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Die Stimme · 1932-05-19 · Heft 228 (19.5.1932) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 228 (19.5.1932)
Date
1932-05-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 228 — 19. Mai 1932 DIE STIMME Sette 8 Freud und leid aus nah und fern Keine Steuerbefreiung des Keren Kajemeth ln England Das Gericht des House of Lords hat den vom Keren Kajemeth Lejisrael Ltd., in England erhobenen Einspruch gegen den Entscheid früherer Gerichte, wonach das Einkommen des Jüdischen Nationalfonds in England der Einkommensteuer unterliegt, ohne den Kronanwalt zu Rate zu ziehen, abgewiesen. Die Kosten des Verfahrens hat der Nationalfonds zu tragen. Der Anspruch des Nationalfonds auf Befreiung seiner Einkünfte von Einkommensteuer gründete sich darauf, daß der Nationalfonds eine die jüdische Religion fördernde Institution sei und daß seine Unterstützung einer Förderung religiöser Interessen gleichkommt. Das Oberhausgericht kam demgegenüber zu dem Schluß, daß die vorinstanzlichen Gerichte im Rechte waren, als sie sich auf den Standpunkt stellten, daß i,m Falle des Jüdischen Nationalfonds das für eine Steuerfreiheit maßgebende Motiv des religiösen oder karitativen Zweckes nicht in Betracht kommt. Lord Temlin gab als Vorsitzender eine Begründung des abweisenden Entscheides. Aus den Statuten sei zu ersehen, daß es das Ziel sei, Böden, Wälder und andere Besitzrechte durch Kauf, Pacht, .Tausch usw. zu erwerben und auf ihnen Juden anzusiedeln. Weitere Ziele sind die Aufführung von Arbeiten öffentlichen Interesses, Bergbau u. ä. m. Das Gebiet. das die Gesellschaft laut ihrem Statut in den Bereict ihrer Arbeit ziehen will, ist weit größer als das Gelobte Land, auf das die Genesis verweist; es umfaßt außer Palästina auch Syrien und andere Teile Asiens. Seitens des Anwalts wurde ins Treffen geführt, daß viele biblische Gebote nur im Gelobten Lande erfüllt werden könnten und daß die Rückkehr ins Gelobte Land ein Kernstück der jüdischen Religion sei. Dies akzeptiert das Gericht durchaus. Es rechtfertigt aber noch immer nicht den Aspruch auf Befreiung von Einkommensteuer, denn es ist nicht das Ziel der Gesellschaft, etwas zu tun, was an sich religiös sei. Der Jüdische Nationalfonds ist entschlossen, sein Statut in einer Weise abzuändern, daß er in Zukunft vor ähnlichen Schwierigkeiten bewahrt werde. Auch in England Synagogenschändung In Deutschland gehört es heute leider zur Tagesordnung, daß Nazi-Rowdies jüdische Friedhöfe schänden. So wurden jüngst auf dem jüdischen Friedhof in Durbach bei Offenburg dreizehn Grabsteine umgestürzt. Die Synagoge in Krossen a. d. O. wurde mit der Inschrift «Zerschlagt die Judenpest» besudelt. In England scheint jetzt dieser Vandalismus Schule zu machen. In Leeds brachen am 12. Mai nachmittags bisher nicht ermittelte Täter in das Gebäude der Talmud Thora- Schule von Leeds, das der Synagoge angebaut ist, ein und richteten dort ungeheure Verheerungen an.Von der Schule kamen sie in den Betraum der Synagoge, brachen die Thoralade auf, warfen die Thorarollen auf den Boden und schlugen einen großen Teil der Einrichtung In Trümmer. Die Wände der Klassenräume in der Talmud Thora-Schule beschmierten sie mit obszönen Worten, sie zerrissen die Gebetbücher der Schulkinder, vernichteten die Unterrichtszwecken dienenden Wandbilder und streuten die Schulutensilien überall umher. Präsident Lebrun ein Freund des Palästinawerkes Albert Lebrun, der neugewählte Präsident der Französischen Republik, hat in den letzten Jahren wiederholt seiner Sympathie für das Palästinawerk und den Gedanken des Jüdischen Nationalheims Ausdruck gegeben. Er ist tätiges Mitglied des ComitS France- Palestine. Er präsidierte dem im vergangenen Jahre anläßlich der Schließung des Palästinapavillons auf der Internationalen Kolonialausstellung veranstalteten Bankett. ln der Ansprache, mit der er das Bankett einleitete, fand er Worte höchster Anerkennung für die jüdische Arbeit in Palästina. Das böhmische Landesamt gegen Schächtverbote Eine Reihe von Stadtvertretungen in deutschen Gegenden Böhmens hat in der letzten Zeit das rituelle Schächten verboten oder verhindert; so geschah es z. B. in Mies, Trautenau, Aussig a. E. Gegen dieses Vorgehen ist der Oberste Rat der jüdischen Kultusgemeindenverbände eingeschritten, mit dem Erfolge, daß diese Verbote aufgehoben, bezw. sistiert wurden und in allen diesen Städten wieder rituell geschlachtet werden kann. Um künftighin ein derartiges ungesetzliches Vorgehen im Keime zu ersticken, hat das Landesamt in Prag folgendes Zirkular an alle Bezirksbehörden gerichtet: Ein Verbot des rituellen Schlachtens in den Gemeindeschlachthäusern, durch welches die Angehörigen einer vom Staat anerkannten Religion in der Ausübung von Kulthandlungen, welche durch die geltenden Vorschriften nicht verboten sind, behindert werden, ist im Widerspruch mit der Bestimmung des § 122 der Verfassungsurkunde. Jüdischer Rayon Kalinlndorf entvölkert Entschließungen der maßgebenden Sowjetkreise lassen erkennen, daß die Lage der autonomen jüdischen Siedlungsrayone Kalinindorf und Stalindorf unhaltbar geworden ist und daß die Existenz dieser Kolonienkomplexe unmittelbar gefährdet ist, wenn nicht sofort Anstrengungen großen Stils gemacht werden, um diese Rayone am Leben zu erhalten. Aus einem soeben veröffentlichten Beschluß der kommunistischen Partei der Ukraine geht hervor, daß die Verwaltung des Kalinindorfer Rayons erwogen hat, den Rayon Kalinindorf infolge der Abwanderung des größten Teiles der jüdischen Kolonisten seines Charakters als spezifisch jüdischen Rayon zu entkleiden. Die offiziellen Regierungsstellen mißbilligen entschieden diesen Plan. Die ukrainische kommunistische Partei hielt eine außerordentliche Sitzung ab, in der beschlossen wurde, die Zentralregierung zu ersuchen, sofort 500 Pferde und 15 Traktoren nach Kalinindorf zu entsenden, damit die Frühjahrsanbaukampagne dort vor dem Zusammenbruch gerettet werde. Eine von KOMZET herausgegebene offizielle Information stellt fest, daß von 1916 jüdischen Familien, die noch i. J. 1931 in Kalinindorf lebten (vorher waren es über 2000 jüdische Familien), heute nur noch 350 Familien auf ihrem Boden ausharren. Erhöhte Opferbereitschaft! Das Direktorium des Keren Hajessod erläßt einen von den Direktoren Dr. Artur Hantke und Leib J a f f e gefertigten Aufruf an sämtliche Keren-Hajessod-Komitees, in dem darauf hingewiesen wird, daß die Palästinaexekutive für die nächsten Monate zweitausend Zertifikate für Arbeitereinwanderung zugewiesen erhalten hat. «Nach einer längeren Zeit beschränkter Einwanderung ist jetzt wieder eine größere Möglichkeit für neue Einwanderung gegeben. Selbstverständlich befriedigt das bewilligte Kontingent nicht unsere Forderungen. Aber die Anzahl der Zertifikate für das nächste Halbjahr und ihre Vergrößerung in den kommenden Jahren hängt doch hauptsächlich von uns und von unserer Arbeit ab. Es darf nicht wieder eine Lage geschaffen werden wie vor zwei Jahren, als die Palästinaexeku- ISO Restaurant Billet Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal II., Hammer rurgstaiigasse 3, Tel. A 48-6-82 tive daran war, wegen Mangels an Mitteln die Annahme von Zertifikaten seitens der Regierung zu verweigern. Wir müssen unsere Anstrengungen verstärken. Wir dürfen in diesem Moment keine Schwäche zeigen. Eine Verstärkung unserer Arbeit ist nicht nur wegen der Bedürfnisse der Einwanderung erforderlich. Die Schulen der Jewish Agency befinden sich in einer kritischen Lage und diese Verhältnisse bedrohen aufs schwerste das jüdische Erziehungswerk, das unter großen Anstrengungen und Opfern im Laufe einer Generation geschaffen wurde. Einige landwirtschaftliche Siedlungen, die wir bisher nicht konsolidieren konnten, befinden sich in einer bedrängten Lage. Wir müssen die Mittel für ihre volle Konsolidierung beschaffen. Regenmangel und Dürre haben die Schwierigkeiten noch erhöht. Juden aus vielen Ländern sind ins Land gekommen, um sich hier niederzulassen. Auch hierfür muß der Keren Hajessod die Bedingungen schaffen helfen. Unser nationales Kapital wird für die Befriedigung der Bedürfnisse verlangt, die das private Kapital zu sichern nicht imstande ist. Wir befinden uns jetzt im zweiten Halbjahr der Keren-Hajessod-Arbeit. Ueberall müssen wir unsere Arbeit verstärken. Wir kennen die furchtbare Lage in den meisten Ländern. Es gibt aber keinen anderen Weg. Gerade in der Zeit der Not und Gefahr müssen wir unseren Glauben, unsere Energie und unsere hartnäckige Entschlossenheit erweisen. Hindernisse dürfen nicht zur Einstellung oder Schwächung unserer Arbeit führen.» Der Aufruf wendet sich schließlich mit einem Appel! an alle Freunde und Mitarbeiter des Keren Hajessod, mitzuhelfen, daß die Zahl der Zeichner erhöht und die Beiträge auf dem des Keren Hajessod würdigen Niveau gehalten werden. In diesen Tagen werde die O p f e r s p e n d e für den Aufbau des Volkes gefordert. Auf jedem unserer Genossen lastete ine schwere und entscheidende Verantwortung. # Die Keren-Hajessod-Einnahtnen im ersten Halbjahr 5692 Der Keren Hajessod vereinnahmte in den ersten 6 Monaten des laufenden Geschäftsjahres nach Abzug der Unkosten in den einzelnen Ländern 114.833 engl. Pfund. Hievon kamen 36.636 engl. Pfund aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Nettoeinnahmen im ersten Halbjahr 5692 waren um 5895 engl. Pfund größer als in der ersten Hälfte des Jahres 5691. Allerdings ging im Vorjahre ein außerordentlicher Beitrag von Baron Edmond Rothschild von 20.000 engl. Pfund ein. Im laufenden Jahr sind solche besondere Eingänge leider nicht zu verzeichnen. Auf Grund dieses Ergebnisses der ersten Jahreshälfte darf auch für den Rest des Jahres auf entsprechend große Eingänge gerechnet werden. Voraussetzung hierfür ist, daß alle Länder, insbesondere die Vereinigten Staaten von Amerika, wo die Kampagne für den Keren Hajessod erst im Jänner begonnen hat, besondere Anstrengungen machen, um die Arbeit auch in den Sommermonaten energisch durchzuführen. IVifii Ihr schon? In New York sind Statistiken darüber aufgestellt worden, welche Sprachen im Galuth von den Juden gesprochen werden. Wißt Ihr schon, welche interessante Tatsachen da konstatiert worden sind? Vor allem fällt auf, daß die deutsche Sprache, die früher die jüdische Welt beherrscht hat, in den Hintergrund gedrängt worden ist. Von den etwa 15 Millionen Juden im Galuth haben 8 Millionen jiddisch, 2i/2 Millionen englisch und 1 Million deutsch zur Muttersprache. Die Zahl der englischsprechenden Juden hat sich von 100.000 im Jahre 1875 auf 1,100.000 im Jahre 1900 und 2i/2 Millionen im Jahre 1930 erhöht. Zieht man in Betracht, daß in englischsprachigen Ländern mehr als 6 Millionen Juden leben, deren Kinder später englisch als ihre Umgangssprache haben werden, so sei anzunehmen, daß das Englische in Zukunft die jüdische Welt beherrschen wird. Der Rückgang der deutschen Sprache unter den Juden sei auf den Verlust Elsaß-Lothringens im Westen und einer Anzahl Provinzen im Osten sowie auf den Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie zurückzuführen, durch den die deutschsprechende Judenschaft der Tschechoslowakei, der Bukowina und anderer Länder, durch die Verhältnisse gezwungen, allmählich die deutsche Sprache als Umgangssprache aufgebe. Von den in Amerika lebenden Juden haben nach den soeben veröffentlichten Ergebnissen der letzten Volkszählung 1,220.658 Juden, davon allein 656.466 in New York, 68.264 in New Jersey und 22.505 in Connecticut, Jiddisch als ihre Muttersprache angegeben. Wißt Ihr aber vielleicht, wie viel Juden in Amerika als Farmer leben? Die Jüdische Landwirtschaftliche Gesellschaft veröffentlicht einen Bericht, nach dem zurzeit ln der Landwirtschaft Nordamerikas 100.000 Juden tätig sind; vor 32 Jahren waren es nur 1000 Personen. Im Berichtsjahr hat die Gesellschaft 10.288 Kreditgesuche im Betrage von 6.75 Millionen Dollar an jüdische Farmer bewilligt. In der Nähe von New York hat die Gesellschaft Musteifarmen errichtet. Ein Stab landwirtschaftlicher Experten versorgt die jüdischen Farmer mit allen notwendigen Informationen und Instruktionen. Die Gesellschaft gibt auch die Zeitschrift «The Jewish Farmer» heraus, das einzige landwirtschaftliche Blatt in jiddischer Sprache. Das Stellenvermittlungsbureau der Gesellschaft hat 17.248 junge jüdische Leute in Farmen untergebracht. Da wir schon bei der Statistik halten: Wißt Ihr vielleicht, wie viel Juden in der Slowakei wohnen? Nach dem «Statisticky Obzor» ergab die letzte Volkszählung 136.668 jüdische Seelen. Das Amtsblatt der StaJt Bratislava teilt mit, daß in den Jahren 1926 bis 1931 42 Jüdischnationale gestorben sind. Der Quotient auf Tausend beträgt 0.1 Prozent und weisen somit die Jüdischnationalen den günstigsten Stand der Mortalitätsziffer in Bratislava auf. In dem Budgetpräliminare der Stadt Bratislava sind eingestellt Kc 18.400 für das jüdisch-orthodoxe und Kc 4000 für das neol. Schulwesen, Kc 42.000 für die Armenbeteiligung beider Kultusgemeinden und Kc 10.000 für das jüdische Krankenhaus. In Uzhorod (Karpatho-Rußland) bekannten sich im Jahre 1921 zur jüdischen Nationalität 3743 Juden, im Jahre 1930 — 6200. Jetzt aber eine weniger trockene Frage. Habt Ihr schon gehört, wie der Bischof von Trier in einem Moseldorf begrüßt wurde? Also, dort war Firmung. Bischof Dr. Bornewasser kommt eigens dazu hin. Die Bevölkerung steht auf der Dorfstraße und begrüßt den Gast. Der steigt vom Wagen, geht das Spalier entlang, nickt freundlich nach rechts und links, guckt väterlich den kleinen Kindern in die Augen, tritt auf eins, ein besonders niedliches, zu, legt ihm die Hand aufs Köpfchen, segnet es. Der Bischof will weiterschreiten, nimmt die Hand von dem blonden Lockenkopf, da hascht das kleine Mädchen aber nach der bischöflichen Hand, will nicht loslassen und sagt, deutlich in die Stille hinein: «Gut Schabbes, Herr Bischof 1» Denn das Kind war es so gewöhnt, daß wenn sein Vater, der Synagogenvorsteher vom Ort, es am Freitagabend benschte, man dann seine Hand nahm und gut Schabbes wünschte.

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