Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 224 (21.4.1932)
- Date
- 1932-04-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE STIMME Nr, 224 — 2). April 1933 Traurige Pessach-Gedenktage Wenn wir uns in diesen Tagen frohgestimmt zum Seder setzen, denken wir nicht daran, daß unsere Vorfahren den Pessachtagen oft zitternd und bangend entgegensahen. Jahr um Jahr forderte die Ritualmordlüge Hekatomben jüdischer Opfer und gab es kein gut inszeniertes Ritualmordmärchen, dann wiegelte die Geistlichkeit in der Karwoche die Menge auf. An vielen Orten gab es in der Karwoche Gebräuche, die dem Volke die Schuld der Juden am Tode des Heilands sinnfällig zum Ausdruck bringen sollten, ln Bezlers hatte z. B. die Bevölkerung das Recht, ln der Karwoche jeden Juden, der sich in den Straßen sehen ließ, mit Steinwürfen durch die Gassen zu jagen. In Toulouse wiederum mußte sich der älteste oder angesehenste Jude am Karfreitag bei der Türe der Kathedrale dem Grafen präsentieren und eine Ohrfeige von ihm ln Empfang nehmen. Am 4. April 1018 erbat sich ein fanatischer Kaplan vom Oralen die Ehre, dem alten Vorsteher der Judengemeinde die Ohrfeige geben zu dürfen. Der Graf willigte ein, der Kaplan versetzte dem Juden einen fürchterlichen Schlag. Der Jude fiel um und war tot. Erst irn 12. Jahrhundert gelang es der Judengemeindc von Toulouse, sich von der schändlichen Ohrfeigenszene durch eine jährliche Geldleistung zu befreien. Die erste Ritualmordbsschuldigung in Europa wurde am 22. März 1144 in Norwich erhoben, ln Blois wurden am 25. Mai 1171 nicht weniger als 51 Juden, darunter 17 Frauen, lebend verbrannt, nachdem sie es abgelehnt hatten, ihr Leben durch die Taufe zu erkaufen. Als die Flammen emporschlugen, sangen die Juden eine Hymne, welche die Zuschauer noch nie gehört hatten, das «Alenu». Im Jahre 1475 kam der fanatische VVandermünch Fra Bernardino da Feltre nach Trient und warnte das Volk vor den Juden, da sie Christenkinder ermorden. Prompt wurde ein Christenknabe namens Simon tot aus dem Wasser gezogen und es begann das übliche Spiel: Verhaftung der Juden. Hier spielte noch ein Täufling eine üble Rolle; er bezeugte, daß die Juden für die Erzeugung der Mazzot Christenblut verwenden. Die Juden wurden auf die Folter gespannt und solange unbeschreiblichen Martern ausgesetzt, bis sie ein «Geständnis» ablegten. Dann wurden sie hingerichtet oder zwangsweise getauft. Papst Sixtus IV. ließ eine Untersuchung anstellen und verdammte die Blutlüge, schließlich mußte er der Stimmung im Volke Rechnung tragen und der arme kleine Simon wurde heilig gesprochen. So zieht sich durch die Jahrhunderte die infame Blutlüge, die unzählige jüdische Opfer verschlang, bis in unsere Tage. Damaskus, Tisza-Eszler, Polna, um nur einige Namen zu nennen, bedecken das 19. Jahrhundert mit Schmach. Zur Ehre der katholischen Kirche muß festgestellt werden, daß sich viele Päpste gegen die Blutlüge aussprachen, so Papst Innozenz IV. am 5. Juli 1247. Am 24. September 1758 erstattete Kardinal Ganganelll, der spätere Papst Clemens XIV., an den Papst einen Bericht auf Grund seiner in Polen angestellten Untersuchungen und verdammte die Blutlüge. Auch Kaiser Karl V. sprach sich (3. April 1544) unter Berufung auf verschiedene päpstliche Bullen gegen die Ritualmordlüge aus, ebenso Sultan Abdul Mcüjid am 0. November 1840. Aber Dummheit und Judenhaß sind offenbar unausrottbar und so erlebte die Tschechoslowakei, derzeit von Masaryk, dem mutigen Wortführer für Hilsners sicher denken, daß das irgend so ein Trick ist, den unsere Brüder Juweliere öfters anwenden. Sie setzen das bißchen Ware ab und machen dann ein Geschrei, man' hätte sie bestohlen. Mir wär> sage ich, «hören Sie, bloß übrig geblieben, einen Strick zu kaufen und mich an dem ersten besten Baum aufzuhängen! Auf’s Wohl,» sage ich, «Gott mögs Ihnen geben, wie Sie sich’s selbst wünschen,» sage ich, «und seien Sie gesund,» sage ich, «wir wollen uns Lebewohl sagen, denn nun heißts abfahren,» sage ich. Und ich zahle schnell dem Kellner und greife nach meinem Köfferchen — was Köfferchen? Wo junger Mann? Nicht da! Und ich bin in Ohnmacht gefallen. Als man mich schon ordentlich ermuntert hatte, da fing ich erst an, Lärm zu schlagen, brachte die ganze Schmehdorfer Polizei auf die Beine, setzte eine fette Belohnung aus, lief mit ihnen in alle feinen Quartiere, durchstöberte alle Mauselöcher, machte Bekanntschaft mit allen internationalen Dieben — mein junger Mann, wie in den Boden hinein! Ich war einfach alle. Ich hatte das Leben satt und Ich legte mich in meinem Hotel aufs Bett und überlegte, wie macht man dem Leben ein Ende? Sich mit einem Messer die Kehle durchschneiden? Mit einem Strick aufhängen? Oder einfach in den Dnjepr werfen? Und wie ich so in traurige Gedanken vertieft daliege, höre ich, man klopft. Wer ist da? Man ist gekommen, mich auf die Polizei zu holen: Man hat den Vogel gefangen, mit dem Koffer, mit der ganzen Ware! Brauch’ ich Ihnen zu erzählen, was in mir vorging, als ich mein Köfferchen mit meinen Brillanten sah? Ich fiel wiedermal in Ohnmacht. Ich neige zu Ohnmächten. Und als ich wieder zu mir gekommen war, gehe ich zu meinem jungen Manne hin und spreche zu ihm: «Ich verstehe das nicht,» sage ich, «erklären Sie Unschuld, regiert, noch vor wenigen Wochen einen Ritualmordprozeß. Das sind nur einzelne Beispiele aus der Leidensgeschichte der Pessachtage. Daß noch heute Ritualmordgeschichten Glauben finden, werden künftige Geschichtsschreiber als Beweis für die sittliche Verrohung Europas, die hinter einer dünnen Schicht von Kulturschminke zum Durchbruch kommt, bezeichnen. o. g. Das Hohelied Von Josua Horowitz Das Hohelied, dies «canticum canticorum», ist eine wunderbare Kunstschöpfung der hebräischen Muse. Es ist ein Kind sorgenentfesselter Tage und Lebensfreudigkeit, in dem die hebräische Sprache gezeigt hat, daß sie auch Weichheit und Tiefe der Empfindungen, den Schmelz feinfühliger Rede und Gegenrede und malerische Naturpoesie wiederzugeben imstande ist. Was es so einzig Uber alle verwandten Richtungen erhebt, ist die wunderbare Harmonie der leidenschaftlichsten Sinnlichkeit und der reinsten Sittlichkeit, die den unsichtbaren Pulsschlag des ganzen Liedes bildet. Der Seelenadel rein menschlicher Liebe kann nicht tiefer und treffender dargestellt werden. Das Hohelied bildet das erste Stück der fünf «Rollen», die aus liturgischen Zwecken zu einer Gruppe vereinigt wurden. In alter Zeit wurden sie an gewissen Einladung_ für Feinschmecker der guten Hausmannskost zu den «Seder-Abenden» am 20. und 21. d. unter Vorsitz eines bekannten Kantors im R estaurant National. Spezialspeisen und Getränke, Orig. Karmelweine zu bürgerl. Preisen. Tischbestellungen frühestens erbeten. Telephon R 42-5-04. Restaurant National, II., Taborstraße Nr. 18. Tagen beim öffentlichen Gottesdienste vorgelesen, so das Hohelied am Pessachfeste. Das Hohelied kann als eine der umstrittensten biblischen Schriften gekennzeichnet werden. Es ist klar, daß das Buch durch seinen erotischen Charakter auf Gegnerschaft stoßen mußte, daß die Schrift durch Ihre Geisteshaltung Anstoß und Zweifel an ihrer Heiligkeit erregte. Die Frage lag auf der Hand: Wie paßt dieses Buch, dieses Lied weltlichen Inhalts in die Sammlung;der heiligen Schriften? Diese Frage wurde auch von allem Anfang an gestellt und — mit der allegorischen Erklärung beantwortet: Der Charakter der Schrift Ist den anderen heiligen Schriften vollkommen adäquat. Es wird hier nicht die grobsinnliche Liebe geschildert, es ist auch unmöglich, anzunehmen, daß Salomo, «der weise König», sich mit Liebeständeleien abgegeben und die Liebe besungen habe. Die Liebesergüsse, die erotischen Schilderungen dürfen nicht in ihrer nackten Natürlichkeit aufgefaßt werden, sondern müssen ln einem höheren Sinn verstanden werden. Es ist die religiöse Liebe, von der das Buch handelt, die Liebe zwischen Gott als dem Liebhaber, Bräutigam und dem jüdischen Volke, als der Gott anvertrauten Braut. Diese Betrachtung des Liedes durch die allegorische Brille erhebt es in den Bereich des Heiligen und rein Geistigen. Damit werden auch die mir, ich werde sonst verrückt: Was soll das bedeuten,» sage ich, «daß Sie erst, als Sie mein Köfferchen gefunden hatten, mir nachgerannt sind und es mir wiedergegeben haben und nicht einmal die fromme Tat sich bezahlen lassen wollten; und als ich mich bloß für einen Moment abgewendet hatte, gehen Sie hin und stehlen mir mein Hab und Gut, mein Vermögen, meine Seele? Sie haben mich doch.» sage ich, «beinahe unglücklich gemacht. Es fehlte doch,» sage, ich, «nicht viel, und ich hätte mir das Leben genommen!» . . . Sieht er mich an, der junge Mann, nämlich, mit seinen tiefen, ernsten, schwarzen Augen, und versetzt ganz gelassen; «Was,» sagt er, «hat eins mit dem andern zu tun? Eine fromme Tat Ist eine fromme Tat. Und stehlen — das Ist,» sagt er, «mein Beruf . . .» — «Junger Mann,» sage ich zu ihm, «wer,» sagte ich, «sind Sie? — «Wer,» sagte er, «soll ich denn sein? Ich bin,» sagte er, «ein kleiner Mann, ein Dieb und ein Familienvater mit vielen Kindern und ein richtiger Pechvogel. Ich habe,» sagte er, «unbeschrien einen leichten Beruf, aber ich habe kein Glück in meinem Beruf, das heißt, ich kann mich nicht beklagen, Gott sei Dank, stehlen,» sagt er, «tut sich’s gar nicht so übel; bloß der Fehler ist,» sagte er, «daß es mir nicht allemal gut ausiäuft. Am Glück fehlt’sl» Erst als ich in der Bahn saß, habe ich mlr’s bedacht, was ich doch für ein Schafskopf bin. Mit einer Kleinigkeit hätte ich damals diesen Dieb loskaufen können; was soll ich da Vergeltung spielen? Mögen's andere besorgen . . . Haben Sie vielleicht Interesse für ein paar Brillantenohrringe —• preiswert? Da könnte ich Ihnen etwas zeigen. Sie haben solche Brillanten noch nicht gesehen, nicht einmal im Traum. Prima de primaI A.S. letzten Zweifel und Bedenken wegen der Heiligkeit beseitigt. Es Ist nun Interessant, im jüdischen Schrifttum die allmähliche Entwicklung des Hohenliedes zu einem kanonischen Buche und die Beseitigung der anfangs ge ‘egten Zweifel zu verfolgen. Aboth de K. Nathan c. 1 finden wir folgenden Satz: «Anfangs erklärte man die Sprüche, das Hohelied und Koheleth für apokryphe Schriften («genusim»), weil sie biblische Ausdrücke und Gleichnisse enthielten und daher nicht zu den Kerubim gezählt werden konnten. Man ließ sic auch tatsächlich der Genisa anheimfallen, bis die „Männer der großen Versammlung'* kamen und die Schriften im richtigen Lichte darstellten.» Also hat es anfangs eine Opposition gegen die Kanonizität des Huheliedes gegeben, die vorläufig durch die «Männer der großen Versammlung» aufgehoben wurde. Besonders bemühte sich R. Akiba, die Heiligkeit des Buches darzulegen, ln der Mischna Jadajlm III 5 bemerkt R. Akiba: «Alle Hagiographen sind ein Heiliges, aber das Hohelied Ist das Allerheiligste.» Durch den Ausspruch R. Akibas wird die absolute Helligkeit der Schrift festgelegt. So finden wir auch, besonders Im chaldüischen Targum zum Hohelied, ln den Mldraschwerken, im Midrasch Chaslta und in den beiden Talmuden, weitgehende allegorische Erklärungen. Die bereits Im Targum und Midrasch so ausführlich gedeutete Ansicht, das Hohelied sei eine Lobeshymne auf die göttliche Vorsehung, die Israel geleitet und das zerstreute Volk einst sammeln wird, bildet auch den Inhalt eines dem R. Saadia Gaon zugeschriebenen Kommentars. In der folgenden Zeit begann man mehr Gewicht auf die Wort- und Sacherklärung zu legen. Von zwei Seiten aus wurde die einfache Exegese, also die schlichte Wort- und Secherklärung, verdrängt, von der Philosophie und von der Kabbala. Die philosophischen Kommentare lassen sich in zwei Gruppen teilen, 1. in solche, die neben der Philosophie auch der Wort- und Sacherklärung Aufmerksamkeit schenken (Josef ibn Aknin, Immanuel b. Salomo, Schemajah aus Creta), und 2. ln solche, die nur die philosophische Erklärung berücksichtigen (Mose Tibbon, Levi b. Gerson). Wie die Philosophie des jüdischen Mittelalters will auch die Kabbala den Hintergrund der Bibel erforschen und ihre tiefer liegenden Gedankenschätze heben. In den Kreis ihrer Forschung zieht die üeheimlehre auch das Hohelied, um die mystisch-mathematischen und mystisch-grammatischen Anschauungen an seine Verse zu reihen. Erst im 18. Jahrhundert, am Beginne der Aufklärungsepoche, wurde die Allegorisierung allmählich zurückgedrängt. Der überhandnehmende Rationalismus fand in der Schrift fast nur grobsinnliche Erotik. Michaelis, der tonangebende Rationalist, hat das Hohelied verworfen und in seine Bibelübersetzung nicht aufgenommen. Erst Herder hat 1778 eine Apologie des Hohenliedes geschrieben und auf die «Grazie des Hohenliedes» hingewiesen. Auch Goethe hat das Hohelied hoch gewertet und es im West-Oestlichen Divan «eine liebliche Verwirrung, fragmentarisch zusammengeworfene, übereinander geschobene Gedichte» genannt, ln neuerer Zeit sind verschiedene Theorien und Auffassungen betreffs des Hohenliedes aufgestellt worden. Wir unterscheiden eine Dramen-Hypothese, die Fragmententheorie, die historisch-typologische Auffassung und noch andere mehr. «Das Hohelied ist eines der schönsten Erzeugnisse des poetischen Schrifttums.» «Es ist ein ewiger Frühling darüber ausgegossen, ein rosiger Schimmer darüber verbreitet; es grünt und blüht und duftet in demselben wie ln einem Zaubergarten.» Daß es am Pessachfest gelesen wird, hat wohl seinen Grund in der herrlichen Schilderung des Frühlings mit seinen keimenden und blühenden Knospen und Blumen. Das jüdische Volk hat am Pessach, bei seinem Auszug aus Aegypten seinen Frühling und seine Renaissance gefeiert und ist gleich der Natur zu neuem, freiem Leben erwacht. Erste Matura an einer hebräischen Mittelschule , 1" M u n k a c z begai neu die ersten Matura-Prüfungen (Abituriumsexamen) an dem einzigen hebräischen Gynt* nasium in der Tschechoslowakei, das im Herbst des vergangenen Jahres seine achte Unterrichtsklasse eröffnet hatte Die den Schülern vorgelegten Fragen der ersten hebräischen Maturaarbeit waren: 1. Der heb-äische Dichter Feierberg und sein Leben. 2. Die Entstehung der tschechoslowakischen Pepubiik. 3. Die Bedeutung von Rado, Flugzeug usw., für die Entwicklung der menschlichen Kultur unseres Jahrhunderts. Christen jüdischer Nationalität , Böhmen haben sich, wie das Statistische Staatsamt mitteilt, 28 Personen römisch-katholischer Konfession zur jüdischen Nationalität bekannt. Hogadaii! Hagadah, auf dem Tische Liegst du in tiefem Schweigen. Ich sehe Gott sich leise Ob’ dir voll Feier neigen. Ich sehe deine Blätter Sich flügelgleich bewegen: Der Ewige spricht selber Ob’ dir den Pessachsegen. Franziska Bloch-Mahlir.