege da§ jüdische Hilfswerk in den Kriegsgebieten in Polen. An Palästina nahm er lebhaftes Interesse. Die initiative zur Gründung des Technikums in Haifa ging von ihm aus. Weiterhin War er Mitglied zahlreicher jüdischer Ihterhatiöhaler Gesellschaften und Verbände. Ih der Oeffentlichkfeit hörte man vor einiger Zelt von ihm beim Streit Um Nofretete, die Statue der flgyp* tischen Königin, die von ihm nebeh zahlreichen ändere* Kunstschätzen dem Berliner Museum geschenkt worden war. Um die Jahrhundertwende nannte man James Simon den «Freünd des Kaisers». Der frühere KölSef Wilhelm II. wollte ihn 1904 ins Herrenhaus berufen» Als aber reaktionäre Politiker darüber ein großes Ge* schrei erhoben, ließ James SlmOn deh zuständigen Stellen sofort sagen, daß er auf die ihm ZUgedachti Ehrung verzichte. Der Kaiser, mit dem er durch seinen Freund Admiral Hollmafin bekannt gewofdeh war, suchte seinen Umgang; er wußte, daß James Simon nichts von ihm wollte, auch ln diesem Verkehr def Gebende war. Wie lachte Simon, als einmal in Berlin daB Gerücht ging, daß er Wirklicher Geheimer Rat mit dem Titel Exzellenz geworden sei. Orden und Titel widi er zurück, auch die Nobilitierung, die ihm freige&tahdert hätte; erfreut hat ihn der Ehrendoktor, der dem Kunstkenner und Kunstfürdfefer die Berliner Universität all seltene Auszeichnung verlieh. Did Berliner Museen haben Ihm eine große Bereicherung ihres Besitzes zu verdanken. Sö schenkte er dem KaiSCr-Friedrich-Mü* seum seine Sammlung italienischer Renaissoncebilder, Bronzen, Medaillon, Münzen usw., die in einem digeheri «James-Simon-Snale» untergebracht sind, und seine Sammlung deutscher Holzskulpturen und Gobelins. James Simon war Mitbegründer der Deutschen Orientgesellschaft (1898) und beteiligte sich ln starkem Ausmaße an der Finanzierung der Ausgrabungen in Mesopotamien (Babylon 1808—1Ö12, Assur 1902—1014), Palästina (Jericho, Synagogen in Galiläa) und Aegypten (Abusir bei Cairo, Abueir-ei Meheq Und el-Amarn* 1908—1914), Kleinasien (Boghazköi). Am Donnerstag, den 20. Mal, vormittags, fand im Krematorium Wilmersdorf die Einäscherung der sterb* liehen Reste Dr. Simons statt. JUDEN! Spendet anläßlich der Bttdisenleeruna des Keren Kafemefh in der Zeit vom 29. Mai bis 12. Juni reichlich! Verlanget Keren Kajemeth-Legitimationen l