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Die Stimme · 1932-05-19 · Heft 228 (19.5.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 228 (19.5.1932)
Date
1932-05-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 228 — 19. Mal 1932 DIE STIMME Seite 3 Unendlich« Dankbarkeit und; Sehnsucht Eindrücke des gewesenen polnischen Arbeitsministers Pruchnik ron einer Palästina-Reise Warschau, Anfang Mai. Seit Wochen steht das jüdische Leben in Warschau im Zeichen der Palästina-Fahrten. Mehr als zweitausend Einzelreisende aus Polen haben von mächtiger Zionssehnsucht getrieben, den fruchtbaren Boden Alt- Neulands besucht. Unzählige enthusiastische Reisebriefe kamen von Osten in das durch die Krisenwelle durchwühlte nördliche Land geflattert und verfehlten Ihre Wirkung nicht. Ein sehr großer Prozentsatz der Reisenden, die an den verschiedenen von Handelsgesellschaften und Zeitungsredaktionen veranstalteten Exkursionen teilnahmen, verblieb auch nach der Levante- Messe und der Makkabiah im Landen um die seligen, glücklichen Stunden der Verbundenheit mit der eigenen Scholle zu verlängern. Die im Lande Zurückgebliebenen erleben immer wieder einen Schauder der Ergriffenheit, 80 oft eine Kunde aus dem heiligen Land voll Freude und Zuversicht zu ihnen dringt. Wir durchleben mit ihnen eine Renaissance des zionistischen Denkens und Fühlens und merken unwillkürlich, daß der Alltag des Galuth von den Kümmernissen und dem Trübsal der Zeit noch nicht ganz verschüttet wurde. Die Lücke, die im jüdischen öffentlichen Leben Polens dadurch entstanden ist, daß der Ehrenpräsident der zionistischen Organisation Jizchak Ortinbaum seinen Wohnsitz nach Paris verlegt hat und der frühere Präsident der Warschauer Kultusgemeinde und ehemalige Abgeordnete Farbstein, in die oberste zionistische Leitung berufen, in Jerusalem seine Zelte aufgeschlagen hat, ist noch nicht ausgefüllt worden. Das polnische Sprachrohr Grünbaums, die Tageszeitschrift «Nove Slowo», hat wenige Tage nach Grünbaums Abreise einen Setzerstreik dazu benützt, um «in Ehren» vom Schauplatz zu verschwinden. Nun hat auch der ehemalige Senator Dawldson keine Gelegenheit mehr, seine kraftstrotzenden Leitartikel vom Stapel zu lassen. Die ältere polnisch-jüdische Tageszeitung «Nasz Przeglad» wirbt dafür in erhöhtem Maße um die Gunst des jüdischen Lesepublikums und trachtet das Artikelmaterial möglichst zu verbessern. Einer der Schriftleiter dieser Zeitung, Saul Wagman, hat von Palästina aus recht Interessante Reiseschilderungen von Land und Leuten In seinem Blatt veröffentlicht. Herr Professor Balaban sorgt allwöchentlich für wissenschaftlichen Lesestoff auf dem Gebiet der jüdischen Geschichtsforschung und Kunstliteratur. Eine erfreuliche Tatsache im jüdisch-polnischen lieben ist die Gründung der polnisch-palästinensischen Handelskammer, verbunden mit einer ständigen Musterschau von Landesprodukten aus Erez Israel. Diese Institution entsprang einem realen Bedürfnis der Anknüpfung von Handelsbeziehungen zwischen Polen und Palästina, wobei dieses Land nicht allein als Konsument in Betracht kommt, sondern auch richtigerweise als Ausfallstor und Transitland für den polnischen Warenexport nach dem nahen Osten gewertet wird. Die neue Institution entfaltet unter der Leitung Lewites Sine recht lebhafte Pressetätigkeit und hat jüngst beschlossen, einen Zyklus von Palästinavorträgen zu veranstalten. Man fühlt sich geradezu um 25 Jahre jünger, wenn man als Zuhörer den grundlegenden Vorträgen über Palästinakunde lauscht. Soeben stehe ich unter dem Eindruck eines Massenmeetings im Neuigkeitstheater der Warschauer Bielanskagasse, das unter dem Vorsitz des Organisators der genannten Handelskammer, des im öffentlichen Leben Warschaus wohlbekannten Handelsrichters Maksymilian Friede, stattgefunden hat. Es war eine ausgezeichnete Idee, nach den einleitenden Worten des nichtzionistischen Präsidenten der jüdischen Agency in Polen, Dr. Goldflamm, den gewesenen polnischen Arbeitsminister HÜ Pruchnik zu Worte kommen zu lassen. Dieser bereiste jüngst Palästina, um Erfahrungen auf dem Gebiet der Entsumpfung zu sammeln und sie in seinem jetzigen Arbeitsgebiet, den Sümpfen von Polesie, zu verwerten. Minister Pruchnik kam als begeisterter Zionist zurück, nachdem er die landwirtschaftlichen Qualitäten des Landes gründlich durchforscht und einen Großteil der Fachliteratur durchstudiert hatte. An ihm hat sich das Wort Luthers bewährt: Wes das Herz voll ist, dem geht der Mund über. Ohne die Zuhörer zu ermüden, konnte Minister Pruchnik zweieinhalb Stunden alles Wesentliche über Klima, Flora und Fauna Palästinas erzählen und einiges von seinem frischen und unmittelbaren Enthusiasmus dem Publikum mitteilen. Es war herzerquikend, altbekannte Sachen aus dem Mund eines urwüchsigen polnischen Landwirts zu hören und man merkte, daß dem Redner das Erlebte und Erschaute wie eine Offenbarung vorkam. Immer wieder zog Minister Pruchnik biblische Bilder und Reminiszenzen heran und zeichnete ein freudiges Bild der schafs fenden und sich stets erneuernden Lebenskraft des jüs dischen Volkes und jüdischen Landes. Zum Schluß der rein sachlichen Ausführungen, in denen neben den geographischen, geologischen und bos tanischen Momenten die soziale Neuordnung der Dinge in den Kwuzoth und genossenschaftlichen Kolonisationsgebilden scharf unterstrichen wurden, hob Minister Pruchnik die wissenschaftliche Tätigkeit der hebräischen Universität und der einzelnen praktischen landwirtschaftlichen Versuchsstationen mit besonderer Anerkennung hervor. Er sprach mit besonderem Enthusiasmus von der durch die zionistische Idee angefeuerten Für Anlässe, I bei denen Sie I „gesehen" | werden, 1 Toiletten, § Hüte, Silber- | füchse etc. f von | kultiviertem | Geschmack, I f aber zu J KRUPNjKj pre!se!| Endlich der billige automatische Klein - Kühlschrank Ueberall aufzustellen oder aufsuhSngen Konkurrenzlos geringe Betriebskosten Motorlos.daher: keine Abnützungserscheinungen, keine Reparaturen, keine Wartung und größtmöglicher Nutzraum Auch In bequemen Teilzahlungen I ELECTRO LUX G.m.b.H. Schauräume: I. StOCk-lm-EISen-PlatZ 3, Telephon R-28-6-61) I. Nibelungengasse 9, Tel. a-ss-o-78, A-ae-o-si Opferwilligkeit des jüdischen Volkes, die sich in der Begründung und Erhaltung all dieser in anderen Fällen von Staats wegen errichteten und erhaltenen Instruktionen ausdrückt. Palästina ist als Versuchsland hervorragend interessant und die Ergebnisse der Arbeit der landwirtschaftlichen Versuchsstation in Tel-Awiw und in den einzelnen Kolonien werden im ganzen Orient und überhaupt in der zivilisierten Welt hochgeschätzt und im Interesse der ganzen Menschheit verwertet. Minister Pruchnik bekennt sich zu einer durchaus optimistischen Auffassung der weiteren Entwicklung Palästinas. Der Aufenthalt im heiligen Land habe ihn belehrt, wie man die jetzige Krise, die eigentlich eine Krise der menschlichen Hirne ist, durch tätige Arbeit und Initiative überwinden kann. Er unterstreicht insbesondere, daß die Landwirtschaft Palästinas durch die jüngst aufgenommene Erzeugung eigener Dungmittel aus der Pottasche des Roten Meeres neue Impulse empfangen wird und sich am Vorabend einer großartigen Entwicklung befindet. Durch den Bau der Rohöl-Pipeline von Mossoul her, die im Hafen von Haifa münden soll, Jüdische Motive in der altdeutschen Dichtung Von Dr. HugoSpiegler Immer wieder wird von antisemitischer Seite versucht, einen sittlichen Trennungsstrich zwischen das Alte und das Neue Testament zu treiben. Jene Teile der Heiligen Schrift, die Juden und Christen gemeinsam heilig sind, sollen diesen moralisch verdächtig gemacht werden. Als Ersatz für diesen Verlust wird ihnen das Neue Testament, dessen ethische Forderungen sich dem Kenner als eine extreme Radikalisierung der jüdischen .Claubensgebote darstellen, als eine Offenbarung spezifisch arisch-germanischer Geistigkeit gezeichnet, die .völlig frei ist von irgendeiner Befleckung durch alttestamentarischer Mentalität. Mit einem Wort: Der künstliche Gegensatz, der zwischen deutschen Juden und deutschen Christen konstruiert wurde, soll auch innerhalb der christlichen Lithurgie anschaulich gemacht werden. Das christliche Mittelalter, das von religiösem .Geist seine stärksten Impulse im staatlichen wie im Einzelleben empfing, hat diesen angeblichen Gegensatz nicht gefühlt. Die altdeutschen Dichter, geistliche wie weltliche, haben ebensogern Motive aus dem Alten wie aus dem Neuen Testament bearbeitet. Charakteristisch in dieser Hinsioht ist es, daß derselbe Altsachse, der im 9. Jahrhundert den «Heliand» (Heiland) dichtete, um im Auftrag der Karolinger die christliche Gesinnung bei den Sachsen zu vertiefen, auch das erste Buch Moses in altsächsische Verse übertragen hat. Neben dieser «altsächsischen Genesis» sind aus dem Mittelalter noch drei andere deutsche Bearbeitungen des gleichen Stoffes erhalten: Die «Wiener», die «Millstätter» und die «Vorauer Genesis». An die erstgenannte schließt sich ein Exodus-Fragment in Aiutschen Versen an, das aber, wie man aus der stilistischen Verschiedenheit schließt, von einem anderen Autor stammt, als die Wiener Genesis. Diese verrät viel epische Kunst, am charakteristischesten in der Darstellung des Schwankens und endlichen Entschlusses der Eva, als sie den Apfel bricht, aber auch lyrische Schönheiten. So in der ergreifenden Klage über Rachels Tod und bei der ganz im mittelalterlichen Geist gehaltenen Ausmalung der Liebesverhältnisse zwischen Isak und seiner Braut, sowie zwischen Jakob und Rachel, Sichern und Dina. Ueberall steht der Dichter wie alle altdeutschen Schriftsteller unter dem Einflüsse heimischer Anschauung und Sitte. So wird das Gastmahl zu Ehren der Boten Isaaks ganz nach deutscher Art geschildert. Sogar politische Tagesfragen spielen in das Epos hinein, z. B. die der Laieninvestitur der Bischöfe durch den Ring. Da diese durch den Papst Gregor VII. im Jahre 1078 verboten wurde, muß das Werk früher entstanden sein. Das ist das einzige, was wir über sein Alter mit Bestimmtheit sagen können. Nicht viel mehr wissen wir Über die Oertlichkeit seiner Entstehung. Die Sprache weist auf bayerisch-österreichisches Gebiet hin. Die von manchen vertretene Ansicht, daß es aus Kärnten stamme, bedarf noch des überzeugenden Beweises. Sicher ist bisher nur? daß die Handschrift, die sich jetzt in Wien befindet, in Kärnten gefunden und dort schon im 12. Jahrhundert bearbeitet worden ist. Diese Bearbeitung ist die erwähnte «Millstätter» Gene* sis und Exodus. Sie erreicht das Wiener Original in dichterischer Beziehung nicht, übertrifft es aber durch Sachlichkeit und engere Anlehnung an die Bibel. Das Verhältnis der Wiener und der MillstätterGenesis zur «Vorauer» ist noch nicht ganz geklärt. Für diese dritte Genesis, die wir aus der Uebergangszeit vom Althochs deutschen zum Mittelhochdeutschen besitzen, ist das Hervortreten theologischen Interesses charakteristisch. Der Verfasser erzählt nicht bloß, sondern er deutet die Erzählung suHi. So legt er die drei En.^tschöre als die drei geistigen Kräfte Gedächtnis, Vernunft und Liebe aus. Neben dieser Genesis enthält die Vorauer Hands schrift noch zwanzig andere deutsche Gedichte, von denen nicht weniger als sieben dem Stoffgebiete des Alten Testaments angehören: ein «Josef in Aegypten», «Moses», aus dem einige ein besonderes Stück «Josua» ausscheiden wollten, ein «Lileam», «Die drei Jünglinge im Feuerofen», eine ältere (fränkische) und eine jiins gere (dialektisch unbestimmbare) «Judith» und ein «Lob Salomos». Noch interessanter für uns Juden ist aber das gleichfalls in der Vorauer Handschrift enthaltene dichterisch wertvolle «Alexanderlied» des mittelfränkischen Pfarrers Lamprecht, weil es ein Motiv aus dem Talmud wiedergibt: die Erzählung von dem Vordringen Alexanders des Großen zu den Pforten des Paradieses, wo er über die Nichtigkeit aller irdischen Macht und Größe aufgeklärt wird. Es zeigt sich also, daß die deutschen Dichter des Mittelalters nicht nur jene Teile des jüdischen Schrifttums, die auch vom Christentum als kanonisch gewertet werden, als dem deutschen Geist homogene, der dichterischen Verklärung würdige Stoffe betrachten, sondern darüber hinaus auch das rein jüdische Eigentum der rabbinischen Literatur. Das «Alexanderlied» ist nicht der einzige Beleg hiefür. Auch in das oben erwähnte «Lob Salomos», ein fränkisches Gedicht, das Salomons Hofhaltung, sein Ansehen und seinen Ruhm im Spielmannston preist, ist eine rabbinische Sage eingeschaltet: «Salomo und der Drache». Im 13. Jahrhundert verfaßt der Schweizer Ritter Rudolf von Ems ein Epos «Der gute Gerhard», das nichts anderes darstellt, als eine in das deutsche Kaisermilieu verlegte Variante der rabbinischen Erzählung von dem gelehrten Rabbi, der seinen künftigen Genossen im Paradies kennen lernen will. Gott zeigt ihm im Traum den — Schächter. Voll gekränkter Eitelkeit sucht der Rabbi am nächsten Morgen diesen Mann auf und erkundig!

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