Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 224 (21.4.1932)
- Date
- 1932-04-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr. 224 — 21. April 1932 DIE STIMME i i : f f Die Xeßrüiselke Tfodke Hebräisch Von Oberrabbiner Dr. David Feuchtwan g. Sind wir wirklich so weit gekommen und so arm geworden, daß es nötig erscheint, der jüdischen Mit* weit zu sagen: Unsere herrliche, heilige, uralte, wundervolle Sprache ist Saft und Kraft des jüdischen Lebens?! Selbst die sie nicht mehr oder noch nicht kennen, werden sich nicht vermessen, zu behaupten: Wir bedürfen ihrer nicht. Wer solches sagt, hat keine Ahnung vom innersten Kern und Wesen des Judentums. Ein des Hebräischen entkleidetes, im Hebräischen verarmtes Judentum, ist nackt, kalt, bettelhaft, entkörpert und entgeistert. Selbst die Urbegriffe jüdischer Religion und Ethik sind dürr und blutlos ohne die hebräischen Wortträger. Nur das aus der Urquelle fließende und geleitete Wasser vermag den Durst zu löschen. Der tropfenweise Genuß genügt nicht. Wer hebräisch sprechen kann allerdings, muß noch nicht ein echter, rechter Jude sein. Wer aber Hebräisch nicht versteht, kann es nicht sein, auch bei bestem, heißestem Willen. Niemals ist das Hebräische in wirklich jüdischem Kreise nur Literatur, immer ist es Leben gewesen. Die hebräische Bibel zumal ist eiserner Volksbesitz. Die Jahrtausende alte Kultur ist im Hebräischen gewurzelt und gewachsen; die ungeheure Literatur, Geist gewordene hebräische Sprache. Jüdisches Leben ist warm durchblutet von ihrem Pulsschlag und durch sie genährt. Nun ist zum alten Leben neues Leben unsagbar erfrischend, wunderbar regenerierend getreten. Unglaublicher Reichtum, fortwachsende Fülle. Breiten Raum müssen wir im jüdischen Erzlehungswesen, im ganzen jüdisch-religiösen Lehrbetrieb dem Hebräischen gewähren. Die in den nichtjüdischen Schulen dargebotene Magerkost ist nicht nur unzulänglich, sie ist gefährlich, weil sie den Schein erweckt, als könnte sie Judentum erwecken und jüdische Menschen erziehen. Und wenn Ihr noch so viel jüdische Geschichte, Literatur, Religion lehrt, — und wie viel wird gelehrt? — Ihr täuschet Euch und Eure Schüler, wenn Ihr dem Ganzen den Mutterboden der hebräischen Sprache entzieht. Sie ist der Humus für fruchtverheißende Saat. Mit tausend Zungen möchte Ich das der jüdischen Gemeinde sagen, es hinausschreien in die das Judentum wollende Welt, daß es widerhalle in Synagogen, Lehrhäusern und Familien, damit Geist und Leben in das trockene Gebein komme. .Beginnen wir damit bei den Kindern. Begnügen iWir uns nicht mit ärmlichen Bröckchen, verzuckerten Surrogaten und gefärbtem Schaumgebäck. Nahrung brauchen sie, kräftigste Nahrung. Wir sind verantwortlich für die jüdische Zukunft und müssen Rechenschaft ablegen vor dem Richterstuhl der jüdischen Geschichte. Mehrung des hebräischen Vorrats ist unsere Sache, Förderung der hebräischen, namentlich der hebräisch-jüdischen Literatur und Wissenschaft unsere Pflicht. «Der Weltbund für das Hebräische» wirbt um Interesse, warme Beteiligung. Er ruft Euch Juden aller Lager auf, teilzunehmen an seinem Werk mit ganzem Herzen und ganzer Seele. Kulturnot Von Dr. David Rothblum. Die Kulturfrage ist so alt wie der politische Zionismus. Ihre Diskussion nahm den Anfang nach der Enunziation des Baseler Programms und dauert bis auf den heutigen Tag und war vielleicht niemals so aktuell wie am heutigen Tag. Wenn Achad Haam in seinem vor dreißig Jahren geschriebenen Aufsatz Techijath Haruach sagt, daß die Diskussion der Kulturfrage ein Cewissenschrei ist, weil das Baseler Programm von der öffentlich-rechtlichen Heimstätte des jüdischen Volkes und nicht auch des jüdischen Geistes spricht, so liegt viel Wahrheit in diesem Apercu. Heute ist die Kulturfrage kein Gewissensschrei mehr, sondern die vitalste Frage des Zionismus und des ganzen Judentums. Wer will ein Unheil kündender Prophet sein? Doch kann man sich einer Pflicht für die Dauer nicht entziehen. Jonah wollte eine Prophezeiung von fünf Worten über Niniveh nicht erheben, und schließlich mußte er es doch und Niniveh ward gerettet. Der Zionismus befindet sich in einer Kulturnot. Die große Bewegung, die von Herzl den ersten Stoß bekam, hat auf dem Wege zum noch fernen Ziel des Judenstaates nicht jene Bahnen eingehalten, die zu einem jüdischen Erez Israel führen. Die Richtung in der Galuth muß nicht immer ganz richtig gewesen sein, denn sonst hätte diese Idee nicht an Werbekraft verloren. Es ist doch nicht zu leugnen, daß die Zahl der Zionisten in den letzten Jahren nicht größer geworden ist, daß die Austritte aus dem Judentum sich häufen, daß die Pioniere der heiligen Sache sich von uns in beträchtlicher Zahl abgewendet haben und daß die Jugend in einer erschreckenden Weise uns den Rücken gekehrt hat. Der sekundäre Zionismus, das ist die soziale Volksbewegung, wird überall herausgestrichen und wird insbesondere von unserer Jugend als eine Bestrebung aufgefaßt, der weniger nationale Ziele zugrunde liegen als gesellschaftliche, allgemein menschliche. Der geschichtliche Zusammenhang zwischen Idee und Wirklichkeit beginnt langsam zu schwinden. Das jüdische Haus ist eine Seltenheit geworden, die jüdische Jugend hat von Geschichte und Literatur nicht die kleinste Ahnung, der gegenwärtig geübte Religionsunterricht in den Schulen trägt das Seine dazu bei, um den Nachwuchs von uns abzuwenden. Jüdische Interessen werden zeitlichen Vorteilen hintangesetzt, was man bei allgemeinen Wahlen jederzeit beobachten kann. Das langsame Hinschwinden jüdischen Solidaritätsgefühls, die lockere Verbundenheit mit dem Land, der Mangel an Interessen für nationale Institutionen und überhaupt für alles, was jüdisch ist, dient als Beweis für die Entjudung des Gefühls und des Gedankens ln unseren Reihen. Es ist eine Verirrung jüdischer Gefühle und eine Verwirrung jüdischer Oedanken, wenn unsere Jugend schon in den Schulen internationale Ideologien sich zu eigen macht und sich dem Kommunismus als letztes Menschheitsideal verschreibt. Das ist die Gefahr, die dem Zionismus droht in der Galuth und mittelbar im Land. Wir befinden uns in einer großen Kulturnot, der wir gründlich abzuhelfcn haben, soll sie nicht einen Umfang annehmen, der eine Abhilfe unmöglich machen wird. Die Frage, wie man Volksgenossen und insbesondere die Juden im Judentum verankert, hat in allen Geschichtsperioden die führenden Geister beschäftigt und sie zu Einrichtungen veranlaßt, die auf die Vereinfachung der Mittel zur Erhaltung der Jüdischkeit abzielen. Es war immer eine Tat, die genügt hat, den Geist des Judentums auf Jahrzehnte hinaus zu bewahren. Als Jerusalem zerstört wurde, erbaute Johanan Ben Sakai das geistige Judentum in Javne, Rabbi Jehude Hanasi hat die Mischnah gesammelt, weil er, wie Maimonides in der Einleitung zur Mischnah Torah sagt, einsah, daß der Schüler immer weniger, der Leiden aber immer mehr werden und daß das Volk selbst auseinander wandert und in die Extreme geht. Es hat sich daher die Notwendigkeit ergeben, ein kurz gefaßtes Buch zu schreiben, in dem jedermann lesen kann, was an Gesetz und Brauch gesammelt wurde. Das tat auch Maimonides selbst in seinem Kompendium. Durch sein Werk Mischnah Torah hat er einen starken Zusammenhang zwischen der mündlichen und schriftlichen Lehre hergestellt und es überflüssig gemacht, daß man erst im Talmud nachlese, um eine Frage zu entscheiden. Und als auch dieses Buch zu umfangreich wurde, entstand der Schulchan Aruch nach dem großen Unglück in Spanien. Alle diese Bücher haben ihre historische, kulturelle Bedeutung, haben sicherlich in der Zeit, in der sie entstanden sind, ihren Zwek erreicht, kommen aber für die brennende Frage in der Gegenwart nicht in Betracht. In früheren Zeiten fand die jüdische Nationalität ihren Ausdruck in der Führung des täglichen Lebens. Wer die Bräuche nicht übte, war kein Jude. Daher das Bestreben, das Wichtigste zusammenzufassen, zu kodifizieren. Wenn wir aber heute noch so eng und dicht zusammenfassen, keiner fragt darum und niemand richtet sich danach, weil die Religiosität im Volke stark abgenommen hat. Der geistige Inhalt des Judentums geht verloren und kann durch neue Bücher schwer ersetzt werden. Das nationale Gefühl kann durch einen Katechismus nicht erneut werden. Wir brauchen eine neue Tat, eine Tat, die Anklang findet Im ganzen Volk, die proklamiert wird wie ein heiliges Nationalgebot und die geeignet ist, alles zu erreichen, was unsere Vorfahren erreicht haben und noch darüber hinaus, eine Tat, die zündet und begeistert! Und diese Tat heißt: Sprechen wir hebräisch I Proklamieren wir diese Verpflichtung in ganz Israel, wie man einen heiligen Krieg proklamiert. Sprechen wir hebräisch im Haus und außer Haus, in Sitzungen und Versammlungen, auf der Straße, in Gesellschaft, überall, wo es möglich ist. Lassen wir unsere Kinder, unsere Jugend, unsere Erwachsenen hebräisch lernen, nicht als tote Sprache, die bestenfalls ermöglicht, in der Bibel zu lesen, sondern als lebendige Sprache, wie sie in Wirklichkeit ist. Propagieren wir das lebendige hebräische Wort, daß es Klang und Farbe bekommt und neue Blüten und Früchte treibt. Unsere Jugend strebt nach Problemen, nach neuen Lebenszielen, nach Begeisterung und Idealen. Geben wir ihr unsere lebendige Sprache und alle ihre Wünsche werden mit einem Male in Erfüllung gehen. Dann wird auch der Zionismus für sie in einem neuen Lichte erscheinen, dann wird sie plötzlich vom Geiste des Judentums ergriffen werden und in seiner Geschichte zu lesen verstehen. Dann wird plötzlich der Zusammenhang hergestellt werden zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen dem Land und der Galuth. Auf dem Wege der hebräischen Sprache wird Jas Volk zur Kenntnis und Erkenntnis des Judentums, zur Erfassung jüdischen Wesens gelangen. Dann wird der jüdische Zionismus geistiges Figentum des ganzen Volkes werden. Und die Jugend, die Generationen hindurch hebräisch sprechen wird, wird nicht anders als jüdisch fühlen und denken können und wird nie von uns gehen. Halten wir uns in dieser Pessach-Woche den Ausspruch der Vorfahren vor Augen, daß unsere Ahnen nur deswegen aus Mizrajim erlöst wurden, weil sie ihre nationale Sprache, die hebräische Sprache, in Aegypten nicht aufgegeben haben! Nation und Sprache Von Dr. Simon Horowltz Sprache, Kultur, Nationalcharakter und Territorium sind die Grundelemente einer Nation. Die Sprache ist das wichtigste Merkmal der Nation. Es besteht zwischen Sprache und Nation nicht nur eine geistige, sondern auch eine physiologische Verbundenheit. In der Sprache kommt zum Ausdruck die seelische und leibliche Veranlagung eines Volkes. Wir können uns unmöglich die englische Sprache als Muttersprache der Franzosen oder umgekehrt die französische Sprache als Muttersprache der Engländer vorstellen. Jede Sprache ist das Produkt der geistigen und physischen Beschaffenheit des betreffenden Volkes. Die hebräische Sprache entwickelte sich ähnlich wie jede andere Sprache auf Grund ererbter geistiger und physischer Anlagen unserer ln Palästina ansässig gewesenen Ahnen. Dies erklärt uns auch die merkwürdige Erscheinung, daß wir Juden hebräisch auffallend leicht und rasch erlernen. Wir sind, zufolge ererbter Anlagen, für diese Sprache prädestiniert. Juden, die nie vorher einen hebräischen Laut gehört haben, sprechen oaeh einigen Monaten Aufenthaltes in Palästina fließend hebräisch. In der hebräischen Sprache erklingt der Widerhall unserer jüdischen Seele. Jedes Wort unserer Nationalsprache erinnert uns an unsere Vergangenheit, verbindet uns mit der Gegenwart in Palästina und führt uns hinüber in unsere Zukunft. Sie ist die Sprache unserer verjüngten, zum neuen Leben erwachten Volksseele. Durch die Wiederverjüngung unserer alten Nationalsprache gesundet im Wege steter Wechselwirkung die Seele unseres Volkes, die von ihr neue verjüngte Lebenskraft empfängt. Diese Wechselwirkungen zwischen hebräischer Sprache und jüdischer Volksseele verdichtet sich in Palästina zu jener Harmonie und nationaler Atmosphäre, die jedem, der nach Palästina kommt, Bewunderung und Begeisterung abringt. Die Histadruth Iwrith ist bestrebt, durch Verbreitung und Pflege der hebräischen Sprache diese Atmosphäre auch unter die Juden in der Galuth zu verpflanzen. Mehr Geist Von Dr. Chaim Tartakower An Stelle des reinen Vereinscharakters der zionistischen Zellen, wird der Versuch gemacht werden müssen, der hebräischen Bewegung einen mehr hündischen Charakter zu verleihen (interessanterweise überwiegt bei der ernsten zionistischen Jugend dieser Charakter!). Die höchsten Stellen sowie überhaupt Ehrenstellen dürfen nur an aktive Mitarbeiter verliehen werden. Es soll zwei Arten von Mitgliedern geben: 1. Bloß zahlende (kurz: z. M.), 2. Aktive (chawerim peilim) (kurz: ch. p.). ad 1. Diese zahlen einen Sela S 1.— jährlich (entspricht dem Schekel). Diese Leistung ist ein Grundpfeiler. Sie zahlen ferner den «Mas Hahistadruth» S 2.— jährlich (entsprechend der Parteisteuer). Mehr wird vom «bloß zahlenden Mitglied» vorderhand nicht verlangt; ad 2. Aktive Mitglieder (Chawer pail). Hier soll sich der hündische Charakter der Histadruth offenbaren. Der ch. p. zahlt natürlich die Beträge wie die «bloß zahlenden». Ferner muß er: 1. Einen Schekel kaufen (hiedurch soll der organisatorische Zusammenhang mit der zionistischen Organisation bekundet werden); 2. ein «Minjan» organisieren, das heißt 10 Mitglieder werben. Von diesen hat er 1. die Beiträge (Sela, Mas Hahistadruth) jährlich zu kassieren, 2. hat er sie zu wichtigen Veranstaltungen zu laden, 3. mindestens 1 hebräisches Buch jährlich kaufen, 4. täglich eine Seite eines hebräischen Buches lesen («daf sefer»). Es werden «Chewroth» (Arbeitsgemeinschaften) gebildet werden aus beiden Arten von Mitgliedern (für den ch. p. ist es Pflicht!), die zu gleicher Zeit einen Autor lesen werden. Z. B. Bibel, Bialik etc. Gemeinsames Lesen wird vorerst nicht Pflicht sein, sondern gleichzeitiges. Nach Absolvierung eines Teiles eines Buches (z. B. der Bibel, der Essays von Bialik) wird von der «Chewrah» ein «Sijum» gemacht, eine gemeinsame Aussprache Uber das Gelesene. Der Waad der Histadruth wird nur von ch. p. gebildet. ErstesZiel: 50 chawerim peilim 500 bloß zahlenden. Jedes bloß z. M. kann jederzeit ch. p. werden, wenn es dessen Pflichten übernimmt und erfüllt. Jeder ch. p. erhält nach Erfüllung der Pflichten 1 bis 3 und Uebernahme der Verpflichtung «daf sefer» in der Mitgliederversammlung eine «Tcudath ch. p.». Alle Bemühungen der Histadruth sollen vorerst darauf gerichtet sein, diejenigen zu erfassen, die bereits hebräisch in irgendeiner Form können. Es gibt Hunderte von Menschen, die einstmals Maskilim, Schomrim u. dgl. waren, also ein reiches hebräisches Menschenkapital darstellen, die fürs hebräische Buch und die hebräische Bewegung zu gewinnen, eine der wertvollsten Aufgaben der hebräischen Bewegung darstellt. Wird sich diese hier skizzierte Form der Organisation eingelebt haben, so wird die Histadruth an die Erfüllung anderer Aufgaben schreiten können, und zwar: 1. statistische Erfassung der hebräischen Wirklichkeit in Oesterreich, 2. systematische Verbreitung des hebräischen Buches, vorerst in den Reihen dir «bloß zahlenden M.». tSi