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Die Stimme · 1932-04-29 · Heft 225 (29.4.1932) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 225 (29.4.1932)
Date
1932-04-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIB »TIMME Nr. 225 — 2ü. iW32 Gleichgewicht gebracht hätte. So aber, vorbereitet wie I er wurde, entlädt sich seine Ueberraschung nur in j einem Liede mit dem Refrain: «0 du verfluchter Zwetschkenbaum!» Auch Hitlers Zauberkunst beruht auf solch einem Zwetschkenbaum. Die Deutschen haben seit dem Jahre 1014 Verschiedenes mitgemacht, was ihr Weltbild aufs ungünstigste beeinflussen, ihr Gemüt mit schwerster Depression bedrücken muß. Sie haben sich tapfer gegen eine Welt von Feinden geschlagen, und doch das harte Los schmählich Besiegter erlitten. Trotz größtem Fleiße sind sie von hohem Wohlstand in Not und Elend versunken. Die autokratische Monarchie hat ihnen einst die Feindschaft fac1 aller anderen Großmächte zugezogen, die Einführung der demokratischen Republik hat entgegen allen darein gesetzten Hoffnungen die Feinde nicht versöhnlicher gestimmt. In dieser schlimmen Lage wird das deutsche Volk täglich erbitterter, glaubt sich verraten, verkauft von falschen Freunden, zum Untergang verurteilt durch äußere und innere Feinde. Da tritt Hitler auf, sagt den hoffnungsvoll Aufhorchenden, daß die«Sache in Wirklichkeit gar nicht so schlimm sei. Schuld sei einzig und allein — der Zwetschkenbaum, der ihr Weltbild trügerisch verzerre. Dieser Zwetschkenbaum ist «der Jud»! Der Jude ist schuld, daß der Krieg ausgebrochen ist, er ist aber auch schuld an dem ungünstigen Friedensschluß. Krieg und Frieden diene nur der Raffgier des jüdishen Kapitals, gleichzeitig ziehe der Jude Vorteil aus dem Kommunismus. Millionen Deutsche lauschen der neuen Heilsbotschaft, singen mit Ingrimm: «0 du verfluchter Zwetschkenbaum!» Glauben, daß sie nur den verwünschten Baum auszuroden brauchen, um von dem bösen Alpdruck der letzten achtzehn Jahre erlöst zu sein. Auf der Bühne gilt der Ulk mit dem Zwetschkenbaum als veraltet; kein Librettist würde es wagen, ein Motiv von solcher Naivität dem modernen Publikum vorzusetzen. In der Politik ist das Experiment über Erwarten gelungen. Im «Boccaccio» wird nur einer düpiert, in der österreichischen und deutschen Wählerschaft wächst die Zahl der Gläubigen rapid: Bel der letzten Reichspräsidentenwahl ln Deutschland bekannten sich bereits dreizehneinhalb Millionen Männer und Frauen zu dem Refrain «0 du verfluchter Zwetschkenbaum!» Er ist Anfang und Ende der nationalsozialistischen «Weltanschauung». Der Zwetschkenbaum ist darüber sehr betrübt. Er möchte gern der Welt beweisen, daß er gar nicht verg^bert, sondern ein Baum wie jeder andere ist und gesunde Früchte trägt. Er sieht mit einiger Sorge dem Zeitpunkt entgegen, da die Entscheidung der Wähler den Bock zum Gärtner, c'as heißt. Hitler zum Hausherrn in dem Obstgarten macht, in dem der Zwetschkenbaum wurzelt. Das erscheint mir übertrieben. Herr Hitler weiß ja am besten, daß der ganze Zauber, den er übt, auf dem angeblich verwünschten Zwetschkenbaum beruht. Er wird sich deshalb sehr hüten, diesem Baum ernstlich an den Leib zu rücken. Er mag noch jo sehr toben: «0 du verfluchter Zwetschkenbaum!» er kann ihm nichts anhaben. Denn den Baum fällen hieße, den Ast absägen, auf dem er selber sitzt... Dr. Hugo Spiegler. Epilog zu den Gemeinderatswahlen Ein Leser unseres Blattes schreibt uns: Die «Stimme» hat sich ßegreiflicherweise mit den soeben 8tattgefundenen Gemeinderatswahlen nur wenig befaßt, weil sich die Zionistische Landesorganisation von der früher betriebenen unseligen Wahlpolitik fernhält. Nichtsdestoweniger bitte ich Sie, diesen Zeilen in Ihrer Zeitung Raum zu geben, weil es noch immer notwendig Ist, verschiedenen gutgläubigen Zionisten zu zeigen, wie sie von gewissen «Landespolitikern» genasführt werden. Herr Ing. Stricker, der jetzt zur Abwechslung unter der (wievielten?) Flagge einer «Jüdischen Volkspartei» segelt, erließ in seinem Leibblatte einen geharnischten Aufruf, in welchem er der jüdischen Wählerschaft kund und zu wissen gab, daß er diesmal ausnahmsweise nicht kandidieren wolle, daß er aber «bei der nächsten Gelegenheit zur Stelle sein» werde. Der darob äußerst bestürzte Wähler, der auch von der Politik eine gewisse Logik und Konsequenz verlangt, wird über diese Eröffnung nicht wenig erstaunt gewesen sein. Hieß es doch bei der letzten Nationalratswahl, daß der Zionistische Landesverband, der von einer Beteiligung an den Wahlen damals Abstand zu nehmen beschloß, aus lauter «Verrätern» und «verkappten Sozialdemokraten» besteht; daß man «unter allen Umständen, ohne Rücksicht darauf, ob Aussicht auf die Erzielung von Mandaten vorhanden sei, bei jeder Wahl kandidieren müsse.» Und jetzt ist es plötzlich kein Verrat und keine Infamie, nicht zu kandidieren, weil — offenbar Herr Stricker persönlich nur an einer Kandidatur zum Nationairat Interesse hat. Er gibt zwar als Grund für sein diesmaliges Nichtkandidieren an, daß seine «Partei noch «nicht gesammelt und organisiert sei», wie war es aber bei den Nationalratswahlen? War damals, als er unbedingt kandidieren wollte —- mit welchem kläglichen Erfolg Ist ja bekannt — seine Partei schon gesammelt und organisiert? Ist es nicht für jeden, der nicht mit Blindheit geschlagen ist, klar, daß da mit der jüdischen Wählerschaft ein unwürdiges Spiel getrieben wird? Hiebei darf man ja nicht glauben, daß Wiener Gemeinderatswahlen für uns Juden weniger wichtig sind, als Wahlen zum Nationalrat. Im Gegenteil! Für denjenigen, für den sachliche und nicht persönliche Momente ausschlaggebend sind, hat, vom Standpunkte einer realen, auf die kulturellen und wirtschaftlichen Interessen der Juden bedachten Politik aus gesehen, der Gemeinderat einer Stadt, in der 95 Prozent der österreichischen Judenschaft lebt, eine viel größere Bedeutung als der Nationalrat. Wie unsachlich übrigens der erwähnte «Aufruf» ist, ersieht man daraus, daß er, abgesehen von den üblichen Entstellungen und Beschimpfungen, dem jüdischen Wähler nichts anderes zu sagen hatte, als daß .seine Partei «keine der aufgestellten Listen empfehlen könne». Was soll also die jüdische Wählerschaft tun? Wahrscheinlich zu Hause bleiben und so die Chancen der Hakcnkreuzler vergrößern. Und das nennt man die Juden «führen». Und zum Schluß noch eine Bemerkung: Während die Mehrheit der Zionistischen Organisation in Oesterreich durch den seinerzeitigen Beschluß des Delegiertentages dem wohibegründeten Standpunkte zustimmte, daß die Wahlpolitik nicht vom Landesverband, sondern eventuell von einer ad hoc zu schaffenden jüdischnationalen Partei zu betreiben sei, verfocht Herr Stricker mit aller Vehemenz die entgegengesetzte These, daß gerade die Zionistische Landesorganisation Wahlpolitik betreiben müsse. Was tut aber jetzt Herr Stricker selbst? Für ihn ist doch die «Union der Revisionisten», der er angehört, das, was für andere Zionisten in Oesterreich der Landesverband. Warum betreibt er nicht die Landespolitik durch die revisionistische «Union», sondern schafft für diesen Zweck eine besondere «JUdi- Bei Nervenreizbarkeit, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Mattigkeit, Niedergeschlagenheit, Angstgefühlen hat man in dem natürlichen «Franz-Josef»-Bitterwasser ein Hausmittel in der Hand, um die meisten Aufregungen, von welchem Teil des Verdauungsweges sie auch immer ausgehen mögen, allsogleich zu bannen. sehe Volkspartei»? Warum? Weil — quod licet Jovi, non licet bovi. Er ist eben — wie er selbst von sich sagt — «kein historisches Dokument». H. E. Palästina Weltkongreß jüdischer Studenten ln Jerusalemfand in den letzten Tagen eine Konferenz von Ve/tretern jüdischer Studenten aus Palästina und aus mehreren Ländern statt. Es wurde beschlossen, einen Weltkongreß jüdischer Studenten für das Jahr 1933 nach Palästina einzuberufen. Die Zahl der Konfessionslosen Bekanntlich hat es in der ganzen Weit großes Aufsehen erregt, daß bei der letzten Volkszählung Im Heiligen Lande nicht weniger als 10.000 Personen sich als «religionslos» in die Listen einzeichneten. Auch die zionistische Presse hatte angenommen, daß cs sich hierbei fast gänzlich um jüdische Freidenker handle. Durch eine Anfrage des Oberrabbiners von Irland, Dr. Herzog in Dublin, beim Colonial Office ist nunmehr festgestellt worden, daß hier ein Irrtum vorliegt. Von den 10.000 «Religionslosen» sind nicht weniger als 8000 Drusen, die nur keiner der bekannten Religionen angehören und deshalb in die Rubrik für Konfessionslose geraten sind. Die Gerechtigkeit gebietet, dies vor aller Oeffentlichkeit festzustellen.!Deutscfifand Der Kampf in der Berliner jüdischen Gemeinde Die Berliner jüdische Volkspartei veranstaltete am Montag, den 18. April, im großen Saal des Lehrervereinshauses am Alexanderplatz eine Massenkundgebung mit dem Motto: «Wer zerstört unsere jüdische Gemeinde?» Dr. Klee kündigte an, daß die jüdische Volkspartei in der nächsten Repräsentantenversammlung folgenden Antrag einbrngen wird: «Die Berliner jüdische Gemeinde stellt irrr Sinne des Gesetzes von 1847 die Zusammenfassung aller innerhalb ihres Bezirkes wohnenden Juden dar. Wie deshalb kein Jude sich der Gemeinde entziehen soll, so erkennt die Gemeinde die Verpflichtung an, um das jüdische Leben ihrer Mitglieder besorgt zu sein. Als Einheitsgemeinde setzt sie sich aus Juden zusammen, die in ihrer Weltanschauung und religiösen Auffassung nicht einig sind. Sie alle sollen in der Einheitsgemeinde zusammengehalten werden, indem die Gemeinde jeder Richtung, die durch ihre historische Entwicklung und durch die Zahl ihrer Anhänger die Gewähr der Dauer bietet, Autorität leiht und Unterstützung gewähnt, die ihr die Führung eines jüdischen Lebens in ihrem Sinne ermöglichen.» Zum Schluß nahm die Versammlung einmütig eine Resolution an, in der { den Führern der jüdischen Volkspartei das Vertrauen für die von ihr eingeleiteten politischen Maßnahmen im Kampf um I die Rechte aller Richtungen und der Minderheiten der jüdischen Gemeinde sowie um den Bestand der jüdischen V. heitsgemeinde das Vertrauen ausgesprochen wird. Nazi-Heldentum Die deutschen Strafgerichte hatten sich in den letzten Tagen mit verschiedenen Naziheldentaten zu befassen. Die Kasseler Strafkammer bestätigte das Urteil des Kasseler Schöffengerichtes, durch das elf nationalsozialistische Schüler der vom Reich subventionierten Kolonialschule zu Witzenhausen zu mehrmonatigem Gefängnis verurteilt wurden, weil Sie in heimtückischer Weise jüdische Jugendliche des Brlth Haolim, die auf einer Wanderung begriffen waren, überfallen hatten. Das Gericht lehnte wegen der Feigheit des Angriffes eine Bewährungsfrist für die Angeklagten ab. Ebenfalls zu mehrmonatigem Gefängnis» wurden in Königsberg drei nationalsozialistische Recken verurteilt, die in der Dunkelheit drei junge Juden überfallen und eine in der Gesellschaft der Juden befindliche Dame mißhandelt hatten. Das Schöffengericht in Kasse! verurteilte schließlich zwei Nazirowdies, die, als sie mit einem Autotransport von einem Aufmarsch zurückkehrten, den mit seinem Lastkraftwagen zurückkehrenden Metzgermeister Wolf Stern und dessen Sohn anhielten, mit Revolvern bedrohten und schwer mißhandelten. Die Nationalsozialisten in Paderborn wieder versuchten die Bevölkerung durch eine Ritualmordhetze aufzuwiegeln, und zwar im Zusammenhang mit einem noch unaufgeklärten Mordfall, in den zwei jüdische Bewohner von Paderborn verwickelt sind. Pssfkecfko&lowafiei 26 jüdische Gemeinden aufgelöst Nach einer Mitteilung des Schulministeriums wurden im Jahre 1931 in den historischen Ländern (Böhmen, Mähren, Schlesien) 26 jüdische Gemeinden aufgelöst, die nicht mehr imstande waren, ihren gesetzlichen Verpflichtungen hinsichtlich der Erhaltung ihrer administrativen und rituellen Institutionen nachzukommen. In diesem Schrumpfungsprozeß des jüdischen Gemeindelebens steht Böhmen an erster Steile; dort wurden 24 Gemeinden im letzten Jahre aufgelöst. Die Zahl der Kultusgemeinden in Böhmen sank von 207 auf 183. In Möhren und Schlesien wurde je eine Kultusgemeinde aufelöst, so daß in Mähren nur mehr 49, in Schlesien 8, in en historischen Ländern insgesamt 240 jüdische Gemeinden bestehen. In der Sitzung der Repräsentanz der Prager jüdischen Gemeinde wurde die Mitteilung gemacht, daß inr Jahre 1931 1064 Geburten zu verzeichnen waren, um 158 weniger als im Jahre 1930. Dagegen starben 2735 Personen, um 137 mehr als im Vorjahre. 749 Personen verließen in diesem Jahre die jüdische Religionsgemeinschaft. Der Geburtenrückgang füf 1931 beträgt demnach 2420, ohne Berücksichtigung der Auswanderung. Einheitliche zionistisch-sozialistische Arbeiterpartei Nach längeren Verhandlungen ist es auf Grund des durch die Weltverhände der Poale Zion und der Hitachduth als gemeinsame Plattform geschaffenen Programmes zu einer Einigung zwischen Poale Zion und Hitachduth in der Tschechoslowakei gekommen Auch die in der «Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Zionisteh» vereinigten sozialistisch-zionistischen Gruppen haben das von den Weltverbänden der Poale Zion und der Hitachduth geschlossene Abkommen als Grundlage für den Ichud in der Tschechoslowakei anerkannt. Die Vereinigungskonferenz findet Sonntag, den 15., und Montag, den 16. Mai, statt Rumänien Eine Jüdin Schönheitskönigin Zur «Miß Romania» für 1932 wurde mit großer Mehrheit Frl. Alice Engel, die Tochter eines jüdischen Gerichtsoffizials in Czernowitz, gewählt Die Prcklamienung der neuen Schönheitskönigin, die die rumänischen Farben bei der nächsten Weltschönheitskonkurrenz vertreten soll, wurde unter großen Feierlichkeiten vorgenommen. Steigende Keren-Hajessod-Einnahmen Die Einnahmen des Keren Hajessod betrugen in den ersten fünf Monaten des Jahres 5692 (Oktober 1931 bis Februar 1932) Pf. Sterl. 94.572.—, davon Pf. Sterl. 27.341.— aus den Vereinigten Staaten Nordamerikas und Pf. SterL 67.231.— aus den übrigen Ländern. In den ersten fünf Monaten des Vorjahres beliefen sich die Einnahmen des Keren Hajessod auf nur Pf. Sterl. 91.474.—* davon kamen Pf. Sterl. 10.469.— aus den Vereinigten Staaten und Pf. Sterl. 81.005.— aus den übrigen Ländern. In der letztgenannten Summe war die besondere Zuwendung des Barons Rothschild in Höhe von Pf. Sterl, 10.000.— eingeschlossen. Trotz der drückenden wirtschaftlichen Lage, die in allen Ländern die Arbeit für den Keren Hajessod außerordentlich erschwert, Ist also ein Steigen der Keren Hajessod- Einnahmen zu verzeichnen. Dr. Helfmann hat seine Tätigkeit in Brasilien mit gutem Erfolg beendet und sich nach Argentinien begeben. Die diesjährige Keren Hajessod- Aktion hat bisher zirka Pf. Sterl. 2400.— ergeben. Die Arbeit wird noch fortgesetzt. In Südbrasilien haben in einigen Orten fast alle Jüdischen Einwohner Keren Hajessod-Beiträge geleistet. Es besteht die begründete Hoffnung, Im Laufe dieses Jahres in Brasilien Pf. Sterl. 4800.— zu erreichen. Die Arbeit des Keren Hajessod in Deutschland hat letztens durch die Mitwirkung der Herren Salman Schocken, Prof. Georg Bernhardt, Prof. Eugen Taeubler wertvoll« Unterstützung erfahren, die bei Keren Hajessod-Veranstaltungen in Dresden und Stuttgart bedeutsame Vorträge gehalten haben. Spendet am Pessach beim Thoraaufruf für den Keren Kaiemeth!

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