Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 226 (5.5.1932)
- Date
- 1932-05-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 226 — 5. Mai 1932 DIE STIMME Sette 7 Das jüdische Volk als Wellfriedensj aposie 1 Don Or. Erwin Samstag «Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Mund: „Ich, der Staat, bin das Volk”.» Nietzsche hat mit diesem Geistesblitz in die dunkelste Ecke des Baues der menschlichen Gesellschaftsordnung hineingeleuchtet. Obgleich der Staat vorgibt, nur Vollstrecker des geeinten Willens aller Bürger zu sein, macht er in Wahrheit die Menschen seinem Willen untertan. Statt die Bürger als schmiegsamer Mantel zu umhüllen, den man trägt, solange er vor drohenden Ungewittern wirksamen Schutz gewährt, und abwirft, wenn am wolkenlosen Firmament die Sonne wieder scheint, umkerkert er sie mit starren Gitterstäben, wie man wilde Tiere in Käfigen zusammenpfercht. Und seine Dompteure halten eisern Ordnung unter den Bestien mit Peitsche und Pistole. Von Zeit zu Zeit, wenn es die Dompteure hüben und drüben gelüstet, ihr Mütchen aneinander zu kühlen, oder wenn sie nach dem Hab und Gut des Nachbars lüstern sind, oder wenn Peitsche und Pistole gegen den wachsenden Widerstand im eigenen Käfig nichts mehr frommen, stößt man, nachdem die animalische Wut bis zur Siedehitze gestiegen ist, die bewachten Tore des Käfigs auf; und die losgelassenen Bestien, geblendet durch den lockenden Schimmer der Freiheit, stürmen entfesselt hinaus und fallen sinnlos rasend, blutlechzend über ihre Leidensgenossen im Nachbarkäfig her, bis sich diese zur Wehr setzen und ein gegenseitiges Schlachten anhebt mit Hieb und Gegenhieb, zerfleischend, zerstampfend, zermalmend, verheerend und schließlich in sich selbst zusammenfallend und versinkend in einem Meer zwecklos vergossenen Blutes, -Krieg. Ist der Krieg in der Natur der Menschen begründet, oder in der Art ihres Zusammenlebens? Die richtige Antwort lautet: In beiden. Beide Faktoren vereint geben das unerwünschte Produkt. Es gilt also, um ein besseres Resultat zu erzielen, die beiden kriegzeugenden Faktoren grundlegend zu ändern. In Sturmzeiten tritt der rohe Kampf ums Dasein unverhüllt wieder auf den Plan und mit ihm das Bruderpaar der Urtriebe, der Sclbsterhaltungs- und der Fortpflanzungs- oder Expansionstrieb, wie ich dieses Streben jedes Wesens nach Ausdehnung seiner Lebenssphäre über seine gegebenen Grenzen hinaus lieber nennen möchte. Wir können dieses wenig erbauliche Schauspiel täglich an den Rassenschützlern verschiedenster Couleur beobachten, deren erbitterter Kampf um die Ausschaltung volksfremder Elemente aus dem Geistes- und Wirtschaftsleben und um die Reinhaltung ihrer Rasse nichts anderes bedeutet, als das hemmungslose Hervorbrechen des nackten Selbsterhaltungs- und Arterhaltungstriebes. Angesichts der elementaren Ausbrüche niedrigster Instinkte, wie sie bei Lynchgerichten, Pogromen und Kriegsgreueltaten in Erscheinung treten, könnte man an der sittlichen Höherentwicklung der Menschen zweifeln, wenn nicht der größere Teil der Schuld auf Rechnung des zweiten Faktors, der Gesellschaft, zu setzen wäre. Was nottut, ist eine grundlegende Aenderung des Systems der menschlichen Gesellschaftsordnung, vor allem, wenn wir die Erhaltur des Weltfriedens im Auge haben, eine Reform ihrer höchsten Organisationsform, des Staates. Kein Pakt, keine Konferenz, und wenn sie Abrüstung bis aufs letzte Gewehr beschließt, keine Völkerbundpolizei und überhaupt keine Macht der Erde ist imstande, Kriege zu verhindern, solange der Charakter des Territorialstaates unverändert bleibt. Ob Monarchie oder Republik, ob Demokratie oder Diktatur, das ist bloß die herkömmliche äußere Form. Der wahre Kern aber ist — Gewalt; Gewalt nach innen — Zwang, Gewalt nach außen — Krieg. Jede Gewaltanwendung aber ist Barbarei, mag sie vom einzelnen oder von der Gesamtheit ausgehen. Darum fort mit dem Zwangscharakter der Staaten! An die Stelle des Prinzips der Zwangsge- Bieinschaft trete der Grundsatz der Freiwilligkeit. Nicht die Abstammung entscheide über die Zugehörigkeit zum Staat, sondern das freie Bekenntnis. Das Territorialprinzip, die Tatsache, daß sich die Staatsgewalt über ein streng abgegrenztes Territorium erstreckt, bildet die häufigste Ursache von Kriegen. Die territorialen Grenzen sind nichts anderes als ungeheuer ausgedehnte Reibungsflächen, wo sich entgegengesetzte Staatsinteressen solange aneinander reiben, bis es Feuer gibt. Mit dem Territorialprinzip fallen die Gitterwände der Käfige, in denen die Völker vergeblich nach Freiheit lechzen. «Staat» und «Land» sind dann nicht mehr kongruente Größen. Der lästigen Fesseln ledig, greifen künftig die Staaten über die enggezogenen Grenzen ihrer Länder weit hinaus. Die rassischen, sprachlichen und religiösen Minderheiten haben die Möglichkeit, sich nach freier Wahl ungehindert an ihren Mutterstaat anzuschließen, auch wenn sie von ihm durch noch so große Räume, ja selbst durch Meere, getrennt sind. Befreit von der sklavischen Bindung an da* Territorium, den üppigen Nährboden kriegerischer Expansionssucht, und doch mit einem Land gefühlsmäßig «erwurzelt, weltumfassend in immer weiter gefaßten Kreisen, und doch tief verankert im Boden der Heimaterde, organisierte Schicksalsgemeinschaft mit dem Vaterland als politischem Zentrum, so erscheint der Zukunftsstaat auf der Bildfläche der Weltgeschichte. * Grundpfeiler des neuen Staates sind Volk und Verfassung. Statt Zwang — freies Bekenntnis, statt Territorialgemeinschaft — Personalprinzip. Staat ist demnach die höchste Organisationsform einer durch gemeinsames Schicksal gefühlsmäßig dauernd verbundenen Menschengruppe. Die Tatsache, daß es jedem Menschen freistünde, auch mehreren Staaten zugleich als Bürger anzugehören, zum Beispiel gleichzeitig einem Heimstaat, einem Nährstaat und einem Religionsstaat, daß ferner die Interessensphären der verschiedenen Gemeinwesen räumlich ineinandergreifen, sich ganz oder zum Teil überdecken oder schneiden würden, wäre unstreitig eine bessere Bürgschaft für die Erhaltung des Weltfriedens als Festungen, Kanonen, Giftgase und Zeppeline. Aber, was hat, so könnte man fragen, mit all dem das jüdische Volk zu tun? — Das jüdisch^ Volk? Es soll der Welt wieder einmal ein Beispiel sein, soll den Weg bereiten zur Verwirklichung der grandiosen Vision, mit der einst der Prophet Jesaia der Menschheit den Weltfrieden verkündete. Und gerade das jüdische Volk scheint für diese Aufgabe geeignet wie kein anderes, sind doch seine Angehörigen, zerstreut über die ganze Erde, nicht nur durch Religion, sondern auch durch Bande des Blutes, Geschichte und die unzerstörbare Liebe zum Lande der Väter miteinander verbunden. Hier sind also die Voraussetzungen für ein Gemeinwesen gegeben, das in seiner Verfassung die Elemente des Religionsstaates, Volksstaates und Heimstaates vereinigen würde; ja mehr noch, auch die Keime der künftigen Staatsorganisation sind schon vorhanden — in der Verfassung der Jewish Agency, der völkerrechtlich anerkannten Repräsentanz des jüdischen Volkes, und in dem durch die Balfour-Deklaration verbürgten Anspruch des jüdischen Volkes auf Errichtung der nationalen Heimstätte in Palästina. Der Council der Jewish Agency, je zur Hälfte aus Zionisten und Nichtzionisten bestehend, hätte nun die Möglichkeit, als verfassunggebende Versammlung zusammenzutreten, feierlich die Unabhängigkeit des souveränen jüdischen Volkes zu proklamieren, die provi- Wißt Ihr schon, wie die Potash Company am Toten Meere die Malaria bekämpfte? Sie machte aus den Sümpfen, in denen sich die Moskitos sehr wohl fühlen, Salzseen, das sind große, seichte Wasserbecken, in denen das Salz unter Einwirkung der großen Hitze verdunstet. Und siehe da, es gab keinen Malariafall mehr. Die Moskitos segneten das Zeitliche, sie vertrugen nicht die Salzdämpfe, bei einem Salzgehalt von mehr als 7 Prozent. Wißt Ihr schon, wie die Namen der jüdischen Konzessionäre der heißen Quellen von Tiberias lauten? Surprasky, Richter Rosenblatt und Gesundheit. Vom letzten Namen wollen wir hoffen, daß er ein gutes Omen für alle Kranken sein möge, welche die Thermen benützen wollen. Hoffentlich wird aus den heißen Quellen ein zweites Gastein. Einstweilen ist der Mut der Konzessionäre zu bewundern. Sie zahlen der Regierung jährlich 3000 Pfund Pacht. Wißt Ihr schon, daß jüdische Vornamen keineswegs altjüdische Sitte sind? Rabbi Prcuss von Bronx weist in der Diskussion um die vielen jüdischen Namensänderungen in Amerika darauf hin, daß Juden immer und zu allen Zeiten nichtjüdische Namen getragen haben. Während der achthundertjährigen taimudischen Epoche finde man weder in der Mischna, noch in den Midraschim, weder im babylonischen noch jerusalemischen Talmud einen einzigen Mosche oder Abraham, obwohl über 2000 Lehrer Am 2. Mai 1932 starb unser lieber A. H.Dr. Richard Ornsiein «»> (XXX) Wir werden dem teuern Toten ein ehrendes Angedenken bewahren F I D U C I T 1 J. A. V. „Zephirah” in Wien Für die Aktivitas: Für den A. H. Verband: stud.jur.AlbertBader Dipl.Kaufin.ErnstStiassny sorische Verfassung zu beschließen und die erste Regierung des Judenstaates zu wählen. Die Regierung ihrerseits hätte den staatsrechtlichen Akt der Unabhängigkeitserklärung allen Staaten der Erde, in denen Juden wohnen, und dem Völkerbund zu notifizieren, und in aller Form um Aufnahme des neuen Staates in den Völkerbund anzusuchen. Zugleich wären mit diesem und mit England als gegenwärtigen Verwalter Palästinas Verhandlungen wegen Uebergabe der Verwaltung Erez Jisraels an die Regierung des jüdischen Volkes und wegen Uebernahme des völkerrechtlichen Protektorates über den Judenstaat und das einen integrierenden Bestandteil desselben bildende jüdische Nationalheim durch England als Beauftragten des Völkerbundes in die Wege zu leiten. Die Zusammenfassung der Juden in einem alle Teile des Volkes verbindenden Personalstaat, aufgebaut auf den Grundsätzen der Personengemeinschaft und der Freiwilligkeit, mit Erez Jisrael als territorialem Zentrum ist zweifellos der Schlüssel zur restlosen Lösung der Judenfrage. Darüber hinaus aber wäre der jüdische Volksstaat, — ohne Revolution, ohne jede Gewaltanwendung, ohne Blutvergießen ins Leben getreten, — ein kühner Schritt den anderen Völkern voraus auf dem steinigen Weg zu friedlicher Ordnung der menschlichen Gesellschaft. Es kann natürlich nicht meine Aufgabe sein, hier auf die Verfassung des Judenstaates, worüber ich in einem früheren Artikel (Nummer 133 vom 3. Juli 1930) Einiges mitgeteilt habe, näher einzugehen; auch die segensreiche Auswirkung der Existenz dieses Gemeinwesens auf die Lage der in der Zerstreuung lebenden Juden, die ja auf ihre bisherige Staatsbürgerschaft nicht verzichten müßten, soll hier nicht behandelt werden, ebensowenig wie der günstige Einfluß des jüdischen Staates auf das Verhältnis zu den Arabern, die in Palästina auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens volle Autonomie erhalten würden, oder auf die Lösung des Majoritätsproblems in Erez Jisrael und auf die Ausdehnung der jüdischen Kolonisation über die enggezogenen Grenzen Palästinas hinaus. Ob es gelingen wird, dem Traum vom neuen Judenstaat, dem Bahnbrecher der Weltfriedensidee, Leben einzuhauchen, darüber wird die nächste Zukunft entscheiden. Aber eines ist gewiß: Vergebens klammern wir uns an hohle Begriffe, wie Territorialprinzip, Zwangsgemeinschaft, Staatsnation, Minderheitsvolk; — das sind nur Fallstricke auf dem Wege zum Völkerfrieden; das Leben schreitet über sie hinweg. Erst wenn der Staat nicht mehr «lügt», das Volk zu sein, sondern es in Wahrheit ist, dann geht der sehnsüchtige Traum vom' ewigen Frieden in Erfüllung und die erlöste Menschheit* schreitet verbrüdert fernen Zielen höherer Gesittung zu. darin erwähnt werden. Dagegen findet man etwa 150 griechische und römische Namen. Erst im Jahre 1096, mit dem Anfang der Judenverfolgungen, beginnt wieder die Sitte der biblischen Namen, die beinahe 1000 Jahre außer Gebrauch gekommen war. 1836 hat eine deutsche Regierung einen Befehl erlassen, daß die Juden nur noch biblische Namen tragen dürfen. Diese Anordnung wurde von den Juden damals als eine schwere Beeinträchtigung empfunden und sie haben sich darüber in der zeitgenössischen Literatur bitter beklagt. Daß alle möglichen Sachen gesammelt werden, wißt Ihr sicher. Wißt Ihr aber schon, daß der jüdische Journalist I. Elimelech eine eigenartige Annoncensammlung hat? Elimelech liest keine Artikel. Er schlägt die jüdischen Zeitungen immer von hinten auf, knobelt sich die Rosinen aus dem Anzeigenteig, schneidet die Stücke aus und klebt sie auf. Da liest man z. B.: Rabbonim un groisse Talmidej-chachomim (Gelehrte) weren gebeten zu derkleren dem richtiken Pschat (Wortsinn) fun «echi jogur itcho ger» (Bibelvers: wenn bei dir ein Femdling wohnt) Wenn ich wollt gewen farmeglich, wollt ich geopfert derfar 300 Pfund. Menasche Hakohen Adler, 88 Manov Road, London N 16. Oder ein Inserat aus Palästina: fn der Siedlung Kalmaniah steht ein schöner gesunder Ochse mit Namen Achaschwerosch zum Verkauf. Und aus Amerika: Reverend S. S. Talisman, erschtklassiger Mohel, mit a Rekord fun 10.000 Kinder in die letzte 12 Johr un 12 Gerim. Und wißt Ihr schon, wer der Koschergeflügel-König war? Das war Josef Cowen, der kürzlich in seinem Hause ermordet wurde. Während eines Kartenspieles läutete es in seiner Wohnung, er ging selbst zur Türe und plötzlich hörte man drei Schüsse und davonfahrende Autos. Vor 18 Jahren wurde sein Vorgänger Barnett vom gleichen Schicksal ereilt und tot aufgefunden. Cowen wurde damals des Mordes an Bamett tu» Wißt Ihr schon?