Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 227 (12.5.1932)
- Date
- 1932-05-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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' Nr. 227 — 12. Mai 1932 OIE STIMME Seite 5 Saure Wochen, frohe Feste, neuer Alltag Tel-Awiw, April. Läßt man einen Blick auf die nun vergangene Periode fallen, so muß eines Mannes gedacht werden, der die Fäden zu all den großen Veranstaltungen in der Hand hielt, des Bürgermeisters von Tel-Awiw, Mair Disengoff. Das Alter von 71 Jahren war dem Mann gar nicht anzusehen, als er den Purimumzug wie auch den Makkabiahaufmarsch an der Spitze ‘einer Reitergruppe einleitete. Als der High Commissioner die Eröffnungsansprache der Levante-Messe mit den Worten begann: «Mr. Disengoff, Ladies and Gentlemenf» klang aus dieser Ehrung derselbe Dank und die gleiche Anerkennung für geleistete Arbeit wie aus den Beifallsrufen auf den Straßen Tel-Awiws, sobald sich Discngoffs markante Figur auf seiner Stute zeigte. Der Purim war auch diesmal wohldurchdacht und wohlorganisiert. Das Volksfest hieß in diesem Jahre nicht mehr «Karneval». Auf ein Preisausschreiben des Purimausschusses kamen weit über hundert Vorschläge und den ersten Preis erhielt der Name «A d I ojaltoh», der die Zusammenziehung der hebräischen Uebersetzung für «bis man nichts mehr weiß» ist, Lnd gleichzeitig die in der Welt übliche Endung für die Namen großer Veranstaltungen besitzt. Im eigentlichen Zeichen des Fremdenverkehrs stand die «Maklcabiah». Sie war das Sorgenkind seiner Veranstalter, denn wenige Wochen vor der Durchführung dieses grandiosen Sportfestes war es nicht sicher, ob sich die Schwierigkeiten, die in Paß- und Visafragen einerseits, in Sportplatzbau und Geldfragen anderseits bestanden, würden lösen lassen. Die «Makkabiah» ist ein Werk verbissenen Durchhaltens. Der Vater des Gedankens eines all jüdischen Sport- und Turnfestes in Palästina, äst Josef Jekutieli, der europäischen Judenschaft als Leiter der Makkabimotorradgruppe bekannt, die im vergangenen Sommer die Fahrt Tel-Awiw—London mit einer waghalsigen Wüstendurchquerung einleitete. Er war es auch, der die verzagenden Genossen in den Makkabiausschüssen stets von neuem aufrüttelte und für das Werk bis zur Selbstvergessenheit wirkte. Der palästinensische Arbeiterführer Ben-Gurion sagte von der Makkabiah, sie sei ein nationales Werk, dem nur die Balfour-Deklaration und die Eröffnung der hebräischen Universität gleichzustellen seien. Allein der Tag der Eröffnung der Makkabiah, der 28. März, brachte an zweitausend Menschen ins-Land, eine Zahl, die noch nie erreicht worden ist. Und dieser Tag, da zweitausend Leute ausgeschifft, bequartiert und versorgt werden mußten, war der Tag der höchsten Leistungsprüfung für Tel- Awiws Bevölkerung; sie hat diese Prüfung glänzend bestanden. Der Hauptteil der Makkabiahvorführungen wurde auf dem neuen Stadionplatz in Tel-Awiw durchgeführt, am Meeresstrand an der Einmündung des Jarkon. Fünf Wochen vorher erst wurden diese Sanddünen offiziell von der Regierung für einen Stadionbau ln Tel-Awiw übergeben. Allen Zweifeln zum Trotz ging der Architekt der Stadtgemeinde Tel-Awiw Schiffmann mit den spärlichen Mitteln, die der Makkabi durch Bausteinaktionen in Europa und durch einen von seinem Vizepräsidenten Dr. Rosenfeld veranstalteten Drive in New York aufgebracht hatte, an die Arbeit. An seiner Seite stand ein junger palästinensischer Architekt namens Goldstein und eine Gruppe Handwerker und Schwarzarbeiter aus dem palästinensischen Makkabi. Mit demselben Staunen, mit dem die so späte Aufnahme der Arbeiten an den Sanddünen begleitet wurde, beschauten alle das fertige Stadion mit seinen internationalen Ausmaßen, in Qualität keinem europäischen Sportplatz nachstehend. Den nüchternen und praktischen Anstrich unserer «Festwochen» gibt die Levante-Messe. Diese große Industrie- und Handelsausstellung hat denselben geordneten Charakter, der sich in allen anderen Veranstaltungen ausprägt. Große, geräumige Pavillons, zumeist von der Baugenossenschaft der Arbeitergewerkschaft er- baut, nehmen Aussteller als aller Herren Länder auf. Auch etliche österreichische Firmen haben einen geschmackvollen Stand; zu einem Pavillon hat es sichtlich nicht gereicht und Fremdenverkehrspropaganda wird auch nicht gemacht. Warum? In eigenen Häusern der Messe stellt die palästinensische Industrie aus. Vorbei •ind die Zeiten, da man aus Palästina bloß Mazzes, (Wein, Taleissäm und Säckchen mit Erde erwartete. Es gibt kaum einen Industriezweig, der nicht im Palästinapavillon Landeserzeugnisse ausstellte. Schuhe, Strümpfe und Wirkwaren, Kunstgewerbe, Ledergalanterie, Schokoladewaren,* Orangen und Orangensäfte, Zement verzeichnen schon heute großen Export. Gerade diese Messe hat vielen zufälligen Besuchern aus dem Auslande die Augen geöffnet und viele neue Kaufabschlüsse lassen eine erhebliche Besserung der Handelsbilanz und einen Ausbau auch der übrigen Industriezweige erwarten. Und es wird wirklich gekauft und verkauft. Die allseits zustimmende Antwort auf die Frage nach dem Geschäftsgang klängt gar nicht pflichtschuldig und konventionell. Die diesjährige Messe wurde um einen halben Monat verlängert. Die Vorbereitungen für die nächste Messe sind in Angriff iwiommep. Von Julian Aron Noch an den Purimtagen tanzten Araber aus Jaffa in den Gassen Tel-Awiws zur Horahmelodie ihre Volkstänze. Zur Makkabiah und in den ersten Messetagen sah man aber fast keine Araber unter den Zuschauern. Die arabische Exekutive und ihre Presse hatte geradezu einen «Cherem» gegen diese spezifisch jüdischen Veranstaltungen ausgesprochen. Sie wollten besonders dem Oberkommissär eins versetzen, der das Ehrenpatronat über diese zwei Veranstaltungen übernommen hatte. Die Würde der Veranstaltungen aber und der Umstand, daß nun in der Welt alle Leistung in Palästina auf jüdisches Konto gebucht wurde, hat diesen Bann gebrochen. Ueberdies konnten sich die arabischen Massen nicht einen ganzen Monat lang den Zwang auflegen, die Ausstellung und die fliegenden Schaukeln des Lunaparkes nicht zu besuchen. Mit der Beendigung der Messe und der Rückkehr der tausenden Besucher kehrt Palästina in den Alltag zurück. Aber in einen neuen Alltag. An die zwanzigtausend Juden aus aller Welt haben das reale Palästina gesehen und werden von ihm zu erzählen wissen. Schon heute nehmen die Bodenkäufe ausländischer Juden aus Europa zu, wie schon vor Jahren amerikanische Juden ihre Gesellschaften für Koloniegründungen gebildet haben. Damit tritt ein neuer Typus in das Aufbauwerk Palästinas: Der Jude, der noch in der Galuth seinen Geschäften nachgeht und in Palästina sich eine sichere Zukunft schafft. Diese neue Aera schafft auch erhöhte Arbeits- und Unterkunftsmöglichkeiten für den palästinensischen Arbeiter und Chaluz, Wißt Ihr schon? Habt Ihr schon von dem kuriosen Rechtsfall gehört, der sich kürzlich in Palästina zugetragen hat? Eine fromme Jerusalemer Jüdin, die in gesegnete Umstände kam, bestellte bei einem Thoraschreiber ein Sefer- Thora, das während ihrer neun Schwangerschaftsmonate geschrieben werden mußte. Sie gelobte, das Sefer der Synagoge nach den glücklichen Verlauf der Geburt zum Geschenke zu machen. Sie zahlte dem Thoraschreiber vereinbarungsgemäß 50 Pfund, verlangte aber plötzlich mit einer Klage 24 Pfund zurück, indem sie vor dem Richter geltend machte: 1. Sie habe einen Traum gehabt, in dem ihr offenbar wurde, daß der Beklagte beim Schreiben des Buches «Wajikra» (Leviticus) in Gedanken sich mit anderen Dingen beschäftigt habe, während er seine Gedanken nur auf den von ihm geschriebenen Text hätte konzentrieren müssen. Daher sei das Sefer Thora possel. 2. Der Beklagte habe das Sefer Thora nicht, wie vereinbart, während der neun Schwangerschaftsmonate geschrieben. Er habe vielmehr schon einen Teil beendigt gehabt, als er den Auftrag der Klägerin erhielt und habe dann einfach weitergeschrieben. Das Sefer Thora sei daher für die Mizwah wertlos. 3. Das Pergament sei an einer Stelle durchlöchert. Der Richter, der über diesen seltsamen Fall zu judizieren hatte, war ein Jude, ebenso der Gerichtsschreiber und der Anwalt. Das Sefer wurde während der Verhandlung öfters in Augenschein genommen. Immer, wenn das geschah, bedeckten Richter, Schreiber und Rechtsanwalt den Kopf. Nach der Besichtigung nahmen sie immer die Kopfbedeckung ab. Schließlich wurde das Verfahren geschlossen. Der Richter wußte sich offenbar keinen Rat und verkündete, er werde das Urteil noch bekanntgeben. Wißt Ihr, welches Land man heute als daß toleranteste Land der Welt bezeichnen kann? Das ist Holland. Ihre letzte Weihnachtsrede, die sie im Radio am Freitag abends hielt, verlegte die Königin auf eine spätere Stunde, und zwar nach dem jüdischen Gottesdienst, damit die Juden sie auch hören könnten. Doch es gibt da noch ganz andere Dinge zu berichten. Die Geschäftsleute, die aus religiösen Gründen am Samstag geschlossen haben, dürfen am Sonntag den ganzen Tag ihr Geschäft geöffnet halten. Wenn am Freitag ein Güterwaggon ankommt, brauchen sie auch bis Montag kein Lagergeld zu bezahlen. In den Eisenbahnbestimmungen heißt es, daß Abonnements, die von Israeliten genommen werden und am Samstag oder einem Feiertag ablaufen, an diesen Tagen nicht abgegeben zu werden brauchen, sondern am erstfolgenden Wochentag ablaufen. Als vor nicht zu langer Zeit die Königin in Amsterdam Audienz hielt (es war an einem Fasttag), bekam auch der Oberrabbiner dazu eine Einladung. Dieser schickte ein Entschuldigungsschreiben, er könne an diesem Tage nicht erscheinen. Daraufhin wurde die Audienz verlegt. Das jüdische Militär ist am Samstag vom Dienst befreit. Es gibt sogar ein Lager mit einer koscheren Kantine. Da die Soldaten aus diesem Lager im Winter am Freitagnachmittag den fahrplanmäßigen Omnibus nicht benützen könnten, um vor Schabbos in Amsterdam zu sein (es handelte sich um eine halbe Stunde), ist die Regierung mit dem Bezirksrabbiner in Korrespondenz getreten, ob es nötig sei, daß deswegen eine besondere, frühere Autoverbindung eingelegt werde. In den holländischen Zeitungen ist kürzlich eine ministerielle Verfügung bekanntgegeben worden, in der Tage und Stunden angegeben sind, wo dem jüdischen Militär Urlaub zu gewähren ist. Außer allen jüdischen Feiertagen ist u. a. auch genannt: Purim, 21. März von 16.30 bis 20 Uhr und 22. März von 6 bis 10 Uhr, zur Beiwohnung des Gottesdienstes und Tischo-Be’Aw vom 10. August, 20 Uhr, bis 11. August, 13 Uhr. Die Juden können in Holland alle Stellen, bis zu den höchsten, bekleiden. An der Universität Groningen gab es kürzlich zu gleicher Zeit 7 ordentliche jüdische Professoren, und es ist schon oft vorgekommen, daß die Direktoren von Oberrealschuien oder Gymnasien den Stundenplan von jüdischen Lehrern, wenn sie es verlangten, so einrichteten, daß sie am Schabbos vom Unterricht befreit waren. Aber sicherlich noch weniger als diese Tatsachen wird die vorbildliche soziale Einrichtung der Berliner jüdischen Gemeinde im 18. Jahrhundert bekannt sein. Eberhard Büchner erzählt über sie in der «Voss. Ztg.»: In der Berliner jüdischen Gemeinde waren ständig zwei Büchsen im Umlauf, die eine war versiegelt und wurde nur alle Jahre oder alle zwei Jahre vor dem Gemeindeältesten geöffnet; die zweite war immer offen. Sobald sich in der Gemeinde ein Todesfall ereignete oder eine Frau in die Wochen kam, ganz gleichgültig, ob es sich um Leute handelte, die man für arm oder reich hielt, wurden die beiden Büchsen in das betreffende Haus geschickt. Die offene Büchse enthielt eine größere Geldsumme, und es blieb dem Empfänger überlassen, ob er sie in voller Höhe in Anspruch nehmen oder ganz, bezw. teilweise ablehnen wollte. Im letzten Falle hatte er die Pflicht, das Geld in die versiegelte Büchse zu überführen, und es stand ihm, wenn er sich in guten Umständen befand, auch frei, die Summe noch nach Gutdünken zu vermehren. Niemand konnte also kontrollieren, ob er das Geschenk angenommen oder ob er der Gemeinde selbst eines gemacht hatte. Der Bedürftige brauchte sich der angenommenen Gabe nicht zu schämen, und der Reiche konnte sich seiner Wohltätigkeit nicht rühmen. ■ Max Portheim Ein stiller jüdischer Gelehrter Heute vor fünfundsiebzig Jahren, am 12. Mai 1857, kam Max (von) Portheim in Prag zur Welt, als Sohn eines wohlhabenden Kattunfabrikanten, dessen Fabrik unter Kaiser Franz II. in der Epoche des Aufschwunges der österreichischen Textilindustrie gegründet wurde. Die Vorfahren der Familie waren berühmte jüdische Gelehrte und Rabbiner, unter denen die Namen Wolf Spira und Aron Simon Spira (dessen Sohn) besonders glänzen; das Grabmal dieser beiden Leuchten der Wissenschaft ist heute noch erhalten und wird auf dem alten Prager Judenfriedhof als historische und künstlerische Sehenswürdigkeit gezeigt. Max Portheim besuchte die Technik in Prag und die Universität in Halle, bereicherte aber auch durch Reisen in alle Länder Europas und des Orients sein Wissen. Schon frühzeitig erwachte in ihm das Verständnis und die Neigung für historische Forschungen, die schließUch dazu führten, daß er zu Beginn der Neunzigerjahre eine eigenartige Sammlung anzulegen begann, die heute in Europa unter den privaten Objekten dieser Art unerreicht und ganz vereinzelt dasteht. Diese Kollektion und ein dazugehöriger mit minutiöser Sorgfalt angelegter Zettelkasten haben eine ganze Anzahl von Dissertationen und Veröffentlichungen über die Zeit Maria Theresias, Josefs II. und Leopolds II. — ihrer Epoche ist die Sammlung Portheims gewidmet — ermöglicht. Die Bücher über den Prinzen von Ligne wären ohne die Hilfe Portheims undenkbar. Die Schriften über Sonnenfels, Born, Trenck, Schikaneder, Friedrich Schönholz, Frangois Gonord, Karoline Pichler, de la Garde und eine Menge Publikationen über die zeitgenössische Kulturgeschichte sind hier angeregt oder sachlich hervorragend gefördert worden. Auch auf dem Gebiete der Lebensgeschichte und Bibliographie zur jüdischen Wissenschaft sind dank der, Sammlung Portheims ausgezeichnete Veröffentlichungen in gemeinsamer Arbeit mit Hofrat Dr. Michael Holzmann, Leon Ruzitzka u. a. entstanden Am heutigen Tage entbietet ein großer Kreis von Freunden und Verehrern Max Portheim die herzlichsten Wünsche anläßlich seines 75. Geburtsfestes und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß sein Lebenswerk einen fruchtbaren Boden finden und kräftig gedeihen möge. D. S c h m i d. Magen- und Darmstörungen, Anfälle von Leib weh, Stockungen im Pfortadersystem, Aufgeregtheit, Nervosität, Schwindelgefühl, allgemeines Unwohlbefinden werden durch täglich ein Glas natürliches «Fran-Josef»- Bitterwasser gelindert. In Apotheken und -Drog^rifiA