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Die Stimme · 1932-04-29 · Heft 225 (29.4.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 225 (29.4.1932)
Date
1932-04-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nf. 225 — 29. April 1932 DIE STIMME Seite 9 Die Stadi dev Gegenwart Bilder von der Levaniemesse Von Ch. Haller« Tel-Awiw, Mitte April. Nun schreibe ich wieder aus dem alten — nein, aus dem neuen Tel-Awiw. Derselbe lachende Himmel, dasselbe Straßenbild, das bewegte, bunte Treiben, aber es ist ein anderes Tel-Awiw als man es vor sechs Jahren in der Zeit der schwersten Wirtschaftskrise verlassen hat. Man merkt an hundert Einzelzügen, an ihrem Aeußern, daß der allgemeine Wohlstand in diesen nicht leichten sechs Jahren zugenommen hat, daß die Stadt nicht bloß an äußerem Umfang, sondern an innerer Kraft gewachsen ist und daß heute in den Menschen ein anderer Geist waltet als ln jenen schweren Krisenjahren — trotzdem Verdienen noch immer ein «edel Ding» ist und trotzdem von keiner Konjunktur gesprochen werden kann. Aber die Lage ist hier normal in dieser so unnormalen Zeit, dieses kleine Land bietet Raum für neue geschäftliche Ueberlegungen. Ein Geist des Vorwärtsdrängens der Entwicklung, des Schaffens ist an allen Ecken und Enden zu spüren. Es herrscht Bewegung, Tempo, besonders in den Hauptstraßen. Fast merke ich, daß man hier heute weniger Zeit hat als früher. Zum Teil mag dies mit den Veranstaltungen in den letzten Wochen Zusammenhängen — aber das Land hat starke Fortschritte gemacht. Man nennt Jerusalem die Stadt der Vergangenheit, Haifa die Stadt der Zukunft; zweifellos aber ist Tel- Awiw die Stadt der Gegenwart. Von hier geht heute der stärkste Impuls der Entwicklung über das Land. Es ist das Zentrum neuen wirtschaftlichen Werdens für Palästina geworden und als Stätte der internationalen Levantemesse beginnt es sich zu einem Mittelpunkt für den Warenaustausch für den ganzen vorderen Orient zu entwickeln. An den der Messeeröffnung vorhergehenden Tagen herrschte hier auf den unmittelbaren Zufahrtstraßen ein außerordentlicher Verkehr, auf dem Ausstellungsgebiet eine fieberhafte Tätigkeit. Noch am letzten Tage vor der Eröffnung machte deshalb vieles noch einen sehr unfertigen Eindruck. Tatsächlich war am Eröffnungstage eine Reihe von Pavillons noch nicht fertig. Es gelang aber, durch eine außerordentliche Anstrengung, in den letzten 24 Stunden dem ganzen ein geordnetes und festliches Aussehen zu geben. Der Oberkommissär besichtigte vor der Eröffnung eingehend die meisten Pavillons und Ausstellungsstätten. Im Pavillon der Frauenorganisation «Wizo» beglückwünschte er die Leiterinnen zur rechtzeitigen Beendigung ihrer Ausstellungsarbeiten. «Die Frauen sind immer fleißig und werden rechtzeitig fertig», machte er ihnen zum Kompliment. Besonderes Interesse erweckte beim Oberkommissär die Tabelle im Pavillon der Histadruth- Haowdim, die den vergleichsweisen Anteil der jüdischen Arbeiter an den verschiedenen Berufen in Polen und in Palästina darstellte. Er bat, daß man ihm diese Tabelle zustelle. Was im Lande irgendwie einen Namen hat, war zur Eröffnungsfeier erschienen. Die obersten Regierungsbeamten in schwarzer Tracht und Zylinder (was sich in der hiesigen Landschaft eigenartig abhebt), mit Ausnahme des Oberkommissärs, der im grauen Anzug und ebenso grauen altenglischen Zylinderhut erschien. Die palästinensische Sonne brannte bereits treu und gründlich, aber, nach hiesigen Maßstäben, immerhin nicht ohne Schonung, auf die Versammelten nieder. Ueber dem Dache des daneben stehenden großen Ausstellungs- Die Judenchinesen Dem Bericht eines Chinareisenden entnehmen wir nachstehende interessante Zeilen: Lange Zeit hindurch hatte man durchaus falsche Vorstellungen von den Juden in China. Man sprach davon, daß es dort die Nachkommen der verlorengegangenen zehn Stämme gäbe, die heute viele Millionen Menschen zählen und im Rahmen des Landes bedeutende politische und wirtschaftliche Positionen einnehmen. Als ich auf meiner chinesischen Reise dort ansässige europäische Juden fragte, ob ihnen von chinesischen Juden etwas bekannt sei, erklärten sie, daß es viele zum Judentum übergetretene Chinesen gebe, aber von Judenchinesen sei ihnen nichts bekannt. Im Jahre 1919 traf ich in der?tadt Jaomin (Mandschurei) einen Judenchinesen. Als ich dort einen Laden betrat und mich mit dem Inhaber in ein Gespräch einließ, fragte mich dieser, was ich sei. «Ich bin ein Jude,» antwortete ich. Auf seinem Gesicht zeigte sich eine •onderbaie Zufriedenheit und er erklärte mir, daß er ebenfalls Jude sei. Nicht einer von den «neuen» Juden, sondern Jude von altersher, aber er wisse nichts vom Judentum, da es an Lehrern und Erziehern fehle. Er sei mit einer Buddhistin verheiratet, ebenso seine Kinder. Er unterschied sich in nichts vom typischen Mongolen in Aussehen, Sprache, Kleidung und Lebensart, kannte ein paar Buchstaben des jüdischen Alphabets und von den Feiertagen waren ihm Pessach, Rosch Haschana und Jom Kippur bekannt. Sonst wußte er nur, daß die jüdische Religion einen Gott kenne. Er wunderte sich sehr, daß es unter den «weißen Europäern» ebenfalls Juden gebe, und zwar ungefähr 15 Millionen, die zwischen den Völkern verstreut leben. gebäudes der ausländischen Industrie wehte ein Dutzend nationaler Fahnen und gaben dem Bild ein farbiges und festliches Relief. Was der Messe diesmal ihre Note gibt, ist ihr ausgesprochen internationaler Charakter. Die Organisation entspricht westeuropäischen Vorstellungen und Ansprüchen. Die Ausstellung umfaßt ein Gebiet von 52.000 Quadratmetern gegenüber 7000 im Jahre 1929. Die Zahl der Aussteller betrug damals 309, heute 1200; davon entfallen 300 auf Palästina und 900 auf das Ausland. Es sind 70 Ausstellungsgebäude gegenüber 16 im Jahre 1926. Acht Länder, außer Palästina, sind durch eigene Pavillons in offizieller Weise vertreten. Es sind jedoch, wie bereits angedeutet, 24 Nationen an der Masse durch eigene Stände beteiligt. Die junge, palästinensische Industrie ist in einem besonderen, langgestreckten Gebäude, nach Fachgruppen geordnet, konzentriert. Ein Beispiel jüdischer Produktionskraft und Anpassungsfähigkeit. Besonders stark ist die englische Industrie vertreten. Sie hat nicht nur einen eigenen großen Pavillon, sondern noch eine Reihe von Ständen in anderen Häusern in Anspruch genommen. Neben England muß die Sowjetrepublik erwähnt werden, die keine Mittel scheute, um sich imposant und repräsentativ vertreten zu lassen. Ihre systematische wirtschaftliche Expansionstendenz ist nicht zu verkennen. Die palästinensische Regierung gibt in einem eigenen, weitläufigen Pavillon eine schematische Darstellung ihres Wirkens auf den verschiedenen Gebieten ihrer Verwaltung, der öffentlichen Arbeiten, des Gesundheitswesens, des Handels, der Landwirtschaft usw. Der Pavillon der jüdischen Kolonien bietet eine eindrucksvolle Darstellung der 50jährigen Entwicklung der jüdischen Kolonisation aller Formen und Richtungen. Allgemeines Interesse rief das zur Illustration der «Kolonisation der Tausend» errichtete Arbeiterlandhaus in natürlicher Größe mit zwei Zimmern, Küche, Terrasse und sonstigen notwendigen Bequemlichkeiten sowie der vollständigen Inneneinrichtung hervor. Von der Messe wird ein wirtschaftlicher und moralischer Antrieb in die jüdische Welt hier und draußen ausgehen, eine Wechselwirkung zwischen dem jüdischen Volk und den Völkern der Welt. Saisoneröffnung! Cafe Restaurant Brauner Hirsch II. Prater Hauplalle 6 am Samstag, 30. April unter der Leitung des bestbekannten Dir. Hans Chlamtatsdi Herrlicher Garten — Angenehmster Aufenthalt. Zivile Preise, erstklassige Küche, vorzügliche Getränke. Alle erlaubten Spiele auch mit mitgebrachten Karten gestattet Ob es außer ihm in seiner Gegend noch Juden gebe, wußte er nicht; denn eine Synagoge, ein Gemeindeamt, ein Cheder war nicht vorhanden. Hingegen erzählte er, daß es in Zentralchina eine Stadt Kiangfu gebe, wo Judenchinesen vorhanden seien. Zwei Jahre später traf ich im französischen Teil von Schanghai einen Juden, welcher aus Kiangfu stammte. Dieser konnte schon ein paar hebräische Brocken lesen und schreiben, die er von europäischen Juden gelernt hatte: er war der Schammes in der Synagoge von Französisch-Schanghai. Von ihm erhielt ich die Adressen einiger Judenchinesen, angesehener und reicher Bürger Schanghais, die mir die gewünschten Auskünfte über die Juden gaben, für die ich mich interessierte. Wie lange die Juden in China wohnen, ist nicht genau bekannt. Auf einem Stein, der beim Eingang in die Kiangfuer Synagoge steht, ist zu lesen, daß die Juden in der Zeit der Hon-Dynastie (200 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung) nach China gekommen sind, während die Jesuiten, welche sich mit dieser Frage beschäftigen, angeben, daß die Juden zur Zeit der Mintu- Dynastie (70 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung) eingewandert seien, und zwar aus dem Westen, aus Persien. Tatsache ist, daß sich bei den Judenchinesen zahlreiche persische Sprachausdrücke finden und daß die religiösen Hymnen der Judenchinesen den persischen sehr ähneln. Auch wurde ein aus dem 4. Jahrhundert stammendes chinesisches Werk gefunden, in welchem von fremden Beth Hamidraschim und von einem einzigen Gott die Rede ist, den die Fremden verehren, Der arabische Reisende Abi Saud al Hassan gibt in seiner Beschreibung aus dem Jahre 878 an, daß die Juden in China volle Freiheit hatten, daß die chinesi- Diehebraische Univepsi'St in 3epusalera In der Sammlung «La Noar», die der Keren Kajemeth herausgibt, ist als neuestes Bändchen eine Schrift von Prof. Klausner über die Universität erschienen. Nach Darstellung der weit zurückreichenden Vorgeschichte, der Gründung und Eröffnung (1. April 1925) schildert er den gegenwärtigen Zustand. Bei Eröffnung; gab es die geisteswissenschaftliche Fakultät, und zwar die judaistische Abteilung, das chemische Institut sowie das mikrobiologische Institut, das mit einer Abteilung für Parasitologie begann. Im Jahre 1926 wurde das orientalische Institut eröffnet, das bis zu seinem Tode (1931) von dem berühmten Arabisten Josef Hurwltz (Frankfurt) geleitet wurde. Bisher ist nur Arabisch im Studium, Syrisch und Persisch in Anfängen. Es ist auch geplant, wenn es nötig werden sollte, assyrisch* ägyptisch und andere orientalische Sprachen aufzunehmen. Der arabische Unterricht steht auf einer sehr hohen akademischen Stufe. Es sind zwei sehr große Werke in Arbeit: eine Konkordanz der arabischen klassischen Lieder und die Ausgabe der wichtigen Schriften des arabischen Historikers Beladari aus den Anfängen de* Islam. Der Nachfolger von Prof. Hurwitz ist Prof. Weil (Frankfurt). Es ist Aussicht vorhanden, daß er nach Jerusalem übersiedeln wird. Klausner wirft die Frage auf, ob man anstatt jener Arbeiten dieses Instituts nicht eher hebräisch-arabische Werke, von denen es bisher nur Handschriften gibt, die von Juden geschrieben sind, wie jene des Rambam, edieren sollte. Im Jahre 1926 wurden zwei neue Institute eröffnet, das naturkundliche unter Leitung von Warburg, da* nach und nach zu einem vollkommenen botanischen ausgebaut wird, mit Abteilungen für Geologie und Zoologie, und das hygienische unter Prof. Kliegler. Diese zwei Institute sowie das mikrobiologische unter Prof. Saul Adler und das chemische unter Prof. Fodof dienen durch ihre Forschungsarbeiten dem Lande, int Jahre 1927 wurden das mathematische Institut gegründet mit Prof. Landau und Dr. Admira. Später wurde e* erweitert und Prof. A. Fraenkel und Prof. Fekete berufen. Ersterer blieb zwei Jahre im Lande. Im Jahre 1929 wurden höhere Kurse für allgemeine Philosophie, Geschichte und Literatur eröffnet. Im Jahre 1929 wurde beschlossen, auch eine naturwissenschaftliche Fakultät im Jahre 1932 zu bilden. Aua Geldmangel war es nicht möglich, eine vollkommene Fä* kultät zu schaffen und es wurden daher 1931/32 bloß höhere Kurse für Biologie geschaffen, die aber äücft Zoologie, Botanik, Chemie, biologische Chemie, Protozoologie, Bakteriologie, Mathematik, allgemeine Physik^ Mineralogie, Geologie und Meteorologie umfassen. Dies bedeutet einen Anfang für die naturwissenschaftliche Fakultät. HechtshilfBffbePBinlionimen zwischen Oesterreich und Palästina Das im Bundesgesetzblatt 45/1932 verlautbarte Rechtshilfeübereinkommen zwischen Oesterreich und Großbritannien wurde laut einer eben erschienenen Verordnung auch auf Palästina (ohne Transjordanien) ausgedehnt. Das Rechtshilfeübereinkommen regelt die Rechtshilfe bei Beweisaufnahmen und Zustellungen. Eine Sicherheit für die Prozeßkosten darf nicht begehrt werden. sehe Regierung und das Volk keinerlei Rassenunterschied kannten und die Juden zu hohen politischen! Stellen beriefen. Offiziell ist bekannt, daß die chinesische Regierung im Jahre 1163 den Juden erlaubte, einen Tempel in Kiangfu zu bauen, und daß die Juden in den Jahren 1329 und 1354 offiziell nach Peking eingeladen wurden, um mit der chinesischen Regierung wegen Eintritts in die Armee zu verhandeln. In den diesbezüglichen Dokumenten werden die Juden «Schowi» oder «Jehudlm» bezeichnet. Ich sah in Schanghai Bilder der Kiangfuer jüdischen Synagoge mit zahlreichen Bauteilen und Höfen. Drei Baugruppen führten zu den Eingängen, die Höfe waren mit Gräsern und Bäumen bepflanzt. Vor jedem! Eingang standen hohe kubische Steine, in welche d»e Hauptlehren der Jüdischen Religion in chinesischen und hebräischen Buchstaben eingeritzt waren. Auch befand sich dort das Allerheiligste und ein Altar, zu dem nut der Hauptpriester einen Zugang hatte. Von einem Podium aus wurde die Thora gelesen. Die Architektur des ganzen war ein Gemisch aus chinesischen und persischen Motiven. Es wurde festgestellt, daß, vom 13. Jahrhundert angefangen, in China zahlreiche Juden gewohnt haben, die sich mit Import- und Exporthandel beschäftigten und es zu Wohlstand brachten. Ebenso ist festgestellt, daß Missionäre sich bemühten, sie dem Christentum zuzuführen, allerdings ohne Erfolg. Auch versuchten die Missionäre, den Juden alte wichtige Reliquien und Manuskripte abzukaufen. Die Juden lehnten den Verkauf Jahrzehnte hindurch ab und erst in letzter Zeit, unter dem Zwang des Hungers, sahen sie sich veranlaßt, einige Antiquitäten, darunter auch uralte Thora« rollen, herzugeben, die sich jetzt in europäischen Mm»

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