Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 226 (5.5.1932)
- Date
- 1932-05-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIB STIMME Nr. 226 — 5. Mal 1932 Verschmitzte Heuchelei Die Besprechung des Wahlresultates vom 24. April in der Wiener Presse hat die Tatsache ergeben, daß die überraschend hohe Stimmenanzahl der Hakenkreuzler nicht nur aus den Kasernen des Herrn Vaugoin, sondern aus dem Lager aller öffentlichen Angestellten stammte, also eine Kriegserklärung der Steuerkonsumenten gegen die Steuerproduzenten darstellt. Diese Tatsache wird durch den antisemitischen Charakter der nationalsozalistischen Partei nicht nur nicht verwischt, sondern nur noch schärfer herausgemeißelt. Denn das Gefasel vom «jüdischen Parasitentum» kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß die Juden nur einen ganz minimalen Prozentsatz von Steuerkonsumenten stellen, da der Antisemitismus ja nicht erst von Hitler erfunden wurde, sondern sich in Oesterreich schon lange in dem Fernhalten der Juden von allen öffentlichen Aemtern und Würden auswirkt. Die Juden sind vielmehr die prädestinierten Steuerproduzenten — hierin hat sich seit dem Mittelalter nichts geändert. Anders geworden sind nur die Formen, in denen die Juden ihrer traditionellen Pflicht, den Staat zu finanzieren, nachzukommen suchen. Im Mittelalter, von allen produktiven Erwerbszweigen gewaltsam ferngehalten, wurden sie als Wucherer verschrien. Heute, emsig und mit Erfolg bemüht, am Aufbau der menschlichen Kultur mitzuwirken, wird ihnen das als Sünde angekreidet. Charakteristisch hiefür Ist die Rede, mit der der Christlichsoziale Schmitz jüngst für die Studentenordnung seines Parteigenossen Czermak eintrat. Herr Schmitz bemängelt, daß die Zahl der jüdischen Rechtsanwälte und Aerzte in Wien zunimmt. Aber bedingt denn diese Zunahme auch schon ein Florieren? Bewirkt sie nicht im Gegenteil eine Verschärfung des furchtbaren Konkurrenzkampfes in den freien Berufen, in denen sich die Juden drängen, weil sie von der Versorgung an der Staatskrippe ferngehalten werden? Wer kann denn einen Arier zwingen, beim jüdischen Rechtsanwalt, beim jüdischen Arzt Hilfe zu suchen, beim jüdischen Kaufmann Kunde zu werden? Andererseits ist aber der jüdische Steuerzahler gezwungen, das ungeheure Heer der öffentlichen Beamten zu ernähren. Auf den Schultern des jüdischen Steuerzahlers ruht auch zum großen Teil die Last des in seiner heutigen Form überflüssigen Heerwesens, das zahlreichen Elementen, die sich ins organische Wirtschaftsleben nicht einzufügen imstande sind, eine Existenzmöglichkeit bietet. Als «Parasiten» figurieren aber beileibe nicht die, die von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, sondern jene, die sie ihnen mit den Erträgnissen ^hrer geistigen und manuellen Arbeit schaffen müssen. Aber Herrn Schmitz genügt es nicht, daß die jüdischen «Parasiten» mit Ihren Steuergeldern das schöpferisch begabte Ariertum ln stets wachsendem Maße an der Staatskrippe versorgen muß, er appelliert an die Juden, auch die außerhalb der öffentlichen Aemter und Kasernen vorhandenen Erwerbsmöglichkeiten den Söhnen und Töchtern des christlichen Volkes unseres Landes in entsprechendem Ausmaß zur Verfügung zu stellen. «Geschieht hier rechtzeitig Hilfe und sieht die junge Generation den guten Willen, dann sind auch die Gefahren beschworen, die aus einem gewalttätigen Durchbruch des jetzigen Zustandes für das allgemeine Wohl unseres Landes zu befürchten wären.» Mit Verlaub: Wann haben die Juden den guten Willen, Christen Erwerbsmöglichkeiten zu bieten, vermissen lassen? Herr Schmitz gehe in die jüdischen Geschäfte — er wird fast in jedem christliche Angestellte finden; er gehe in die jüdischen Familien — er wird dort, soweit sie noch in der Lage sind, Überhaupt Dienstpersonal zu halten, christliche Hausgehilfinnen beschäftigt sehen. Er gehe dann in die arischen Geschäfte, in die christlichen Familien und suche dort auch nur einen einzigen jüdischen Arbeitnehmer! Ebenso unberechtigt, wie die materiellen Vorwürfe des Herrn Schmitz sind seine ideellen. Wenn man Ihm zuhörte, als er von dem jüdischen Haß gegen die christliche Religion sprach, mußte man fast glauben, daß es jüdische Tradition sei, die Bekenner des Christentums auf den Scheiterhaufen zu schleppen und zu verbrennen. Herr Schmitz macht übrigens einen Unterschied zwischen Juden und Juden. Sympathisch sind ihm angeblich die frommen, gesetzestreuen Juden. Aber an einer anderen Stelle seiner Rede macht er für die Intensivierung des hiesigen Antisemitismus die übermäßige Einwanderung der Ostjuden verantwortlich. Es ist diesem tiefschürfenden Kritiker des Judentums offenbar entgangen, daß gerade die neu eingewanderten Ostjuden die treuesten Anhänger des mosaischen Religionsgesetzes darstellen. Was sollen wir aus solchen Ausführungen, die nicht nur mit den äußeren Tatsachen, sondern auch mit sich selbst in inneren Widerspruch geraten, für einen Nutzen ziehen? Wir Juden sind nicht obstinat. Wir verschließen uns nicht der Not der Zeit und sind gern bereit, für eine Besserung der Verhältnisse unter Opfern mitzuwirken. Aber man zeige uns einen gangbaren Weg! Die Parolen, die uns in der letzten Zeit aus den gegnerischen Lagern entgegenschallen, erfüllen diese Aufgabe nicht, sondern — parodieren sie bloß. Die Haßwelle, die uns entgegenschallt, mag echt sein, ihre Begründung aber ist eine oft ins Groteske gesteigerte Heuchelei. H. 8. Politik der Woche Die Aufregung über den Ausgang der Wiener Gemeinderatswahlen hatte sich kaum gelegt, als die Tagung des Nationalrates neue Unruhe brachte. Die nächsten Tage werden lehren, ob es den Sozialdemokraten, Heimatschützlern und Deutschnationalen mit ihren Anträgen auf Auflösung des Nationalrates ernst ist. Sicher ist aber, daß Oesterreich jetzt mehr denn je Ruhe brauchen würde. Auf alle Fälle ergibt sich für die jüdische Bevölkerung Wiens die Notwendigkeit, zur Frage der Neuwahlen schon jetzt Stellung zu nehmen Die Wiener Wahlkreise sind so zugeschnitten, daß kleinen Parteien eine erfolgreiche Wahlbewerbung schwer gemacht wird. Zum Erfolg kann nur eine gründliche Vorbereitung und ein Zusammenschluß der jüdisch bewußten Bevölkerung auf möglichst breiter Basis führen. Eigenbröteleien, Kandidaturen von eigenen Gnaden, sind von vorneherein aussichtslos. Wie wir hören, besteht in zionistischen Kreisen keine Geneigtheit, die Wahlarbeit durch die zionistische Landesorganisation machen zu lassen. Der bekannte Beschluß des Delegiertentages bleibt bestehen. Wohl aber wird die Gründung einer Partei auf nationalerBasis erwogen ^-5 Uebergreifen der hakenkreuzlerlschen Welle auf Oesterreich und das ständige Anwachsen des Antisemitismus fordert geschlossene jüdische Abwehr. Bezeichnenderweise hat der Nationalrat keine anderen Sorgen, als die Studentenrechtsvorlage zu beraten. Die Christlichsozialen sehen, daß sie von Seipel und Czermak mit der Studentenrechtsvorlage in eine Sackgasse gelotst worden sind. Aber heute können sie nicht mehr zurück. Sie müssen zumindest so antisemitisch sein wie die Hakenkreuzler. Die Rede des Abgeordneten Schmitz, die wir an anderer Stelle besprechen, beweist das. Ob die Studentenrechtsvorlage im Justizausschuß begraben werden wird, ist heute eine offene Frage. Sollte sie aber Aussicht haben, Gesetz zu werden, dann müssen unsere Anstrengungen darauf zielen, das Hitlersche Prinzip des Volksbürgerrechtes zu Fall zu bringen. Gegen eine nationale Gliederung der Studentenschaft haben wir nichtseinzuwenden, wenn uns die staatsbürgerliche Gleichberechtigung gesetzlich garantiert wird. „Zionismus des reinen Willens" Von Dr. Schlomoh H 0 r 0 w i t z. Abrahant Schwadron, auch den deutschlesenden Zionisten als hervorragender Publizist bekannt, hat letztens eine Schrift herausgegeben, die den Titel trägt: «Zur Kritik der ideologischen Grundlagen der Brith Schalom vom Gesichtspunkt des integralen Zionismus»*) und die in Wirklichkeit noch einmal alles zusammenfaßt, was der Verfasser seit einigen Jahren n einer Reihe wunderbarer und tiefschürfender Aufsätze ln hebräischen Zeitschriften Palästinas veröffenticht hat. Es tritt uns hier ein geschlossenes System zionistischer Weltanschauung entgegen, das zu tiefstem Nachdenken über die Grundlagen der zionistischen Theorie und Praxis anregt und eine Stellungnahme geradezu herausfordert. Schwadron versucht es zunächst, den Zionismus auf seine Ursprünge zurückzuführen, ihn von allen Gegebenheiten losgetrennt, quasi «an sich» zu analysieren. Er abstrahiert also von allem, was sich dessen Verwirklichung hindernd und hemmend in den Weg stellt: von der Araber- und Englandfrage ebenso, wie von der Welt- und spezifisch-jüdischen Wirtschaftskrise; ja, er geht so weit, auch Palästina aus dem Spiel zu lassen und fragt: was wollte, was will eigentlich der Zionismus? Antwort: Der Zionismus will die Judenfrage lösen, d. h. der Zerstreuung ein Ende setzen I Denn diese ist, wie das hebräische Wort «Galuth» schon besagt und wie es unsere Vorfahren zu allen Zelten aufgefaßt haben, ein Exil, wohin man Delinquenten deportiert, damit sie ihre Strafe verbüßen, der Inbegriff alles Furchtbaren, Häßlichen und Verabscheuenswerten, aus dem hinauszukommen höchstes Sehnen und Streben der Betroffenen ist und sein muß. Dadurch erledigen sich für Schwadron natürlich all die salbungsvollen Phrasen von der sogenannten «jüdischen Mission» in der Galuth, die er mit ätzendem Spott und scharfem Hohn in ihrer ganzen Fadenscheinigkeit und Lächerlichkeit hinstellt. Aber ebenso genügt ihm die revisionistische Formel von der «Mehrheit» nicht, weil dieselbe ihm unzulänglich erscheint: «Wenn durch ein Wunder alle Araber Palästina verlassen und wir mit unseren 160.000 als hundertprozentige Majorität im Lande blieben, nichts wäre damit von der wesentlichsten Aufgabe des Zionismus erfüllt, als da ist: Erlösung von Millionen». Da ihm, wie den ersten Theoretikern des Zionismus das Zerstreutsein an sich schon als Wurzel allen Uebels erscheint, vermag er selbstverständlich auch nicht jenen Gedankengang sich zu eigen zu machen, der besonders von dem bekannten palästinensischen Publizisten Rabbi Binjamin seit Jahren propagiert wird und letztens auch in gewissen Enunziationen Dr. Weizmanns seinen Niederschlag gefunden *) Awraham Schwadron, le-wvkoreth jesodej haideologjah schel «brith-schalom» mitotoch haschkafath kazijonutn ha-mtegralifch, Jerus-chalajim 5691. hat, der Gedanke nämlich einer großzügigen, nicht unbedingt palästinozentrischen Judeneinwanderung in das große arabische Gebiet «von Haifa bis Bassra» Mit der ihm eigenen haarscharfen Beweisführung zerpflückt nun Schwadron dieses Wahngebilde einer «Galuth Jischmael». An einer Stelle sagt er mit feiner, überlegener Ironie, es liege uns fern, das arabische Volk niedriger einzuschätzen als den Durchschnitt der europäischen Völker, aber ebenso verbiete uns die internationale Höflichkeit, das umgekehrte zu tun. Und ist nicht in dem Ruf «Ostwärts!» eine schwere Beleidigung für Großbritannien etwa enthalten, wenn wir damit unsere im britischen Reich lebenden Brüder auffordern, die englische Zerstreuung mit der arabischen zu vertauschen?... Schwadron setzt sich auch mit jenen auseinander, die aus der Hyperthrophie ihres typisch jüdischen Gerechtigkeitsgefühls heraus sich mit der Frage abquälen, ob wir berechtigt seien, Palästina für uns zu verlangen, das ja von Arabern bewohnt ist und die glauben, es wäre ungefähr dasselbe, als wie wenn plötzlich die Völker auferstehen würden, die vor 1300 Jahren England oder Deutschland bewohnt haben und diese Länder für sich beanspruchen würden. Diesen Gerechtigkeitsfanatikern sagt Schwadron trefflich: Wären jene Völkerschaften am Leben und heimatlos wie wir, sie hätten das volle Recht, ihren alten Besitz zurückzuverlangen! Zumal in unserem Fall die Araber ein Gebiet besitzen, das beinahe so groß ist wie halb Europa und Palästina, das im ganzen Prozent ihrer Besitzungen ausmacht, uns der Lebensodem unseres geschichtlichen Seins war und ist, während ihnen dieser Streifen Landes so völlig bedeutungslos war, daß sie für ihn nicht einmal eine eigene Bezeichnung in ihrer Sprache besitzen I So gilt es denn, die jüdische Einwanderung auf Palästina zu konzentrieren und daselbst die Möglichkeit für eine normale, organische Entwicklung des jüdischen Volkes zu schaffen — ohne Missionen, weltbeglückende Ideen etc., die man weder postulieren kann noch soll. Wir wollen wie die anderen Völker sein, wenn möglich — wie die besten unter ihnen! Man komme uns nicht — sagt Schwadron — mit dem Einwand, daß Palästina nicht imstande sei, viele Millionen Juden aufzunehmen: Niemand von uns sei imstande, die Aufnahmsfähigkeit Palästinas in fernerer Zukunft zu errechnen, aber auch die Pessimisten geben zu, daß es noch zwei bis vier Millionen Menschen aufnehmen könne. Nun, laßt uns durch eine Kraftanstrengung ohnegleichen zunächst einmal diese paar Millionen ins Land bringen — für das weitere möge eine künftige'Generation im geeigneten Moment Sorge tragen! Denjenigen aber, die angesichts der ungeheuren Schwierigkeiten Palästinas jetzt wieder wie vor 25 Jahren naoh einem anderen Territorium Ausschau halten, sagt Schwadron, Palästina für uns, — alles Positive und Negative in Rechnung gezogen — in Summa doch das Beste der in Betracht kommenden Territorien. Und er fügt das feinsinnige Paradox hinzu: Gäbe es im jüdischen Volke ein echtes, glühendes Verlangen nach irgend einem eigenen Territorium, d. h. nach einem Lande, wo es ln Selbständigkeit und Freiheit sollte leben können, so wäre dies die sicherste Gewähr für die Verwirklichung des Zionismus gerade in Palästinal Aber hier liegt die große Schwierigkeit, meint Schwadron: die Zionisten wollen nicht nach’ Zion gehen; sie wollen rauschende Konferenzen abhalten, große Reden schwingen, sich an Phrasen berauschen; sie wollen, t daß andere arbeiten, schwitzen, bluten, damit sie sich dann wohlgefällig blähen können: seht, wie weit wir es gebracht haben! Und so vereinfacht sich ihm das ganze schwierige Problem des Zionismus zum Problem der Zionisten. Der Zionismus sei realisierbar — wenn die Zionisten es nur wollten. Freilich müßten es ganz andere Zionisten sein als die landläufig bekannten: es müßten Träger des «integralen Zionismus» seinl Unter Integralem oder vollkommenen Zionismus versteht Schwadron einen Zionismus, der die Erlösung des gesamten Volkes aus der Not und Schmach des Exils erstrebt (Im Sinne des uralten einfachen Gebetes «Und sammle uns ein von den vier Ecken der Erde in unser Landl») — nicht irgend ein wie immer geartetes «Zentrum»; und der den ganzen Menschen fordert — nicht dessen Sympathien und Spenden! Schwadron sagt: «Wenn es einen Zionisten gibt in der Welt, dann ist es ein Jude, in dessen Seele der Drang nach der Heimat so absolut ist, wie der reale Boden unter den Füßen anderer Völker». Und an einer anderen Stelle: Jede Strömung innerhalb des Zionismus verkünde laut ihren Glauben an die Realisierbarkeit ihres Programms; er selbst aber stelle sich seit jeher als Ideal vor: einen Zionismus ohne Gewißheit des Erfolges, einen Zionismus, der lediglich von der ungeheuerlichen Situation des Judentums unter den Völkern ausgehend, alle Sehnen strafft, um dieser fürchterlichen Situation ein Ende zu setzen, .d. h., also eine vollständige Erlösung des gesamten Volkes herbeizuführen. Ein solcher «Zionismus des reinen Willens» würde imstande sein, Berge zu versetzen, würde alle tatsächlichen oder vermeintlichen Hindernisse spielend aus dem Weg räumen 1 (ln einem zweiten Aufsatz, der in der nächsten Nummer der «Stimme» veröffentlicht wird, nimmt der Autor zu de» üedankengängen Schwadrons kritisch Stellung.)