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Die Stimme · 1932-04-21 · Heft 224 (21.4.1932) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 224 (21.4.1932)
Date
1932-04-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 224 — 21. April 1932 DIE STIMME Seite 7 Herzl-Grabgang am 8. Mai Beteiligt Euch ohne Ausnahme! Reiner darf fehlen! Benschemen Don Dr. Emil Reich Der graugelbe Sand der Fahrstraße flimmert im grellen Sonnenlicht. Steil fallen die Sonnenstrahlen. Es ist nicht ratsam, sich ihnen ohne Kopfbedeckung auszusetzen. Es geht zwar erst auf die Mitte des Monats April zu, aber unten in Erez Israel meint es um diese Zeit die Sonne schon so gut mit Menschen, Tieren und Pflanzen wie bei uns im mittleren Europa Ende Juni oder Anfang Juli. «Hallo, steigt einI» Ich rufe ein Paar an, einen Burschen und ein Mädel. Sie marschieren «auf der Landstraße in derselben Richtung, in der das Auto fährt und bleiben beim Herannahen des Wagens stehen und blicken mich an. Ich warte nicht, bis sie einen Wunsch Vorbringen, denn ich habe in der kurzen Zeit meines Aufenthaltes in Palästina bereits gelernt, daß man draußen außerhalb der Siedlungen jeden in der gleichen Richtung sich bewegenden Fußgeher unaufgefordert in sein Auto aufnimmt. Das Paar zögert auch nicht, der Einladung Folge zu leisten. Bevor noch der Wagen hält, sitzt der Bursch neben dem Chauffeur, das Mädel auf einem der aufklappbaren Vordersitze im Innern des Autos. Er neunzehn oder zwanzig Jahre alt, sie ungefähr achtzehn. Beide mit gebräuntem Gesicht, einfach, fast dürftig, aber nett und sauber gekleidet. Er trägt einen umfangreichen Rucksack. Der Bursche knüpft, den Kopf mir halb zuwendend, sofort ein Gespräch mit mir an. Ob ich nach Benschemen fahre? Er begebe sich mit seiner Gefährtin dorthin. Er sei in Tel-Awiw Mechaniker, sie Hausgehilfin und nun, zu Pessach, besuchten sie, wie alle ehemaligen Zöglinge des Kinderdorfes, Benschemen, um dort mit den ehemaligen Kameraden und den gegenwärtigen Bewohnern zusammenzukommen, Erinnerungen auszutauschen, Erfahrungen mitzuteilen und von Arbeitsgelegenheiten zu berichten, die jenen, die im Begriffe seien, Benschemen nach vollendeter Lehrzeit zu verlassen, zugewiesen werden könnten. Im anregenden und fUr mich sehr informativen Geplauder merke ich gar nicht, daß wir an Ludd vorbei sind und uns Benschemen nähern. Nach einer Biegung plötzlich ein Wäldchen, das von einem Holzgitter eingehegt ist. Aus dem schattigen Grün grüßen freundliche bungalowartige Häuschen, die blau-weiß gestrichen sind. Auf einem gepflegten Wege gelangen wir vom Gittertor zu einem großen stockhohen Gebäude mit breiten Fenstern und luftigen Terrassen, vor dem zwei mächtige Palmen gepflanzt sind. Auf ider Hinterseite des Hauses dehnt sich ein weiter Hof zwischen Wirtschaftsgebäuden. Ueberall herrscht Ordnung und peinliche Sauberkeit, überall macht sich das Bestreben bemerkbar, Zweckmäßigkeit mit Schönheit zu vereinen. Zwischen schattigen Alleen sind Rasenflächen und Blumenbeete angelegt. Eine Zypressenallee führt zum Turnplatz und zu einem langgestreckten Schwimmbecken, in dessen Nähe sich eine halboffene Gymnastikhalle erhebt. Die zwei dem Hauptgebäude gegenüberliegenden Bungalows sind durch eine Pergola verbunden, davor sind über einem Zementboden blendend weiße Zelte errichtet, in denen große Zöglinge das ganze Jahr hindurch nächtigen. Die sich an den Garten anschließende Hühnerfarm, die Gemüsebeete, die Baumschule, die Obstbaumplantage, der Weingarten, die Getreidefelder, die Kuhstallungen, alles beweist den Ordnungssinn, die Freude an schönen Formen, die Arbeitslust der Bewohner von Benschemen. Es ist noch nicht Feiertag, aber es herrscht in dem Kinderdorf schon Pessachfriede. Die Zöglinge haben bereits Ferien, aber sie müssen jetzt umso fleißiger arbeiten, um für die Festtage alles rein und blank zu putzen und zu scheuern. Der Leiter der Mustersiedlung, Dr. Siegfried Lehmann, ein Berliner Arzt, der sich in Deutschland auf dem Gebiet der Jugendfürsorge betätigte, hat aber doch mehr Zeit als sonst und kann mir manch Interessantes über die Entstehung des Kinderdorfes erzählen. Dr. Lehmann war es, der nach dem Krieg in Kowno eine Heimstätte für jüdische Kriegs- und Pogromwaisen gründete. Er hatte davon gehört, daß dort so viele jüdische Kinder ^wischen acht und dreizehn Jahren obdachlos herumschwärmten und als richtige Vagabunden bettelten und stahlen und raubten. Er trachtete, die kleinen Bettler und Diebe vor vollkommener Verlotterung zu bewahren, indem er ihnen riet, sich innerhalb der Gemeinschaft des Asyls in Gruppen zu organisieren und zusammen einen Erwerb zu suchen. Es dauerte lange Zeit, bis die verwilderten Burschen und Mädels sich das Stehlen und Betteln abgewöhnt hatten — sie verkauften z. B. die Glühbirnen und die Bettwäsche des Heims, aber Dr. Lehmann bestrafte sie nicht, sondern hielt ihnen vor, daß kein Geld da wäre, neue Lampen und Wäsche anzuschaffen — und wenigstens Gelegenheitsarbeiten zu übernehmen. Doch der angestrebte Erfolg, die vom Schicksal so stiefmütterlich behandelten jungen Menschen zu brauchbaren Mitgliedern der Gesellschaft zu machen, war bei aller Disziplin, der sich die Kinder in ihrer Selbstverwaltung unterworfen hatten, nicht zu erwarten, solange Dr. Lehmanns Schützlinge das Bewußtsein hatten, bloß Objekte der Wohltätigkeit zu sein. Es war notwendig, den Kindern das Gefühl zu verschaffen, daß sie sich ihren Lebensunterhalt durch ihrer Hände Arbeit verdienen,' sie zu produktiv schaffenden Menschen umzuwandeln. Deshalb faßte die jüdische Waisenhilfe in Berlin, an deren Spitze Frau Prof. Albert Einstein steht, den Plan, die Waisen in Palästina anzusiedeln. 1926 bekam sie vom Nationalfonds neben dem Herzlwald in klimatisch günstiger Lage 500 Dunam Boden, auf dem das Experiment gewagt wurde. Es gelang glänzend, hauptsächlich dank dem vorbildlichen Gemeinschaftsleben von Erziehern und Kindern. Heute stammt nur noch die überwiegende Mehrzahl der Gruppe zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren aus Litauen. Die meisten Angehörigen der jüngeren Gruppen sind palästinensische Kinder, Voll- und Halbwaisen, Nachkommen sozialbedürftiger Familien, die durch Unfälle oder durch die Unruhen im Land schwer gelitten haben. Insgesamt leben gegenwärtig in Benschemen etwa 200 Personen, davon ungefähr 180 Zöglinge. Die Drei- bis Sechsjährigen sind im Kindergarten untergebracht, die Sechs- bis Achtjährigen bilden die erste Schulstufe, die Acht- bis Vierzehn- Sckneidez tüz teine Heppengapdepobe Jakob örnslein Wien, 2. S ezitk, . CilienbvunnQatse JY*. 2 (bet der lAatieabtäeke) Telephon Tft. A 98-9-39 L. jährigen die eigentliche Schulgruppe. Mit vierzehn Jahren haben die Kinder die Ausbildung in einer achtklassigen Volksschule durchgemacht. Der Unterricht wird hauptsächlich im Rahmen eines praktischen Arbeitsunterrichtes erteilt, im Gemüsegarten, in der Küche, im Hause, in der zoologischen Ecke und im botanischen Garten. Die Zöglinge zwischen vierzehn und achtzehn Jahren besorgen zusammen die ganze Landwirtschaft — sie erhalten daneben theoretische Belehrung in Viehzucht, Chemie, Landwirtschaftslehre, Geographie, Geschichte, Literatur, Palästinakunde usw. — arbeiten in der eigenen Tischlerei, mechanischen Werkstätte, bauen, zimmern. Die Kleineren helfen mit. Jede Gruppe hat ihre eigene Küche, in der die Kinder unter Anleitung selber kochen, ihren eigenen Gemüsegarten, ihre eigenen Wohn-, Schlaf-, Wasch- und Speiseräume. Nur Freitagabend und Samstag essen alle zusammen im großen Saal, ein Zögling macht den Kiddusch, nach der Mahlzeit wird gesungen, werden Vorträge gehalten und verschiedene Themen erörtert oder Volkstänze aufgeführt. Alle das Jugenddorf betreffenden wichtigen Fragen werden in der Edah besprochen, der Vollversammlung aller über dreizehn Jahre alten Zöglinge, an der zu den Feiertagen auch die ehemaligen Zöglinge erscheinen. Von Benschemen gehen die meisten Zöglinge als Landarbeiter in die Kolonien, einige als Facharbeiter in die Städte, der eine oder andere bleibt im Kinderdorf als Professionist und ein paar besuchen dann noch Spezialschulen 2ur weiteren Ausbildung in einem besonderen Fach. Alle Absolventen von Benschemen sind ob ihres Arbeitseifers, ihrer Gewissenhaftigkeit, ihrer Kenntnisse und ihrer gediegenen Bildung im ganzen Lande beliebt und geschätzt und zahllos sind die Ansuchenjunger Leute auch aus sozial nicht gefährdeten Familien Palästinas, in der Kolonie aufgenommen zu werden. Benschemen und das ähnlich organisierte Kinderdorf Kfar Jelladim in der Jisreel-Ebene, das von einem südafrikanischen Damenkomitee patronisiert wird, bahnen entwurzelten Menschen den Weg ins Leben zurück. Sie leisten ihre vorbildliche Arbeit ohne aufdringliche Reklame, ohne viel Geschrei und finden ihren Lohn in der Genugtuung, der gesamten Kulturwelt eine kühne und erfolgreiche Neuerung geschenkt,, zu haben und der palästinensischen Judenheit all-1 jährlich wertvolle Mitarbeiter am Aufbauwerk zuzur führen. Wißt Ihr schon? Herrn Hitler ist ein kleines Malheur passiert, als er sich anschickte, seine Sturmscharen loszulassen, damit «das Judenblut von den Messern spritze». Er beging dabei nämlich ein niedliches Plagiat. Wißt Ihr schon, daß der von ihm vorbereitete Telegrammtext «Großmutter gestorben. Max», das das Signal zum Losschlagen sein sollte, von einem Juden stammt? Nämlich: Hitler hat den Juden Kohn plagiiert. Wie das kam, sei kurz erzählt. Im Jahre 1870, als sich die Differenzen zwischen Deutschland und Frankreich so zuspitzten, daß jeden Tag der Konflikt zum Kriegsausbruch führen konnte, hatte eine Londoner Firma das größte Interesse daran, möglichst schnell über die Situation unterrichtet zu sein. Man wandte sich daher an den Mann, der als der bestunterrichtete englische Vertreter auf dem Kontinent galt, den Berliner Korrespondenten der «Times», Mr. N h o k. Man verabredete mit ihm Telegramme mit fingierten Texten, und Herr Nliok unternahm es, auf diese Weise die englische Firma über die Situation zu benachrichtigen. Sein erstes Telegramm lautete: «Großmutter ist schwer krank geworden.» Zwei Tage später sandte er ein Telegramm des Inhalts: «Zustand der Großmutter fast hoffnungslos.» Im Augenblick der Entscheidung erhielt die Firma ein Telegramm aus Berlin mit dem Inhalt: «Großmutter gestorben.» — «Großmutter ist gestorben. Max.» Das Stichwort Hitlers war also nur 62 Jahre alt. Das wäre weiter noch nicht schlimm für Herrn Hitler, aber unangenehm ist es, daß der Erfinder dieser Formulierung, Mr. Nhok, gar kein Engländer war. Er war aus Deutschland nach England eingewandert und dort kurz vor seiner Entsendung als Korrespondent der «Times» naturalisiert worden. Er hieß nicht einmal Nhok, aber sein Pseudonym ist sehr durchsichtig. Man braucht den Namen nur umzukehren. Die Nationalisten und Nazi in Deutschland pflegen aber auch sonst jüdische Entdeckungen und Erfolge sich anzueignen. Das haben sie anläßlich der Makkabiah wieder einmal getan. Wißt Ihr noch nicht, daß ein jüdischer Erfolg bei der Makkabiah als deutscher Sportsieg im Ausland ausposaunt wurde? Als bei dem großen jüdischen Sportfest in Tel-Awiw, der Makkabiah, der Berliner Bar Kochba die 4X100-Meter-Staffel gewann, war das für die rechtsstehende Presse ein Anlaß zu hellem Jubei. «Deutscher Sportsieg im Ausland!» verkündeten freudig die Ueberschriften. Wenn sie gewonnen haben, sind eben auch Juden gute Deutsche, und man usurpiert ihren Ruhm, selbst wenn er sich auf einen Sieg bei der Makkabiah gründet. Noch vor einem Jahre verbot man dem Bar Kochba, sich mit der gleichen Staffel an den englischen Meisterschaften zu beteiligen, unter dem durchsichtigen Vorwand, die Staffel sei nicht schnell genug, um Deutschland würdig zu vertreten, — aber so ein Sieg läßt eben alles vergessen. Wehe aber, wenn es eine Niederlage gewesen wäre! Dann wäre es keine deutsche, sondern eine — jüdische Niederlage gewesen ... Aber reden wir lieber von Erfreulicherem. Wißt Ihr schon, daß König Georg von England Sedergast in Jerusalem war? Das geschah vor fünfzig Jahren, als er noch Prinz Georg war. In Begleitung seines Bruders, des verstorbenen Prinzen Albert Victor, war er in der Seder-Nacht Gast des Reverend Raphael Meyer Panigel in Jerusalem. Reverend Panigel berichtete darüber in dem folgenden an Sir Moses Montefiore adressierten Telegramm. «Ihre königlichen Hoheiten, Albert Victor und George samt Gefolge haben mir die Ehre erwiesen, am Pessach-Abend dem Seder-Dienst in meinem Hause beizuwohnen. Sie zeigten große Freude an der Zeremonie und an dem Absingen der Hymne, die ihnen zu Ehren von Chacham Elyashar komponiert worden war. Ich sprach dann den Segen über Ihre Majestät, die Königin Victoria, Prinz und Prinzessin von Wales (die verstorbenen König Eduard und Königin Alexandra). Unsere königlichen Gäste äußerten ihre große Freude, dem Pessach-Fest beigewohnt zu haben.» TretiDun nt dar Zionisten im C&S& Altes Rathaus Cafetier Leo Löwy Größere und kleine Klublokale I. UllPPlIflPPrslr. 24, M U-27-4-M, U-26-2-74

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