Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1932-05-26 · Heft 229 (26.5.1932) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 229 (26.5.1932)
Date
1932-05-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3053963-3053984--2967-3058427
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 1 DIB STIMME Nf. 229 ~23. Mat 1932 Parteigetriebe hinabzusteigen und ist dadurch glücklicherweise auch der Qefahr entgangen, sich frühzeitig aufzureiben und abzunutzen. Mir selbst ist Böhm stets ein treuer und hingebender Freund und Kampfgenosse gewesen, und zwar seit den längst vergangenen und schon fast vergessenen Zeiten der noch zu Hcrzls Zeiten ins Leben gerufenen wirtschaftlichen Palästinakommission und der von ihr im Jahre 1904 gegründeten Zeitschrift «Alt-Neuland», den Keimzellen der wirtschaftlichen Betätigung der zionistischen Organisation in Palästina. Indem Böhm nach dem Weltkriege, und zwar ganz aus eigener Initiative und mit eigenen Mitteln die Zeitschrift «Palästina^, die Fortsetzung von «Alt- Neuländ», nach langem Schlafe wieder ins Leben zurflckrief und mit unendlichem Fleiß und kritischem Verständnis bis auf den heutigen Tag zum 15. Jahrgang weiterflihrte. hat er sich ein bleibendes Verdienst erworben, das auch von der Nachwelt noch anerkannt werden wird. Denn diese Zeitschrift ist unter Böhms sorgfältiger Leitung durch die vortrefflichen, häufig ganz neue Oebiete erschließenden Qriginaiartikel, sowie die Reichhaltigkeit der systematisch angeordneten Mitteilungen und Referate eine übersichtliche Fundgrube und überaus brauchbares Orientierungs- und Nachschlagewerk für Jeden geworden, der sich für wirtschaftliche und kulturelle Angelegenheiten Palästinas und den Aufbau des heiligen Landes interessiert. Möge es unserem Freund vergönnt sein, noch lange sich dieser fruchtbaren Tätigkeit mit unverminderter Energie und Hingabe zu widmen. Der Wahrheitsbekenner Von Dr. Ar je Tartakower Es ist ein Zufall, daß Acjolf Böhm, der Zionist, der Wissenschaftler, der Palästinaforscher, zugleich auch einer der bedeutendsten (vielleicht auch der bedeutendste) Vorkämpfer der Idee des Keren Kajemeth von allem Anfang an gewesen und bis zum heutigen Tage geblieben ist? Daß sein Name mit dem Jüdischen Nationalfonds so unzertrennlich verbunden ist, wie wohl kein anderer in der langen Reihe der bedeutenden Persönlichkeiten, die die moderne zionistische Bewegung hervorgebracht hat? Daß seine, heute bereits zu einem bedeutenden Werk herausgewachsene Propagandaschrift über den Keren Kajemeth als ein einzigartiger Beweis gelten kann, wie weit wissenschaftliche Gründlichkeit mit Propaganda im besten Sinne des Wortes, verknüpft mit einer gewaltigen Kraft, erzieherisch wirken kann? Ich glaube kaum. Adolf Böhms Einstellung und Wirken für den Keren Kajemeth ist so wenig als ein Zufall zu betrachten, wie wenig zufällig die Tatsache ist,’ daß er in den Stürmen der Charter- und der Ugandakämpfe in die erste Reihe der Vorkämpfer des praktischen Kolonisationsgedankens getreten ist, daß er den krankhaften Politisierimgs- und Zersplitterungsprozeß der letzten Jahre nicht mitgemacht hat und daß seine einzigartige Tätigkeit auf dem Gebiete der Palästina-Forschung der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht und eine der wenigen wirklich großen und positiven Leistungen dieser im großen und ganzen ziemlich traurigen Periode geblieben ist. Und mag es auch für viele, die geneigt sind, Böhms Lebenswerk vom mehr äußerlichen, quantitativen Gesichtspunkt aus zu betrachten, etwas überraschend klingen, ich wage doch die Behauptung, daß diese Einstellung zum Keren Kajemeth als das am meisten charakteristische Merkmal der Persönlichkeit Böhms und geradezu als ein Angelpunkt zu betrachten ist, von dem aus ihr Verständnis erst recht möglich wird. Denn was ist eigentlich Keren Kajemeth? Ein Finanzapparat, ein Bodenkaufinstrument, ein Volksfonds für einen bestimmten, eng beschränkten und sei es noch so bedeutenden Zweck? Ich entdecke wohl kein Amerika, wenn ich behaupte, daß keine einzige dieser Definitionen, sei es auch entfernt, dem Wesen dieser Institution gerecht wird. Das große Einzigartige in der Idee des Keren Kajemeth von allem Anfang an war es, daß sie im tiefsten Einklang mit der revolutionären Losung des Zionismus stand, wie sie durch Herzl in die jüdische Gasse geschleudert wurde. Der Gedanke einer Bodennationalisierung mit ihren gewaltigen sozialen Folgen paßte vollständig in den großen Rahmen der Bewegung hinein, so wie sie damals vor dem jüdischen Volk und vor den Augen der Kulturwelt dastand. Was Wunder denn, daß sich gerade die Besten und Bedeutendsten ihm begeistert zuwandten und seine treuesten Anhänger blieben, selbst nachdem sich die nationale und soziale Problematik der Judenfrage und des Kolonisationswerkes in Palästina bedeutend erweitert hatte und manch andere Erscheinung und Frage in den Vordergrund schob, die in den ersten Jahren fast unbekannt geblieben war? So ist denn zwischen der ersten Generation der zionistischen Führer, unter denen sich so viele revolutionäre Geister und so viele Schüler Damaschkes befanden, der zionistische KatliedersozIaHsmus hervorgewachsen. Und es sind schon heute längst die Zeiten vorbei, wo man (von rechts wie von links) meinte, über diese Erscheinung mit einem wegwerfenden Lächeln zur Tagesordnung übergehen zu können. Wie im allgemeinen, so auch im zionistischen Kathedersozialismus ist ein großes Stück des edelsten Mensehenstrebens verborgen, das mag es auch manchmal etwas einseitig und nicht umfassend genug bleiben, gerade Infolge der Reinheit der Gesinnung revolutionierend wirken muß. In dieser Reihenfolge der zionistischen Kathedersozialisten steht Böhm (neben Ruppin) wohl an der ersten Stelle. Darau« ergibt sich seine Stellung zum Keren Kajemeth, daraus auch sein einzigartiges zionistisches und wissenschaftliches Wirken. Entscheidend war (und bleibt wohl bis zum heutigen Tage) die Erkenntnis, daß der Zionismus als eine große Idee nur mit großen Mitteln verwirklicht werden kann und darf. Von dieser Erkenntnis bis zum Kampf für das Primat des Keren Kajemeth als des Hauptmittels, um ein sozial gesundes Volksleben in Palästina zu schaffen, ist nur ein Schritt, der auch folgerichtig zuerst und am entschiedensten durch Böhm gemacht worden ist. Böhms zionistische und wissenschaftliche Arbeit scheint mir auch eine direkte Konsequenz dieser Einstellung zu sein. Da« Primat der praktischen Palästina- Arbeit mitten in den Stürmen politischer Kämpfe und politischer Hoffnungen vermag nur derjenige Führer zu proklamieren, für den diese Arbeit die tagtägliche Verwirklichung einer großen und unverfälschten Idee bedeutet, die viel höher als politische Aktionen zu werten ist. Und ebensowenig zweifelhaft ist es, daß bedeutende wissenschaftliche Arbeit nur von einem großen Aspekt aus möglich ist. Eine Geschichte, vielleicht auch d i e Geschichte der zionistischen Bewegung, konnte nur derjenige schreiben, dem Zionismus die Verkörperung eines historischen menschlichen Strebens bedeutete. Und man nehme nur die Jahrgänge Palästinas in die Hand, um zu verstehen, was wissenschaftliche Kleinarbeit hervorzubringen vermag, wenn sie dauernd vom Haucji, einer großen Idee umweht ist, Ich weiß, gar manches von dem, was da niedcrgesphric- Wohlbeleibte Mensehen können durch gewissenhaften Gebrauch des natürlichen «Frans-Josefs-Bitterwassers ausgiebigen Stuhlgang ohne Anstrengung erzielen. In allen Apotheken und Drogerien erhältlich. ben worden ist, klingt heute fast wie ein Anachronismus. Das Schlagwort vom Zionismus, als einer Volksbewegung, die alles, rechts und links, fortschrittlich und reaktionär, kleinbürgerlich und proletarisch, umfassen muß, ist eben seit vielen Jahren daran, dpn alten Begriff des wahren Herzl-Zionlsmus als eines großen Fortschrittgedankens bei Seite zu schieben.Man ist viel praktischer geworden und läßt das Leben Leben sein. Dies mag wphl die Hauptursache sein, warum für Böhm heute kein Platz in der Leitung der zionistischen Angelegenheiten geblieben ist. Und doch sind diejenigen im tiefen Irrtum befangen, die sich vorstetlen, daß die Entwiklung auch weiterhin in derselben Richtung gehen kann. Die Tragödie des Zionismus im gegenwärtigen Augenblick beruht ja zum großen Teil darauf, daß wir unter der Wucht der Schicksalsschläge zur alten Konzeption werden zurückkommen müssen, Der Zionismus vermag eben nur als eine große Idee verwirklicht zu werden. Wir werden aus dem Gewirr der verschiedensten Irrlehren, die zum Teil aus der Verzweiflung herausgewachsen sind, zu dieser einzig wahren und einzig möglichen Erkenntnis zurückkommen müssen. Die Entwicklung des Keren Kajemeth kann wohl als der wichtigste Beweis für die Wahrheit dieser Behauptung angeführt werden, Es ist kein Zufall, daß sich die Volksmasse gerade heute so fest um diesen Volksfonds schart. Nicht bloß die eiserne Unberührlichkelt des Volkseigentums und sein wohltuender Einfluß auf die Entwicklung der Dinge in Dorf und Stadt Ist es, die diese Einstellung mit sieh bringen. Nicht weniger mag das zumeist wohl im Unterbewußt* sein schlummernde Gefühl mltwlrken, daß gerade das Einzigartige dieser Institution, das so viele und gerade die Besten der Völker mit sich hinreißt, eine Grundbedingung des Verwirklichungsprozesses des Zionismus ist. So ist Adolf Böhm für uns viel mehr ein Mensch der Zukunft denn ein Mensch der Vergangenheit. Sein großes und ununterbrochenes wissenschaftliches Wirken wind wohl, nachdem die gegenwärtige Übergangsperiode Im Zionismus zu Ende sein wird, wiederum an praktische Arbeit anknüpfen können und müssen. Im Interesse der Bewegung muß das rasche Eintreffen dieses Zeitpunktes sehnllchst herbeige« wünscht werden. Denn erst dann wird es klar werden, wie gerechtfertigt der paraphrasierte Ausdruck Ist, daß nur ein edler Mensch ein guter Zionist sein kann. Adolf Böhm als Symbol ist ganz auf dieser Erkenntnis aufgebaut. In diesem Sinne ist er auch für uns ein Symbol der Zukunft. Herzig letzte Ruhestätte Die Frage der Ueberführung seiner Irdischen Reste nach Palästina In der letzten Zeit tauchen Immer wieder Gerüchte von einer bevorstehenden Ueberführung der Gebeine Theodor Hcrzls nach Palästina auf. So wußte der Jerusalemer Korrespondent des «Corriere della Sera» zu melden, eine Gruppe palästinensischer Juden habe Maßnahmen zur Ueberführung eingeleitet und eine jüdische Organisation in den Vereinigten Staaten habe bereits ein Grundstück auf der Höhe des Karmels angeboten, wo die Gebeine in einem Bau untergebracht werden sollen, der gleichzeitig als Sitz der zionistischen Kongresse dienen könnte. Die irdischen Reste Hcrzls sollen mit dem ersten Schiff gebracht werden, das in dem neuen Hafen von Haifa Anker werfen wird. Andrerseits erklärte York Steiner in einer Zuschrift an die «Neue Freie Presse», daß ein Komitee angesehener Bürger Palästinas einen Begräbnisplatz auf dem Karmel erwerben wolle und daß nun Hcrzls Wiener Freunde und Testamentsvollstrecker, Kremenezky und Direktor Reichenfeld, das weitere veranlassen werden. Was Direktor Reichenfeld sagt Wir haben uns deshalb an Direktor Reichenfeld um nähere Mitteilungen gewendet. Direktor Reichenfeld sagt: Ich habe auf dem Kongreß des Jahres 1929 die Ueberführung der Gebeine Herzls angeregt. Seither hat die Angelegenheit geruht, wohl wegen der Zwischenfälle in Palästina. Nun scheint es, daß von Amerika oder Palästina aus einige Leute die Absicht haben, die Sache durchzuführen. Ich muß aber feststellen, daß Herr Kremenezky, der kürzlich in Palästina weilte, mir nichts davon mitgeteilt hat, so daß ich annehme, daß auch Kremenezky hievon nichts weiß. Ob die Sache jetzt aktueller ist, möchte ich nicht beurteilen. Jedenfalls läßt sich die Ueberführung der Gebeine Herzls nach Palästina ohne Intervention de» Exekutive der Zionistischen Organisation nicht gut denken, da die Angelegenheit in die politische Sphäre hinüberspielt. Die Stelle, wo sich die letzte Ruhestätte befinden soll, hat Herzl testamentarisch nicht bestimmt. Es sollen bloß mündliche Aeußerungen vorliegen. Ich möchte noch betonen, daß mir die Ueberführung de» überaus umfangreichen Herzl-Archivs derzeit dringender erscheint. Wir haben deswegen Schritte in Jerusalem unternommen, doch wird auch die Erledigung dieser Frage einige Zeit beanspruchen, da im nächsten Jahr eine neue Biographie über Herzl erscheinen dürfte, die viel bedeutender als die bisherigen Biographien zu werden verspricht und bisdahin 4as -Archiv bea.. nötigt wird. -• .... - Ein krasseres Programm der Hepp-Hepp-Polltik Aus Gründen der Konkurrenz mit den Nationalsozialisten hat sich die christlich soziale Paty f e i auf ihrem Sonntag abgehaltenen Wiener Parteitag entschlossen, von nun an wieder kräftig h e p p - h e p p z u r u f e n. Sie wurde, dazu durch eine Progranimrede des nachher zwn Obmann der Wiener Parteileitung gewählten Professors Leopold Krasser angeregt, der ausführte, daß die Christlichsozialen jetzt mehr gegen DemokratieundfürAntiserait i s m u s sein müssen. Dieses krassere Programm werde sjch wohl vom Rasaenantisemitismus der Nationalsozialisten unterscheiden müssen und so «maßvoß sein, wie der Antisemitismus Luegers», der «das Volk gegen den zersetzenden jüdischen Geist immunisiert« habe. Diese Ankündigung Krasser» veranlaßt® die Naat, in der Eröffnungssitzung des Wiener Gemeinderatoa erst recht mit radauantisemitischen Schimpfwörtern herumzuwerfen. Gleichzeitig kommandierten sie bei dieser Gelegenheit ihre Mannen auf die Straße zu allerlei Flegeleien und Lausbüherelen, Mißglückter Nazi-Ausflug ln die JuctangMto Eine Gruppe von Hakenkreuzlern hatte in Ihrer durch die Eröffnungssitzung dos Wiener Oemelnderate» lieryorgertifenen Feststinwiung das Bedürfnis, eine« Ausflug in die Judengasse zu unternehmen. Nachdem sie einzelne jüdisch aussehende Passanten angestänkert und die Scheibe eines Straßenbahnwagens auf der Ringstraße eingeschlagen hatten, sagen »io in di« Judengasse, ihr Versuch, di« «Brechung dar Zinsknechtschaft» durch, sagen wir, den Besuch eines Trödler* laden« herbeizuführen, mißlang ihnen gründlich, Di« jüdischen Geschäftsleute und Ihre Angestellten nahmen sieh der Nazi-Recken so liebevoll an, daß diese, obwohl sie ln der Mehrheit waren, nicht Hitler, sondern um Hilfe heulend, die Flucht ergriffen. Zwei von ihnen trugen wdder ihr Erwarten nicht alte Hosen, wühl aber blutige Köpfe davon. Spendet anläßlich der Bilchsenleerung des Keren Kajemeth in der Zeit vorn 29. Mai bis incl. 12. Juni reichlich! Verlanget Keren Kajeineth-Legitimationeni

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.