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Die Stimme · 1932-05-26 · Heft 229 (26.5.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 229 (26.5.1932)
Date
1932-05-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 229 — 26. Mai 1932 DIE STIMME Seite 3 Unentwegt dem Ziel entgegen Bert Locker Uber die gegenwärtige Lage im Zionismus In einem vom Zionistischen Landeskomitee für Oesterreich veranstalteten Massenmeeting, das im großen Saal des Hotels Continental stattfand, sprach Donnerstag, den 19. Mai, das Mitglied der Exekutive in London, Berl Locker, über «Die gegenwärtige Lage im Zionismmus». Schon lange vor Beginn der Versammlung strömten Zionisten und auch Nichtzionisten, deren Interesse durch die Person des Redners und das Thema rege geworden war, in Scharen herbei, so daß der weite Saal bis aufs letzte Plätzchen dicht gefüllt war — es dürften an tausend Zuhörer anwesend gewesen sein — als Berl Locker, mit lebhaftem Beifall begrüßt, das Podium betrat. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache des Präsidenten des Landeskomitees, Dr. Oskar Grünbaum, ergriff Locker das Wort zu einem ausführlichen Referat, gleich mit den ersten Worten innigen Kontakt mit der Zuhörerschaft herstellend. Locker besprach zunächst die Vergangenheit des Zionismus. So wie jetzt angesichts der politischen Schwierigkeiten der Zionismus totgesagt wird, so wurde ihm auch in früheren Zeiten immer wieder das Leben abgesprochen. Es gab fast kein Jahr, in dem man nicht solche Unkenrufe hörte. Aber der Zionismus ließ sich dadurch nicht beirren, er schritt seinen Weg ruhig weiter und wurde von Jahr zu Jahr immer lebenskräftiger, trotz dem steinigen Boden Palästinas, trotz der jahrtausendelangen Entfremdung der Juden von der Landwirtschaft und trotz den Hindernissen, die entsprechenden Geldmittel herbeizuschaffen. Heute ist das Kernstück einer jüdischen Heimstätte in Palästina auch nicht von den verbissensten Gegnern wegzuleugnen und dieses jüdische Palästina ist bereits so erstarkt und so selbstsicher, daß es ideell schon mehr dem Galuth gibt als es von ihm empfängt. Und auch materiell wirkt es auf die Diaspora in günstigstem Sinne, indem es den dort lebenden Juden, die unter dem politischen und wirtschaftlichen Druck sonst völlig der Verzweiflung anheimfallen würden, neuen Lebensmut und frohe Zukunftshoffnung einflößt. Nach dieser Rückschau ging der Redner auf das eigentliche Thema seines Vortrages ein. Er schilderte die politische Lage und die Schwierigkeiten in den Verhandlungen mit der britischen Regierung sowie mit der Palästinaverwaltung, deren Haltung in der letzten Zeit allerdings eine Entspannung erwarten lasse. Aber die zionistische Aufbauarbeit werde nicht so sehr durch Widerstände von außenher als durch die Wühlarbeit im eigenen Lager gehemmt. Diese Minierarbeit werde von jener Gruppe im Zionismus betrieben, die sich eine förmliche Monopolstellung im Zionismus anmaße und die Treue zum Zionismus gepachtet zu haben glaube. Locker zeigte klar und deutlich das widerspruchsvolle Hin und Her der revisionistischen Politik. Wir Juden sind stark, wenn wir es nur wollen, schreien sie, und können die gegenwärtige Mandatarmacht davonjagen. Aber wie wollen die Revisionisten den Erfolg ihrer Kraftanstrengung auswerten? Sie wollen unbedingt eine andere Mandatarmacht haben, die alle ihre Wünsche erfüllt, weil sie ohne einen solchen Machtfakior keine Möglichkeit sehen, ihren angeblich hundertprozentigen Zionismus, ihren «wahren Herzl-Zionismus», zur Wirklichkeit zu machen. Dieses Streben ist jedoch ein unzweideutiges Eingeständnis der Schwäche, ein Bekennt- Der Selbstlosigkeit die Palme 1 Von Dr. E^f/L Zweig (Jerusalem) Gern will Ich zur Böhm-Feier ein paar Zeilen beisteuern. Doch was greife ich nur aus der bunten Fülle von Erinnerungen heraus, die sich mir an mehr als ein Vierteljahrhundert treuer Weggenossenschaft knüpfen? Mögen andere seine wissenschaftlichen Leistungen, seine praktischen Taten für den Zionismus darlegen; ich beschränke mich darauf, zwei Episoden aus Böhms Leben zu schildern, welche den durch seine Selbstlosigkeit vorbildlichen Charakter eines wahren Zionisten wohl am treffendsten kennzeichnen. Böhm war — glaube ich 1911 — als Obmann des Oesterreichishen Landeskomitees in der Blüte seiner Schaffungskraft und eine in der ganzen zionistischen Welt anerkannte und verehrte Autorität. Da tat er etwas in seinem Privatleben, wozu er sich als modern Gesinnter berechtigt hielt, was aber das jüdischtraditionelle Gefühl vieler verletzte. Deshalb richteten Dr. Emil Stein, heute Arzt in Tel-Awiw, und meine Wenigkeit als Mitglieder des Landeskomitees einen Brief an Bölnn mit der Aufforderung, seine Präsidentschaft niederzulegen, da sie — zumal beim nahen Wahlkampf um die Wiener Kultusstube — unseren Gegnern eine Handhabe zur Bloßstellung des Zionismus gebe und unsere Wahlchancen schädigen könne. Der feinfühlige Böhm war tief verletzt. In Wort und Schrift trat er für seine Ueberzeugung ein, zögerte aber keinen Moment, jener Aufforderung nachzukommen; er tat die Präsidentschaft des Landeskomitees und alle seine sonstigen zionistischen Würden ab. Uns beiden Initiatoren grollte er stark und längs* nie Jedoch nis, daß man nicht imstande ist, aus eigener Kraft das Ziel, das man sich gesetzt hat, zu erreichen. Zu einer solchen Inkonsequenz paßt das lächerliche Gehaben, das die Revisionisten zur Schau tragen, wenn sie das Mandat feilbieten. Hat denn das jüdische Volk das Mandat zu vergeben? Das Mandat ist vom Völkerbund erteilt worden und bedeutet, während die Balfour-Deklaration ein Versprechen darstellt, für das jüdische Volk nichts anderes als den Rahmen, den es durch eigene ernste Arbeit mit dem Inhalt — Schaffung einer nationalen Heimstätte — auszufüllen hat. Diese Leistung wird es ungeachtet der destruktiven Tendenzen in den eigenen Reihen und über alle politischen Hindernisse hinweg vollbringen, eine Zuversicht, die durch die Geschichte des Zionismus, der schon wiederholt unüberwindlich scheinende Widerstände besiegt hat, gerechtfertigt ist. Der Jischuw ist voll des Optimismus, er geht den gewiß dornenvollen Pfad ruhig und mit dem Bewußtsein, seine Pflicht zu erfüllen. An den Volksgenossen im Galuth liegt es, ihm seine schwere Aufgabe zu erleichtern. Die Exekutive in London und in Jerusalem tut in aufreibender Tagesarbeit, die starke Nerven und Energie erfordert und kein Geschrei oder reklamehaften Trommelwirbel verträgt, das ihrige. Sie ist mit kleinen Erfolgen, wie etwa die Gewährung von 2100 Zertifikaten, keineswegs zufrieden, wenn es auch die Revisionisten so darzustellen belieben. Mit Zähigkeit kämpft sie um Verbesserungen und Erweiterungen, des ihr vom Kongreß erteilten Auftrages eingedenk, dabei aber, ihrer Verantwortung bewußt, auch mit den Realitäten rechnend. Eine dieser Realitäten ist die Menge des Geldes, das ihr die Volksgenossen im Galuth zur Fortführung der Aufbauarbeit in Palästina und zur Ueberpflanzung der Menschen nach Erez Israel zur Verfügung stellt. Die Gpferwilligkeit darf nicht erlahmen, sie muß gerade jetzt, in diesen kritischen Tagen, sich stärker äußern denn je, ist doch Palästina, das Land fast ohne Arbeitslosigkeit, für die große Masse der Juden das einzige Land einer besseren Zukunft. Die Zuhörer, die den sachlichen und doch temperamentvollen Ausführungen Lockers gespannt gelauscht und seinen Darlegungen des öfteren lebhaften Beifall gespendet hatten, dankten zum Schluß dem Redner mit minutenlangem stürmischem Applaus, Der Großmufti und Hitler Der Hitler-Erfolg in Deutschland veranlaßte den Großmufti, in seinem Leiborgan «Eie Jarnia el Arabia» ein Interview erscheinen zu lassen, in welchem er erklärt; Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde. Restaurant Billet Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal il.( Hammer purgstaiigasse 3, Tel. A 48-6-82 der zionistischen Sache und Partei. Er wußte seine Eitelkeit — und wer ist frei von ihr! — hinabzuwürgen und blieb in Reih und Glied der zionistischen Armee und diente ihr als schlichter Soldat, stets hilfsbereit und arbeitsfroh, stets jeden Winkes der Vorgesetzten gewärtig. Wie verhielten sich dagegen in ähnlicher Lage und oft aus viel kleinerem Anlaß persönlichen Mißvergnügens andere Zionisten, darunter manche mit großen Namen,- ja Männer aus dem engsten Kreis um Herzl, welche doch die Berührung mit diesem ethischen Titanen hätte adeln müssen! In ihrer Erbitterung über wirklich erlittenes oder auch nur vermeintliches Unrecht traten sie leichthin abseits, um tatenlos zu schmollen ,oder schlugen gar wild um sich, ohne Rücksicht, ob sie dabei die zionistische Sache trafen. Nein, nein — es sind Tote darunter — Ich nenne keine Namen! Doch wie lange ist es denn her, daß Jabotinsky am Karlsbader Kongreß wegen seines eigenmächtigen Paktes mit Petljura, betreffend die jüdische Selbstwehr, zur Rechenschaft eingeladen, mit dem Austritt aus der zionistischen Organisation Bescheid gab . . . Verfluchte Eitelkeit, welche stets wieder Zucht und Ordnung untergräbt und die Sammlung unserer Volkskraft verhindert! Die Zionisten Oesterreichs wußten Böhms Haltung zu schätzen. Nachdem er zwei Jahre stillbescheidene Buße getan, hoben sie ihn von neuem als Führer auf den Schild, und er entzog sich auch diesem Rufe nicht. Und einen zweiten Fall, noch schmerzlicheren Affronts mußte unser Jubilar hinnehmen. Seine Verdienste um die Entwicklung der Nationalfondsidee waren so offenbar, daß er — noch zur Haager Zeit — ins K. K. L.-Direktorium berufen worden war; dort wirkte er Jahrelang mit der ihm eigenen Hingabe, Da Da Hitler ein ausgesprochener Judengegner ist, begleiten ihn unsere Wünsche anläßlich seines Wahlerfolges. Denn, wenn Hitler die Schlacht gewinnt, wird die Lage der Juden in Deutschland unhaltbar sein. Für die Oeffnung Transjordaniens Große politische Rede Weizmanm Dr. Cliaini W e i z m a n n hielt vor seiner Ab;*nse aus Südafrika bei Gelegenheit eines in Kapstadt ihm zu Ehren gegebenen Empfanges eine große, politische Rede, die in der Oeffentlichkeit und in der Presse Südafrikas große Beachtung gefunden hat. Weizmann führte u. a. aus: Die Unruhen, die im Spätsommer 1929 in Palästina ausbrachen, und die eine Reihe Untersuchungskommissionen und Weißbücher zur Folge hatten, sind noch heute nicht gänzlich liquidiert Die Mitteilungen über die bevorstehende Veröffentlichung eines neuen Berichtes über Palästina, der schmerzlich an den Simpson-Bericht erinnern soll, fuhr Weizmann fort, erfüllen mich mit böser Ahnung. Wir haben den Simpson-Bericht, der voller pseudo-wissenschaftlicher Behauptungen war, Überwunden und hofften, daß das Kapitel solcher Berichte geschlossen sei. Es will aber scheinen, daß irgendeine Seite geradezu darauf erpicht sei, durch konstante Veröffentlichung solcher Berichte Palästina in einem Zustand der Gärung und der Unruhe zu halten. Gemeinsames Merkmal aller dieser Berichte ist die unaufhörliche Betonung einer Tatsache, die uns nur zu gut bekannt ist: Palästina ist ein kleines Land. Aber wir wollen doch nicht unsere Heimat auf dem Rücken anderer bauen. Die Araber haben es nicht nötig, gegen uns in Schutz genommen zu werden; sie haben ihre eigenen Nationalheime, die sich vom Euphrat bis zum Indischen Ozean erstrecken. Alles, was wir wollen und um was wir bitten, ist, daß auch uns gestattet werde, zu arbeiten und uns unsere eigene Heimstätte zu bauen. Ja, Palästina ist ein kleines Land, aber als die Politik des Jüdischen Nationalheims erdacht und angenommen wurde, stellten Palästina und Transjordanien eine untrennbare Einheit dar. Wären sie es auch heute noch, es gäbe hinsichtlich der Kleinheit des Landes keine Schwierigkeiten. Transjordanien ist beinahe unbewohnt, dennoch wird dieses natürliche Hinterland Palästinas dem Zugang der Juden durch künstliche Grenzen und Mittel versperrt. Transjordanien wurde von Palästina losgetrennt aus Gründen, die nichts mit der zionistischen Politik zu tun haben. W i r beanspruchen nach wie vor das Recht, nach Transjordanien zu gehen und das Land in Zusammenarbeit mit seiner Bevölkerung zu entwickeln. Der neue High Commissioner General Sir Arthur Wauchope ist ein Mann von Gerechtigkeitssinn, Fairneß und einfühlendem Verständnis; mit Glauben, Mut und Festigkeit auf seiten der Juden werden wir es schon schaffen. Die Einwanderungszertifikate auf 2100 erhöht Außer den 2000 Einwanderungszertifikaten für Chaluzim, die die Palästinaregierung Ende April für das Halbjahr April—Oktober bewilligt hat, hat der High Commissioner für Palästina nunmehr weitere 100 Zertifikate für weibliche Angehörige von Palästina-Einwohnern bewilligt. wurde er eines Tages, als man nach Kongreßschluß die noch greifbaren Aktionskomitee-Mitglieder zur Neuwahl des Direktoriums zusammentrommelte, plötzlich beiseitegeschoben. Geräuschlos klappte die Regie, um für den Vertreter irgendeiner Parteifraktion Platz zu machen, die es gerade zweckmäßig fand, eine Machtposition im Direktorium zu besetzen. Ein schwarzer Tag war das für alle Zionisten, welche im Nationalfonds zuoberst den sittlichen Hort der Bewegung liebten und es schwer trugen, ihn nun zum Tummelplatz von Fraktionsinteressen entwürdigt zu sehen. Böhm indes beschied sich wieder mit seinem Geschick. Dieser grobe Undank machte ihn nicht irre, sein Wissen und Wollen dem K. K. L. zu widmen. Doch das Mißbehagen der Zionisten über jenes Kunststück der Regie war stark genug, durchzusetzen, daß bei einer späteren Ersatzwahl Böhm seinen Ehren- und Arbeitsplatz im Direktorium zurückerhielt. Freilich, in Wien weilt er fern von Erez, wo sich nunmehr die Entscheidungen des Direktoriums formen; auch hat er leider noch immer nicht erlernt, mit der Faust aufzuschlagen und seiner Meinung dadurch physische Kraft zu verleihen. Aber seine Mitgliedschaft gibt nach wie vor die Gewähr für die unverminderte moralische Potenz des Jüdischen Nationalfonds. Wehe, wenn einmal die zionistische Organisation unseren Böhm im K. K. L.-Direktorium für entbehrlich halten sollte! Der Jubilar wird beim Lesen solchen Lobes vor Beschämung toben. Immerhin. Ging es mir ja nicht so darum, ihn zu ehren, als um den Zionisten zu sagen, welchen Schatz sie in Böhms Persönlichkeit zu wahren haben.

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