Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1932-05-05 · Heft 226 (5.5.1932) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 226 (5.5.1932)
Date
1932-05-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3053963-3053981--2933-3058390
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

Nf. 226 — 5. Mal 1032 DIE STIMME Seite 3 Herzl und seine Mutter Von Or. T. Nuasenblatt / Vm 9 y Schönheit und Oflte waren die von Theodor Herzl Jn der Jugend empfangenen und unauslöschlich gebliebenen Eindrücke. Beides fand er verkörpert in der Gestalt seiner Mutter. *) Frau Jeanette Herzl war schön und gut, klug und einfach. Professor Kellner erzählt, daß Theodor Herzl fast ganz von seiner Mutter erzogen wurde. Der Vater war für den Sohn die durch Liebe gemilderte Autorität. Und als sich in Theodor Herzl die innere Wandlung vollzog, folgten die Eltern, hauptsächlich die Mutter, seinem kühnen Adlerfluge. Es war für Herzl eine Aufmunterung und ein Schicksalswink, l S’ / V «ovct CNstaa» qjt» ' <*»■<> i‘, f* .i-d -o «• , *C*c**t tvu. 4^«. X *+*4*if "VtfcÄ^K‘ ^^•^4 'Kx .Ct* f ~/i 0» ‘fi 14, / I. ° . . ' ^■w ‘4<(t A4 ^ir ii i 1„ 9 Aus «Zeitgenossen Aber Herzl» (JÜd. Kunstverlag, Brünn). als er ln Paris eines Tages mitten in der fieberhaften Arbeit an seinem «Judenstaat», scheinbar ganz unvermittelt, von seiner Mutter einen zärtlichen Brief mit der Mahnung, «nicht zu verzagen», empfing. Frau Jeanette konnte ja noch nichts von den Plänen ihres Sohnes *) Bezeichnenderweise befindet sich in der ganzen Herzl-Literatnr bis jetzt nur eine einzige Studie über Jeanette Herzl, und zwar von Z. F. F i n k e 1 s t e i n in seinem Werke «Stürmer des Ghettos». (Anm. d. Verfassers.) Marco Baruchs Glück und Ende Von Dr. Emil Reich Sadi Carnot lag, vom Stilet des Anarchisten Caserio tödlich getroffen, blutüberströmt in der Staatskalesche, mit der er zwischen einem dichten Menschenspalier durch die Straßen Lyons gefahren war. Wenige Minuten später eilten Kriminalbeamte durch die Stadt auf der Suche nach Komplicen des Attentäters. Eine Anarchistenhatz ging los. 0 Auf der Bude der Wiener Studentenverbindung Kadimah paukten einige Burschen und Füchse. Da tat sich die Tür auf und ein mittelgroßer, schwarzhaariger Mann mit fanatischem Blick trat'ein. Erstaunt hielten die Fechtenden inne und schauten den Fremden fragend an. «Marco Baruch» murmelte dieser und scheu um sich aehend fügte er in gebrochenem Deutsch leise hinzu: «Mit jemandem sprechen .. . aus Frankreich ,. . weiß nicht, was machen ...» Einer der Studenten führte den seltsamen Besucher in eine Ecke und versuchte Klarheit über die Wünsche Baruchs zu erhalten. Mit vieler Mühe gelang ihm dies und er erfuhr folgenden peinlichen Tatbestand: Marco Baruch, Sohn jüdischer Eltern aus der Krim, die nach Konstantinopei und später nach Tunis gewandert waren, hatte in Montpellier studiert und war dort in russische Nihilistenkreise geraten. Am Tage des Attentats auf den Präsidenten von Frankreich Sadi Carnot, am 25. Juni 1894, hatte er sich in Lyon aufgehalten. Der französischen Polizei war bekannt, daß er nihilistisch-anarchistische Ideen verfocht und so mußte er befürchten, bei der aus Anlaß des Anschlages durchgeführten Razzia verhaftet zu werden. Im letzten Augenblick war es ihm gelungen, von Lyon wegzufahren und nun befand er sich in Wien als Flüchtling und Hilfesuchender. Fr wandte sich an die Kadimah weil er wissen. Wußte doch Herzl selbst in Jenen Tagen nicht, was er gefunden habe. Und doch ahnte die Mutter alles. Die Eitern waren die ersten Anhänger Herzls. Jacob Herzl, der Vater Theodors, war der erste Käufer der in Wien verkauften Schrift «Der Judenstaat», die er doch schon fast auswendig kannte. Man lese den zärtlichergreifenden Bericht hierüber in den Tagebüchern nachl Wenn auch die Eltern ihren Sohn nicht immer in seiner zionistischen Tätigkeit verstehen konnten, sie blieben ihm treu. «Sie verstehen mich nicht», sagte Herzt eines Tages zu Jacob de Haas, «aber sie glauben an mich. Die meisten, die mich verstehen, fürchten mich.» Herzl vergötterte seine Mutter. Sein erster Gedanke galt immer ihr. Sie war für ihn das Symbol des friedlichen und glücklichen Heimes. Der zionistische Herzl rettete sich stets nach manchem seiner Mißerfolge in die Behaglichkeit und Ausgeglichenheit des elterlichen Heimes. Die Briefe von seinen Reisen an seine Eitern und insbesondere an seine Mutter bilden einzigartige, fast tagebuchartige Mitteilungen einer schlichten menschlichen Seele. Sie erschüttern durch ihre Einfachheit. Die Mutter brachte stets große Opfer für ihren geliebten Dori. Aber auch Theodor selbst. Es gibt ein Bild von Herzl und seiner Mutter. Er, sitzend beim Schreibtisch, die Mutter stehend, den Blick nicht direkt auf Herzl, auch nicht zum Beschauer gewendet. Ernst geht ihr Blick an Herzl vorbei in die Ferne. Das Auge der Mutter folgt ihren Gedanken. Herzl gehörte ja nicht ihr allein — der ganzen Welt. Mit Schmerz und Größe trug sie dies Schicksal, das sich ihr einziger Sohn für sich und sie wählte. Oder für das Theodor Herzl auserwählt wurde! Aber auch Herzl, der Führer, findet immer Zeit, der gute Sohn zu bleiben. Seine Eltern (nach dem Tode des Vaters die Mutter) sind die vertrautesten Personen, die von allen seinen geheimen Schriften als erste erfahren. Viele dieser Briefe sind in aller Welt verstreut, die Mutter konnte sich schwer von diesen Briefen trennen und behielt sie bis zum Tode bei sich, die dann von vielen erworben wurden. Einige sind bereits veröffentlicht worden, beispielsweise in der Herzl-Gedenknummer der «Welt» (20. Mai 1910) Nr. 20. Hier kommen zwei Briefe zur Veröffentlichung. Restaurant Billet Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal ll., Hammer purgstaiigasse 3, Tel. A 48-6-82 jüdischnational fühlte und mit der von Nathan Birnbaum propagierten Selbstemanzipation sympathisierte. — Ein schwieriger Fall. Helfen wollten die Studenten, aber sie mußten auch trachten, den unheimlichen Gast so rasch wie möglich loszuwerden. Schnell wurde eine Sammlung veranstaltet, mit dem Geld eine Fahrkarte nach Budapest gekauft und Marco Baruch nach der ungarischen Hauptstadt befördert. * Etwa ein Jahr später hörte man in Wien, daß Marco Baruch in Sofia lebe und dort eine zionistische Zeitschrift, «Le petit MaccabSen», herausgebe. Diese Zeitschrift lag eines Tages auf dem Schreibtisch Herzls in seiner Pariser Wohnung. Herzl, der damals gerade mit dem Judenproblem zu ringen begann, las, wie er später einigen Vertrauten erzählte, mit Interesse diese Schrift, die ihn auf dem Wege zum Zionismus mächtig vorwärtstrieb. Dann erschien der «Judenstaat». Herzl bekam wiederholt Briefe von Marco Baruch, der in begeisterten Worten schrieb, den Schöpfer des «Judenstaates» als Messias pries, als sein höchstes Glück bezeichnete, diesen Wendepunkt im Dasein des jüdischen Volkes erlebt zu haben. Die Wiener Zionistenkreise aber vernahmen nichts von Marco Baruch. Auf dem H. Zionistenkongreß in Basel war der nihilistisch-anarchistische Zionist jedoch plötzlich da. Er hatte in seiner glühenden Begeisterung für das noch unter türkischer Herrschaft schmachtende Palästina Dienst in dem garibaldianischen Freiwiiligenkorps genommen, das im griechisch-türkischen Krieg an der Seite der Hellenen kämpfte, und war nach dem Feldzug nach Italien übersiedelt. Dort lebte er in sehr dürftigen Verhältnissen und von dort kam er nach Basel, nicht bloß getrieben von seiner zionistischen Leidenschaft, sondern auch von dem Verlangen, von Herzl eine materielle Unterstützung zu erhalten. Er verstand es, sich an den Führer heranzumachen, der sich seiner Schrift wohl erinnerte und Der in Faksimile wiedergegebene ist der Publikation «Zeitgenossen über Herzl» entnommen. Der zweite wird hier zum erstenmal veröffentlicht: Calais, 25. April 1903. Meine teure, gute Mama, diese Zellen schreibe ich Dir unterwegs. Ich bin mR meinem Londoner Resultate unberufen zufrieden« Fertig bin ich allerdings noch nicht. Aber da ich mit Leuten der höchsten Kategorie zu thun habe, darf icH hoffen, daß ich in nicht zu ferner Zelt, vielleicht schon in wenigen Wochen, den ersten Teil meines welthistorischen Werkes zum Abschlüsse gebracht haben werde. Die diesmalige Unterredung mit dem tatsächlichen Herrscher des englischen Weltreiches war etwas Kolossales. Wie wir uns gegenübersaßen, uns fest in das Innerste der Augen sahen und uns, glaube ich, gegenseitig sehr gut gefielen. Daneben verschwinden alle sonstigen, wenn auch sehr bedeutenden Ereignisse dieser Reise. Ich gehe jetzt nach Paris, wo ich in den nächsten l agen um die großen Geldmittel, die ich brauche, kämpfen werde. Aber, wie mir Lord Rothschild, mein lieber Freund, sagt, steht die Sache nicht ungünstig. Wir werden ja sehen. Rothschild sagt und schreibt mir nicht anders als «mein lieber Freund». Das hat natürlich weiter keinen Wert, als daß es zeigt, wo ich halte. Morgen in Paris hoffe ich von Dir, mamaköm, teure, so Gott will, gute Nachrichten zu erhalten. Ende der Woche hoffe ich, zu Hause zu sein. Tausend zärtliche Küsse Dein treuer Sohn Theodor. Frau Jeanette Herzl behielt stets solche Mitteilungen für sich, nicht einmal die nächsten Freunde Herzls erfuhren von ihr je ein Sterbenswörtchen, solange es ihr Sohn nicht ausdrücklich wünschte. Nach dem Tode des Vaters richtete sich Theodor Herzl so ein, daß er stets sein Mittagessen mit seiner Mutter und das Abendessen mit seiner Frau und seinen Kindern im eigenen Heim einnahm. Direktor M. Reichenfeld, "ein alter Herzl-Freund, teilte mir die Tatsache mit und auch den Umstand, daß die Frau Herzls, Frau Julie, diesem Plan zustimmte, um Frau Jeanette nicht ihre Vereinsamung fühlen zu lassen. So wußte Herzl als Sohn bei aller Ueberbürdung seiner Mutter zu helfen. Herzl kämpfte um seine Persönlichkeit, das sein zu dürfen, was er ist. Diesen Kampf um seinen persönlichen Bestand erhob er zum Gesetz für das ihm nur unwillig folgende Volk. Das zu bleiben, was man ist, ein jüdisches Volk. Er, der so viel seiner Mutter verdankte, wollte sein Volk zur Mutter-Erde zurückführen. Der ^handelnde Arzt Herzls, der den Todeskampf Theodor Herzls mitansah,, berichtet: Es war der letzte Wunsch Herzls, von seiner leiblichen Mutter geleitet, der Mutter- Erde zuzueilen . . . -^BgBBBgggBBgWgBgi mit ihm des öfteren Uber zionistische Fragen sprach. Auf Veranlassung Herzls gab man Marco Baruch Geld und diese Zuwendungen, die durch einen Mittelsmann vor sich gingen, wiederholten sich im Laufe des Jahre# mehrmals. Die Anteilnahme Herzls am Geschick Marco Baruchs hatte aber ganz unvorhergesehene Folgen. Baruch fing an, für sich die Priorität am politischen Zionismus zu beanspruchen, er schickte Herzl Briefe, in denen ei förmliche Urheberrechte geltend machte, seine Ausführungen wurden immer konfuser und nahmen schließlich sogar einen drohenden Charakter an. Herzl lächelte darüber, aber diejenigen, die Marco Baruch doch etwas näher kannten, die um seine Vergangenheit wußten, hegten doch eine gewisse Befürchtung. Es hieß daher auf der Hut sein und ein neuerliches Zusammentreffen des fanatischen Mannes mit dem Führer verhindern. Zum III. Zionistenkongreß erschien Marco Baruch wieder in Basel. Das Bureau des Zionistenkongresse# traf allerlei Anstalten, um ihn von Herzl fernzuhalten, Marco Baruch war wegen der Unmöglichkeit, mit Herzl zu sprechen, sehr ungehalten. Seine Reden wurden stets erregter, er kündigte Skandale an. Man überwachte ihn daher auf Schritt und Tritt. An einem der Sitzungstage lauerte er auf dem Gange zum Kongreßbureau Herzl auf. Als dieser ins Bureau trat, stürzte Baruch zur Tür hin. Ohne daß Herzl es bemerkte, wurde Baruch in uer Tür von einem starken Arm festgehalten. Herzl hatte von diesem Vorfall keine Ahnung und erfuhr nie von ihm. Mit viel Ueberredungskunst vermochte das Kon* greßbureau Marco Baruch aus Basel wegzubringen, * Kurze Zeit hernach traf aus Italien die Nachricht ein, daß Marco Baruch Selbstmord verübt hatte. Liebe#* kummer soll die Ursache seines Freitodes gewesen seift»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.