Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 225 (29.4.1932)
- Date
- 1932-04-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 225 — 29. April 1932 DIE STIMME Seite 5 Die historische Wahrheit der Bibel Sensationelle Forschungsergebnisse Bei einem Presseempfang in London berichtete Sir Charles Marston über die neuesten Nachrichten, die er von den englischen archäologischen Expeditionen in Palästina, Aegypten und im Irak erhalten hat. Sie beziehen sich hauptsächlich auf zeitgenössische Zeugnisse für die Ur-Einwanderung der Juden in Palästina. In Tel el Amarna in Aegypten wurden neuerlich Tontafeln gefunden, die dringende Briefe enthalten. Sie stammen von den Statthaltern palästinensischer Städte und sind an deren Suzerän, den ägyptischen Pharao, gerichtet. Sie beschwören diesen, ihnen Soldaten und Kriegswagen zu schicken, um das Land gegen ein Heer von fremden Kriegern verteidigen zu können, die in diesen Briefen mit dem Namen «H a b i r u» bezeichnet werden. Die Datierung dieser Briefe stimmt nun fast mit dem Datum überein, das Prof. John Garstang, der Leiter der Marstong-Archäologischen Expedition, für die Zerstörung Jerichos durch Josuah angibt. Man muß also, nach Meinung Sir Marstons und der übrigen mit diesen Forschungen befaßten Gelehrten, annehmen, daß es sich bei diesen fremden Kriegern um niemand anderen handelt, als um das Volk der Israeliten. Tafeln, auf denen der Name Habiru aufscheint, wurden auch in Babylonien gefunden, und Prof. Stephan Landon, der Leiter der Expedition des Oxford-Field Museums, der in Kisch in Babylonien arbeitet, hat die Identität der Habiru mit den Hebräern definitiv festgestellt. Zahlreiche andere Funde, hauptsächlich Tongefäße und Skarabäen, haben Prof. Garstang ermöglicht, das Datum der Erstürmung von Jericho endgültig mit dem Jahr 1407 v. Ch. festzusetzen. Dieses Datum ist besonders darum interessant, fuhr Sir Marston in seinem Bericht fort, weil wir wissen, daß der Pharao des Auszugs aus Aegypten Amenhotep II. war, der nach der Datierung durch Sir Flinders Petrie im Jahre 1447 v. Chr. auf den Thron kam. Diese 40 Jahre stimmen genau mit den 40 Jahren der Wanderschaft durch die Wüste überein. Während der Herrschaft Amenhoteps III. zogen die Israeliten siegreich in Palästina ein. Er kam 1413 auf den Thron und hatte Echnaton, den Häretiker, zum Nachfolger. Eohnaton bestieg den Thron im Jahre 1377 v. Chr. Dieser König scheint wohl viel zu sehr mit dem Bau seiner großen Stadt Tel el Amarna und der Gründung einer Religion beschäftigt gewesen zu sein, als daß er sich um dringende Briefe aus Palästina hätte kümmern können. Immerhin: die bewußten Tontafeln wurden in Tel el Amarna aufgefunden, so daß man wohl annehmen darf, sie seien Echnaton geschickt worden oder allenfalls an seinen Vorgänger, Amenhotep III., und seien dann in die neue Stadt mitgeführt worden, als die Hauptstadt von Theben nach Tel el Amarna Ubersiedelte. War Amenhotep der Empfänger, so beweist das, daß die Bibel vollkommen exakt datiert. War es Echnaton, so würde sich eine Diskrepanz von nur 30 Jahren ergeben. Was wir in Jericho zu finden hoffen, so schloß Sir Marston seinen Bericht, ist das einzige Glied, das noch fehlt, um die Beweiskette völlig zu schließen. Es wäre eine oder mehrere Tontafeln, die die Antwort des Pharaos an seine palästinensischen Statthalter enthielte. Die Ruinen von Sodom und Gomorrha entdeckt? Vor einigen Tagen ging die Nachricht durch die Weltpresse, daß bei Ausgrabungen in Palästina die von Asche bedeckten Ruinen von Sodom und Gomorrha bloßgelegt wurden. Hierzu wird aus maßgebender vatikanischer Quelle mitgeteilt: Vorläufig steht bloß fest, daß der Jesuitenpater Köppel vom päpstlichen Bibelinstitut in Jerusalem unweit des Hügels Ghassul in Palästina Ueberreste von vier übereinander gelagerten Ansiedlungen, sowie vom Aschenregen verschütteter Wohnstätten entdeckte, wie sie bisher bei keinen anderen archäologischen Entdeckungen in Palästina wahrgenommen wurden. Obwohl noch keinerlei Inschrift mit dem Namen der Stadt ans Tageslicht kam, vermutet man, daß es sich vielleicht um die Ruinen von Sodom und Gomorrha handle. Es wurden keramische Ueberreste entdeckt, die zur Begrabung der Kinder dienten, sowie Instrumente aus Knochen. Wißt Ihr schon? Daß Druckfehler neckische Schedim sind, ist ja bekannt, und immer wieder freut sich der überraschte Leser, wenn ihm seine Zeitung welche vorsetzt. Kartellen Ettlingers «Romankapitel» aus „Fesch und vergnügt», ist ja in dieser Hinsicht mit Recht fast so berühmt geworden, wie sein « Moritzchens Tagebuch». Ein paar nette Sachen berichtete kürzlich eine deutsche Purimzeitung. Habt Ihr schon von erotischen Tieren gehört? Da war in Darmstadt ein jüdischer Korrektor an einer großen Tageszeitung angestellt. Wenn ein Korrektor Druckfehler übersieht, hat er im allgemeinen Entlassung zu gewärtigen. Aber in einem Falle war man ihm sogar für das Durchschlüpfen eines Fehlers sehr dankbar. Die Zeitung brachte nämlich: Zirkus B. in Darmstadt mit 100 erotischen Tieren. Der Besuch des Zirkus soll daraufhin nicht schlecht gewesen sein. Aber manchmal sind Druckfehler auch weniger angenehm, so, als die Setzer der «Fränkischen Tagespost» in Nürnberg in heimlicher Tücke und zur Freude der Orthodoxen einen Kongreßwahlaufruf der Liga für das Arbeitende Palästina mit dem Ausruf schließen ließen: Also wählt alle nur Posle-Zion! Habt Ihr schon die Geschichte von der Braut gehört, die unter der Chuppe schikerte? Davon kann ein deutscher Rabbiner erzählen, der recht verdutzt war, als eine junge Braut unter der Chuppe den Becher Wein, den man ihr reichte, kräftig ausleerte, den Kelch dann gegen den Rabbiner' ausstreckte und laut ausrief: Auf Ihr Wohl, Herr Rabbiner! Fast hätte die feierlich — ernste Amtshandlung wegen des nicht zu unterdrückenden Gelächters nicht fortgeführt werden können. Uebrigens soll, wie in jüdischen Fußballerkreisen erzählt wird, Feldmann von der Hakoah, der vor einigen Wochen heiratete, dasselbe Kunststück wie jene trinkfeste Braut zjstande gebracht haben. Aktuell ist folgende Geschichte, für deren Wahrheit sich der Berichterstatter verbürgt. In das Büro des Jüdischen Nationalfonds kommt ein jüdischer junger Mann und verlangt Herrn Direktor Keren zu sprechen. Worauf er zur Antwort erhielt: Der Herr Keren ist gerade mit dem alten Kajemeth bei einer Sitzung. Der junge Mann will nochmal kommen. Man ist gespannt, wen er dann verlangen wird ..... Aber daß in einer kleinen, sächsischen Stadt eine Frau, die sich um eine arme Braut bekümmert, irrtümlich ein Gesuch um Berücksichtigung dieses Falles bei dem,Verein «Moaus Chittim» macht und die Zusage für so und so viel Pfund Mazze erhalten hat, dürfte niemanden so verwundern wie die Braut, die von die- •em Teil der Mitgift noch gar nichts weiß. Wist Ihr schon, daß das alte Goldland Ophir wieder gefunden wurde? Der Forschungsreisende John Philby behauptet nämlich, Ophir, aus dem König Salomo Gold herbeischaffen ließ, entdeckt zu haben. Philby durchquerte vom Persischen Golf aus «Rub al Khali», das sogenannte «Leere Viertel» Süd- Die Misrachi-Zentrale gibt bekannt, daß von nun an Koscheres Steinmetzbrot unter ritueller Aufsicht erzeugt wird und in 150 Verkaufsstellen des II. Bezirkes erhältlich ist. Der dem Ritus entsprechende Star Mechlra wurde \ durchgeführt. Stein Hl etzb rot wird von der Ernährungswissenschaft neben seiner Schmackhaftigkeit als das vitaminreichste und somit gesündeste Brot bezeichnet. ostarabiens. Er ist der erste Europäer, dem es gelang, d;e Ruinen der Stadt Ubar zu sehen. In Ubar glaubt Philby das sagenhafte Ophir der Bibel gefunden zu haben. Beweise hat er aber nicht mitgebracht, insbesondere kein Gold. Und von Juden in Afghanistan habt Ihr schon gehört? Die «Times» vom 16. April erwähnl in einem Artikel über Afghanistan, daß es dort auch Juden gibt, die als Kaufleute tätig sind. Diese Juden haben Tracht und Sitten der Landesbewohner angenommen, heißen «Bani Israel» und bezeichnen sich als Ueberbleibsel der verlorenen zehn Stämme. Die «Times» erzählt aber als Neuigkeit, daß die Sehnsucht der Afghanen, Schulden zu zahlen, «gemildert ist durch gelegentliche Morde». Das ist für uns leider nichts Neues. Erst beim Juden pumpen und ihn dann davonjagen oder umbringen, das trafen schon die Fürsten im MittelaUer. Die Afghanen machen es nur primitiver, ohne Ritualmord- und Hostienschändungsprozesse. Die verwaisten Thorarollen von Kiew Wir berichteten kürzlich über die Enteignung der letzten in Kiew noch bestehenden Synagoge, wodurch 500 Thorarollen obdachlos wurden. Die Sowjetregierung scheint nun im letzten Augenblick ein Einsehen gehabt zu haben. Es verlautet nämlich, daß die ukrainische Regierung die Konfiskation der letzten Synagoge in Kiew wieder rückgängig gemacht hat. Intelligentes junges Mädchen große Idealistin und Naturfreundin, streng anständig, von angen. Aeußeren, sucht Briefbekanntschaft mit intelligentem, charaktervollem Herrn. Evt. gemeinsame Sommerfrische, wäre besonders begeistert für eine Palästinareise und noch mehr entzückt im Falle e:ner Möglichkeit zur Auswanderung nach Palästina (Orangenpflanzung-Ankauf oder ähnliches). Besitze etwas Vermögen, bin aber in materieller Beziehung ziemlich anspruchslos. Adresse in der Administration dieses Blattes unter «Seelenverwandt». Judenmartyrium in Sowjetrußland Terrorakte, Massenverfolgung und Erpressungen. Das Bulletin der Auslanddelegation der zionistischsozialistischen Partei In Sowjetrußland vom März berichtet haarsträubende Einzelheiten über Terrorakte gegen Juden und über Massenverfolgung jüdischer Sowjetbürger. Hunderte von Juden sind in der letzten Zeit verhaftet und von der G. P. U. zur Verbannung und zur Verschickung in Konzentrationslager verurteilt worden. Besonders arg ist es in zahlreichen Städtchen der Ukraine. Es gibt Kleinstädte, in denen in der letzten Zeit fast alle Einwohner verhaftet wurden. Von allen diesen Verhafteten verlangt man Dollar oder Gold. Fast neunzig Prozent der Arretierten sind jüdische Arbeits- oder Erwerbslose, die nur noch durch spärliche Hilfe vom Ausland existieren. Aus Rußland treffen Telegramme folgenden Inhalts ein: «Vater krank, sendet dringend zehn Pfund.» Die Behörden haben anscheinend ein System entwickelt, auf diese Weise von den Angehörigen der Verhafteten eine Art Lösegeld zu erpressen. Aus allen aus Rußland eintreffenden Briefen tönt die gleiche Klage über die Willkür der Behörden. Hauptsächlich werden diejenigen verhaftet, die irgendwann Hilfe von ihren Verwandten im Ausland erhielten. Charakteristisch ist das traurige Schicksal der Sozialistin Malja Katschanowa, die, zwanzig Jahre alt, in Kasakstan im Exil starb. Sie wurde 1930 in Moskau verhaftet und, obwohl sie schwer krank war, in das Butyrki-Gefängnis gebracht. Nach zehntägiger Haft überführte man sie in eine Männerzelle, die gerade desinfiziert worden und mit Schwefeldämpfen gefüllt war. Die Katschanowa bekam einen Blutsturz und wurde erst nach einiger Zeit in eine andere Zelle gebracht. Das Urteil lautete auf drei Jahre Verbannung. Auf der Etappenreise dorthin verschlimmerte sich infolge der Strapazen und Qualen ihr Leiden. Inj.,.* April, vorigen Jahres verschied sie, wie man erst jetzt erfährt.. Grober Unfug Unter diesem Titel hat die israelitische Kultusgemeinde in allen jüdischen Blättern eine amtliche Verlautbarung veröffentlicht, welche die Entrüstung darüber zum Ausdruck bringt, daß ein angeblicher Rabbiner Rokach unter jüdischreligiöser Flagge Geschäftsmachinationen betreibt, die geeignet sind, die jüdische Oeffentlichkeit irrzuführen und unter falschen religiösen Vorspiegelungen dahin zu beeinflussen, Klassenlose eines nichtjüdischen Bankhauses zu erwerben. Inzwischen macht dasselbe nichtjüdische Bankhaus für seine Klassenlose neuerlich Propaganda durch einen sich «Misrachi- Zentrale» nennenden Verein, der sich jedoch die Bezeichnung «Misrachi» unbefugt beilegt. Der genannte Verein wurde laut öffentlicher Kundmachung der «Misrachi-Weltzentrale in Jerusalem» vom 7. Adar 5691 und laut endgültiger Entscheidung in letzter Instanz der «Misrachi-Weltkonferenz in Basel» vom 20. Tamuz 5691 als illegal erklärt. Trotzdem unternimmt es der sogenannte Verein unter Vorspiegelung der angeblichen Förderung des Palästinawerkes den Namen «Misrachi» zu mißbrauchen und das von der Israelitischen Kultusgemeinde in Wahrung der Interessen der jüdischen Oeffentlichkeit als «grober Unfug» qualifizierte Vorgehen des angeblichen Rabbiners Rokach zu wiederholen, wobei als einziger für Palästina in Aussicht gestellter Vorteil lediglich der Appell an die eventuellen Gewinner, aus ihrem eigenen Gewinn für Palästina zu spenden, angeführt wird. Ueber vielfache Anfragen sieht sich der gefertigte «Misrachi- Landesverband für Oesterreich» als einzige legale und vertretungsberechtigte Organisation aller Misrachisten veranlaßt, festzustellen, daß er mit diesen Werbeschriften nichts gemein hat und jede Verantwortung dafür ablehnt und gegen /*■ diesen Unfug protestiert. /.-t. Präsidium des Misrachi-Landesverbandes (ff; für Oesterreich. VV Jüdische Chronik der Woche 30. April 1806: Beginn der Beratungen der französischen Regierung untei Vorsitz Napoleons, die zur Einberufung des Großen Synchedrions führten. — 1899* Der hebräische Schriftsteller A. D. Gottlober gestorben. — *-918: Der bekannte Palästina-Forscher und hebräische Schriftsteller A. M. Lunz gestorben. — 1. Mai 1572: Moses Isserlis, eine der größten rabbinischen Autoritäten, gestorben. — 1863: Gabriel Riesser zu Hamburg gestorben. — 2. Mai 1287: Verhaftung der Juden in England. Nach Zahlung von 12.000 Pfund Silber erfolgte ihre Freilassung. — 1782: Eröffnung der ersten jüdischen Schule mit deutscher Unterrichtssprache in Prag. — 1860: Theodor Herzl in Budapest geboren. — 1864: Giacomo Meyerbeer in Paris gestorben. — 3. Mai 1096: Judenmassaker in Speyer und Worms durch die Kreuzfahrer. — 1898: Univ.-Prof. Doktor Hermann Schapiro, Mathematiker an der Univerisität Heidelberg, der Initiator des Jüdischen Nationalfonds (K. K. L), gestorben. — 4. Mal 1864: In London stirbt der rumänische Jude Josef Israel, Reiseschriftsteller, der die zehn verlorenen Stämme suchte. — 5. Mal 1624: Antonio Homem, ein Marrane, Professor des kanonischen Rechtes an der Universität von Coimbra, insgeheim Vorsteher und Prediger def jüdischen Gemeinde, wird verbrannt.