Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 225 (29.4.1932)
- Date
- 1932-04-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. BEZUGS- BEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1 SO, vierieljahrl- S 4 20, gatt» l|hrl. . . . F 16*— [)eutsch!d viertel jährl.. . . RM V— Tschechoslowakei viertelj ■ Kc 24 — luaoslawien vielte! jährl ■ Din 40' — Po an Vierteljahr lieh . . Zloty ft SO Ungarn vierteijähr lieh . Pengo 4 20 Rumänien viertel jährl. Le» 120 — Uehrtger Ausland viertel jährl Srhw Franken 4 SO Jüdische Zeitung Preis 35i Erschein jeden Donnerst/ Redaktion und Adminisir« Wien, Klrni strafte 28 TeL R-27 44 Postsparkas! konti: Oe8terr. D üj Polen . . . I< Tschechoslowakei . sol Jugoslawien 44 ff 5. Jahrgang Wien, Freitag, 29. AprU 1932 (23. Nissan 5692) Nummer 22$ Solidität und Arbeitsfreudigkeit des Jiscfiuti) Professor Dr. Selig B r o d e t s k y gab Vertretern der Londoner Presse ein Resümee seiner Palästina- Eindrücke, in dem er u. a. sagte: Palästina befindet sich jetzt in der Phase stark expansiver Entwicklung, die allem ihren Stempel aufdrückt In den neuen Kolonien, und zwar in den Kwuzoth und den anderen Typen, ist der Fortschritt ein sehr bemerkenswerter. Einige der Kolonien sind bereits selbsttätig und können auf Unterstützung verzichten, andere sind auf dem Wege zu diesem Ziel; alle aber sind konsolidiert und machen den Eindruck von Solidität und Festigkeit. Den stärksten Eindruck machte auf mich die Art, wie in Palästina gearbeitet wird.An keinem Ort der Welt wird soviel gearbeitet wie in Palästina, und nirgends wird die . Arbeit mit soviel Freude und Hoffnung getan wie hier. In der Arbeitsfreudigkeit seiner Bewohner steht Palästina heute einftg 4a. W -.nn in Jerusalem der Fortschritt, der auch hier in die Augen springt, nicht So bemerkenswert ist wie In den anderen Städten, so darum, weil Jerusalem ungeachtet dessen, daß die Juden die Mehrheit der Bevölkerung bilden, eine nichtjüdische Stadtverwaltung hat. In politischer Hinsicht macht sich im Jischuw starke Unzufriedenheit geltend, keiner aber zweifelt auch nur im geringsten an der Solidität der bisher gelegten Grundlagen und an der Entschlossenheit, im Aufbau fortzuschreiten. Wenn überhaupt an etwas gezweifelt wird, so an der Haltung der Judenheit in der Galuth. In den letzten zwei oder drei Jahren hat die Palästina-Judenheit infolge der unzureichenden finanziellen Unterstützung von auswärts immer weitere Lasten auf die eigenen Schultern nehmen müssen. Nach dieser Richtung hin hat die Palästina-Judenheit geradezu Wunder vollbracht Der Jischuw hat seine Kraft in einem Maße entfaltet, daß sie bei einem Vergleich mit der. Judenheit außerhalb Palästinas sehr günstig abschneidet. Es Ist endlich an der Zeit, daß die Juden außerhalb Palästinas sich über die fast unbegrenzten Möglichkeiten des Landes für sie selbst als jüdische . Individuen wie für die jüdische Nation als Ganzes Idar wird. Sowohl privates Kapital als auch nationale Hilfsquellen, wie sie im Keren Hajessod und Keren Kajemeth repräsentiert sind, sind notwendig, um die vorhandenen Gelegenheiten voll ausnutzen zu können. Heute stehen wir, vot; der Tatsache, daß ein eminent positives Anzeichen^ einer Aenderung;der...Regierungspolitik in Palästina nicht vorliegt und daß. es uns noch große Anstrengungen kosten wird, bis sich ein solches klares Anzeichen zeigen wird. Ich kann aber sagen, daß ich auf Grund meiner Unterhaltungen mit dem High. Commissiöner zu der Ansicht neige, daß Möglichkeiten für eine Besserung in politischer Hinsicht durchaus bestehen. Ich bin aber auch davon überzeugt, daß unsere Fähigkeit, sich diese politischen Möglichkeiten zunutze zu machen, in. einem hohen Maße von unseren eigenen Anstrengungen im Lande nbhängen wird. Rein Plan der Teilung Palästinas Um die jüdische Einwanderung Die Jewish Agency for Palestine hat vom Colonial Office die folgende vom Sekretär des Kolonienministers Unterzeichnete Mitteilung erhalten: «Vom Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister bin ich beauftragt worden, auf Ihr Schreiben vom 7. März einzugehen, in welchem Sie seine Aufmerksamkeit auf einen am 28. Februar im «Rasswjet»: erschienenen Artikel lenken, ln diesem Artikel wird behauptet, daß im Herbst 1931 im Colonial Office und unter den englischen Beamten in Palästina , ein : vertrauliches Memorandum in: Umlauf war, welches unter anderem eine Erklärung enthielt, daß angesichts der an die jetzige Situation in Palästina sich knüpfenden Kritik irgendeine Aenderung der Situation notwendig geworden sei; daß diese Aenderung nicht in einer Weise stattfinden dürfe, daß eine einseitige Begünstigung der Juden Platz greift, und daß daher ein Plan der Teilung Palästinas zu erwägen wäre. Keinerlei Anzeichen deuten darauf, hin, daß das angebliche Dokument vom Colonial Office oder von der Regierung Palästinas erhalten worden ist. Der Staatssekretär Sir Philip Cunliffe-Lister hat keine Kenntnis von dem Bestehen eines solchen Dokuments. Generalgouverneur Sir Isaac Isaacs ausgezeichnet König Georg von England hat den Generalgouverneur von Australien, Sir Isaac Isaacs, der bekanntlich Jude ist, zum Ritter des Großkreuzes St. Mlchael-St. Georg ernannt. Zu Beginn der mehr als zweistündigen Palästinadebatte im englischen Unterhaus am Freitag, den 22. April, richtete Sir John B u c h a n, der Vorsitzende des Parlamentarischen Palästina-Komitees, an die Regierung das Ersuchen, eine erhöhte Palästina-Einwanderungsquote zu verkünden, die die Juden zufriedensteilen könnte. Die Juden, sagte er, haben in den letzten Jahren viele Millionen für die Entwicklung Palästinas ausgegeben und dadurch den englischen Steuerzahler entlastet. Wenn nun die Meinung aufkommt, daß^ England seinen Verpflichtungen gegenüber den Juden dem Geiste und dem Buchstaben nach nicht nachgekommen sei, so besteht die Gefahr, daß diese Beiträge in Zukunft ausbleiben. Die wachsende industrielle und landwirtschaftliche Prosperität in Palästina müsse sich in Zahlen neuer Einwanderer ausdrücken. Nach Buchan sprach Wedgwood, dann der jüdische Abgeordnete Barnett J a n n e r, der den Kolonienminister auflorderte, den im Briefe MacDonalds an Dr. Weidmann enthaltenen Versprechungen durch positive Maßnahmen gerecht zu werden, und betonte, daß, welche Leistungen immer in Palästina vollbracht wurden, diese nicht der englischen Kasse zur Last fielen, sondern ausschließlich durch die jüdischen Anstrengungen ermöglicht worden sind. m HA/5BR5TR. JZ3 Alssrstr. 6 S15-S20-S 28 - f ■ Ruhiger Verlauf des Nebi-ffiusa-Festes Das Nebi-Musa-Fest ist in ganz Palästina ruhig verlaufen. Die Prozessionen der mohammedanischen Araber gingen in vollster Or d n u n g vor sich. Es gab fast keinen einzigen Zwischenfall. Kommunistenverhaftwngen ü.c Polizei beschlagnahmte in den Wohnungen der Kommunisten Israel Pevsner und Joseph Rubinstein tausende kommunistische Flugblätter, in denen die arabischen Bauern aufgefordert werden, das bevorstehende Nebi Musa-Fest auszunützen, um sich gegen die Regierung und die Zionisten zu erheben. Pevsner und Rubinstein wurden verhaftet. 0 do verflachter Zwelsdikenbaam! Dr. Seipel hat zu Beginn seiner politischen Karriere einmal sehr mutige und verständige Worte der Abwehr des Rassenfanatismus gefunden. Inzwischen scheint sich seine Ansicht über dieses Gebiet wesentlich geändert zu haben. Von seiner jüngsten Reise nach Kreta wird berichtet, daß er angesichts der dort dürchgeführten Ausgrabungen geäußert habe, der Anblick der uralten Kulturdenkmäler beweise ihm das Fundamentale des Begriffes «Rasse». Wichtiger als diese wissenschaftliche Anschauung ist ihre politische Auswirkung. Das von dem christlichsozialen Unterrichtsminister entworfene Studentenrecht trägt deutlich der geänderten Auffassung Dr. Seipels Rechnung. Besonders merkwürdig aber und in der politischen Geschichte vielleicht einzig dastehend ist es, wie dieser Führer einer Partei plötzlich Sympathie für andere Parteien zu haben beginnt, die den Rassenstandpunkt noch ausgeprägter, noch intransingenter vertreten als seine eigene. Diese eigenartige Manie hat ihn wiederholt verleitet; Konkurrenten seiner. Fraktion geradezu künstlich aufzupäppetity so die Hejmatschutzbewegung. . - : In dem Momente, da eine «Einheitsliste» picht mehr zustande kam, mußte der Schleier über der großdeutschen Tragödie sich lüften. Die jämmerlichen Zahlen, die als großdeutsche Stimmen bei den jüngsten Wahlen in Oesterreich offiziell verlautbart wurden, sin:' .och immer viel zu hoch gegriffen. Denn der wirkliche Besitzstand der Großdeutschen bewegt sich schon unter Null. Man kommt ihm näher, wenn man die nationalsozialistischen Stimmen mit negativem Vorzeichen versieht: dann hat man ungefähr die großdeutschen Stimmen zahlenmäßig erfaßt — allerdlngf nur ungefähr. Denn die nationalsozialistischen Stimmen beschränken sich nicht bloß auf den großdeutschen Abfall, sondern repräsentieren Abfall aus allen Lagern. Am sinnfälligsten offenbarte sich dies im christlichsozialen Lager, das noch niemals eine gleich schwere Niederlage an dem Ausgangspunkte seiner Macht, dem Wiener Rathaus, erlitten hat wie diesmal. Die Christlichsozialen bestritten den Wahlkampf mit dem schönen Liede: «Wien, Wien, nur Du allein Sollst stets die Stadt meiner Träume sein?» Dieses Lied ließen sie die Wähler, denen sie offenbar sonst nichts zu sagen hatten, durch Lautsprecher auf der Straße hören. Die Zuhörer gingen bereitwilligst auf diese Wahlparole ein und sorgten mit dem Stimmzettel dafür, daß Wien auch weiterhin die Stadt der christlichsozialen Wunschträume bleibt. Besondere Ursache zur Kränkung haben die — jüdischen Wähler, die, der Parole ihrer liberalen Blätter, um jeden Preis «bürgerlich» zu wählen, folgend, die Christlichsozialen vor einem noch ärgeren Debakel bewahrt haben. Dr. Seipel hat entschieden Pech: Die Rassenschützler, die er favorisiert hat, die Heimatblöckler und die Großdeutschen, sieht er rettungslos dem Untergang verfallen. Dagegen war dem einen Rassenfanatiker, den er aus kirchlichen Gründen nicht fördern darf, ein unerhörter Aufstieg beschieden. Was befähigt diccen Fanatiker, den ehemaligen Tapezierer, der seine politische Bildung aus dem «Kikeriki» schöpfte, zu solchen Wundertaten? Die Antwort lautet: Der — Zwetschkenbaum. Nicht ein lebender Zwetschkenbaum mit gesunden Früchten, sondern ein Zwetschkenbaum aus totem Theaterrequisit — ein Operetten-Zwetschkenbaum ... In Suppes «Boccaccio» wird einem Tölpel eingeredet, daß sein Zwetcchkenbaum verzaubert’sei* und daß er, auf dessen Zweigen sitzend, ein lächerlich verzerrtes Weltbild zu sehen bekäme. Neugierig klettert der Mann hinauf und sieht nun wirklich allerhand, worauf er nicht gefaßt war. Zunächst gewahrt er seine eigene Frau in einem galanten Abenteuer mit einem anderen Manne. Und auch sonst bemerkt er Verschiedenes, da§ ihn unter normalen Umständen aus dem seelisches (