Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 225 (29.4.1932)
- Date
- 1932-04-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 225 — 29. April 1932 OIE STIMME Seite 9 Club JUditoher Frauan, Cafö Colonnaden, I.» Rathausplate 4, halb 6 Uhr, Mittwoch, 4. Mal, Generalversammlung. Anschließend Vortrag Dr. Fritz Eksteln: „Bilder aus der jüdischen Gegenwart.“ Jtidtstfiew fpoit Auf der Fahrt zur JHahhabiah Tagebuchblätter von der Seereise. Von Alfred Guth. Triest, 23. März, an Bord des «Carnaro». Aus einem Traum wurde Wirklichkeit. Unsere Phantasie gaukelte uns die herrlichsten Bilder vor. Nach einer Zeit der Ingewißheit wurde es mit der Fahrt ernst Und die letzten Tage mußten in einem wahren «tempo furioso» absolviert werden. Unit es doch nicht nur, die Koffer für fast einen Monat zu packen, sondern auch noch an dem Meeting des Schwimmklubs Hakoah, der «Vor-Makkabiah»», teilzunehmen, sich der lieben Sportfreunde aus der C. S. R. anzunehmen und sich überall zu verabschieden. Fast erleichten atmeten wir auf, als der Zug uns aus dem Abschiedstrubel der Südbahnhalle in die kalte und nebelteuchte Nacht führte. Bald hatten sich alle gemütlich eingerichtet, es bildeten sich Tratsch-, Eß- und Spielgruppen, bis uns auf der Semmering- Paßhöhe ein dichtes Schneetreiben an die Fenster lockte. Der Abschied wurde uns leicht, als in der Steiermark der Regen gegen die Scheiben prasselte. Uer Vormittag in Triest wurde zur möglichst genauen Besichtigung aller Bauwerke und Denkmäler verwendet und die Synagoge besucht. An Bord wurden Pulver gegen die Seekrankheit geschluckt und dann erwarteten wir auf dem Deck die Abfahrt. Durch den Rumpf des Schiffes ging das Zittern der Maschinen, wir glitten von der Mole weg, kamen in Fahrt. Alles fühlte sich am Nachmittag des ersten Tages wohl. 24. März, nachmittags. Vor Brindisi. Der idyllische Zustand an Bord währte nicht lange. Der angekündigte Sturm auf der Höhe von Fiume ließ nicht aut sicli warten, und bald meldete man das erste Opfer. Wohl versuchte man zu Bett zu gehen, doch gegen Mitternacht tauchten viele mit bleichen Gesichtern bei ihren Liegestühlen auf, hüllten sich in dicke Decken und beobachteten mit Sorge den Himmel, auf dem die Sterne beängstigend auf und nieder zu tanzen schienen. Das Schlingern war sehr arg geworden, nur ganz wenige blieben verschont, so daß sich bei der Tagwache unsere Streitmacht in kläglichem Zustand darbot. Der Läufer Blödy war nur mit Mühe an Deck zu bekommen, der starke Micki Hirsch! zitterte am ganzen Körper, Neumaun, Hedy und Hansi machten einen bedauernswerten Eindruck. Das immer glatter werdende Meer und die Sonne wirkten aber Wunder. Beim Mittagstisch versammelten sich auch die Leidenden, die Zeit ihrer Heimsuchung war vorbei. Nach dem Abendessen gab es zur Unterhaltung eine kleine Vorstellung auf dem Schiff. Die Chaluzim tanzten Hora, Erich Dreikurs und Micki Hirschl produzierten sich mit beifällig aufgenommenen Solominimern. AVIGDOR HAMEIRI 29 DER GROSSE WAHNSINN Ai i.:. uiMi'.iragumr aus dem i-L-nrä:sciien von Sein Vvoa. Aber der tote Gefreite hatte Glück: Seine Uniform wurde nicht mit ihm begraben. Der serbische Bankert stolzierte schon in ihr herum wie ein General. Selbstverständlich ohne den Gefreitenstern. Aber die Angelegenheit des Gefreiten Madi hat uns nicht allzu lange beschäftigt. Wenigstens uns nicht, die wir doch, den verfluchten Hügel bewachen sollten. Und nur als seine beiden «Erben» kamen, der serbische Bankert und der Italiener aus Fiume, und um die Sachen des Toten baten, der eine um dessen gute Uniform, der andere um die schönen Stiefel, erschien wieder die Gestalt des Toten vor meinen Augen. «Warum hat er die Sachen gerade Euch versprochen?» «Wir haben ihn darum ersucht» — antworteten die Beiden. «Sehr schöne Stiefel...» sagte noch der Italiener Benvenuto. «Und eine tadellose Uniform» — man sah förmlich wie dein Serben das Wasser im Munde zusammenlief. «Wie habt Ihr es nur zustandegebracht, ihn, einen Menschen, der in den Tod ging, darum zu ersuchen? Gemeine Kerle Ihr!» «Melde gehorsamst, eben deshalb haben wir ihn darum ersucht, weil er doch in den Tod ging» — antwortete der Serbe. «Ihm konnte es doch ganz egal sein» — fügte der Italiener hinzu. — «Und außerdem... melde gehorsamst ... sah ich doch, daß er seine Sachen dem Juden angetragen hat.» «Welchem Juden?» «Dem Onkel Oesterreicher.» «Dem Onkel Oesterreicher?» «Jawohl, ihm. Melde gehorsamst, Madi bat ihn, daß er für ihn nach seinem Tode bete.» «Und warum hat er ihm dann die Sachen nicht gegeben?» «Melde gehorsamst, der Jude wollte sie nicht annehmen. Er versprach ihm, auch so für ihn zu beten. Was für Verständnis hat ein Jude für Stiefel?» 28. März. Jaffa, im Hafen. In den letzten Tagen gab es viel zu sehen. Die Straße von Korinth, ein ungelähr 5 Kilometer langer, schnurgerader Kanal, durch den unser Schiff von einem kleinen Schlepper gezogen wurde, erregte unsere Bewunderung. An Rhodos glitten wir im hellsten Sonnenschein vorbei, und auf Zypern empfingen wir auf einer Autotour ins Innere der Insel die ersten orientalischen Eindrücke. Kamele, Kakteen, Bakschisch heischende Eingeborene und halsbrecherische Straßenkurven. Eine Unmenge Moscheen und Kirchen wurden geknipst und besichtigt, zum Abschluß ein kurzes Training im Salzwasser absolviert. Fast wären Matzner, Hedi und Felix Weiß hier zurückgeblieben, erst im letzten Augenblick wurden sie an Bord gebracht. Der Abschiedsabend wurde fröhlich gefeiert, und um 5 Uhr früh schon erhob sich ein Höllenlärm. Araber bedienten mit schrillen Rufen die Kräne, hißten die Ktihe, die wir in Zypern an Bord bekommen hatten in große Kähne und schleppten das Gepäck und die Koffer weg. Mühsam kletterten wir Über alle Hindernisse auf Deck, und als wir, vom Licht geblendet, den Blick erhoben, sahen wir am Ufer die alte Stadt Jaffa liegen. Viele Klippen sind im Wasser der Bucht verborgen, so daß weit draußen Anker geworfen werden muß. Die Bai ist von kleinen Segelbooten belebt, die Flaggengala tragen. Gilt es doch, die in den letzten zehn Stunden eingelaufenen Dampfer, acht an der Zahl, mit ihren Makkabim zu begrüßen und willkommen zu heißen. Und dieser Gruß wirkt auf uns tief. Wird er doch von starken, braungebrannten jungen Juden, den Vertretern der neuen jüdischen Rasse, den boy-scouts, dargebracht, die pfeilgeschwind zwischen all den endlich zur Ruhe gekommenen Kolossen durchsteuern. Die nahe Küste mit ihren weißen Bauten, der blaue Himmel und das Meer, dies erregt uns, wir sind ungeduldig, wollen endlich das Land betreten. Die Erledigung der Formalitäten dauert — so scheint es uns — eine Ewigkeit. AJnd doch wird unser Schiff als erstes abgefertigt, während manche Dampfer bis am -TeniMlon der „Sinne“ Es ist uns gelungen, mit dem Aliround-Sportkiub Hakoah für unsere Abonnenten eine besondere Begünstigung zu erlangen. Jeder Abonnent der «Stimme» erhält gegen Vorweisung der Bestätigung eines H a t bjahresabonnements für lediglich S 10.— per Monat tägliche Trainingsmöglichkeit von 7 Uhr früh bis 14 Uhr mittags auf der herrlichen Sportanlage (6 erstklassige Plätze) in der Krieau. 25 Minuten vom Zentrum der Stadt. Die Bälle werden gratis beigestellt. Um den Anfängern die Grundbegriffe und den Vorgeschrittenen weitere Ausbildung zu ermöglichen, erhält jeder Abonnent fast unentgeltlich gründlichen Einzel unterricht. (5 Stunden n u r S 10.—.) Umkleideräume, Duschen, Buffet, Telephon sind vorhanden. Auskünfte am besten direkt am Sportplatz beim Sekretär der Tennis-Sektion, Herrn Berger. Ich gab ihnen die «Erbschaft» und erinnerte mich unterdessen, daß in der Abteilung, die das Todesurteil vollstreckte, auch der Serbe war. «Hör mal, Infanterist Karcan, du warst doch unter denen, die das Urteil vollstreckt haben, nicht wahr?» , Der Bankert erschrak und wurde bleich. «Melde gehorsamst, jawohl, ich war dabei.» «Hm! Fühlst du nicht, daß du ein gemeiner Kerl bist?» «Melde gehorsamst, nein.» «Und warst du nicht aufgeregt? Sag die Wahrheit!» «Meide gehorsamst, nein. Man hat mir befohlen und ich habe geschossen.» «Und als du geschossen hast, hast du die Uniform gesehen?» Der Serbe schwieg eine Weile und sagte dann: «Melde gehorsamst, ich habe sie gesehen, aber ich zielte auf den Kopf.» «Um die Uniform nicht zu durchlöchern, was?» Der Serbe schwieg abermals. Dann sagte er: «Melde gehorsamst, jawohl.» Ich zögerte, ob ich ihm die Uniform geben soll. Aber ich habe sie ihm doch gegeben. Dieser Mann ist aufrichtig. Er nahm sie, wie ein Kind ein schönes Spielzeug in die Hand nimmt, unter den Arm, bedankte sich und dann gingen beide. Nach einigen Schritten blieben die beiden stehen und untersuchten ihre Schätze mit Behagen und stiller Freude. Plötzlich bemerkte ich: der eine schaut den andern und dann dessen «Erbschaft» an; zuerst mit Mißtrauen und dann mit verhaltenem Zorn, bis schließlich alle beide den fürchterlichen Fluch ausstießen: «Deine H.mutter — im Namen der Jungfrau Maria! Wart nur, wart nur!» Mein Diener hat mir dann den Grund des Streites zwischen den beiden «Erben» erklärt. Jeder von ihnen bat den Verurteilten sowohl um die Uniform wie auch um die Stiefel. Der Unglückliche verteilte aber diese unter Beiden. Deshalb waren sie auf einander so wütend. Und jeder verdächtigte den anderen, daß er ihm alles verdorben habe, obzwar keiner von ihnen dies laut auszusprechen wagte. Und jetzt bemerkten beide, daß sie beide Pech gehabt haben: Sowohl die Uniform wie auch die Stiefel waren von Kugeln durchlöchert. späten Nachmittag auf den Kommissär warten müssen. Doch auch die längste Wartezeit nimmt ein Ende, Boote bringen uns an einem gestrandeten Finnen vorbei zur Quarantänestation, bald haben wir auch dieses Amt hinter uns und dann rollt der große Autobus aus dem schmiedeeisernen Hafentor durch ein Spalier von Hunderten von winkenden und rufenden Leuten. Der erste Teil der Reise ist vorbei. Wir sind im Judenland, in Palästina angekommen. Was viele in ihren Gebeten erflehen, wir haben es erreicht. Wir sind auf der Erde unserer Väter. Prestige-Heuchelei Eine Wiener Tageszeitung berichtete kürzlich von einer Herausforderung des deutschen Exmeisters Gehrlng an den Hakoahringer Miki Hirschl im Rahmen einer Sportakademie für den deutschen Olympiafonds. In diesem Artikel wird die Behauptung aufgestelU, daß der Sieg Hirschls über den Schwergewichtsmeister Gehring anläßlich einer Veranstaltung des Oesterreiehischen K aftsportverbandes im Etablissement Ronacher vielfach als Zufallssieg gewertet wurde, was auch dadurch zum Ausdruck kommt, daß Hirschl vom Tschechen Klapuch, der an die Klasse, Gehrings nicht heranreicht, nach Punkten besiegt wurde. Abschließend gibt das Blatt der sicheren Erwartung Ausdruck, daß Hirschl schon aus Prestigegründen den Kampf annehmen müsse. So weit wäre ja alles gut und schön, nur scheint der Berichterstatter dieser Zeitung vergessen zu haben, daß Hirschl in seinem Kampfe gegen Klapuch seine Kräfte nicht voll entfalten konnte, da er durch einen Bänderriß am Knie, dessen Bandagierung einem SportberidPerstatter doch auffallen sollte, stark behindert war. Ob Hirschl die Einladung des Sportvereines Siegfried-Ludwigshafen annehmen wird oder nicht, hat in diesem Falle mit Prestigegründen wenig zu tun. Es stehen weit wichtigere Kämpfe bevor: Die Hakoah-Ringer verhandeln wegen einer großangelegten Tournee, die sie unter anderem auch nach Belgien und Frankreich führen wird, und da kann die Hakoah auf ihren einzigen Schwergewichtler nicht gut verzichten. Auch besteht die Hoffnung, daß der Hauptverband für Körpersport doch in letzter Minute zur Einsicht kommen wird, daß Hirschl würdig ist, Oesterreichs Farben bei der Olympiade in Los Angeles zu vertreten. Das sind die Gründe, die Hirschl derzeit daran hindern, gegen Gehring anzutreten. So muß also das «Neu'gkeits-Weltblatt» doen noch ein bißchen Geduld haben, bis entweder der Jude Hirschl gegen Gehring unterliegt oder der Oesterreicher Hirschl seinem «Vaterlande» einen Sieg heimbringt. Dunek. Weltmeisterschaft für Professionalringen Ab 2. Mai beginnt im Zirkus «Renz» die Austragung der Weltmeisterschaft für Professionalringen in zwei Gewichtsklassen (b i s 100 kg und über 100 kg). Wie wir erfahren, beteiligt sich an dieser Meisterschaft der Dauerschwimmer und ehemaliger Hakoah-Schwergewicht-Ringer Ernst Stern. In Fachkreisen werden dem gewesenen Hakoahner Platzchancen zugebilligt. Makkabi-Boxer Laub* Professional Wie wir erfahren, hat der bekanhte Makabi-Boxer Laub, der erst unlängst den Österreichischen Meistertitel errungen und bei der Makkabiade in Tel-Awiw einen grandiosen Sieg> gefeiert hat, seinen Beitritt beim Oesterreiehischen Berufs-, noxerverbni’.d angemeldet. Ich wandte mich an den Arzt und er sagte mir: «Wie kannst du, mein Lieber, behaupten, daß deine Leute ausgezeichnete Schützen sind. Ein guter Schütze trifft nicht den Fuß anstatt den Kopfl» Ich habe dem Arzt das Geheimnis nicht verraten. Wozu denn? Fürchterlich: Man schießt auf den Fuß eines lebenden Menschen, um seinen Stiefel zu durchlöchern, damit der andere einen Schaden habe! Soll auch ich fluchen? Soll auch Ich den Namen der Jungfrau Maria anrufen? Zwanzigstes Kapitel. Der Wahnsinnige. Am Abend, bevor wir den Schützengraben beim verfluchten Hügel zu besetzen hatten, perlustrierte ich noch einmal meine Leute und wählte die mutigsten und tüchtigsten unter ihnen. Ich wunderte mich, daß keiner Zurückbleiben wollte; alle wollten sie den «Venushügel» besetzen. So wurde in der letzten Zeit die Anhöhe genannt. Wer war es, der diesen Namen erfand? Keiner wußte es. Wahrscheinlich hat irgend jemand vom Lager diese Bezeichnung zufällig ausgesprochen und sie wurde populär. Zweifellos ist nur, daß dieser Mann kein ungebildeter war. Prof. Meising erklärte mir die Sache von seinem psychoanalytischen Standpunkte: die Soldaten haben auf diese Weise teilweise abreagiert... Ich erzählte dem Professor Leutnant Meising, daß alle meine Leute unbedingt diese gefährliche Anhöhe besetzen wollen und er war außer sich vor Freude: «Natürlich, mein Lieber, das ist ja selbstverständlich! Schon der Name selbst hat eine starke Anziehungskraft für die Leute.» ( Na schön! Etwas übertrieben kommt mir das vor. Und doch; Wer weiß? Wer kennt die Psyche des Frontsoldaten, die mit Logik gar nichts zu tun hat! Vielleicht hat Meising recht! * Als ich mich aber erinnerte, wieviele Opfer uns die Anhöhe bis jetzt gekostet hatte; als ich mich an meinen Freund erinnerte, der hinging und nicht mehr zurückkehrte und von dessen Tod ich seine Mutter verständigen mußte — verlor ich die Lust, der psychoanalytischen Methode des Herrn Professor Meising Verständnis entgegenzubringen. Und heute abends sollten wir hingehen. Alle meine Leute saßen und schrieben Briefe. (Fortsetzung folgt) HERZL-GRABGANG Ew-äTZS ■ Kommt alle, Keiner fehle 1