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Die Stimme · 1932-05-26 · Heft 229 (26.5.1932) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 229 (26.5.1932)
Date
1932-05-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Mt 229 — 29. Mal 1932 DIE STIMME "Sette S FicihI wmI UM am nah innl fern Zurflckf*tr,,ng 9er Jaden ln Amerika Im Mittelpunkt der am 10. Mal ln Philadelphia begonnenen Convention der Nationalkonferenz jüdischer Sozialfürsorger der Vereinigten Staaten stand eine sehr lebhaft geführte Aussprache über die Zurücksetzung von Juden in Handel, Industrie und in geistigen Berufen, besonders im Unterrichtswesen, der Vereinigten Staaten. Eingehender behandelt wurde das spezielle Problem der Zurücksetzung jüdischer Lehrer, bezw. Lehramtsbewerber, im Unterrichtswesen der Vereinigten Staaten auf einer gleichzeitig in Philadelphia tagenden Konferenz jüdischer Pädagogen aus allen Teilen der Vereinigten Staaten. Die Zurücksetzung von Juden auf verschiedenen Arbeitsgebieten der Vereinigten Staaten wurde bekanntli*,1 auch auf der im Oktober V. J. in Philadelphia stattgerundenen Beratung des American Jewish Congress behandelt. Dort wurde berichtet, daß an den Hochschulen, insbesondere Im Medizinstudium, die Juden gegenüber den Nichtjuden stark benachteiligt werden. Rabbi J. K. Cohen, Vorsitzender des Committee on Economic Discrimination beirrt American jewish Congress, teilte Zahlen über die zunehmende Zurücksetzung von Juden auf dem Arbeitsmarkt mit. Danach nehmen 91 von 100 Arbeitsnachweisen für Büropersonal jüdische Stellensuchende überhaupt nicht in die Listen der Arbeitsuchenden auf. Von 400 führenden Oeschäftsunternehmungen in New York stellen 89 Prozent nur Christen an. Auf Initiative der Bnei Brith wurde im vergangenen Jahre eine National Conference on Jewish Employment (Institution für Arbeitsbeschaffung für Juden) gegründet. Jüdischer Journalist Justizminlster in Neu-Südwales Sir Daniel L e v y, der «Speaker» der gesetzgebenden Körperschaft von Neu-Südwales in Australien, wurde zum Justizminister der neuen Regierung von Neu-Südwales, die nach dem Rücktritt des Arbeiterkabinetts Lang von Stevens gebildet wurde, ernannt. Gleichzeitig bekleidet Sir Daniel Levy das Amt eines Oberstaatsanwalts von Neu-Südwales. Sir Daniel Levy, der 1929 geadelt wurde, ist ein hervorragender Anwalt und betätigt sich sehr viel im jüdischen Qemeindeleben. Er war in früheren Jahren Chefredakteur des «Australian Hebrew». Renegatenkarriera Die Person des Präsidenten des Landgerichts I Berlin, des größten deutschen Landgerichts, Kurt S o 6111 n g, stand vor mehreren Monaten im Mittelpunkt öffentlicher Erörterungen, als dieser hohe Gerichtsbeamte, der einmal Jude war und S e 1 i g s o h rt hieß und als Mitglied der sozialdemokratischen Partei eine große richterliche Karriere machte, plötzlich zur deutschnationalen Volkspartei übertrat, gegen die Republik agitierte und sich sogar der Hitler-Partei zu nähern versuchte. Von jüdischer Seite wurde damals ausgeführt, es liege nicht im Interesse des Ansehens und der Würde des Judentums, wenn man sich innerhalb der jüdischen Sphäre mit der Person Soellings beschäftige, der für das Judentum als tot gelten muß. Soelling klagte dieser Tage wegen Ehrenbeleidigung den Redakteur des «8-Uhr-AbendbIattes» Dr. Felix Hirsch. Der Prozeß, der zwar mit einer Geldstrafe für Dr. Hirsch, aber mit einer moralischen Verurteilung des Klägers Soelling endete, fand vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte statt. Die Verteidigung des Angeklagten Dr. Hirsch hatte Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee inne. Der Beleidigungsklage des Landgerichtspräsidenten Soelling lag ein im «8-Uhr-AbendbIatt» vom 29. Oktober 1931 erschienener Artikel zugrunde, der «Herr Soelling aus Bromberg» betitelt war und sich mit dem Lebenslauf des Landgerichtspräsidenten befaßte. In dem Artikel wurde gesagt, daß Herr Soelling als Sohn eines jüdischen Kaufmanns aus Bromberg sich habe taufen lassen und daß er nach Eintritt in die S. P. D. rasch die richterliche Karriere durchlaufen habe. Vor einiger Zeit, als er fest an das Zustandekommen einer Rechtsregierung geglaubt habe, sei er in die deutschnationale Volkspartei eingetreten. Noch als er Mitglied der S.P.D. gewesen sei, habe er einen Justizangestellten verwarnt, weil er bei einer Gefallenengedenkfeier ein «Hoch» auf die Republik äusgebfächt habe. Später einmal habe Soelling an einer Kundgebung der Nationalsozialisten im Sportpalast teilgenommen und ebenso «Heil Hitler!» und «Deutschland erwache 1» ausgerufen wie jeder andere Nationalsozialist. Er sei dann von den Nationalsozialisten, die auf Ihn aufmerksam gemacht worden waren, als «Jude» be. :himpft und angegriffen worden. Als ein Justizangestellter diesen Vorfall erzählt habe, sei er von dem Präsidenten fristlos entlassen worden. In der Urteilsbegründung führte der Vorsitzende au8, das Gericht halte es für erwiesen, daß der Nebenkläger Soelling aus der sozialdemokratischen Partei ausgetreten sei, weil er den erstrebten Posten des Präsidenten am Diszlpllnarhof nicht erhalten habe. Seine Behauptung, daß er mit Hilfe der Sozialdemokraten diesen Posten erlangen wollte, um eine Rechtsprechung herbeizuführen, die nicht im Sinne der Sozialdemokraten liegen konnte, Sei an sich auch reichlich widerspruchsvoll Wenn Soelling zwei Tage nach dem Scheitern des Versuches, Diszlplinargerichtsprflsldent zu werden, aus der Partei ausgetreten sei, so könne man daraus keinen anderen Schluß ziehen, als daß diese Tatsache seinen Austritt veranlaßt habe. Bei dem Vorfall in der nationalsozialistischen Versammlung im Sportpalast habe das Gericht festgestellt, daß Soelling der Versammlung in einer für einen Landgerichtspräsidenten merkwürdigen Kleidung, im Sporthemd, teilgenommen und den Faschistengruß mitgemacht habe. Judennot ln der Slowakei In Galanta fand in den letzten Tagen eine Friedhofsschändung statt. Der Gendarmerie gelang es, die Täter, Jugendliche, sicherzustellen, diese wurden dem Jugendgerichte übergeben. — Die tschechoslowakische Presse berichtete in den letzten Tagen über den Selbstmord eines jüdischen Beamten der Slovenska Banka in Chust. Es verlautet nunmehr, daß dieser seinem Leben deshalb ein Ende bereitet hat, weil der Filialleiter ein Antisemit war und den Beamten schikanierte. — Die Lehrerin an der Volksschule in Plechocice bei Se£ovce sagte vor den Pessachfelertagen während des Unterrichtes, daß die Juden zu den Ostern Christenblut benötigen. Eine entsprechende Anzeige jüdischerseits wurde erstattet. — «Ludova Politika» (Organ der tschechoslowakischen Volkspartei) schreibt u. a., daß die Aufnahme von Juden als Staatsangesteilte eingestellt worden ist. Man konstatiert überall den Beginn eines Verdrängungsprozesses. Haman wegen Betruges verurteilt Der ehemalige Ministerpräsident und Finanzminister Litauens P e t r u 11 s wurde wegen verschiedener Betrügereien und Annahme von Bestechungsgeldern zur Zeit seiner Ministerschaft zu zwei Jahren Zuchthaus und zu 90.000 Lit Schadenersatz an die Staatskasse verurteilt, auch wurden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt. Die Zeit des Petrulis-Regimes war eine sehr schwere für die litauische Judenheit. Petrulis war aktiver Antisemit und stets bestrebt, die Juden aus ihren wirtschaftlichen Positionen hinauszudrängen. Seine Steuerpolitik war eine ausgesprochen antisemitische. Der Gerechtigkeit Lohn Die Polizei verhaftete mehrere antisemitische Studenten, die sich an dem Ueberfall auf den Professor am Lemberger Polytechnikum und früheren polnischen Ministerpräsidenten Bartel beteiligt haben. Prof. Bartel wurde mit faulen Eiern bombardiert, weil er sich des jüdischen Studenten Bauer, des einzigen Juden an der dem Polytechnikum angegliederten Forstakademie, den die Antisemiten aus dem Territorium der Akademie In Südafrika gibt es einen einzigen jüdischen Schlafwagenschaffner. Wißt Ihr schon, weshalb das von Wichtigkeit ist? Wahrscheinlich nicht — also höret folgende Geschichte, die den Titel führen kann: Weizmann und der jüdische Schlafwagenschaffner. An dem Tage, an dem die Johannesburger Universität Dr. Weizmann bei seinem SUdafrikaaufenthalt damit begrüßt hatte, daß sie ihm den Ehrendoktortitel verlieh, stand die ganze Stadt, nicht nur ihr jüdischer Bevölkerungsteil, unter dem Eindruck des Ereignisses. Gegen Abend dieses Tages kam Weizmann auf den Johannesburger Bahnhof. Er wollte mit dem Nachtzug in eine benachbarte Stadt fahren. Aber der Stationsvorsteher erklärte, das ginge noch nicht. Dr. Weizmann solle so freundlich sein, ein wenig zu warten. Großes Erstaunen auf allen Seiten. Dringliche Fragen an den Stationsvorsteher: Warum, wieso, das Billett sei doch in Ordnung, Platz sei auch genügend. Der Mann zuckte die Achseln und schwieg. Kurz vor Abgang des Zuges erst stürzte er heran und erklärte freudestrahlend, es sei alles in Ordnung, Dr. Weizmann könne einsteigen. Es war nämlich der als besondere «Aufmerksamkeit» gedachte, extra telegraphisch beorderte einzige jüdische Schlafwagenschaffner von Südafrika da erst eingetroffen. Ohne den, schien dem Stationsvorsteher, dürfe Dr. Weizmann unter keinen Umständen reisen. Der Schaffner mußte dann auch auf sämtlichen Fahrten, die Weizmann noch in Südafrika machte, «seinem» Passagier freundlich-höflich Immer wieder das Billett kontrollieren. Das ist eine reizende Geschichte, die für den Augenblick mit manchen Widerwärtigkeiten versöhnen kann, denen Juden sonst ausgesetzt sind. Versöhnung ist überhaupt eine gute Sache. Aber wißt Ihr schon, daß es In Amerika sogenannte Reformrabbiner gibt, welche die Versöhnung in der Weise betreiben, daß sie mit Ihren Schülern Kirchen besuchen? So ein «Reformator» ist Rabbi Louis Wolsey in Philadelphia, der sich bisher nur durch seinen fanatischen Haß gegen den Zionismus hervorgetan hat. Da man aber mit Antizionismus nicht mehr Staat machen kann, fortgewiesen haben, angenommen hat. Der Senat dal Polytechnikums hat Prof. Bartel sein Mitgefühl ausge» drückt. Bartel selbst erklärte in einer Ansprache im Senat, er werde sich durch noch so verwerfliche Taten der außer Rand und Band geratenen Studenten nicht davon aufückhalten lassen, für Moral und Recht Iflt Universitätsleben einzutreten. Prof. Bartel gingen von verschiedenen Institutionen und Persönlichkeiten aus Lemberg und Warschau Sympathiekundgebungen zu* Die ewige Judenfrage Aeußerungen Einsteins «The Jewish Chronicle» bringt ein Interview mit Professor Albert Einstein, der gegenwärtig Gast der Universität Oxford ist. Auf die Frage, ob es in der jüdischen Rasse begründet ist, wenn Juden in der Wissenschaft so stark vertreten sind, erwiderte Einstein: Die hohe Achtung vor geistiger Leistung scheint mir Tradition des jüdischen Volkes zu sein. Das Interesse und die Betätigung an Dingen, die Denken und Erkennen voraussetzen, ist alte jüdische Tradition, Damit erklärt sich die Tatsache, daß so viele Mathematiker und Gelehrte anderer Disziplinen Juden sind. Auf die Frage, ob er glaube, daß Juden eine besondere Gabe für Musik besitzen, erwiderte Einstein, die jüdische Rasse habe stets ihr besonderes Interesse intellektuellen Problemen zugewendet und tue sich besonders in der wissenschaftlichen Forschung hervor; er glaube aber nicht, daß die Juden spezifische Begabung für das eine oder andere Gebiet von Natur aus mitbringen. Eher kann man von Neigungen für spezifische Betätigungen sprechen. Die Rede kam dann auf den Antisemitismus in Deutschland. Einstein glaubt nicht an eine radikale Rückflut der antisemitischen Welle, die über Deutschland hereingpbrochen ist, eine Aenderung könne nur eintreten, wenn sich die wirtschaftliche Lage gebessert hat. Noch glaube er, daß etwas getan werden könne, um die Lage zu verbessern, jedenfalls aber halte er jüdische Solidarität für durchaus notwendig. Hinsichtlich des Zionismus äußerte sich Einstein dahin, er habe immer ein starkes Interesse an allen Palästina betreffenden Angelegenheiten genommen. Jetzt wie früher glaube er, daß Zusammenarbeit und Frieden zwischen Juden und Arabern in Palästina wesentlich sei für den Aufbau des Landes und das Wohl seiner Bewohner. Glauben Sie an die Lösung der Judenfrage? fragte der Interviewer. Einstein erwiderte: Judenfrage ist Menschheitsfrage und ohne definitive Lösung. Das Nebeneinanderleben von Menschen verschiedener Traditionen schafft immer und überall ein Problem. Aus eben diesen Traditionsunterschieden zwischen den Juden und den Nationen, unter denen sie leben, erwächst der Antisemitismus. führt Rabbi Wolsey seine Schulkinder jeden Sonntagmorgen in die Kirche zur Messe. Nach der Messe hält er dann mit seinen Schülern eine Diskussion über die christliche Religion. Rabbi Wolsey begründet diese merkwürdige Pädagogik damit, daß seine Schulkinder durch den Kirchenbesuch zu einem besseren Verständnis ihrer christlichen Mitbürger gelangen. Diese Verstiegenheit ist sogar den anderen amerikanischen Reformrabbinern zu bunt und so ist zu hoffen, daß man Rabbi Wolsey bald das Handwerk legen wird. Aber in Amerika erlebt man noch andere merkwürdige Dinge. Wißt Ihr schon, daß im amerikanischen Senat ein christlicher Cohen sitzt? Zu-m ersten Male in der Geschichte Amerikas nämlich ist in den Senat ein Senator mit dem Namen «Cohen» eingezogen. Was aber noch mehr überrascht, ist, daß er im Staate Georgia gewählt wurde und seinen Wohnsitz in Atlanta, der Hauptstadt des Ku-Klux-Klan, hat. Der neue Senator Cohen ist aber kein «Cohen», Die jüdischen Zeitungen haben Uber seine Wahl nur berichtet, daß er keine Verbindung mit Juden habet sonst hätte er seinen Namen schon längst amerikanlsiert! Auf den Wahlzetteln stand, um Verwechslungen zu vermeiden: «S. Cohen, Mitglied der Presbyter-Kirche». Eine andere, vermutlich nur wenigen bekannte Tatsache. Wißt Ihr schon, daß in Albanien Juden leben? Der bekannte amerikanisch-jüdische Publizist Hermann Bernstein, der seit einigen Jahren Gesandter der Vereinigten Staaten In Albanien ist und gegenwärtig auf Urlaub in New York weilt, teilt über die Juden in Albanien mit: In Albanien existieren keine religiösen Vorurteile. Es leben ln diesem Lande Im ganzen 100 Jüdische Familien, denen es materiell gut geht. Die kleine jüdische Gemeinde, die erst vor einem Jahre organisiert worden Ist, hat ein tiefes Interesse für den Zionismus und alles, was mit der Palästinabewegung zusammenhängt. Nicht weit von Tirana, der Hauptstadt Alba* niens, befindet sich das Grab des falschen jttdisoM Messias Sabbattai Zewi. Wißt Ihr schon?

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