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Die Stimme · 1932-05-05 · Heft 226 (5.5.1932) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 226 (5.5.1932)
Date
1932-05-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 226 — 5. Mai 1932 Olk STIMME Seite 5 Hilfreich sei der Mensch... Karin Michaelis und das Judenium Karin Michaelis weilt wieder in Wien. Vor knappen vier Wochen war die berühmte Dichterin anläßlich ihres 60jährigen Geburtstages Gegenstand großer Feierlichkeiten. Ihr Vortrag, den sie damals im Großen Konzerthaussaal hielt, wobei ein Dichter und ein Burgschauspieler als Vortragende mitwirkten, wird jedem, der dab i war, in angenehmer Erinnerung bleiben. Karin Michaelis hat sich ein Ziel gesteckt, für das sie mit Leib unJ Seele kämpft. Es ist das Edelste und Höchste, was sich ein Mensch vorstellen kann: Hilfe und Trost bringen jedem, sei es wer immer. Ob Jude, Christ, Buddhist, Mohammedaner, alle bedürfen sie der Hilfe und des Trostes. Mit der Feder in der Hand und mit flammenden Worten kämpft Karin Michaelis für die Verwirklichung Ihrer Pläne. Ich sitze der berühmten Dichterin gegenüber und lausche Ihren Worten. Ueber den Zionismus, über die jüdische Frau und über das Judentum will sich Karin Michaelis erst äußern, bis sie Gelegenheit gehabt haben wird, sich von der Arbeit, die die Juden in Palästina leisten und geleistet haben, an Ort und Stelle zu überzeugen. Sie beabsichtigt, eine Palästina-Reise zu unternehmen, um Eindrücke im Lande zu sammeln. Heute schon ist sie von den Juden begeistert, bewundert ihren Idealismus, und darum kann sie den Moment nicht erwarten, nach Palästina zu fahren. Die Dichterin erzählt eine kleine Episode, die sie vor einigen Jahren in Berlin erlebte. Eine junge Palästinenserin befand sich auf einer Reise nach Amerika, um dort eine Sammlung durchzuführen. Wegen eines Autounfalles wurde sie ins Spital gebracht. Karin Michaelis besuchte sie. Die Kranke hatte nur den einen Gedanken, wie sie die verlorenen Tage einbringen könnte, um so schnell wie möglich nach Erledigung ihrer amerikanischen Mission in die Heimat zurückzukehren. Immer und überall sind es Juden, denen die Dichterin begegnet. Auf jeder Reise wird sie von jungen Leuten, meistens aber von Juden, stürmisch und feierlich begrüßt. Juden sind es, die sie gefördert haben, Juden sind es, die ihr mit ungeheuchelter Liebenswürdigkeit und aufrichtiger Gastfreundschaft entgegenkommen, Juden sind es, die ihre Bücher verbreiten, Herzls Wandlung Juden sind es, die bei Sammlungen, sei es für Christ oder Jude, keine Grenzen der Mildtätigkeit kennen. Die Dichterin berichtet, daß in ihrem Geburtsort in Randers (Jütland) zirka 30.000 Einwohner leben, von denen 25 Prozent Juden sind. Sie verkehrte viel in jüdischen Häusern. «Das schönste, liebenswürdigste und idealste Familienleben, das man sich denken kann, beobachtete ich bei unseren Juden. Die Samstage gleichen ausgesprochenen Festlichkeiten. Es ist etwas Erhabenes. Das hat mir an den Juden gefallen! Das hat mich zu ihnen gezogen! Seit meiner frühesten Jugend schwärme ich für die Juden und für das Judentum. Die feinsten und edelsten Köpfe in Dänemark sind Juden. Die schönsten zwei Frauen von Randers waren die Frau des «Jüdischen Pfarrers» und meine Mutter. Das schwarze Haar und die leicht gebogene Nase meiner Mutter ließen in mir oft und oft den Gedanken aufkommen, daß meine Mutter jüdischer Abstammung wäre. Ich wäre aufrichtig froh und glücklich darüber, wenn es mir gelingen könnte, dafür den Nachweis zu erbringen.» Karin Michaelis erinnert sich eines Erlebnisses, das sie im Alter von sieben bis acht Jahren hatte: Eine ihrer Schulkameradinnen, eine Jüdin, starb. Die Kinder sollten in weißen Kleidchen und schwarzen Hüten zum Begräbnis kommen. Die kleine Karin hatte aber keinen schwarzen Hut und nahm daher einen altmodischen, unmodernen, breiten Hut ihrer Tante. Den Friedhof hatte sich das Kind ganz anders vorgestellt. Da waren ja keine Blumen. Lauter Steine. Trauer und beängstigende Ruhe herrschte ringsherum. Als der Rabbiner das Gebet verrichtete und die Anwesenden mitsummten, da lachte sie plötzlich auf. Jetzt, wo Frau Michaelis mir das erzählt, ist sie ernst. Traurig schaut sie zum Fenster hinaus und kann sich nicht mehr erinnern, was sie eigentlich damals zum Lachen gebracht hat. Vielleicht war es das Gebet, welches sie nicht verstanden hatte, oder der viel zu große und breite Hut ihrer Tante, Intelligentes junges Mädchen große Idealistin und Naturfreundin, streng anständig, von angen. Aeußeren, sucht Briefbekanntschaft mit intelligentem, charaktervollem Herrn. Evt. gemeinsame Sommerfrische, wäre besonders begeistert für eine Palästinareise und noch mehr entzückt im Falle c!ner Möglichkeit zur Auswanderung nach Palästina (Orangenpflanzung-Ankauf oder ähnliches). Besitze etwas Vermögen, bin aber in materieller Beziehung ziemlich anspruchslos. Adresse in der Administration dieses Blattes unter «Seelenverwandt». der ihr nun lächerlich vorkam. Als ihr dann die Kinder wegen ihres Benehmens Vorwürfe machten, weinte sie aus Scham. Dieses kleine Erlebnis brachte sie dem Judentum näher. Unser Gespräch berührt die derzeitigen Verhältnisse an der Wiener Universität« «Ich liebe, achte und schätze Wien», sagt die Dichterin, «aber was an dieser Kulturstätte vorgeht, spottet jeder Beschreibung. Am liebsten würde ich in die Aula gehen und den unreifen, irregeführten und schlecht geratenen Jungens meine Meinung sagen. Das, was sie hier treiben, ist nicht mehr Antisemitismus, nein, das ist viel ärger! Das ist schon niederträchtige Unmenschllchkeit — eine Schande, die nie mehr reinzuwaschen ist! Wenn ich das alles, was ich hier mitangesehen habe, in Dänemark berichten würde, kein Mensch in meiner Heimat würde mir das glauben und alle würden sagen, die Michaelis übertreibt. Und doch ist es leider wahr. Traurige, nackte Wahrheit!» Die Sonne scheint durchs offene Fenster in das Zimmer. Karin Michaelis sitzt mit geschlossenen Augen in ihrem Lehnstuhl und sagt halblaut vor sich hin: «Wie glücklich könnten Menschen sein, wenn sie es nur wollten . . .» D. Schmid. 2000 Chaluz-ZeriifiUate Flip dar Halbjahr April-Oktober Von Isidor G e w i t s c h Wenn man wie ich Gelegenheit hatte, Herzl Ende der siebziger und anfangs der achtziger Jahre ein wenig näher gekannt zu haben, so ermißt man erst recht die ungeheure Veränderung der Weltanschauung und das Erlebnis des Judentums in seiner späteren Zeit. Der Zufall brachte mich schon mit ihm zusammen, als er noch ein Mitglied der deutschen, später deutschvölkischen Verbindung «Albia» in Wien war. Sein prachtvoller schlanker, sehniger Körper sowie das broncefarbene bartlose Antlitz mit damals glatt in der Mitte gescheiteltem Haar, wie ich ihn damals bei der Dezenatfeier der deutsch-akademischen Lesehalle sah, steht mir noch wie gegenwärtig vor Augen. Bei meinem jung verstorbenen Cousin Dr. Samuel Gewitsch, verkehrte Herzl oft und dort traf ich ihn häufiger, wobei mir ein kleiner Zwischenfall in Erinnerung blieb. Mit meinem Verwandten, einem Studienfreund Herzls, pflegte er bei jedem Besuch, bald nach den ersten Begrüßungsworten, aus einer ihm schon wohlbekannten Ecke, ein Paar Pauksäbei hervorzuholen, um alsbald mit meinem Cousin eine tüchtige Anzahl Terzen und Quarten zu üben, wobei ich einmal durch ungestümes Avancieren Herzls derart eingekeilt erschien, daß ich dachte, entweder ich oder die daneben befindliche Kredenz würde eins abbekommen. Mich rasch duckend, vergönnte ich den erwarteten Hieb schließlich lieber der Kredenz. So gingen Jahre vorüber, als eines Tages mein Cousin in unserer Familie erzählte, daß er seine Ferienreise nach Italien mit dem damals in Salzburg amtierenden Dr. Herzl gemacht habe. Bei dieser Gelegenheit gab Dr. Gewitsch als heitere Erinnerung zum Besten, wie einmal in einer Gesellschaft, an der er und Herzl teilnahmen, mein Cousin sich den Anwesenden als Dr. Samuel Gewitsch vorstellte, da er schon beobachtet hatte, daß Herzl die jüdischen Vornamen nicht sonderlich liebte. — Herzl nahm ihn prompt zur Seite und interpellierte ihn mit folgenden Worten: «Aber lieber Freund, müssen Sie denn überall sagen, daß Sie Samuel heißen!» Diese kleine Geschichte beweist ebenfalls, welch ungeheure Veränderung mit Herzl erfolgte, der schon zwölf bis fünfzehn Jahre später in stolzester Weise sein Judentum betonte. Erwähnen möchte ich noch als für Herzls gutes Personengedächtnis charakteristisch, daß er mich, den er sechzehn bis achtzehn Jahre aus den Augen verlor und den er noch als jungen bartlosen Burschen gesehen hatte, nachher gelegentlich einer Zusammenkunft beim Leichenbegängnis einer nahen Verwandten der Familie Marmorek sofort erkannte und mit Namen ansprach, zu einer Zeit, in der ich, ob der großen Veränderung meines Aeußern, auch von nahen Vervandten nicht erkannt wurde. Von der Exekutive der Jewish Agency in Palästina wird mitgeteilt, daß die Palästina-Regierung für das Halbjahr A p r 11—Oktober 19322000Einwanderungszertifikate auf der Basis der Arbeiter-Schedule (C h a l u z i m-E Inwanderung) bewilligt hat. 3 0 0 von diesen Zertifikaten sind für eirigewanderte Touristen reserviert, die sich nachträglich entschließen, dauernd im Lande zu bleiben. Von den restlichen 1700 Zertifikaten sind 400 für Frauen bestimmt. Die Exekutive der Jewish Agency hatte bei der Regierung um die Bewilligung von 3750 Zertifikaten für Chaluzim angesucht und hat dabei auf das gegenwärtig in Palästina bestehende starke Bedürfnis nach Arbeiterhänden hingewiesen. Die Jewish Agency istdamitunzufrieden, daß die Regierung nicht die Gesamtzahl der angesuchten Zertifikate, sondern um 1750 Zertifikate weniger bewilligt hat und hat die Regierung um eine Erklärung ersucht. Bekanntlich hat das einflußreiche konservative Parlamentsmitglied Colonel John B u c h a n vor kurzem im Unterhause England an seine Pflicht gemahnt, die Tore Palästinas nach Maßgabe der wirtschaftlichen Kapazität des Landes für Einwanderung von Juden zu Öffnen, und hat dabei auch darauf hingewiesen, daß Palästina heute fast das einzige Land ist, in dem keine Arbeitslosigkeit herrscht. Das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, Professor S. B r o d e t s k y, hat nach seiner Rückkehr aus Palästina in Interviews und Ansprachen festgestellt, daß Palästina, weit entfernt davon, unter einer Arbeitslosigkeit zu leiden, heute sogar unter einem Mangel an Arbeiterkräften leidet. Neue Palästfnadebatte im Unterhaus Arbeitslage, Touristenverkehr und Jerusalemer Stadtratswahlen Im Unterhause richtete David Adams an den Staatssekretär für die Kolonien die Frage, ob er über die in Palästina zur Anwendung gelangenden Methoden zur Feststellung der Zahl derArbeitslosen etwas mitteilen könne und ob geplant sei, eine Prozedur zwecks Erzielung zuverlässiger Arbeitslosenzahlen in Palästina einzuführen. Der Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister erwiderte, daß für die Sammlung von Arbeitslosenstatistiken In den kleineren Städten und in den Dörfern die Distriktsbeamten, in Jerusalem, Haifa, Jaffa und Tel-Awiw die Einwanderungsbeamten verantwortlich sind. Es wird geplant, den Distriktsbeamten zur Unterstützung in dieser Arbeit Beamte der Departements für Gesundheitswesen, Land** Wirtschaft, Forstwesen und Unterricht, die in einem engeren Kontakt mit der Oeffentlichkeit stehen, zur Seite zu stellen. Kürzlich wurde dem Einwanderungsdepartement ein 3eamter beigegeben, der jene Beamte beraten soll, die mit der Sammlung von Nachrichtenmaterial über die Arbeitslage betraut sind. Dieser Beamte wird für die Zusammenfassung aller einlaufenden destillierten Berichte verantwortlich sein. David G r e n f e 11 (Arbeiterpartei) richtete an den Staatssekretär für die Kolonien die Frage, was die Regierung zu tun gedenke, um den Touristenverkehr in Palästina zu fördern. Der Unlerstaatssekretär für die Kolonien, Sir Robert Hamilton, erwiderte: Ich bin nicht informiert, ob ein neuer Plan zur Förderung des Touristenverkehrs in Palästina besteht, aber ich bin dessen vollkommen sicher, daß die Palästina-Regierung die Bedeutung des Touristenverkehrs für das Land voll zu würdigen weiß und daß man von ihr erwarten könne, daß sie alles dem Touristenverkehr Dienende tun wird. Grenfells weitere Frage, wann die Wahlen in den Jerusalemer Stadtrat stattfinden werden und welche Maßnahmen geplant sind, um ein Wahlrecht auf breitester demokratischer Basis zu sichern, erwiderte Sir Robert Hamilton: Eine definitive Antwort kann ich darauf nicht geben. Als die Angelegenheit vor einiger Zeit zur Sprache gebracht wurde, bestand die Absicht, die Wahlen zu den Stadträten bis nach Inkrafttreten einer neuen Regierungsverordnung über lokale Verwaltungen zu verschieben. Der Entwurf einer solchen Verordnung wird in Kürze den Munizipalräten in Palästina zur Erwägung unterbreitet werden. Ich zweifle nicht daran, daß bei der Ausarbeitung dieser Verordnung die Regierung Palästinas dem im zweiten Teil der Anfrage Grenfells berührten Punkt in angemessener "’oise berücksichtigen wird. Wohlwollende Erwägung der jüdischen Forderungen Professor Dr. Selig Brodetsky hatte im Unterhause eine Besprechung mit dem britischen Kolonienminister Sir Philipp Cunliffe-Lister über die a 11 gern e i n e R e g i e r u n g s p o i i t i k in Palästina und die schwebenden Fragen des Palästina-Aufbaues. Brodetsky forderte im Namen der Jewish Agency, daß die britische Regierung eine Initiative zur Förderung der jüdischen Aufbauinteressen in Palästina entfalte. Es verlautet, daß der Kolonienminister Bro* detsky das Versprechen gegeben hat, die von ihm ausgesprochenen Forderungen wohlwollender Er* w ä g u n g zu unterziehen.

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