Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 226 (5.5.1932)
- Date
- 1932-05-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 OIE STIMME Nr. 226 — 5. Mal 1932 Rosenstock a. D. In einem Semmering-Hotel fand Arthur Schnitzler einen jüdischen Portier und diese Tatsache fiel ihm so auf, daß er den Mann in eine seiner Bühnendichtungen verpflanzte. Es ist charakteristisch: in einem Staat, in dem die Gleichberechtigung aller Bürger gesetzlich verankert ist, bedeutet die einem Juden gebotene Möglichkeit, sich im vollen Lichte der Oeffentlichkeit, angesichts eines internationalen Reisepublikums durch ehrliche Arbeit ein bescheidenes Stück Brot zu verdienen, eine solche Sensation, daß sie die Phantasie eines Dichters anregt. Schnitzler hat denn auch das, was ihm an dem Mann in so ungewohnter Position am meisten auffiel, besonders unterstrichen, indem er der Figur, deren Modell in Wirklichkeit ganz anders heißt, den konfessionell eindeutigen Namen Rosenstock gab. Mit dieser Indiskretion hat er den jüdischen Portier in seiner bürgerlichen Existenz schwer geschädigt. Der Mann muß jetzt die Gewißheit seiner Unsterblichkeit auf den Brettern, die die Welt bedeuten, mit der Ungewißheit bezahlen, wovon er in Hinkunft leben soll — in einer Welt, die mit Brettern vernagelt ist, auf denen — sichtbar oder unsichtbar — das Hakenkreuz als Wegmarkierung prangt. Denn er wurde nicht nur «abgebaut», sondern muß sich mit der Hotelverwaltung auch noch vor Gericht um seine Abfertigung herumraufen. Die Hotelverwaltung ist nicht etwa antisemitisch im Sinne der «arischen Sommerfrischenbewegung», die jüdischen Erholung Suchenden das Gastrecht verweigert. Sie weiß die Verdienstmöglichkeit an jüdischen Semmeringverehrern zu schätzen, nur daß sie ihrerseits einem Juden eine Verdienstmöglichkeit bieten soll, davon fürchtet sie eine Beeinträchtigung ihrer Geschäftsinteressen. Vor zwanzig Jahren, als das Schnitzler- Stück im Burgtheater seine Uraufführung erlebte, ging derlei noch an. Inzwischen ist aber das soziale Zeitalter mit seinem Motto: «Freie Bahn allen TüchtigenI» angebrochen und in dieser goldenen Aera mußte paradoxer Weise die Reprise des indiskreten Stückes im Theater i. d. Josefstadt dem von so hoher Warte als Juden denunzierten Portier zum Verhängnis werden. Zwar weiß Schnitzler auch noch andere Eigenschaften von dem Mann zu vermelden als seine Religion — er nennt ihn den «scharmantesten, den persönlichsten aller Portiere», aber alle seine guten Eigenschaften können den Bann nicht brechen, der von dem Erbübel seiner Abstammung ausgeht. Die geschäftstüchtige Verwaltung des Semmeringhotels kennt ihre Pappenheimer. Sie weiß, daß sich jüdische Gäste gern die Dienste eines arischen Portiers gefallen lassen, auch wenn er .gar, nicht scharmant ist, daß aber die Zumutung, sich jjon.’einem Juden — er sei noch so scharmant — bezahlte Dienste leisten zu lassen, das christliche Publikum leicht verschnupft. Nur das christliche Publikum? In seinem Roman «Warschau» schildert Schalom Asch dieSchwierigkeiten, denen dieAnstellung jüdischer Arbeiter in jüdischen Fabriken begegnet. Diese beschämende Tatsache ist aber keineswegs eine reine Galuth-Erscheinung. In Palästina kommt es alljährlich zu unerquicklichen Szenen, weil es dort jüdische Kolonisten gibt, die auf ihren Gütern lieber die billigen Araber beschäftigen, als die kultivierteren und daher anspruchsvolleren jüdischen Arbeiter. In Mitteleuropa, wo die Arbeitslöhne durch Kollektivverträge geregelt sind, die auf Konfession und Rasse der Arbeitnehmer nicht Bedacht nehmen, ist die seltsame Vorliebe jüdischer Unternehmer für nichtjüdisches Personal nicht so einfach zu begründen. Man erhält, wirft man die Frage auf, die merkwürdigsten Antworten. Berühmt geworden ist der Ausspruch des edlen Ritters von Guttmann, er könne in seinem Witkowitzer Bergwerk keine jüdischen Beamten anstellen, da seine übrigen Angestellten — Antisemiten seien! Was kann schon ein jüdischer Großindustrieller dagegen tun, wenn seine Untergebenen keine Juden unter sich dulden? Er muß froh und glücklich sein, daß sie sich wenigstens mit einem jüdischen Chef abfinden. Die «Deutschösterreichische Tageszeitung», die sich immer rechtzeitig mit einem guten, wenn auch meist unfreiwilligen Witz einstellt, leistete «Ich kürzlich (in einem Artikel «Kann der Jude genial sein?») die Feststellung: «Die großen Brotgeber wie Ford, Krupp und Kreuger, die Tausende von Menschen werktätig beschäftigen, sind Arier. Dadurch zeigt sich schon der asoziale Gedanke im jüdischen Kapital, daß es vom Schreibtisch und durch Spekulation erworben wird und höchstens einigen Sekretären Brot bietet.» In Wirklichkeit wirkt sich das jüdische Kapital leider nur den jüdischen Arbeitnehmern gegenüber asozial aus, christlichen Anwärtern hat es jederzeit im größten Ausmaß Versorgungsmöglichkeiten geboten — der jetzige Gauleiter der Wiener Hakenkreuzler, Herr Frauenfeld, wußte schon, warum er dem Rabbinerssohn Dr. Sieghart, als dieser noch mächtiger Beherrscher der Bodenkreditanstalt war, begeistert in Wort und Schrift huldigte. Ein jüngst verstorbener Koscher-Gastwirt wollte keine jüdischen.Kellner beschäftigen, da er keinen Angestellten brauche, der gescheiter sei als er selbst. Tragisches Paradoxon: Im allgemeinen wird einem Angestellten seine Dummheit zum Verhängnis, dem Juden auch seine Gescheitheit. Die am meisten gehörte Begründung solcher sozialen Felonie ist die, daß sich der Geschäftsmann im jüdischen Angestellten einen künftigen Konkurrenten heranziehe. Als ob sich nicht auch der christliche Angestellte selbständig machen könnte — heutzutage noch viel leichter als der jüdische! Denn hat nicht auch der jüdische Unternehmer unter der Indolenz seiner Glaubensgenossen zu leiden und zwar zumindest so viel wie unter dem antisemitischen Boykott, der den israelitischen Abwehrvereinen so viel zu schaffen gibt? Die Hakenkreuzhetze schädigt gewiß die Juden wirtschaftlich. Im großen und ganzen kann aber festgestellt werden, daß die Anziehungskraft der guten, preiswerten Ware sich immer noch größer erweist als die Antipathie gegen den «rassefremden» Verkäufer. Diese antisemitischen Kunden jüdischer Geschäfte haben ein trauriges Gegenstück in jüdischen Snobs, die unglücklich sind, wenn sie ihr Geld nicht zum — Hakenkreuzler tragen können. Die Soldatenspielerei des antisemitischen Heimwehrführers Starhemberg entpuppt sich als gesuchter Anlagemarkt jüdischen Kapitals aus dem Ausland. Auf dem Wiener Graben gibt es einen Parfümerieladen, der ausdrücklich als «arische Firma» paradiert und auf Aushängetafeln betont, daß auf jüdische Kunden nicht reflektiert wird. Der Inhaber dieses Geschäftes ist eine rühmliche Ausnahmserscheinung unter seinen Gesinnungsgenossen, die in der Mehrheit zwar keinen Juden riechen können, aber auf das jüdische Geld den alten Grundsatz anwenden: «Non ölet». Der antisemitische Parfümeriehändler mit seinen berufsmäßig besonders geschärften Geruchsnerven läßt diesen Grundsatz nicht gelten und will auch vom jüdischen Geld nichts wissen. Das können jüdische Schwärmer für feines Aroma nicht verwinden. Sie behelligen den Mann, der — charaktervoller als Fürst Starhemberg — sein antisemitisches Unternehmen nicht von Juden finanzieren lassen will, mit Zuschriften, die sie ihm teils direkt durch die Post ins Haus senden, teils durch Veröffentlichung in Zeitungen zur Kenntnis bringen. Kurz, sie gebärden sich so, als ob es für Juden in Wien gar keine andere Kaufgeiegenheit gäbe. Dabei veröffentlichen die Wiener Zeitungen täglich eine lange Liste jüdischer Geschäfte — in den Konkursanzeigen... Der jüdische Unternehmer geht zugrunde, well der christliche Konsument sich vor der angeblichen Minderwertigkeit der jüdischen Ware fürchtet und der jüdische Konsument aus Furcht vor dem Stigma seiner eigenen Minderwertigkeit sich dem prononcierten Antisemiten als Kunde aufdrängt. Der jüdische Arbeitnehmer muß verhungern, weil der christliche Unternehmer zu intolerant ist, um Juden anzustellen und der jüdische so tolerant, daß er — lieber Christen aufnimmt. Der Judenboykott ist demnach keine einseitig antisemitische Aktion, sondern entsteht durch einträchtiges Zusammenwirken von Hakenkreuzlern und Juden. Dabei ist die jüdische Komponente die gefährlichere. Denn der Arier, der einmal die Erfahrung gemacht hat, daß das antisemitische Schlagwort vom «jüdischen Betrug» Bluff ist und daß man beim Juden nicht schlechter kauft als anderswo, wird oft zum treuen Kunden jüdischer Geschäfte oder Handwerker. Dagegen ist es dem Juden, der sein Geld um jeden Preis zum Antisemiten tragen will, weniger um die Ware zu tun als um ein Prinzip, das er mit dem ganzen blinden Eifer des fanatisierten Snobs verfolgt. Darum sind die verlogenen Verkünder einer staatsgefährlichen jüdischen Solidarität und die verleumderischen Verbreiter der groteskesten literarischen Formulierung dieser angeblichen Solidarität: der «Protokolle der Weisen von Zion», noch harmlosere Gesellen als solche Juden, die aus Indolenz oder verbohrtem Snobismus die schöne Theorie von der jüdischen Solidarität durch ihre Praxis Lügen strafen. Dr. Hugo Spiegler. Zehn Fragen!. Wann wurde die erste galizische Kolonie in Palästina gegründet? 2. Wie hieß die größte und wie die kleinste jüdische Geldeinheit in Erez Israel? 3. Wer waren die Radaniten? 4. Wann erlangten die Juden Roms die Gleichberechtigung? 5. Wer war Gabriel Rießer? 6. Wann wurde der «Ansiedlungsrayon» in Rußland eingeführt? 7. Worauf geht die im 1. Jahrhundert entstandene Verleumdung zurück, daß die Juden ein Eselsbild anbeten? 8. Wer rief die österreichische Nationalbank ins Leben? (taWann kamen die Juden nach Europa? 10. Was sind die Falaschas? Antworten!. Die erste galizische Kolonie wurde in Palästina von Tarnower Zionisten im Jahre 1892 gegründet. Sie hieß „Machnajim». 2. Die größte Geldeinheit in Erez Israel war das Talent, das aus 3000 Schakatim bestand. Das kleinste Geldstück war die Gera (V30 Schekel). '»nen mn mxin Jafla-Oraitaen. Grape Fnilf Karmct-Welne. Kognak Schemen-OnvenSl Chedeva-Honla liefert zu billigen Preisen direkt ins Haus Samuel Halpcm Wien, n., Fdnierqattt G T«l. A 46-4-12 3. Die Radaniten waren jüdische Kaufleute, die regelmäßig Reisen von Europa nach dem Orient und bis nach China unternahmen. Einer von ihnen, der Jude Isaak, war Mitglied der von Karl dem Großen im Jahre 802 an Harun al Raschid entsendeten Gesandtschaft. 4. Die Juden Roms erlangten die Gleichberechtigung erst nach der Eroberung Roms durch die italienischen Truppen (20. September 1870). 5. Gabriel Rießer war ein Vorkämpfer der Emanzipation der Juden in Deutschland. 6. Der Ansicdlungsrayon wurde in Rußland unter Katharina II. im Jahre 1791 geschaffen. 7. Der Ursprung des Vorwurfs der Eselsanbetung ist wahrscheinlich in Aegypten zu suchen. Die Silbe «jo», die in griechischen Texten als Name des jüdischen Gottes bezeichnet wird, bedeutet im Aegyptischen «Esel». 8. Die österreichische Nationalbank wurde im Jahre 1822 von dem jüdischen Finanzmann Bernhard Freiherr von Eskeles ins Leben gerufen und von ihm als Direktor bis zu seinem Tode geleitet. 9. Die Juden kamen wahrscheinlich noch in der biblischen Zeit nach Europa. Die Propheten sprechen öfters von Juden in «Ijim», womit die griechischen Inseln gemeint sein dürften. 10. Die Falaschas sind ein jüdischer Volksstamm in Abessinien, um die sich besonders der jüdische Forscher Feitlovics bemühte. In Amerika besteht ein jüdisches Pro- Falascha-Komitee. Schriftenreihe des Zionistischen Landeshomitees für Oesterreich Broschüre Nr. I mit dem Inhalt «Zur zionistischen Ideologie» von Dr. Josef Rufeisen ist bereits erschienen und im Sekretariate des Zionistischen Landeskomitees, l., Kärntnerstraße 28, zum Preise von 10 Groschen erhältlich. Jüdische Chronik der Woche 6. Mai 1891: In Palma (Majorca) wurden 37 Marranen verbrannt. — 1856: Prof. Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, in Freiberg (Mähren) geboren. — 7. Mal 1355: 1200 Juden werden bei Erstürmung Toledos getötet oder verwundet. — 1916: Der bekannte jüdische Schriftsteller J. Rabbinowitsch (Scholem Alechem) in New York gestorben. — 8. Mai 1147: ludenmassaker in r (Frankreich) durch Kreuzfahrer, Folterung von Jakob beiti Meir (Rabbenu Tarn), eines Enkels von Haseln. — 1643; Rudolf Mosse, der Begründer des bekannten Berliner Zeitungsverlages, in üraetz (Posen) geboren. — Nathan Birnbaum geboren. — 9. Mai 1802: Der berühmte Orientalist Salamon Munk in Glogau geboren. — 10. Mal 1682: Größtes Autodafd in Lissabon gegen 117 Personen. Die «Festlichkeiten» dauerten drei läge. — 11. Mai 1415: Bulle des Papstes Benedikt XIII. gegen den Talmud. — 12. Mai 1267; Das Konzil von Wien beschließt die Einführung des spitzen Hutes (pileum cornutum) für die Juden. Zwischenspiel Hitler Ziele und Wirklichkeit des Nationalsozialismus. Zweite erweiterte Auflage, 1932. Reinhold-Verlag, Wien-Leipzig. Das vorliegende Buch bemüht sich, Ziele und Wirklichkeit des Nationalsozialismus darzustellen in ruhiger Sachlichkeit und Objektivität, soweit solche mit grundsätzlicher Gegnerschaft vereinbar ist. Die erste Auflage war im Februar d. J. in knapp einer Woche vollständig vergriffen und es ist anzunehmen, daß auch die 2. Auflage denselben Erfolg haben wird. Das Emporschnellen des Nationalsozialismus muß jedem denkenden Menschen Veranlassung geben, sich mit den Plänen und dem Ziel des Nationalsozialismus zu befassen. Parteimäßig beeinflußte Darstellungen verwirren nur. Das vorliegende Buch, Produkt eines staunenswerten Fleißes, gibt gründlichen Aufschluß über Wesen, Ziel und Ideologie des Nationalsozialismus und seines Führers, nicht aber etwa in Erzählungsform. Es bietet Auszüge aus nicht weniger als 138 Büchern, zahllosen Broschüren und Zeitungen, geschrieben von Freund und Feind. Ein ausgezeichnet geschriebenes Vorwort gelangt zur Schlußfolgerung, daß der Nationalsozialismus nicht die letzte Entscheidung bringen wird, daß er trotz allen Stürmen nur Plakat an der Oberfläche der Dinge ist und daß Hitler nur ein Zwischenspiel bleiben wird. Wir können unseren Lesern dieses Buch bestens empfehlen. o. g. Schächtvcrbote sind verfassungswidrig! Auf Grund einer Anfrage einer norddeutschen Stadt hatte Anfang des Jahres der Refchsinnenminister die Erklärung abgegeben, daß Schächtverbote in Kommunen mit Schlachthauszwang gegen Art. 135 der Reichsverfassung verstoßen. Nunmehr hat sich, wie die Reichszentrale für Schächtangelegenheite» bekannt gibt, auch der preußische Minister des Innern diesem Standpunkt angeschlossen 3