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Die Stimme · 1932-04-21 · Heft 224 (21.4.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 224 (21.4.1932)
Date
1932-04-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 234 — 21. April 1932 DIE STIMME Seite 3 Zufriedene Menschen auf Väieeschotte Von Dr. Magnus Hirschfeld (Aus einem OssprJtoh) Sanitätsrat Dr. Magnus H i r s c h f e 1 d, der berühmte Sexualforscher, weilt derzeit in Wien, um sich von den Strapazen seiner großen Weltreise auszuruhen. Der Ausdruck Ausruhen ist bei diesem Manne eigentlich verfehlt. Magnus Hirschfeld ist rastlos in seinem Wirken und Schaffen. Bisher hat er 172 Bücher, Broschüren und Schriften veröffentlicht. Nun arbeitet er an einem neuen Werke. Dr. Hirschfcld hatte die Liebenswürdigkeit, unseren Berichterstatter zu empfangen, und in einer besonders freundschaftlich geführten Unterredung äußerte er sich wie folgt: Der Eindruck, den ich von der jüdischen Arbeit in Palästina bekommen habe, ist der denkbar beste. Palästina bildete den Endpunkt einer Weltreise, die ich im November 1930 begonnen hatte und die mich von Europa Uber Amerika, Japan. China, Java, Indien und Aegypten nach Palästina führte. Trotzdem ich in den mehr als 15 Monaten dieser Reise außerordentlich starke Eindrücke hatte, muß ich doch sagen, daß das Erlebnis in dem kleinen, vielumstrittenen Gebiet zwischen Sinai und Syrien wohl zu den stärksten gehörte und zu den tiefsten, die ich auf dieser langen Fahrt hatte. Was In der kurzen Zelt, die seit dem Weltkriege verflossen ist, durch jüdische Energie und jüdisches Wissen in Palästina geleistet wurde, übertraf alle meine Erwartungen, die, nach dem, was ich von vielen Seiten gehört hatte, nicht gering waren. Die außerordentliche Jugendfrische und Aktivität des jüdischen Volkes findet sich hier nicht nur bei den jungen Pionieren, sondern hat sich in gleichem Maße auch auf die älteren Jahrgänge übertragen. Ich sah viele Männer zwischen 60 und 70, wie etwa den prächtigen Bürgermeister von Tel-Aviv Dlzeng o f f und vor allem Ing. M. M. U s s i s c h k i n, Leiter des Direktoriums des Keren Kajemeth in Jerusalem, und viele andere, deren sprudelnde Lebendigkeit, erfüllt von jugendlichem Feuer, äußerst sympathisch wirkte. Für mich als Menschenforscher war es natürlich besonders wichtig, zu beobachten, wie die jüdische Aufbauarbeit den Geist und Körper derjenigen beeinflußte, die sich dieser Arbeit unterzogen. Und da muß ich neben dieser eben erwähnten Frische der jüdischen Bevölkerung einen weiteren Umstand hervorheben, nämlich, die seelische Entspannung, das Gefühl der inneren Befreiung, die ganz deutlich in Erscheinung tritt. Gleichviel, ob man in dem wundervollen Tel-Aviv weilt, das in wenig mehr als in einem Jahrzehnt sich aus dem Nichts zu einer prächtigen Großstadt entwickelt hat, oder in den modernen jüdischen Stadtteilen von Jerusalem und Haifa oder in den gefälligen und leistungsfähigen Siedlungen des Emektales, überall tritt dem psychologischen Beobachter bei jung und alt, bei Mann und Weib diese gehobene Stimmung entgegen, die nicht nur auf äußerer Begeisterung beruht, sondern auf einer innigen Verbundenheit mit der Heimat, der eigenen Scholle, dem Vater- und Väterlande. Seltsamerweise wird diese Empfindung bei der übergroßen Mehrzahl der alten und neuen Siedler nur sehr wenig von den starken Widerständen beeinflußt, die sich im Laufe der Zelt in viel höherem Grade eingestellt haben, als man zunächst vermuten konnte. Es würde zu weit führen, hier auf diese komplizierten Verhältnisse einzugehen, die sich aus dem Gegenspiel der drei interessierten Gruppen, der englischen, jüdischen, arabischen, ergeben haben. Zweifellos ist die Lösung der vorhandenen Gegensätze schwierig und wird den Juden noch viel zu schaffen geben. Aber die Arbeitsfreudigkeit und der Zukunftswille sind dadurch wenig beeinträchtigt, weil das geschaffene Werk, wie z. B. die Trockenlegung und Fruchtbarmachung des Bodens, in doppeltem Sinne sichtbare Früchte gezeitigt hat und immer mehr zeitigt, obwohl in den letzten Jahren sowohl der Einwanderung und der Besiedlung des Bodens erhebliche Schranken gesetzt sind. Ich sah auf meiner ganzen Weltreise nirgends so wenig Arbeitslose und nirgends so viel zufriedene Menschen als in dem kleinen Palästina. Selbstverständlich gibt es auch hier Ausnahmen, Pessimisten und vor allem solche, die über das Tempo der möglichen Entwicklung heute anders denken als etwa noch vor 10 Jahren, aber von einer eigentlichen Entmutigung selbst kann trotz der vorgekommenen Gewalttätigkeiten nicht die Rede sein. Ein Wiener, der bereits seit mehr als zehn Jahren in Palästina lebt, und mir viel von den Geschehnissen erzählte, sprach die bezeichnenden Worte: «Anderswo werden wir geschlagen, hier aber schlagen wir uns für unsere eigene Sache.» Die Vorträge, welche ich in Palästina hielt, fanden überall eine sehr freundliche Aufnahme. Die zum Teil sehr großen Säle waren an allen Orten überfüllt, so daß vielfach, vor allem in Jerusalem und Haifa, hunderte keinen Einlaß mehr finden konnten. Ich hielt zunächst drei Vorträge in Tel-Aviv, dann ebenfalls drei in Jerusalem und je zwei in Haifa und in der hauptsächlich von österreichischen und tschechoslowakischen Chaluzim angelegten Kolonie Beth-Alpha. Mehrere dieser Vorträge wurden von dortigen Kollegen ins Hebräische übertragen und die vielen eingelaufenen schriftlichen Fragen, teils in hebräischer, teils in deutscher Sprache (in Tel-Aviv allein während eines Vortrages 43 Fragen), bekundeten das außerordentliche Interesse an den brennenden wissenschaftlichen Problemen unserer Zeit, zu denen neben den sozialen Fragen ln erster Linie die sexuellen gehören. Ich konnte aus zahlreichen Unterhaltungen feststellen, daß dieses Interesse nicht aus einem Sensationsbedürfnis hervorging, sondern aus dem ernsten Bestreben, in Naturwissenschaften die Grundlagen zu erfassen, und zwar sowohl die psychologischen als auch die biologischen und soziologischen, auf denen jede gesunde Sozial- und Sexualreform sich aufbauen muß. ♦ Es wäre unvollständig, würden wir nicht erwähnen, daß Dr. Magnus Hirschfeld seine Weltreise im Bild festgehalten hat. Es war unserem Berichterstatter vergönnt, sich das Album anzusehen, das ausschließlich Aufnahmen von Palästina enthält. Die herrlichsten Bilder sowie handschriftliche Eintragungen berühmter zionistischer Führer machen diese Sammlung zu einem der interessantesten Dokumente des heutigen Palästina. D. S c h m i d. Bei Verdauungsstörungen, Magen weh, Sodbrennen, Uebelkeiten, Kopfschmerzen, Nervenreizungen bewirkt das natürliche «Franz-Josef»-Bitterwasser offenen Leib und erleichtert den Blutkreislauf. Für Ostergerichte das reine Kuneroi.. Kunerol ist 100% reines Fett aus Kokosnüssen und deshalb für Fleisch- und Mehlspeisen ganz besonders geeignet Kunerol wird in mustergültigen Betrieben auf einwandfrei hygienische Art erzeugt — es kommt während der Herstellung nie mit Menschenhand in Berührung. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. E h r e n f e I d zu Mattersburg hergestellt KUNEROL 100%REINES KOKOSNUSSFETT 4 6 4 t I 1 4 Der Dieb Nach Scholem Alejchem. Sie sprechen von Dieben? mischt sich einer ins Gespräch, ein geschniegelter Mensch mit einem Köfferchen in der Hand, das er wie den Augenstern hütete. (Das war nachts im Wartesaal zweiter Klasse. Wir saßen zu dritt und warteten auf den Kurierzug, der ein und eine Viertelstunde Verspätung hatte, und sprachen von Dieben und Diebstählen.) — Von Dieben sprechen Sie? Diebe — da lassen Sie mich erzählen. Wo noch auf der Welt finden Sie so viel Diebstähle wie in unserer Branche? Kleinigkeit: Brillanten? Der Anreiz ist bei Brillanten so groß, daß es selbst unter den' Kunden Diebe gibt, und nicht so sehr unter den Kunden als unter den Kundinnen, unter den Damen. Wir sehen auf jede Dame, die wir nicht kennen, mit siebenundsiebzig Augen. Und nicht so leicht stiehlt man bei einem Juwelier, ich kann von mir sagen, solange ich Kaufmann bin und mit Brillanten handle — mich hat toch nie jemand bestohlen. Doch wenn einer Pech haben soll — da werden Sie hören, was passieren kann. ich kaufe und verkaufe Brillanten, im allgemeinen en gros und im besonderen auswärts auf den Märkten oder sonst, wenn sich wo ein Käufer findet. Ich erfahre, daß in Schmehdorf ein reicher Mann ist, der macht seiner Tochter Hochzeit. Da wird er sicher Brillanten brauchen. Mitgenommen habe ich, Sie können sich vorstellen, ein hübsches Päckchen Ware, mögen wir das alle im Vermögen haben, was es ausmachte, trotzdem es hier in dieses Köfferchen ging, und ich setze mich hin und sitze, versteht sich, hart an mein Köfferchen gelehnt, rühre mich nicht vom Flecke, und an Schlafen gar nicht zu denken. Wenn man mit Ware fährt, schläft man nicht. Mit jedem neuen Menschen, der einsteigt, gibts mir einen Stich ins Herz: vielleicht ist das ein Dieb? Auf der Nase stehts keinem geschrieben ... In Schmehdorf bei dem reichen Mann angelangt, die sieben Sachen ausgepackt, geredet, geredet, mir die Schwindsucht an den Hals geredet, und, wie's so geht, einen Dreck verdient, aber kein Geld. Na, was soll man tun? Verkauf oder nicht — man muß weitereilen. Vielleicht wissen Sie, was man verpassen könnte? Man eilt eben. Springe ich doch wohl in eine Droschke und eile zur Bahn. Derweile höre ich, wie jemand hinter mir herschreit: Herr Nachbar, Herr Nachbar! Ich sehe mich um — ein junger Mann läuft mir nach, hält ein Köfferchen in der Hand, genau so wie meins und sagt zu mir: Da, das haben Sie verloren! Tod und Teufel! Das ist doch mein Köfferchen! Wo? Wann? Wieso? Wenn' einem beschieden ist, war es mir aus der Hand gerutscht, und dieser junge Mann hatte es aufgehoben und basta, was fragen Sie noch? Ich mache mich an meinen jungen Mann, ich drücke ihm die Hände und danke ihm: «Tausend Dank, Gott lohn’s Ihnen,» sage ich, «und nochmals tausend Dank.» Er: «Keine Ursache.» Ich darauf: «Keine Ursache, sagen Sie? Sie haben mich doch, sagen Sie, am Leben erhalten. Sie haben sich doch,» sage ich, «ein solch frommes Verdienst erworben, daß dieses Leben mitsamt dem im Jenseits für Sie nicht Lohns genug sind. Sagen Sie mir,» sage ich, wie viel soll ich Ihnen geben? Sagen Sie’s nur, schämen Sie sich nicht.» Und ich greife nach der Tasche. Versetzt er: «Wenn Sie selbst sagen, daß es ein so großes Verdienst ist, nun also, warum soll ich es für Geld verkaufen?» Wie ich solche Rede höre, falle ich doch wohl meir.f'*n Mann um den Hals und fange an, ihn zu küssen: «Gott selbst soll Ihnen,» sage ich, «dafür zahlen, was Sie an mir getan hafc^n! Kommen Sie doch wenigstens mit rein,» sage ich, «wir wollen was zu uns nehmen,» sage ich, «ein Gläschen Wein zusammen trinken.» «Ein Gläschen Wein,» sagt er, «bitte sehr, warum nicht?» Und wir setzten uns beide in die Droschke, und: adieu, Bahn! Wer denkt an die Bahn? Wir fahren schon ins Cafe, etwas zu uns zu nehmen. Im Cafe angelangt, nahm ich ein Separee, ließ von allem Guten reichen und setzte mich hin, mit dem jungen Mann ein bißchen zu plaudern. Dieser junge Mann, ganz abgesehen davon, daß er mich, man kann sagen, am Leben erhalten hat, gefiel mir einfach, ein sympathischer junger Mann mit einem sympathischen Gesicht, mit tiefen, schwarzen, ernsten Augen — ein junger Mann wie Gold. Und dazu so schüchtern — gefährlich. Ich bat ihn, er möchte sich doch nicht genieren und nach Herzenslust bestellen vom Schönsten und Besten. Und wieviel er bestellte, ließ ich natürlich jedesmal doppelt so viel auftragen, und wir haben ordentlich eins getrunken, einen tüchtigen Imbiß zu uns genommen, ganz wie Gott es geboten. Behüte, nicht um sich einen anzusaufen. Ein Jude ist kein Säufer, aber wie geschrieben steht: «Und fröhlich ward des Königs Herz vom Wein.» Nun sage ich zu meinem jungen Mann: «Wissen Sie wenigstens, sage ich, was Sie an mir getan haben? Davon, daß Sie mir so ein Vermögen,» sage ich, «gerettet haben, davon rede ich gar nicht. Mögen wir beide,» sage ich, «das im Vermögen haben, was ich auf die Ware schuldig bin: ’s ist erst Gottes,» sage ich, «dann Fremdes. Siv haben mich einfach,» sage ich, «bei Ehre und Lebert erhalten, denn meine Gläubiger,» sage ich, «wenn ich ohne di>*?s Köfferchen da nach Hause käme, •»fürclii

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